zerstritten

11. August 2014

In den 1970er Jahren drängte die damalige DGB-Gewerkschaft „ÖTV“ (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr“) mit Macht in die Energiebranche. In den VEW-Kraftwerken in Lingen beispielsweise ließ sie die starke Industriegewerkschaft Bergbau und Energie zunehmend alt aussehen. Auch deshalb, weil die ÖTV-Beiträge niedriger waren. Scharenweise wechselten die Gewerkschafter zur ÖTV. Jetzt dreht sich das Karussell wieder und zwar in die andere Richtung, wie die WirtschaftsWoche weiß. Verdi und IG BCE, die Nachfolger von ÖTV und IGBE „sind in der Energiebranche heillos zerstritten. Es geht um Mitglieder,  Einfluss und öffentliche Wahrnehmung. Der Krieg der Gewerkschaften  fing wie so viele Kriege ganz harmlos an: Rund einhundert Mitarbeiter  des Netzbetreibers Tennet sind von einer Gewerkschaft zur anderen   gewechselt. Verdi verlor sie, die mächtige Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, kurz IG BCE, gewann sie. Das sah nach  Mitgliederabwerbung aus, nach gezieltem Aderlass. „Es handelt sich um  ein Organisations-Abgrenzungsverfahren, Leitungsunternehmen wie Tennet  sind nach den Regeln des DGB bei Verdi anzusiedeln“, sagt  Verdi-Gewerkschafterin Martina Sönnichsen zur WirtschaftsWoche…“

„Jahrelang ging es nur um Macht- und Pöstchenpoker  zwischen den beiden Arbeitnehmerorganisationen. Es ging vor allem um  Aufsichtsratsposten und Sitze in den mächtigen Kontrollgremien der  Versorger, dem Präsidium, dem Investitionsausschuss und dem  Personalausschuss, der über das Topmanagement bestimmt. Da wollten  beide, Verdi und IG BCE, mitentscheiden.

Nun geht es nicht mehr um diesen Personal-Proporz, es geht ums Ganze.  Es geht auch darum, dass sich IG BCE-Spitzenfunktionäre so häufig zur  Energiepolitik äußern, im Fernsehen und in den Wirtschaftsmedien. Das  stößt Verdi unangenehm auf. So hat Verdi nun sogar demonstrativ die  tarifpolitische Zusammenarbeit mit der IG BCE beim Energieversorger
RWE gestoppt. Verdi will die IG BCE vor dem Schiedsgericht des  Deutschen Gewerkschaftsbundes (DBG) verklagen. Der Vorwurf:…“ [weiter bei der WirtschaftsWoche]

Transrapido

28. August 2011

Nach dem SPIEGEL meldet jetzt auch die Wirtschaftswoche, dass die Transrapidstrecke bei Lathen vor dem Aus steht. Er galt -so DER SPIEGEL-  „als Inbegriff deutscher Ingenieurskunst, als Symbol für die Zukunftsfähigkeit des Landes – doch in Deutschland scheiterten alle geplanten Bauprojekte an den hohen Kosten. Die bislang einzige kommerzielle Transrapid-Strecke ist seit 2003 in Shanghai in Betrieb.“

Aber trotz Milliardenförderung aus dem Staatstopf ist es der Industrie nicht gelungen, den Transrapid zu vermarkten. Jetzt gibt es keinen Glauben mehr an diese Technologie in Deutschland und Europa. Auch China und viele andere Länder setzen lieber auf herkömmliche Bachntechnik und bauen Hochgeschwindigkeitstrassen für herkömmliche Züge. Nach außen tut CSU-Verkehrsminister Ramsauer noch, als sei er für den erhalt. Aber im Entwurf für den Bundeshaushalt 2012 sind 9 Mio Euro für den Abbau der Betonstelzen nahe Lathen und Dörpen ausgewiesen, außerdem Verpflichtungsermächtigungen über weitere jeweils 25 Mio. Euro für die beiden Folgejahre.  Die Wirtschaftswoche fasst zusammen.

„Nachdem die Industrie schon den Glauben in die Vermarktung verloren hat, steht nun die Versuchsanlage im Emsland (TVE) kurz vor der Abwicklung. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wollte die Teststrecke nicht schließen. Doch es bleibt ihm vermutlich keine Wahl. Mehr als neun Millionen Euro sind auf Drängen der Bundestags-Haushälter erstmals für den „Rückbau der TVE“ im Haushaltentwurf der Bundesregierung für 2012 vorgesehen, dazu Verpflichtungsermächtigungen über weitere 25 Millionen für 2013 und für 2014. Sollte der Betrieb der Anlage Ende des Jahres auslaufen, wäre der Bund vertraglich verpflichtet, den Abbruch zu bezahlen.

„Das sind die Bestattungskosten für eine längst tote Dinosauriertechnologie“, kritisiert der Verkehrsexperte der Grünen, Stephan Kühn. „Industriepolitisch hat Deutschland zu lange auf das falsche Pferd gesetzt“, fügt er hinzu.

Zukunft hätte die Teststrecke nur, wenn die Betreibergesellschaft IABG bis Ende 2011 ein schlüssiges neues Nutzungskonzept vorlegt. Geplant war bisher, auf dem Gelände Forschung für Elektroauto-Batterien zu starten. Doch die Zeit wird knapp: Noch liegt dem Bundesverkehrsministerium nach eigener Aussage kein Antrag auf Projektförderung vor. Die IABG selbst will sich zu ihrer Anlage und möglichen Konzepten nicht äußern.

Die Betreibergesellschaft müsse „jetzt dringend ihr Interesse an der Anlage klären“, heißt es aus Kreisen des Ministeriums, „der Ball liegt bei der Industrie“.

Auch aus dem Landkreis Emsland, in dem die Anlage liegt, ist zu hören, man sei nicht am Zug. Der Kreis hatte Anfang des Jahres darüber nachgedacht, die Anlage zu übernehmen.“

Schon damals sehr teuer und wenig genutzt. Transrapid.

Natürlich ist die Teststrecke ein Fass ohne Boden und wäre eine völlig unsinnige Investition, die deshalb nicht kommen darf. CDU-Landratskandidat Reinhard Winter, dessen rückständiges Wahlprogramm nicht einmal die Hürde des politisch Unverbindlichen nimmt, schweigt vor der in zwei Wochen stattfindenden Kommunalwahl und drückt sich so um eine klare Aussage.  Die hatte vollmundig der Noch-Amtsinhaber Hermann Bröring (CDU) aber im vergangenen November abgegeben. „Der Abbau der Anlage wäre volkswirtschaftlicher Schwachsinn“. Landkreis Emsland und der Bund hatten denn auch in den letzten Jahren Millionen an Steuergeldern in die Strecke gesteckt – bejubelt von der Leeraner Abgeordneten Gitta Connemann (CDU) und dem Aschendorfer FDP-Abgeordneten Hans-Michael Goldmann. Zuletzt warenDurchhalteparolen von den unkritischen Lokalblättern aus dem NOZ-Verlag publiziert worden mit angeblich ernsthaften Interessenten aus Brasilien und Teneriffa. Dabei war nicht einmal dem legendären Eddi Stoiber  eine wirklich überzeugende Darstellung des Verkehrssystems gelungen, das von vornherein konzeptionell daran krankte, nur Personen aber keine Güter zu transportieren. Also zur Erinnerung hier noch einmal eine der wenigen Sternstunden des Transrapid:

Juwel

14. Oktober 2010

Der künftige BP-Chef Robert Dudley will an den 2.500 Aral-Tankstellen und -was in Lingen von größtem Interesse ist-  den BP-Raffinerien in Lingen („ERE“, Foto re. ) und Gelsenkirchen laut einem Pressebericht festhalten. Auch die Ölmarke Castrol wolle der Amerikaner, der am 1. Oktober die Führung des angeschlagenen britischen Mineralölmultis übernommen hat, nicht veräußern, berichtete bereits vor einigen Tagen die „Wirtschaftswoche“ unter Berufung auf Unternehmenskreise in London. All diese Geschäftsbereiche gehörten zu den „Juwelen im Konzern“ und stünden daher nicht zum Verkauf, sagte ein Insider der Zeitschrift.
Im Sommer hatte die „Wirtschaftswoche“ über Gerüchte berichtet, BP wolle seine deutschen Geschäftsbereiche an den russischen Staatskonzern Rosneft veräußern, um die Kosten der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nach dem Untergang der Förderplattform „Deepwater Horizon“ zu finanzieren.

(Foto: Erdölraffinerie Emsland, © dendroaspis2008, CC flickr)

Lücke

2. August 2010

Avia kennen Sie und Total auch. Aber kennen Sie Rosneft? Diese Lücke sollten Sie schnell schließen.

Denn  der Mineralölkonzern BP braucht bekanntlich sehr viel Geld für die Kosten, die durch die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko entstehen. Der neue BP-Chef Bob Dudley muss dazu die Trennung von Firmenteilen vorantreiben, damit der Konzern den milliardenschweren Ölpest-Verpflichtungen nachkommen kann. Angekündigt hat BP bereits, bis Ende 2011 Vermögenswerte im Volumen von bis zu 30 Milliarden Dollar zu verkaufen.

Mittendrin ist dabei die deutsche Aral-Kette, die BP gehört. Aral ist mit 2500 Tankstellen Marktführer in Deutschland und insbesondere mit ihren Tankstellen-Shops sehr erfolgreich. Über den Verkauf von Aral wird jetzt spekuliertberichtet. Auf gut zwei Milliarden Euro taxieren die Fachleute den Wert von Aral.

An Aral interessiert sind der französische Ölkonzern Total, der Tankstellenverbund Avia sowie vor allem der russische Ölkonzern Rosneft (Firmenlogo rechts), meldet das Magazin „Wirtschaftswoche“ unter Berufung auf beteiligte Investmentbanker. Die „Wirtschaftswoche“ weiß darüber hinaus, dass Interessent Rosneft außerdem   die beiden deutschen BP-Raffinerien  kaufen will. Dies betrifft Lingen. Die Erdölraffinerie Emsland ist eine der beiden.

Schon im Frühsommer wurde bekannt, dass Rosneft seine Chancen auf dem deutschen Markt prüft. Rosneft will ganz offenkundig ins westeuropäische Endkundengeschäft und Aral mit Benzin beliefern, das aus russischem Erdöl eigener Produktion gewonnen wird. Aus diesem Grund ist für die Russen, die bislang nur zwei Raffinerien in Russland betreiben,  auch ein Erwerb der beiden BP-Raffinerien in NRW und Niedersachsen interessant. Und die liegen bekanntlich in Gelsenkirchen und hier bei uns in Lingen.

Eine BP-Sprecherin bezeichnete zwar am Sonntag den Bericht gegenüber dem Online-Portal „Der Westen“ als „reine Spekulation“. Aber solche Dementis sagen bekanntlich nichts anderes als „Stimmt! Aber wir dürfen/wollen jetzt noch nichts sagen!“

Also rückt das staatliche russische Energieunternehmen Rosneft in den regionalen Mittelpunkt. Denn es sieht ganz so aus, als ob das Ölleck im Gold von Mexico, das am morgigen Dienstag einmal mehr geschlossen werden soll,  jetzt einen neuen Eigentümer der Erdölraffinerie Emsland produziert. Rosneft, Hauptsponsor (TuS Lingen, bitte Obacht geben)  der Olympischen Winterspiele von Sotschi , hat allerdings kein besonders gutes Renomee. Über den 50-Milliarden-Dollar-Konzern gelang es 2004 dem russischen Staat, die Kontrolle über den größten Teil des privaten  Jukos-Konzern zu übernehmen, dessen ehemaliger Chef Michail Chodorkowski dann wegen angeblicher Steuerschulden in einem unfairen, konstruierten Gerichtsverfahren zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Rosneft ersteigerte die Produktionsgesellschaft Juganskneftegas, die wichtigste Jukos-Tochter, weit unter Wert für sieben Milliarden Euro (9,4 Milliarden US-Dollar), nachdem russische Finanzbehörden Jukos mit Steuernachforderungen von rund 28 Milliarden US-Dollar zum Verkauf gezwungen hatten.

Ungeachtet dessen verspricht die strategische Ausrichtung des russischen Konzerns allemal für die moderne Lingener Erdölraffinerie (Foto rechts; © dendroaspis2008, flickr.com )eine sicherere Zukunft und entsprechende Arbeitsplätze als bei der krisengeschüttelten BP.

Nachtrag:
Bevor jemand meint, Total sei gegenüber Rosneft die bessere Adresse: Da gibt es dies (mehr) und dies an Schäbigem.