Paula – Eine Visionärin, die ihrer Zeit voraus war
8. Februar 2026
Heute vor 150 Jahre wurde Paula Becker in Dresden geboren. die uns Worpswede nahebrachte und die wir unter ihrem Namen Becker-Modersohn kennen. Sie war weit mehr als eine Malerin – nämich eine mutige Wegbereiterin des Expressionismus und eine Frau, die sich über die engen Grenzen ihrer Zeit hinwegsetzte. Obwohl ihr außergewöhnliches Talent zu Lebzeiten nur von wenigen erkannt wurde, ist ihr Erbe heute unübersehbar. Sie war sogar die erste Künstlerin weltweit, der bereits 1927 ein eigenes Museum gewidmet wurde: das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen.
Geboren wurde sie als Paula Becker am 8. Februar 1876 in Dresden. Als Tochter eines weit gereisten Ingenieurs und einer Mutter aus einer Adelsfamilie wuchs sie in einem intellektuellen Umfeld auf. Doch so sehr sie die Kunst auch liebte – der Weg dorthin war steinig. Da Frauen damals der Zugang zu den staatlichen Kunstakademien verwehrt blieb, musste Paula Umwege gehen: Sie absolvierte zunächst eine Ausbildung im Lehrerinnenseminar und besuchte später eine private Malschule für Frauen in Berlin. Im Sommer 1897 entdeckte Paula das beschauliche Dorf Worpswede nahe Bremen und verfiel sofort dem Zauber der herben Moorlandschaft. Sie schloss sich der berühmten Künstlerkolonie an und fand dort nicht nur Lehrer wie Fritz Mackensen, sondern auch Freunde in den Dichtern Rainer Maria Rilke und Gerhart Hauptmann.
Und sie lernte auch ihren späteren Ehemann kennen, den Maler Otto Modersohn. Er war einer der wenigen, die ihre wahre künstlerische Größe früh erahnten. 1901 heirateten beid. Die Ehe bot ihr zwar finanzielle Sicherheit, stellte sie aber auch vor die Herausforderung, die Rollen als Ehefrau und Stiefmutter mit ihrer brennenden Leidenschaft für die Kunst zu vereinen. Um ungestört arbeiten zu können, zog sie sich oft in ihr „Lilienatelier“ zurück. Während ihr Mann den traditionellen Stil des 19. Jahrhunderts pflegte, suchte Paula nach neuen Ausdrucksformen. Es zog sie immer wieder nach Paris, wo sie Inspiration bei Größen wie Paul Cézanne und Paul Gauguin fand. Diese Reisen führten jedoch auch zu einer inneren Entfremdung von ihrem Leben in der Provinz und von ihrem Ehemann.
Paula reiste insgesamt viermal nach Paris (1900, 1903, 1905 und 1906). Jedes Mal war es eine Flucht vor den Erwartungen der Gesellschaft und dem konventionellen Stil der Worpsweder Künstlerkolonie. Während man in Deutschland noch sehr naturgetreu und oft etwas schwermütig malte, brodelte in Paris die Revolution. Da Frauen auch in Paris nicht an die staatliche École des Beaux-Arts durften, besuchte Paula private Institute wie die Académie Colarossi und die Académie Julian. Dort konnte sie Aktzeichnen üben – eine damals für Frauen fast unerhörte Disziplin – und lernte Techniken, die weit über das hinausgingen, was sie in Berlin oder Worpswede gelernt hatte.
Der wichtigste Moment für ihre künstlerische Entwicklung war die Entdeckung von Paul Cézanne. Paula war eine der ersten deutschen Künstlerinnen, die seine Genialität begriffen. Sie war fasziniert davon, wie er Formen vereinfachte und Farben einsetzte, um Tiefe zu erzeugen, statt nur die Realität zu kopieren. Auch die exotische Farbgewalt von Paul Gauguin beeinflusste sie tief. Sie lernte von ihnen, dass ein Bild nicht „schön“ im klassischen Sinne sein muss, sondern „wahr“ und ausdrucksstark.
1906, während einer tiefen persönlichen Krise in Paris, schuf Paula Modersohn-Becker etwas vollkommen Revolutionäres: Sie malte die ersten Akt-Selbstbildnisse der Kunstgeschichte. Damit brach sie mit sämtlichen gesellschaftlichen Konventionen. Ihre Bilder waren ehrlich, ungeschönt und von einer modernen Klarheit, die heute oft mit dem frühen Schaffen von Pablo Picasso verglichen wird, der auch in Paris lebte. Nach einer Versöhnung mit ihrem Mann Otto kehrte sie nach Worpswede zurück und brachte im November 1907 ihre Tochter Mathilde zur Welt. Doch das Familienglück war nur von kurzer Dauer; denn nur wenige Tage nach der Geburt verstarb Paula mit nur 31 Jahren an einer Embolie. Ihre letzten Worte sollen „Wie schade“ gewesen sein – ein Satz, der angesichts ihres gerade erst voll entfalteten Talents besonders schmerzlich nachklingt. Zu Lebzeiten verkaufte sie von ihren etwa 750 Gemälden lediglich fünf. Erst nach ihrem Tod sorgten ihr Mann und Freunde dafür, dass ihre Kunst die Anerkennung fand, die sie verdiente. Heute bewundern wir sie für ihren, so typischen Blick auf die Welt – ihre Porträts und Landschaften sind zeitlose Meisterwerke der Moderne.
Foto: Paula Becker-Modersohn, Selbstbildnis mit Hand am Kinn, 1906 (cc) commons.wikimedia.org/ public domain