Die 26-jährige Ayşe Irem [@ayseyrem] aus Nordrhein-Westfalen hat jetzt in Chemnitz als dritte Frau und erste muslimische Person die deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaft gewonnen. Vier Tage lang war Chemnitz, Europas Kulturhauptstadt 2025, Treffpunkt der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. Der moderne Dichterwettstreit wurde in einem Einzel- und einem Team-Wettbewerb ausgetragen. Ayşe Irem setzte sich damit gegen rund 80 Mitstreiter*innen aus sieben Ländern durch.

Ayşe Irem ist Mitglied im Netzwerk i,Slam e. V., in dem junge muslimische Menschen durch Poetry Slams, Workshops und Veranstaltungen ihre Kreativität entfalten und ihre Stimmen hörbar machen können. Die Plattform für kritische Kunst und Gemeinschaft bietet als Heimat des muslimischen Poetry Slams in Deutschland. Dort können sich junge Menschen „vernetzen, entfalten und empowern“ (Website).

„Unsere Mission ist es, eine sichere und unterstützende Umgebung zu schaffen, in der muslimische Jugendliche und junge Erwachsene ihre Stimmen erheben können. Durch regelmäßige Poetry Slams, Poetry Reading Events,  Workshops und vielseitige Formate bringen wir die Community zusammen.“ i-slam.de

Ayşe Irems finaler Text, den sie vor etwa 1.800 Menschen in der Chemnitzer Stadthalle vortrug, beginnt mit der direkten Frage an ihr lyrisches Gegenüber: „Kannst du dir vorstellen, auszuwandern?“ Ihr Text handelt dann von Alltagsrassismus, Zugehörigkeit und dem Gefühl des „Dazwischenseins“, das viele Menschen mit Migrationsgeschichte kennen. Sie beschreibt darin, wie sie in der Türkei ihren deutschen Akzent versteckt und in Deutschland das Gefühl hat, „nicht weiß genug“ zu sein. Die studierte Architektin sprach vom Mut ihrer Großeltern in einem fremden Land neu anzufangen, dass Kindern von Zuwanderern verboten war auf dem Schulhof Türkisch zu sprechen und dass Menschen wie sie bestimmte Jobs und Wohnungen nicht bekommen – wegen ihres Namens.

Sie sprach von den rassistischen Anschlägen in Mölln, Solingen und Hanau, vom Asylbewerber Oury Jalloh, der in Polizeigewahrsam in Sachsen-Anhalt gefesselt auf einer Matratze liegend verbrannt ist – und fragt sich, ob sie sich im Ernstfall auf die Polizei hierzulande verlassen könne. Ihr Auftritt endete mit minutenlangem Applaus.⁠

 

Es sei ihr sehr wichtig, über diese ernsten Themen zu sprechen, sagte İrem nach dem Titelgewinn der Deutschen Presse-Agentur. „Wenn niemand anderes darüber spricht, dann mache ich das.“ Dass sie als türkischstämmige Muslima in Chemnitz den Titel gewonnen habe, freue sie besonders. Die Stadt hatte 2018 mit Ausschreitungen von Rechtsextremen weit über Deutschland hinaus für Entsetzen gesorgt. Sie habe hier viele nette Menschen getroffen und viel Spaß gehabt, erzählte sie. „Überall gibt es böse Menschen, überall gibt es gute Menschen. Wichtig ist, dass wir zusammenhalten als Gemeinschaft.“

Das Projekt „Surveillance under Surveillance“ visualisiert Videoüberwachung auf einer Weltkarte. Kurzfristig stand der Weiterbetrieb auf der Kippe, jetzt geht es unter dem Dach des Chaos Computer Club Hamburg weiter.

Die im Jahr 2016 gestartete Weltkarte der Videoüberwachung „SunderS“ ist gerettet. Seit 2016 hatte eine Einzelperson das Projekt betreut, wegen mangelnder persönlicher Kapazitäten war das Projekt nun aber bedroht. Spontan ist jetzt der Chaos Computer Club in Hamburg eingesprungen, und auch der Gründer und andere haben sich entschieden weiterhin am Projekt mitzuarbeiten.

Der Vorgang zeigt, dass auch langjährige zivilgesellschaftliche Dokumentationsprojekte oft am seidenen Faden hängen. „Nachdem der Weiterbetrieb zeitweise auf der Kippe stand, betreibt nun auch der CCC Hamburg eine Instanz, um das Projekt verfügbar zu halten“, sagt Matthias Marx, Sprecher des Vereins.

Standorte, Typen, Blickrichtung

Unter dem Projektnamen „Surveillance under Surveillance“ werden sogenannte Surveillance-Einträge von OpenStreetMap visualisiert. „Das ist ein wichtiges Projekt, das Überwachung sichtbar macht und zeigt, wie allgegenwärtig Kameras im öffentlichen Raum inzwischen sind. Auf Basis von Openstreetmap-Daten werden Informationen zu Kamera-Standorten, Kamera-Typen und Blickrichtung zugänglich gemacht“, erklärt Marx.

Es handelt sich dabei um Überwachungskameras, die zwar in der Datenbank erfasst, aber nicht auf der regulären OpenStreetMap-Karte angezeigt werden. „Damit schafft SunderS Transparenz über die Überwacher und erinnert daran, dass wir unsere Freiheit aktiv verteidigen müssen“, so Marx weiter.

Das Projekt gibt auch Aufschluss über die Explosion der Videoüberwachung im Verlauf mehrerer Jahre. Bei unserem letzten Bericht über das Projekt im Jahr 2017 waren weltweit etwa 50.000 Kameras kartografiert, heute sind es mehr als 250.000. Die reale Zahl von Kameras liegt allerdings deutlich darüber. Schon im Jahr 2020 ging eine Schätzung von 770 Millionen Überwachungskameras weltweit aus, die Hälfte davon sollte damals in China installiert sein. Da OpenStreetMap ein Mitmachprojekt ist, hängt die Kartografierung an Freiwilligen, die Kameras bei Openstreetmap eintragen.

Spoiler:
1) Etwas vergleichbares gibt es übrigens auch für in OpenStreetMap eingetragene Kennzeichenscanner. Zu finden unter https://deflock.me/map. Flock bezieht sich dabei auf einen in den USA sehr verbreiteten Hersteller von Kennzeichenscannern.

2) Entweder gibt es übrigens  in unserem Lingen keine Überwachungskameras des öffentlichen Raums oder es hat sich noch niemand die Mühe gemacht, sie in Openstreetmap einzutragen…


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