„fünf Songs“

25. November 2018

Von Despacito bis Beethoven: Mit diesen fünf Musikstücken erklärt uns netzpolitik.org das neue Urheberrecht der EU

Warum hat Metallica einen fast 20-jährigen Dauerstreit um Musik im Internet ausgelöst? Und warum streiten EU-Politiker bei geheimen Verhandlungen über ein Pink-Floyd-Lied? Unser Mixtape zu der Reform, die das Internet für immer verändern könnte.

Wenn es ums Geld geht, müssen auch Promis mal Politik machen. Darum wirbt Ex-Beatle Paul McCartney gemeinsam mit Placido Domingo und Udo Lindenberg für ein neues EU-Urheberrecht. Hunderte bekannte Künstler schickten jüngst einen offenen Brief ans EU-Parlament. Sie wünschen sich verpflichtende Uploadfilter auf Plattformen wie Youtube, damit mehr Geld bei ihnen landet. Die Pläne ärgern Bürgerrechtler und die Netzgemeinde: Denn die Filter sind ein automatisiertes Zensursystem, das auch viele legale Inhalte als Beifang aus dem Netz fischen könnte. Ganz abgesehen von Zweifeln, ob dadurch wirklich mehr Geld bei den Künstlern landet.


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Die Filter sind nur ein Teil der umstrittenen Urheberrechtsreform. Vor einigen Wochen schickte das EU-Parlament seinen Vorschlag in die Geheimverhandlungen über den fertigen Text. Dabei steht einiges auf dem Spiel. Aber keine Angst, Ihr müsst keine Akten wälzen, um die Reform zu verstehen. Wir haben Euch ein Mixtape gemacht:

Metallica,“I Disappear“

Die Metallica-Nummer vom Mission-Impossible-Soundtrack ist ein Meilenstein in der Musikgeschichte. Nicht nur deshalb, weil es super zu Dosenbier passt und sich zum Mitgröhlen eignet. Im März 2000 verklagte die Band wegen illegaler Kopien des Songs die Tauschbörse Napster – der Beginn eines jahrelangen Endzeit-Kampfes der Musik- und Filmindustrie gegen Tauschbörsen und Videoplattformen im Netz.

Inzwischen sind Tauschbörsen Geschichte und die Gewinne der Musikindustrie sprudeln dank Streaming-Diensten wie Spotify wieder. Mehr als 75 Cent aus jedem Euro, den Spotify einnimmt, gehen an drei Platten-Labels: Sony Music, Warner, Universal. Trotzdem wird die Musikindustrie nicht müde, eine vermeintliche Verwertungslücke („value gap“) bei Plattformen wie YouTube und Facebook zu beklagen. Mit diesen Wünschen stießen die Rechteinhaber bei der EU-Kommission auf offene Ohren, ganz im Gegensatz zu der großen Mehrheit der über 10.000 Menschen, die sich an einer öffentlichen Umfrage der Kommission zum Urheberrecht beteiligt hatten. Deren Wünsche nach mehr Nutzungsfreiheiten und -rechten wurden einfach ignoriert.

Luis Fonsi, „Despacito“

Der sexy Sommerhit aus Puerto Rico hat beinahe 6 Milliarden Klicks auf Youtube. Also fast so viele, wie die Erde Einwohner hat. Doch das Video könnte bald gemeinsam mit zehntausenden anderen von der Plattform verschwinden, warnte Youtube-Chefin Susan Wojcicki in einem Blogpost. Die Warnung sorgte für einen Aufschrei unter Influencern: Nehmt uns nicht unser Youtube weg!

Dabei ist es schon heute so, dass YouTube mit dem Content-ID-System Inhalte automatisch filtert: Rechteinhaber deponieren ihre Inhalte in einer Datenbank. Wenn YouTube eine Übereinstimmung findet, können diese entscheiden, ob sie die Nutzung dulden, das Video blockieren oder über Werbung – gemeinsam mit Google – zu Geld machen. Mit anderen Worten, Google hat aus Rechtsdurchsetzung ein Geschäftsmodell gebastelt. Das ist möglich, weil Google derzeit nur bei Kenntnis einer Urheberrechtsverletzung haftet.

Mit der Verschärfung des Urheberrechts soll das Haftungsprivileg fallen. YouTube könnte dann dazu übergehen, im Zweifel erst mal zu blocken anstatt wie bisher zu dulden. Das dürfte viele Videos aus dem Netz fegen. Selbst bei einem Welthit wie Despacito sind nicht alle Rechte geklärt, sagt Youtube. Der Konzern lobbyiert deshalb weniger gegen Filter im Allgemeinen als gegen schärfere Haftungsregeln. Besonders hart treffen dürften die Filterpflichten vor allem Gelegenheitsnutzer, die Handyvideos hochladen oder Remixes und Memes teilen wollen.

Pink Floyd, „Another Brick in the Wall“

Was wäre der Welthit ohne den gruselig-schönen Kinderchor im Background? Die Schülerinnen und Schüler, die für den Pink-Floyd-Klassiker im Chor sangen, erhielten damals einen Scheck über 1.000 Pfund. 25 Jahre später, der Song war mittlerweile Kult, forderten die Kids rechtlich einen etwas gerechteren Anteil für sich ein.

Das neue Urheberrecht soll Künstlern mehr Rechte geben. Eigentlich. Das EU-Parlament schrieb in seine Vorschläge, Autoren und Künstler müssten eine „faire und verhältnismäßige Entlohnung“ für ihre Arbeit erhalten.

So weit die Theorie. In der Praxis sah es so aus: Ein Fall wie „Another Brick in the Wall“ muss verhindert werden, sagten Abgeordnete bei Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Doch die EU-Kommission und Vertreter der Mitgliedsstaaten blieben hart: Sie wollen, dass unfaire Geschäftspraktiken wie Total-Buy-Out und Knebelverträge erlaubt bleiben. Hey, teacher!

Kraftwerk, „Metall auf Metall“

Seit über 20 Jahren streiten Kraftwerk und Moses Pelham vor Gericht über ein zwei Sekunden langes Sample des Songs „Metall auf Metall“ (1977). Mit dem Schnipsel hatte Pelham 1997 als Endlosschleife Sabrina Setlurs „Nur Mir“ hinterlegt. Zwar hatte 2016 das Bundesverfassungsgericht in einem wegweisenden Urteil zu Gunsten der Samplingfreiheit entschieden, das letzte Wort ist damit aber noch nicht gesprochen. Denn der Bundesgerichtshof wollte nicht entscheiden, ohne die Meinung des Europäischen Gerichtshofs einzuholen. Vereinfacht geht es dabei um die Frage, ob Sampling auf nationaler Ebene erlaubt werden darf oder ob das durch die restriktiven Regeln des EU-Urheberrechts unmöglich ist.

Das führt zu einem der größten Versäumnisse der EU-Urheberrechtsreform. Weder für Sampling- und Remixkultur noch für Internet-Memes und andere Bagatellnutzungen wie Hintergrundmusik in Handyvideos findet sich eine Lösung im Reformentwurf. Die Reformlücke wächst und es fehlt weiterhin an Verhältnismäßigkeit. Während es im US-Copyright mit dem Fair-Use-Prinzip eine flexible und innovationsoffene Ausnahmebestimmung gibt, fehlt vergleichbares im EU-Urheberrecht. Das deutsche Justizministerium regte an, die Einführung eines Recht auf Remix zu prüfen. Doch die Rufe verhallten. Deshalb könnte es gut sein, dass der Europäische Gerichtshof auch in Zukunft selbst kurze Samples wie jene zwei Sekunden „Metall auf Metall“ ohne Zustimmung der Rechteinhaber verbietet.

Beethoven, Fünfte Symphonie

Beethovens Fünfte, auch Schicksalssymphonie genannt, erkennen selbst Musikbanausen wegen des dramatischen „Ta-ta-ta-ta“ am Anfang. Das Werk ist über 200 Jahre alt und nicht mehr urheberrechtlich geschützt. Doch das ist Youtube egal. Als der deutsche Musiktheoretiker Ulrich Kaiser zuletzt eine alte, lizenzfreie Aufnahme der 5. Symphonie hochlud, unterstellte ihm Youtubes Filter eine Urheberrechtsverletzung. Offenbar vermag selbst der High-Tech-Filter des Google-Konzerns nicht zwischen unterschiedlichen Aufnahmen desselben klassischen Musikstücks zu unterscheiden. Mehr noch, Rechteinhaber beanspruchen via Content-ID-Algorithmus Rechte an Aufnahmen, über die sie gar nicht verfügen, um an den Werbeeinnahmen zu verdienen.

Einsprüche Kaisers blieben vergebens. Youtube hält das Stück bis dato für urheberrechtlich geschützt. Das Beispiel zeigt, wie unzulänglich automatische Filtersysteme in vielen Fällen sind. Verpflichtende Filter könnten die Lage deutlich verschärfen. Tausende klassische Musikstücke und andere gemeinfreie Werke sind durch die Filterpflicht bedroht. Beethovens „Ta-ta-ta-ta“ könnte bald verhallen.

Und andere Verstimmungen

Die Liste der Misstöne im neuen Gesetz lässt sich im Übrigen fortsetzen. Die Vorschläge sollen eine Lizenzpflicht selbst auf kurze Textschnipsel durchsetzen, das sogenannte Leistungsschutzrecht. Jedes Bild oder Video bei einer Sportveranstaltung könnte bald eine Urheberrechtsverletzung darstellen. Und Vorschriften beim Thema Text- und Datamining könnten sogar die Entwicklung Künstlicher Intelligenz bedrohen.

Könnte darüber nicht mal wer einen Song schreiben?


Ein netzpolitik-Beitrag von Alexander Fanta und Leonhard Dobusch.
Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

The Cleaners

2. September 2018

netzpolitk.org informiert:

Der Alltag von menschlichen Content-Moderatoren in sozialen Netzwerken ist wirklich schockierend. Zu diesem Schluss kam Youtube und löschte einen Arte-Trailer über seine Zensoren kurzerhand von seiner Plattform. Das kommt leider häufiger vor, klagt der deutsch-französische Kultursender.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Youtube löschte einen Trailer des Kultursenders Arte. Und zwar nicht irgendeinen Trailer, sondern den für den Dokumentarfilm „The Cleaners“, der von den harschen Arbeitsbedingungen philippinischer Content-Moderatoren im Auftrag von Youtube und Facebook handelt. Grund dafür sei angeblich schockierendes Bildmaterial in dem eigens für die Verbreitung auf sozialen Medien hergestellten Clip, heißt es in einer E-Mail des Absenders adwords-noreply@google.com an Arte, über das der Sender auf seiner Webseite berichtet.

Haben also die selben überforderten Niedriglohnkräfte, von denen die Dokumentation handelt, mal wieder zu schnell auf den Knopf gedrückt? Oder war es eine automatisiertes System, das den Trailer aussortierte? Wir wissen es schlicht nicht, schrieb ein Sprecher von Arte auf Anfrage an netzpolitik.org.

Auf YouTube werden Videos regelmäßig ohne Begründung für Minderjährige gesperrt, auch auf Facebook werden alle zwei bis drei Wochen Videos gesperrt, vor allem, wenn wir sie sponsern wollen. Es gibt zwar Möglichkeiten zum Einspruch, da es aber nie eine Reaktion von Facebook bzw. Youtube/Google gab, besteht diese Option lediglich auf dem Papier und die Videos bleiben gesperrt bzw. die Postings gelöscht.

Der Sender hat bisher keine weitere Rückmeldung von Youtube über die Löschung erhalten. Ein typischer Fall: Immer wieder löscht Youtube Videos von Nutzerinnen und Nutzern wegen vermeintlich problematischen Inhalten oder angeblichen Urheberrechtsverletzungen, ohne dass sich die Betroffenen wirklich dagegen wehren können oder auch nur eine Antwort auf ihre Einsprüche erhalten. Auch im Fall von Arte und „The Cleaners“ haben wir bei Youtube angefragt, aber zunächst keine Antwort erhalten.

Wie schockierend das Bildmaterial des Arte-Trailers ist, können die Leserinnen und Leser gerne selbst beurteilen:

Die ganze 90-minütige Dokumentation findet sich hier

 

(Quelle netzpolitkk.org  Creative Commons BY-NC-SA 4.0.)

Lingen von oben

15. April 2018

via youtube von Gerrit Bo

DNA Reise

15. Juni 2017

Meine gestrige Sitzung des Verwaltungsausschusses der Stadt dauerte geschlagene vier Stunden. Dies mag erklären, weshalb ich mir nicht sicher bin, ob ich dieses youtube-Video nicht schon einmal in diesem kleinen Blog veröffentlicht habe. Wie auch immer, der Clip ist so gut wie sein Schlusssatz: An open world begins with an open mind. Also macht es nichts, würde er jetzt ein zweites Mal hier zu sehen sein.
Der Anlass: Am kommendem Wochenende wird bei den Cannes Lions wieder die beste Werbung des vergangenen Jahres ausgezeichnet. Das Video der Reisesuchmaschine momondo ist einer der größten Favoriten auf die heiß begehrten Löwen-Trophäen.

Firas Alshater

3. Februar 2016

Firas Alshater hat vor wenigen Tagen die Webserie Zukar gestartet. In der Serie beschäftigt sich der syrische Filmemacher, der vor 2 1/2 Jahren aus seinem Land geflohen ist und seit dem in Berlin lebt, mit den Deutschen. Mit Humor wirft er einen Blick aus der Perspektive eines Syrers, der neu im Land ist, auf Deutschland.

Die erste Folge „Wer sind diese Deutschen?“ hat Firas Alshater vor fünf Tagen veröffentlicht und ich freue mich schon jetzt auf mehr Zukar.

Südsudan

17. Februar 2015

Muttersprache

1. Februar 2015

Bei uns im Emsland, wird das noch länger dauern. Viel länger, glaube ich. Denn es fehlt leider und überhaupt an Internetkreativität und -kultur, von Diskussionsbereitschaft ganz zu schweigen. Ich muss nicht an die Deichkönigin erinnern, deren, den Spiegel vorhaltende Beiträge bisweilen auf blankes Entsetzen stieß. Und heute finde ich einen Blogbeitrag von Martin Pittenauer [@map]. Ihm fehlt noch ganz etwas anderes. Ein Auszug:

„Kürzlich hielt Barack Obama seine jährliche “State of the Union”-Rede. Eine Art Bestandsaufnahme und Ankündigung anstehender Gesetzesinitiativen. Im Rahmen dessen traf er sich – nicht zum ersten Mal – mit Youtuber_innen. Dieses mal durften GloZell GreenBethany Mota und Hank Green ihre Sets im weißen Haus aufbauen und Fragen stellen.

Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Die YouTube Stars fragen nach Drohnenkrieg und Ferguson und ringen dem Politiker die eine oder andere Stirnrunzel ab…“

„..ich möchte, dass YouTube in Deutschland vielfältiger wird, auch aus purem Eigennutz. Ich möchte die deutschen Mike RugnettasZe FranksGloZell Greens oder Hannah Harts sehen. Mehr Vielfalt! Dazu muss YouTube als Medium ernst genommen und nicht nur als der Ort, “wo die jungen Leute Unsinn machen” beschrieben werden. Das ist ein Henne-Ei Problem. Die deutschsprachige Community ist historisch dominiert von Jugendangeboten, wird deshalb exotisiert und dann nicht als ernstzunehmende Plattform für andere Formate wahrgenommen. Wenn überhaupt, dann finden sich dort nur Gesprächsformate, deren Bildinformation eher redundant ist. Podcasts mit Bewegtbild. Aber Video kann soviel mehr. Und das möchte ich auch in meiner Muttersprache erleben können.

Hank Green ist 34. Ze Frank ist 42. GloZell Green ist 52. Ich möchte auch hier ein derartiges Spektrum an verschiedenen Persönlichkeiten. Auch damit ich nie wieder von den “jungen Leuten auf YouTube” lesen muss.“ [mehr…]

Nun, ich lese und sehe oft und gern Dinge „von den jungen Leuten auf YouTube”.  Aber Lebenserfahrung plus Muttersprache plus Internetvideo – das wär’s in der Tat. Also frage ich mich, welche/r Ältere so ein inhaltliches Projekt bei uns im Nordwesten könnte/n. Denkt die verehrte Leserschaft mal drüber nach und hat sie gar einen Personalvorschlag?

so wie immer

4. Oktober 2013

Bisher kannte ich noch keine ironische Ironie. Aber der Fremdschäm-Rap der NRW-Polizei hat dieses Genre für mich eröffnet. Vermeintlich peinlich. Irgendwie genial diese Weiterentwicklung von Toto & Harry. Dagegen bleibt die klassische „youtube“-Antwort aus HH dann doch so wie immer. Guckst Du.

Erstversuch

13. Mai 2013

„Der Industriepark Lingen stellt sich vor.“

Ist das ein offizielles Video? Oder der Erstversuch eines 14jährigen?

Meine Güte, wie schlecht!

RamizTulji2[Dieser Beitrag heute geht mir nahe. Aber er muss -zumal in Wahlkampfzeiten- geschrieben werden, gerade deshalb. Er handelt davon, wie Menschen in Behörden mit Menschen außerhalb von Behörden umgehen und warum Schreckliches passiert, wenn man Bürokraten machen lässt und es dafür Vorgaben aus Ministerien gibt.]

Vor einem Monat hat sich in Papenburg Ramiz Tulji, der sich selbst bisweilen und gern tul gee nannte, das Leben genommen. Besonders  furchtbar. Er erhängte sich auf einem Spielplatz seiner Heimatstadt. Ramiz wurde 22 Jahre alt.

Aufmerksam auf ihn und sein Schicksal wurde ich am Dienstag durch einen Anruf und dann seine Facebook-Gedenkseite. Der schreckliche Tod hat, sagte mir meine Gesprächspartnerin am Telefon, mit seinem Status zu tun. Status – so bezeichnet man es, weshalb ein Mensch ohne deutschen Pass hierzulande bleiben kann oder gehen muss. Ramiz hatte keinen deutschen Pass. Er sollte gehen, womöglich wegen irgendwelcher Jugendverfehlungen. Die Verantwortlichen des Landkreises Emsland wollten ihn abschieben.  Obwohl er hier aufgewachsen und somit eigentlich Deutscher war – wenn auch eben ohne Pass. Da hat sich ein verzweifelter Ramiz Tulji dann das Leben genommen.

Gestern Abend habe ich nach Spuren von Ramiz Tulji gesucht. Er war sehr kreativ,  der junge Mann, habe ich herausgefunden, und er hatte mit anderen zusammen als GagGang („German! Action! Guy!“ ) einen eigenen Youtube-Kanal mit unglaublichen 3.858 Abonnenten und 432.766 Abrufen innerhalb von 11 Monaten; den GagGang-„Channel“ bei Youtube gibt es seit dem 22. Januar 2012. Man findet dort  so erfrischende Beiträge wie diesen:

Nur wenige Tage vor seinem Tod veröffentlichte Ramiz Tulji unter seinem Künstlernamen tul gee dieses letzte Video und einer seiner Freunde schrieb dann nach seinem Tod darunter:

„Ich kann das nicht glauben, tul gee war immer der geilste von der GagGang“

Ramiz Tulji war ohne Eltern in unserem Land aufgewachsen, in einem Heim, wie ich hörte. Aber er war jung, fröhlich und voller Kraft, bisweilen vielleicht auch ein wenig leichtsinnig. Dann aber traf er auf die deutsche Bürokraten und wusste schließlich keinen Ausweg mehr. In der Lokalzeitung stand tags darauf diese Meldung:

Ein 22-jähriger Mann hat sich am Donnerstagmorgen auf einem Spielplatz in der Papenburger Dietrich-von-Velen-Straße das Leben genommen. Das bestätigte die Polizei auf Nachfrage unserer Zeitung. Passanten hatten den jungen Mann tot aufgefunden. Nach den bisherigen Ermittlungen der Polizei sei Fremdverschulden als Todesursache auszuschließen, erklärte Polizeisprecher Achim van Remmerden.

Muss man nicht Zweifel an den Polizeiworten haben, dass jedes „Fremdverschulden als Todesursache auszuschließen ist“ in unserem Land, in dem beispielsweise selbst kleinste urheberrechtliche Fahrlässigkeiten mit großer perfektionistischer Wucht geahndet werden? Folgerichtig begann in der Online-Ausgabe der „Emszeitung“ eine teilweise wütende, erschütternde Diskussion, bis die „NOZ-Zentrale“  verkündete:

Liebe Kommentatoren,

wir haben uns entschlossen, die Kommentarfunktion unter diesem Artikel nachträglich zu schließen und alle bisher veröffentlichten Kommentare zu löschen. Bei diesem sensiblen Thema wollen wir vermeiden, dass Angehörige und Bekannte des Toten durch unangemessene, bewertende oder abschweifende Kommentare vor den Kopf gestoßen werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre noz.de-Redaktion, Meike Baars“

TuljiIch glaube nicht, dass die Angehörigen das Problem gewesen sind. Denn vor seinem Tod hat Ramiz Tulji diese letzten Zeilen geschrieben und er bat darin, sie  auf seiner Facebook-Seite zu veröffentlichen. Ramiz schrieb:

„Unser Leben ist sicher nicht gerecht. Menschen, die reich geboren werden, hätten es verdient, arm zu sein. Menschen, die arm geboren werden, hätten es verdient, reich zu sein.

Die Polizei ist ein Haufen Idioten, von denen nicht einer als Freund oder Helfer durchgeht. Falls ihr anderer Meinung seid, so erinnert euch an an eine Situation, in der ihr so empfunden habt.

Ich gebe niemanden die Schuld an meiner Entscheidung. Wieso sind wir nicht alle Menschen? Wieso teilen wir uns auf, grenzen uns ab. Egal ob im Großen z.B. mit Nationalitäten und der Hautfarbe oder im Kleinen, wo man den Nachbarort nicht leiden kann.

[Was] unterscheidet uns? Weil ich nicht die gleichen Rechte [habe] wie ein Mensch mit deutschem Pass? Was unterscheidet uns?‘ Weil ich nicht aus einer deutschen [Familie] komme? Das berechtigt die Welt, mich einzuschränken? Wieso gebt ihr meinen Brüdern nicht eine bessere Chance? „Liebe“ Ausländerbehörde oder, um einen direkt anzusprechen, Herr Markus.

Ich glaube nicht an was Göttliches. Das ist eine Erfindung der Menschen, um den Tod einen Sinn zu geben nicht dem Leben. Was erwartet ihr als das Leben. Man kann alles machen, was man will. Doch dann würde unsere Konsumgesellschaft nicht funktionieren. Wenn jeder Mensch das tun würde, was er will, würde das System zusammenbrechen.

Falls ich tot bin, dann nur weil alleine die Willenskraft ausgereicht hat, dass ich nicht mehr atme.

Zxxx, ich bitte dich darum, falls ich tot sein sollte, diesen Text zu kopieren und in meinem Facebook zu posten. Ich hatte vor, alle Namen der Personen aufzulisten, die mir wichtig sind, doch [ich] musste anfangen zu weinen. Nehmt es mir nicht übel.

Falls ich tot bin, Zxxx, nimm meine Bankkarte und heb‘ 300 Euro ab. Wie die Welt so ist, wirst du sicher die Beerdigung zahlen müssen. Alles was ich in dieser Wohnung habe, soll dir gehören. Ich hoffe, Melissa kümmert sich um dich – oh Mann. Es tut mir leid, ich bin am Weinen, wenn ich denke, dass ich dich zurücklasse mit all deinen Problemen. Wenn du mich tot siehst, glaub nicht, dass ich im Himmel bin oder so ein Schwachsinn. Ich bin in deinem Herzen. Ich hab all meine Passwörter für GAG etc. gespeichert. Falls ihr weitermachen wollt.

An alle Religionen sag ich nur noch: Ihr seid der größte Scheiß. Alle Bonzen: Ihr seid scheiße. Alle die Geld haben, aber niemanden helfen außer sich und ihrer Familie: Ihr seid scheiße.

An die Polizei, alle laufenden Verfahren gegen mich – ja sprecht mich ruhig schuldig, aber verpisst euch, meinen Bruder da reinzuziehen….“

RamizTulji3Der Abschiedsbrief macht betroffen. Als die beiden Brüder von Ramiz und Freundin Melissa ihn veröffentlichten,  begann binnen Minuten auf der Facebook-Gedenkseite eine Diskussion, die ich gern nachgelesen hätte. Doch seine Brüder und Melissa haben es dann wohl nicht ausgehalten, die Beiträge zu lesen, die da über Ramiz standen und schließlich alles gelöscht. Wie die Emszeitung.

Mich treibt einmal mehr diese Frage um:

Was ist das für ein Land, was sind das für Behörden und Beamte, was für Menschen, die einen 22-jährigen so traktieren, dass er keinen anderen Ausweg mehr weiß, als sich selbst zu töten? Nur weil er keinen deutschen Pass hat.

Es wird Zeit, dass sich etwas ändert hierzulande.

(Fotos: © privat)