retten 2

17. Dezember 2007

Wolfram Siebeck schreibt in seinem Jahresrückblick in der ZEIT 50/2007:
Ich bin viel herumgereist in den letzten zwölf Monaten und habe über die Veränderung in Deutschland gestaunt. Unser Land ist deutlich schöner geworden, nämlich grüner. Bäume, die die Kommunen vor 30 Jahren als mickrige Stecklinge in den Boden gesetzt haben, sind groß geworden und bedecken eine Menge von dem, was früher so hässlich war. Wenn Ausländer uns eine irrationale Liebe zu Bäumen nachsagen, so ist das kein Wunder. Wer freute sich nicht über grünes Laubwerk, das den schlechten Geschmack der Häuslebauer verdeckt, trostlose Wohnstraßen in Flaniermeilen verwandelt und schicke Straßencafés entstehen lässt?“

In meiner Stadt wissen nicht viele, dass hier alles ganz anders wird, als Siebeck es zu recht so schätzt – jedenfalls in der Innenstadt, von Gutmeinenden als „Fußgängerzone“ tituliert. Hier wird jetzt modernisiert! Dazu werden in wenigen Wochen  alle im Zentrum stehenden Platanen abgesägt und durch Betonplanzkübel mit frostempfindlichen Magnolien ersetzt.

Sie kennen Magnolien ? Das sind diese Pflanzen, die im Frühjahr längstens zwei Wochen blühen und den Rest des Jahres wie eine Mischung von ausgeblühten Rhododendren und Gummibäumen aussehen. Ergänzt wird diese angeblich „zeitgemäße“ (neues Modewort aus dem Rathaus) Stadtumgestaltung durch so genannte Laufbänder im Straßenpflaster, eine neue Möblierung (Laternen, Bänke, Mülleimer usw), neue Brunnen usw. Das alles kostet einige Millionen Euro.   
Stadtbaurat Lisiecki („Wenn Sie wissen, wie man mich schreibt, wissen Sie nicht mehr, wie ich ausgesprochen werde!“) hat sinngemäß gemeint, die Lingener Innenstadt habe kein individuelles Gesicht. Das müsse jetzt um der Attraktivität willen her – eine Einschätzung, die natürlich ebenso unberechtigt wie falsch ist.Denn Lingens Zentrum hat eine in Jahrzehnten teuer

Plasterklinker aus Bockhorn

Plasterklinker aus Bockhorn

 und Schritt für Schritt entstandene, individuelle und  klare Struktur: das rote Pflaster aus Bockhorner Klinker. Noch vor drei Jahren wurde fein säuberlich und kunstvoll die Neue Straße im Stil der übrigen Innenstadtstraßen gepflastert. Keine andere Stadt in der Region hat ein so markant gepflastertes Zentrum.

 Inzwischen gibt es sicherlich ein paar klare Schwachstellen:

  • Das Bockhorner Pflaster ist an vielen Stellen schadhaft und eine ebenso teuere wie unfachmännische Reparatur vor drei Jahren hat alles nur noch schlimmer gemacht.
  • Die Straßenmöbel sind in die Jahre gekommen, also die historisierenden oder modernen, immer aber dreckig wirkenden Laternen und Kandelaber, die hässlichen grünen Zweisitzerbänke, schmutzige alte kleine sowie meist angedetschte neue große Müllbehälter, Dauerwerbetafeln, werbesonnenschirme, Sandsteintröge, Fahnenmasten, und DIESE SCHRECKLICHEN PLASTIKTÖPFE IM TERRAKOTTA-IMITAT.
  • Die Lookenstraße ist ein Relikt des Waschbetonzeitalters. 
  • Die für den Stadtkern beschlossene und fast 30 Jahre konsequent angewendete „Satzung über die Gestaltung der Werbeanlagen“ ist gerade unter dem amtierenden Baurat Lisiecki faktisch aufgegeben worden;  über großzügig an den städtischen Gremien vorbei und ohne Not bewilligte Ausnahmeregelungen verliert sie zunehmend ihre stadtgestaltende Wirkung.
  • Das Lichtkonzept der Hamburgerin  Ulrike Brandi erinnert eher an  den Ocean drive in Miami, als dass es die historischen Gegebenheiten Lingens aufnimmt. Frau Brandi ist mit ihren Lichtmodulationen eine nationale Größe, aber das historische Lingener Rathaus und Brandis Beleuchtungsstreifen passen nicht zueinander.

Auch das Verfahren war wenig überzeugend: In den städtischen Gremien hieß es zuerst, es müsse entsprechend dem Preisgericht der erste Preisträger beauftragt werden. Dann wurde den Anliegern in Versammlungen gesagt, man könne an dem preisgekrönten Konzept überhaupt nichts mehr ändern. Anschließend wurde in den Ratsgremien berichtet, die Anlieger wollten die vorgeschlagene Umgestaltung und wollten sie sogar bezahlen, deshalb dürften die Ratsgremien jetzt nichts mehr ändern.

Jetzt rollt jedenfalls die Realisierung. Dabei will eigentlich niemand, mit dem ich gesprochen habe, dass in Lingen die Platanen geköpft werden. Der Baumkahlschlag und die Umgestaltung von vier Straßen sowie des Marktes ist jedenfalls stadtgestalterisch ein Stückwerk; denn die übrigen Innenstadtstraßen bleiben Bockhorner-Klinker-Straßen. Außerdem werden wir nach der Fällaktion künftig wieder „den schlechten Geschmack der Häuslebauer“ (Siebeck) sehen und die überdimensionierte Werbeanlagen in grellen RAL-Farben weiterhin und in zunehmender Zahl bewundern dürfen. Individuell wird das Gesicht Lingens auch nicht werden. Denn Pflanzkübel und Laufbänder sind gerade bundesweit „in“. Sie entstehen in vielen deutschen Innenstädten.  

Ich habe statt dessen diesen (Gesamt-)Vorschlag:

  1.  Sorgfältige Reparatur der schadhaften Bockhorner-Klinker in den Stadtstraßen.
  2. Einrichtung einer Pflasterkolonne auf dem städtischen Bauhoff, die künftig die Innenstadtstraßen „in Schuss“ hält.
  3. Neue, zeitgemäße Straßenmöblierung „aus einem Guss“.
  4. Konsequente Anwendung der Satzung über die Gestaltung der Werbeanlagen im Stadtkern und Umgestaltung der Werbeanlagen am Markt mit indirekt beleuchteten Werbeanlagen aus Messing, Krieg den Werbesonnenschirmen (West, Königs Pilsener, Erdinger) und Werbeaufstellern.
  5. Umbau der Pflanzbeete aus Bahnschwellen am Beginn der Burgstraße.
  6. Umgestaltung der Lookenstraße nach dem „Bockhorner Muster“.
  7. Aufgabe des Lichtbandkonzepts Brandi an den historischen Gebäuden.

Ich möchte also eine sanfte und nicht nur modische Veränderung, damit die Lingener Innenstadt sich so weiter entwickelt, dass wir uns gern mit ihr identifizieren.