Brutperiode
10. Februar 2009
Den Verkauf der Waldflächen an der Waldstraße an die Chemiefirma Hagedorn hat Lingens Stadtrat längst beschlossen. Jetzt wird in Eilmärschen der für Hagedorn notwendige Bebauungsplan durchgezogen. Die Vorlage für die heutige Ausschusssitzung traf erst am 6. Februar ein, heute war die Sitzung, übermorgen berät der Verwaltungsausschuss und dann folgt sofort der Beschluss im Rat und nächste Woche die Veröffentlichung im Amtsblatt des Landkreises; dabei können noch Wetten abgeschlossen werden, ob nicht eigens eine Sonderausgabe des Amtsblattes gedruckt wird. Einen Tag später kommen die Leute mit den Kettensägen (apparatulus mechanicus Lingensis). Denn vor März und der Brutperiode muss abgeholzt sein. Ein Anlieger sagte mir, dass die ersten Bäume bereits gefällt worden sind.
Es gab heute eine durch lange Beiträge der Herren Lisiecki, Krämer und Höke (Stadtverwaltung) reichlich müde Sitzung mit erfreulich viel Publikum. Die drei beantworten übrigens gestellte Fragen immer en bloc und erhalten vom Vorsitzenden Werner Schlarmann (CDU) stets das Wort, wenn sie es wollen, also außerhalb der Rednerordnung, was nun sozusagen Sprachtau über jede lebhafte Diskussion legt.
Ich habe meine Ablehnung des Projektes erklärt. Der Wald mit seiner Flora und Fauna ist wichtiger als die Hagedorn-Pläne. Dasss auch die umstrittene Nitrozelluloseverarbeitung der Firma im jetzigen Waldgebiet angesiedelt wird, ist übrigens nicht definitiv ausgeschlossen. Aber vor allem leben in dem Waldgebiet eine Reihe höchst gefährdeter und vom Aussterben bedrohter Tiere und Pflanzen. Eine ehrliche, offene Abwägung findet trotzdem nicht statt, weil die Stadt das Grundstück an Hagedorn schon verkauft hat; das übrigens bestritten die Herren der Verwaltung. Nicht bestreiten können sie allerdings, dass alle Beschlüsse dazu bis in den Rat hinein gefasst sind und Hagedorn den umzug öffentlich erklärt. Nur die Grünen und ich haben im Januar den Verkauf abgelehnt.
In meinem Beitrag habe ich in der Sitzung auch ein paar Anmerkungen zum Flächennutzungsplan 2005 gemacht, der von der Verwaltung -zu Unrecht!- als quasi verbindliche Festlegung für das Abholzen der Wälder in Altenlingen und nördlich von Heukamps-Tannen bemüht wurde. Und was sich dann tat, steckt in meiner abendlichen E-Mail an Dipl.-Ing. Peter Bohn, der im Ausschuss das Protokoll führt (*s. Kommentar) meist neben dem Protokollführer Andreas Witt sitzt:
Lieber Herr Bohn,
Sie schreiben ja das Protokoll in den Sitzungen des Planungs- und Bausschusses der Stadt und saßen in der heutigen Sitzung neben mir. Sie erinnern sich an meine rhetorische Frage, ob ich womöglich selbst dem für den Abholzungs-Bebauungsplan Nr. 20 arg bemühten Flächennutzungsplan vor vier Jahren zugestimmt hätte. Wegen dieses F-Planes soll ja jetzt der Altenlingener Wald dran glauben. Sie und Ihre Kollegen haben nach meiner Frage heftig zustimmend genickt. Sie haben so überzeugt genickt, dass mich das doch irritierte und ich Ihnen jetzt schreiben will, um sozusagen Ihr Nicken zu korrigieren.Am 14.04.2005 sagte der Kollege Wiedorn nämlich in der Ratssitzung:
„Laut Stadtbaurat besteht über die Aufstellung von Bebauungsplänen immer noch die Möglichkeit, Baugebiete nur in absolut notwendiger Größe auszuweisen. Und dieses Instrument wolle die Verwaltung auch nutzen.
Diese Aussage hat die Mehrheit meiner Fraktionsmitglieder letztlich überzeugt, und so werden wir der vorliegenden Fassung des Flächennutzungsplanes zustimmen. Diese Zustimmung ist ein hoher Vertrauensvorschuss für Sie, Herr Stadtbaurat, für Ihr Dezernat und für die gesamte Verwaltungsspitze. Enttäuschen Sie uns bitte nicht.“
War doch ganz nett, die zitierte Aussage des Stadtbaurats Christian Schowe: „Baugebiete nur in absolut notwendiger Größe“. Egal, denn der bis heute gültige Flächennutzungsplan wurde nach Aussprache an diesem 14.04.2005 im Rat der Stadt beschlossen. 4 Nein, 31 Ja – aber ohne mich. Ich war nämlich gar nicht da. Und, zu ihrer vertraulichen Information, hatte ich in der SPD-Fraktion in den Monaten zuvor wegen des immensen Flächenverbrauchs gegen den F-Plan votiert. Damals war ich noch in der SPD-Fraktion, wie Sie sich erinnern werden.
Das nur so zur Klarstellung. Also: Das nächste Mal nicht so schnell und heftig nicken bitte.
Mit freundlichen Grüßen
Robert Koopps Ich stelle diese E-Mail in meinen Blog. Auch andere sollten die Informationen bekommen.
Es bleibt die traurige Erkenntnis, wie wenig Chancen Tiere und Pflanzen in dieser Stadt haben.
Dumm
19. Dezember 2008
Meine Güte! Einmal mehr geht an Lingens Bevölkerung vorbei, was an Veränderung unserer natürlichen Umgebung gerade geschieht. Die Erdölraffinerie, die zurzeit zum BP-Konzern zählt, will sich nach Süden in den Schutzwald ausdehnen und Lingen ordnet sich dieser rein betriebswirtschaftlichen Entscheidung unter. Wald ist in dieser Stadt nicht wichtig. Eine einzigartige Fauna und Flora wird endgültig vernichtet. Hunderte Hektar Wald werden mal eben abgeholzt. Dazu hat der Stadtrat am Donnerstag grünes Licht gegeben.
Nie hätte ich es für möglich gehalten, mit welcher sorglosen Leichtigkeit und auch einem gerüttelt Maß an Willfährigkeit gegenüber mittleren Technokraten in einem Weltkonzern die Führungsspitze um OB Heiner Pott den letzten großen stadtnahen Wald, die Hunderte Hektar zwischen Forstweg und Raffinerie, Dortmund-Ems-Kanal und Bahnstrecke dem Erdboden gleich macht. Um es klar zu sagen: Auf Sicht bleibt nichts von diesem herrlichen Wald.
Kein Argument war am Donnerstag zu töricht, um diese Vernichtung durchzusetzen. Alle waren gelogen, zumindest aber falsch und immer –mit Verlaub- richtig dumm. Es wird als erster Schritt der Waldvernichtung eine neue Straße („Nordtangente“) durch den Wald geschlagen, weil die BP die bisherige Raffineriestraße nicht mehr will, nachdem diese fast 60 Jahre lang problemlos funktioniert hat. Nicht um diese sachliche Feststellung geht es aber sondern –trompetet die Wald-weg-Mehrheit – „um die Arbeitsplätze in der Raffinerie“, um einen Teil „des Kampfes gegen den Terror“ und „gegen Millionenforderungen bei einem Unfall“ auf der bisherigen Straße, darum, dass „kein Hunger mehr im Emsland“ entsteht, „das Chaos auf dem Forstweg in Altenlingen“ zu vermeiden. Alles O-Töne der Befürworter aus der Ratssitzung und der Karnevalsverein war wirklich nicht im Sitzungssaal, ehrlich!
Himmel! Gut, dass wenigstens die CDU hilft und ich frage, wann endlich Lingens Ratsvertreter persönlich mit Stihl-Sägen in den Altenlingener Forst eilen, um gegen Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger, Chaos den Wald abzusägen. Bittebitte haut endlich den Wald weg! Er bringt Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger, Chaos.
Dabei berührt die Ölpreisentwicklung den Standort der Raffinerie und damit die Arbeitsplätze, keinesfalls aber die Frage, ob es eine Nordtangente durch ein intaktes Waldsystem gibt oder der Straßenverkehr zur Raffinerie über die alte und die neue B70 führt. Den Terrorristen ist Lingens Raffinerie schnurzegal und, wenn sie sie in den Fokus nähmen, wäre ihnen die Nordtangente sogar schnurzpiepegal. Benzin kann man nicht essen, also wird es deshalb auch keinen Hunger geben. Wie überall zahlen bei Unfällen Versicherungen und schließlich wird diese neue Straße wie jede andere nur für noch mehr Straßenverkehr sorgen und einen chaotischen Lärmbrei nach Altenlingen schwappen lassen.
Überhaupt Altenlingen:
Es beeindruckt mich sehr, wie es gelungen ist, mit dem Schüren von Angst (Sie wissen schon: Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger und Chaos) die Altenlingener aus empörten Gegnern zu sich duckenden, fast devoten Befürwortern der Abholzung ihres Hauswaldes zu machen. Und ein bisschen hilft auch, diese geschickt platzierte, seit fünf Jahren gerüchtewabernde, diffuse Aussicht auf eine von der BP bezahlte neue Turnhalle an der Schule (Wetten, dass die BP die Halle nicht bezahlt?). Dabei hätten schon zwei „Durchfahrt verboten – Anlieger frei“-Schilder gereicht, um unerwünschten Verkehr vom Forstweg fern zu halten. Künftig wird statt dessen Lärm in den Stadtteil schwappen und die Natur draußen, allenfalls im Vorgarten, bleiben – aber , das muss man natürlich positiv sehen, natürlich auch Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger und Chaos.
Ach ja, Birgit Kemmer, die für die Grünen die Pläne ebenfalls zurückwies, hat auf die Verfassung hingewiesen. Sie wissen, das ist dieses Papier, in dem künftig die deutsche Sprache… Also im Grundgesetz heißt es in Art. 20a
Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.
Es sei denn, es drohen Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger, Chaos – oder Dummheit.