Dumm
19. Dezember 2008
Meine Güte! Einmal mehr geht an Lingens Bevölkerung vorbei, was an Veränderung unserer natürlichen Umgebung gerade geschieht. Die Erdölraffinerie, die zurzeit zum BP-Konzern zählt, will sich nach Süden in den Schutzwald ausdehnen und Lingen ordnet sich dieser rein betriebswirtschaftlichen Entscheidung unter. Wald ist in dieser Stadt nicht wichtig. Eine einzigartige Fauna und Flora wird endgültig vernichtet. Hunderte Hektar Wald werden mal eben abgeholzt. Dazu hat der Stadtrat am Donnerstag grünes Licht gegeben.
Nie hätte ich es für möglich gehalten, mit welcher sorglosen Leichtigkeit und auch einem gerüttelt Maß an Willfährigkeit gegenüber mittleren Technokraten in einem Weltkonzern die Führungsspitze um OB Heiner Pott den letzten großen stadtnahen Wald, die Hunderte Hektar zwischen Forstweg und Raffinerie, Dortmund-Ems-Kanal und Bahnstrecke dem Erdboden gleich macht. Um es klar zu sagen: Auf Sicht bleibt nichts von diesem herrlichen Wald.
Kein Argument war am Donnerstag zu töricht, um diese Vernichtung durchzusetzen. Alle waren gelogen, zumindest aber falsch und immer –mit Verlaub- richtig dumm. Es wird als erster Schritt der Waldvernichtung eine neue Straße („Nordtangente“) durch den Wald geschlagen, weil die BP die bisherige Raffineriestraße nicht mehr will, nachdem diese fast 60 Jahre lang problemlos funktioniert hat. Nicht um diese sachliche Feststellung geht es aber sondern –trompetet die Wald-weg-Mehrheit – „um die Arbeitsplätze in der Raffinerie“, um einen Teil „des Kampfes gegen den Terror“ und „gegen Millionenforderungen bei einem Unfall“ auf der bisherigen Straße, darum, dass „kein Hunger mehr im Emsland“ entsteht, „das Chaos auf dem Forstweg in Altenlingen“ zu vermeiden. Alles O-Töne der Befürworter aus der Ratssitzung und der Karnevalsverein war wirklich nicht im Sitzungssaal, ehrlich!
Himmel! Gut, dass wenigstens die CDU hilft und ich frage, wann endlich Lingens Ratsvertreter persönlich mit Stihl-Sägen in den Altenlingener Forst eilen, um gegen Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger, Chaos den Wald abzusägen. Bittebitte haut endlich den Wald weg! Er bringt Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger, Chaos.
Dabei berührt die Ölpreisentwicklung den Standort der Raffinerie und damit die Arbeitsplätze, keinesfalls aber die Frage, ob es eine Nordtangente durch ein intaktes Waldsystem gibt oder der Straßenverkehr zur Raffinerie über die alte und die neue B70 führt. Den Terrorristen ist Lingens Raffinerie schnurzegal und, wenn sie sie in den Fokus nähmen, wäre ihnen die Nordtangente sogar schnurzpiepegal. Benzin kann man nicht essen, also wird es deshalb auch keinen Hunger geben. Wie überall zahlen bei Unfällen Versicherungen und schließlich wird diese neue Straße wie jede andere nur für noch mehr Straßenverkehr sorgen und einen chaotischen Lärmbrei nach Altenlingen schwappen lassen.
Überhaupt Altenlingen:
Es beeindruckt mich sehr, wie es gelungen ist, mit dem Schüren von Angst (Sie wissen schon: Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger und Chaos) die Altenlingener aus empörten Gegnern zu sich duckenden, fast devoten Befürwortern der Abholzung ihres Hauswaldes zu machen. Und ein bisschen hilft auch, diese geschickt platzierte, seit fünf Jahren gerüchtewabernde, diffuse Aussicht auf eine von der BP bezahlte neue Turnhalle an der Schule (Wetten, dass die BP die Halle nicht bezahlt?). Dabei hätten schon zwei „Durchfahrt verboten – Anlieger frei“-Schilder gereicht, um unerwünschten Verkehr vom Forstweg fern zu halten. Künftig wird statt dessen Lärm in den Stadtteil schwappen und die Natur draußen, allenfalls im Vorgarten, bleiben – aber , das muss man natürlich positiv sehen, natürlich auch Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger und Chaos.
Ach ja, Birgit Kemmer, die für die Grünen die Pläne ebenfalls zurückwies, hat auf die Verfassung hingewiesen. Sie wissen, das ist dieses Papier, in dem künftig die deutsche Sprache… Also im Grundgesetz heißt es in Art. 20a
Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.
Es sei denn, es drohen Arbeitslosigkeit, Terror, Hunger, Chaos – oder Dummheit.
Da fällt mir doch schon wieder der Robert Long ein. — Diesmal hier der ganze Text:
Feste Jungs, macht nur weiter so
ihr bekommt schon alles kaputt.
Leitet alles Gift ins Meer
Dreck und Scheiße hinterher-
macht den Ozean zum Klo
Öl schwimmt da schon sowieso.
Gehn die Fische dabei drauf
– was liegt schon viel daran?!
Feste Jungs…
Haut noch die letzten Wälder klein,
Autobahnen müssen sein-
setzt auf das letzte Wiesenstück
´ne stinkende Chemiefabrik
und werden auch paar Leute krank
es wird Profit gemacht–
Ja, der Mensch hat´s weit gebracht!
Wunderbar, ja wir sind schon beinah am Ziel-
wunderbares Ziel!
Feste Jungs…
Schafft Bomben euch und Panzer an,
die Menschheit braucht sie irgendwann.
Will einer nicht dein Bruder sein,
dann schlag ihm gleich den Schädel ein-
wenn er nicht deiner Meinung ist-
dann mach ihn lieber tot-
Am besten für den lieben Gott!
Ja der Mensch ist so hilfreich, edel und gut-
-fließt dabei auch Blut.
Feste Jungs…
Buckelt vor der Obrigkeit,
provoziert bloß keinen Streit.
Die da oben richten´s schon-
denn die verstehen mehr davon.
Sicherheit und Ordnung sind
des Bürgers erste Plicht.-
Protestieren lohnt sich nicht.
Halt den Mund,
es ist ungesund wenn man schreit
– so gewinnt man Zeit.
Gib die Schuld dem Lauf der Welt
oder dem der Fragen stellt.
Latsch wie eine dumme Kuh
nur auf den eigenen Metzger zu
– oder steck wie Vogel Strauß
den Kopf nur in den Sand-
denn es tut sich allerhand.
Feste Jungs, macht nur weiter-
so geht es gut
und ein bißchen Blut
kann man nicht vermeiden-
man muß sich entscheiden für ein Ideal.-
Die darunter leiden sind uns alle scheißegal.
Fröhliche Weihnachten!
Als eher unbeteiligte Mitbürgerin und aktuell und immer noch mit der Situation im Westen Schepsdorfs befasst kann ich nur sagen: Trotz regelmäßiger Lektüre der LT ist mir das Ausmaß der geplanten Vernichtungen in keinem Moment klar geworden – und grundsätzlich bin ich schon des Lesens fähig, sollten hier Zweifel aufkommen. Der Eindruck enstand, daß es vor allem ein Problem der Verkehrsberuhigung des Forstweges sein würde…
Es ist erschreckend, in welchem Ausmaß hier die Umgebung der Stadt geopfert wird, der Flächenfraß ist ungeheuer! Die Stadt wird von den Planenden umzingelt mit Industrieflächen, das Erbe für Generationen verzockt. Und auch in der Stadt wird auf Teufel komm raus Grün vernichtet, um dann in genormter Fassung entsprechend der Allerwelts-aktuellen-Architekten-Mode als Feigenblatt wieder eingesetzt zu werden. Aber keine Magnolie kann diese Blöße bedecken.
Müssen wir angesichts dieser „Führungsspitze“ (spitze Führung??) alle Hoffnung in die Wirtschaftskrise setzen? Wilhelmshöhe lässt grüßen – oder: wie die Lingener Wirtschaftsförderung allen Kredit verspielt und durch ihr Wirtschaften den Vertrauensverlust fördert.
„Der Mann, der mit dem allumfassenden Blick gesegnet ist, hat gesprochen“ (zitiert nach Th. Pertz aus dem Kommentar der Lingener Tagespost vom 20. Dezember zum Thema „Nordtangente: Pro und Contra im Stadtrat“)
Was für eine Watsche, Herr Koop!
[…] dann kein Investor gefunden sei, kommt der Bagger –vom Lateiner auch apparatus Lingensis genannt (Säge heißt übrigens apparatulus […]
[…] soll. Sie erinnern sich an den hektischen Kahlschlag im Frühjahr und andere, ebenso wuchtige wie unsinnige Projekte, die den Stadtteil umgraben. Die unions-unangenehm-ungewollte, […]