Wehrpflicht und Deserteure
18. November 2025
Die Geschichtsserie des Emslandmuseums behandelt ein historisches und zugleich hochaktuelles Thema: Die Wehrpflicht und die Möglichkeiten, sich dem Kriegsdienst zu entziehen. Lingen gehörte im 18. Jahrhundert zum Königreich Preußen und dort galt die allgemeine Wehrpflicht.
Preußen hatte zur leichteren Rekrutierung geeigneter junger Männer 1733 die so genannte Kantonverfassung eingeführt. Das ganze Land wurde in Bezirke aufgeteilt, die den einzelnen Regimentern zur Auffüllung ihrer Mannschaften zufielen (5000-8000 Herdstellen je Regiment). Die Einziehung der einmal erfassten Männer, die zwanzig Jahre lang der Aushebungspflicht unterlagen, blieb weitgehend dem Belieben der Kompaniechefs überlassen. Dem versuchten sich viele Wehrpflichtige durch die Flucht aus dem Lande zu entziehen.Besonders leicht war dies in kleinen Gebieten wie der Grafschaft Lingen, die ringsum von fremden Ländern umgeben waren und deren Landesgrenzen rasch zu erreichen waren. Hier feierte auch unter preußischer Herrschaft die Fahnenflucht fröhliche Urstände.

Im Jahre 1736 kamen erstmals preußische Werber in die Grafschaft Lingen. Die Methoden, mit denen sie die jungen Männer zum Abschluss der Werbungsverträge brachten, waren offenbar nicht immer ganz legal und nicht jeder Angeworbene hatte sich wirklich freiwillig verpflichtete. So machte sich in der Grafschaft Lingen bald eine allgemeine Angst vor den berüchtigten „preußischen Griepern“ breit. Sobald die Werber irgendwo erschienen, flüchten die jungen Männer in großer Zahl aus dem Lande, um dem Wehrdienst zu entgehen.
Wenn die für das preußische Militär angeworbenen jungen Männer zum festgesetzten Zeitpunkt nicht bei ihrem Truppenteil angetreten waren, so wurden die Eltern, Geschwister oder andere Verwandte gefangen genommen. Die Verhafteten hielt man bei Wasser und Brot solange fest, bis der Fahnenflüchtige freiwillig zurückkehrte und damit die Geiseln auslöste. Diese mussten anschließend sogar noch für ihre Beköstigung aufkommen und zusätzlich eine Gebühr für das Abschließen und Aufschließen der Gefängnistüren zahlen.
1748 schlossen die Einwohner der Grafschaft Lingen mit dem König von Preußen einen Vertrag, demzufolge das Land gegen eine jährliche Zahlung von 5000 Reichstalern in Zukunft „ein für alle mal“ von Soldatenaushebungen befreit sein sollte. Das Geld sollte durch eine Umlage aufgebracht werden. Jede Vollerbenhofstelle musste dafür 2 1/2 Reichstaler oder 5 Gulden, jeder Halberbe 3 Gulden, jeder Brinksitzer 2½ Gulden und jeder Heuermann 1 Gulden pro Jahr bezahlen. Das war viel Geld, aber der ungeliebte Militärdienst hatte ein Ende.
oben: Preußische Werber im 18.Jahrhundert
unten: Preußisches Edikt gegen die Fahnenflucht von 1749
Grafiken: (c) Emslandmuseum