Bürgerschützenball

10. November 2013

JochenBerkeDa hätte nicht nur ich deutlich mehr Geschichtsbewusstsein erwartet. Doch bevor ich mich darüber erzürne, dass in diesem Jahr der Lingener Bürgerschützenball (heißt inzwischen Winterball) tatsächlich gestern -also am 9. November- stattfand, hier aus Joachim Berkes (Foto re.) aktuellem Taschenbuch über Alte Geschichten aus Lingen: Erzählungen
>Alte Geschichten aus Lingen“ (s)ein Blick gut 50 Jahre zurück auf das Ballereignis der Lingener Regionalliga:

„Bürgerschützenball
Wir waren dabei!

Endlich war es soweit, das Fest der Bürgerschützen begann zu Pfingsten 1962. In diesem Jahr waren wieder einmal die Schützen dran, die verheirateten Männer, oft Väter der Kivelinge. Die Junggesellen, die Jugend, auch die sich dafür hielten, feierten alle drei Jahre, auch zu Pfingsten, verdrängten in der neueren Zeit sogar die Schützen, deren Fest im Jubel und Trubel der Kivelinge unterging. Alles bekannt, beschrieben, kommentiert, dokumentiert, archiviert das Werden und Sein des Bürgerschützenverein von 1838 e.V., auch der Bürgersöhne-Aufzug Die Kivelinge e.V. von 1372. Der Königsball der Bürgerschützen fand am Pfingstmontag statt, wir waren eingeladen!

Wir waren Tante Grete, Onkel Clemens aus Münster und meine Frau Gisela und ich. Schützenkönig war der Bauunternehmer Rudolf Otten, genannt Rudi, der Frau Anneliese Koop, geborene Hinsken, zu seiner Königin erkoren hatte. Wegen unserer verwandtschaftlichen Verbindungen zur Throninhaberin durften wir am Fest teilnehmen. Diese Ehre war für die Münsteraner nicht so sehr außergewöhnlich, da Grete die Schwester der Königin war. Gisela war die Cousine von Anneliese, also eine weitläufigere Blutsverbindung, obwohl sie mit beiden Schwestern zusammen aufgewachsen war. Für mich, der Vertriebene aus der Grafschaft Glatz, dem Habenichts, eine etwas unsichere Situation. Noch nie hatte ich einen derartigen Zugang zu den ersten Gesellschaftskreisen unserer Stadt. Nun, ich hatte meine Gisela geheiratet und musste also mit.

Wir fieberten und zitterten dem großen Ereignis entgegen. Gisela schien das alles sehr kühl zu verkraften, ich hingegen wurde zunehmend unruhiger. In der Woche vor dem Pfingstfest begannen unsere Vorbereitungen. Langes Ballkleid und Anzug kaufen, die vermeintlich notwendigen Utensilien besorgen, den Schmuck liehen wir uns von Helga Wisniewsky und ich stöhnte, zwar nur innerlich, was das doch alles kosten würde! Unsere Nachbarin Frau Hollmann versprach, auf die Kinder aufzupassen und nachdem wir uns schon am Montagnachmittag aufgebrezelt hatten, fuhren wir mit einer Taxe von Twiehaus gegen 19 Uhr von der Reichenbacher Straße zur Wilhelmshöhe.

Die Münsteraner erwarteten uns schon auf der Terrasse des Festlokals. Hier herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Die Damen in langer Abendgardarobe, die Herren in ihrem Schützenuniformen, in grünen Jacken und mit grünen Mützen. Einer fiel auf, er trug eine helle Sommerhose, alle anderen schwarze Beinkleider. Ich vermutete, dass er zu wenig Geld hatte, sich eine festliche Schwarze zuzulegen, doch meine liebe Frau meinte, dass er diese sicher nicht anziehen konnte, da er sie am Kommerzabend voll gekotzt habe. Vielleicht stimmte das so, wir aber beendeten unsere Beobachtungen und drängten uns mit Grete und Clemens durch die Wartenden in den festlich geschmückten Saal.

Der Raum war voll, lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, bläulich-weiße Rauchschwaden schwebten über dem Feiernden, ehrlich, ich dachte an das Fegefeuer. Links und rechts des Einganges standen Kontrolleure, Eintrittskartenabreisser, daneben eine junge, sehr attraktiver Dame im Abendkleid. Diese schlank Gewachsene begrüßte uns mit Namen, die auf unseren Ehrenkarten standen und führte uns Vier zu einem reservierten Tisch auf dem erhöhten Teil des Saales. Eine etwas beruhigte Ecke, doch mit einer sehr guten Sicht in das Geschehen. Vor der Theaterbühne des Saales stand eine große Tafel für die Majestäten und ihrem Throngefolge. Dort schien eine tolle, ausgelassene Stimmung zu herrschen. Clemens und ich winkten stehend der Königin zu und wir bildeten uns ein, dass sie uns gesehen hat, denn ein Lächeln überzog ihr Gesicht.

Es war laut, sehr laut im Raum, in der linken Ecke vom Thron aus gesehen, hatten die Musikanten vom nachmittäglichem Stadtmarsch ihre Plätze, rechts vom Königspaar spielte eine mittelgroße Tanzkapelle. Die Spieler lösten sich ab, von links erklangen Schützenlieder, wie Grün ist die Heide, die Heide ist Grün oder Sah ein Knab‘ ein Röslein steh’n, die Rechten spielten schwungvolle Tanzmusik, Walzer, Polka, Tango und später dann auch einmal einen Foxtrott. Es war wirklich ein Heidenlärm in der Bude, machten die Marschkapelle oder die Tanzband einmal eine kurze Pause, brüllte meist eine Gruppe der Festteilnehmer mit gewaltigem Getöse ihr Hussa, Hussa, Hussassassa und einmal plärrte eine bierselige Stimme zusätzlich Horridoh, Horridoh und noch einmal, leiser werdend, das dritte Horridoh in die Gegend. Zwischen dem Lärm, den Rauchschwaden der Zigaretten und Zigarren, zwischen dem Schweiß und dem Geruch der Feiernden eilten Kellner und Kellnerinnen beladen mit Tabletts voller Getränke oder nur mit voll geschriebenen Auftragszetteln hin und her. Hier war echt was los!

An unserem Tisch hatte Tante Grete ein etwas mokantes Gesicht aufgesetzt, sie war als feine Dame in unserer Verwandtschaft bekannt. In einer musikalischen Pause, für eine kurzen Moment, konnte man sich unterhalten, sprach sie zu meiner Frau: „Was für ein Volk!“ Gisela zog daraufhin pflichtmäßig eine Grimasse, Clemens aber hob das Glas mit Moselwein, den wir nach langer Warterei endlich erkalten hatte, und sagte nur: „Prost!“ Ich Doofmann hatte einen großen Schluck, so wie ein durstiger Biertrinker, genommen und bekam prompt einen Hustenanfall. Unsere beiden Damen, sie nippten nur an ihren Gläsern, verzogen ihre süßen Mündchen und fast gleichzeitig stellten sie fest: „Der ist aber sauer!“ Im Saal drehten sich die Paare im Walzerschritt. Dicht an dicht walzte die Menge rund um die in der Mitte frei gelassen Fläche. Wir, von unserem Tisch, sahen…“

[Fürs Weiterlesen -vor allem auch über Frau L. aus L-: Alte Geschichten aus Lingen“ Erzählungen von Joachim Berke, ISBN 978-3-7322-5387-6; im gut sortierten lokalen Buchhandel sofort erhältlich]