Schönes Lünne 10

19. Januar 2012

Niemand wird glauben, dass das Fracking-Projekt von ExxonMobil in Lünne vom Tisch ist und damit die Bedrohung der Trinkwasser-Förderung in Bramsche-Munderum. In der Nachbargemeinde Lünne will bekanntlich der Energiekonzern mit Hilfe des umweltfeindlichen, aber unternehmensfreundlichen deutschen Bergrechts Gasvorkommen mit der umstrittenen Frackingmethode fördern, bei der u.a. Chemikalien in gasführende Gesteinsschichten gepresst werden. Gegen die damit verbundenen Risiken wehrt sich die Initiative „Schönes Lünne“ (Foto lks., Kontakt) und verweist auf negative Erfahrungen andernorts. Dazu lese ich diese Pressemitteilung der überörtlichen Aktion „gegen-Gasbohren.de“. Von ExxonMobil in die Welt des Fracking entsandte Wissenschaftler finden die Fracking-Ausiwrkungen im US-amerikanischen Pennsylvania „erschreckend“:

„Vor einem Jahr hat ExxonMobil  eine Millionen Euro in die Hand genommen, um eine Gruppe von Wissenschaftlern feststellen zu lassen, wie Fracking sicher durchgeführt werden kann. Angeführt von Professor Dr. Dietrich Borchardt vom Helmholtz Institut hat die Gruppe bei einem Besuch in den USA nun festgestellt:

“Nach einer Besichtigung von Fracking-Projekten in den USA zeigt sich der von ExxonMobil finanzierte Wissenschaftlerkreis erschrocken.”

Was für die Wissenschaftler scheinbar überraschend kam, verwundert sonst eigentlich niemanden. Weltweit wird über die verheerenden Folgen der Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen in Pennsylvania berichtet. Der Oscar nominierte Dokumentarfilm “Gasland” von Josh Fox beginnt sogar in Pennsylvania. Dr. Manfred Scholle – ehemaliger Geschäftsführer der Gelsenwasser AG – berichtete erst vor wenigen Monaten über die erschreckenden Bilder. Ebenfalls die NRW Landtagsabgeordnete Wibke Brems.

Ein Blick in die Datenbank des Staates Pennsylvania mit Verstößen gegen die Umweltvorschriften bei Gasbohrungen, hätte den Wissenschaftlern vielleicht auch den Schrecken erspart. Die ExxonMobil Tocher XTO ist dort jedes Jahr mit zahlreichen Verstößen zu finden. Unter anderem auch mit Methanaustritten entlang der angeblich dichten Zementierung. ExxonMobil und Prof. Borchardt interpretieren Methan im Grundwasser immer noch als alleiniges Zeichen von oberflächennahem Methan, was sicherlich nicht falsch ist, aber auch nicht widerlegt, dass es zahlreiche Beweise über thermogenes Methan aus der Gasförderung gibt.

Leichtfertig gefährdet der Expertenkreis seine Glaubwürdigkeit mit der Aussage:

“Mit Deutschland vergleichbar sei die Situation in Pennsylvania aber nicht. Das deutsche Rechtssystem biete gute Voraussetzung für eine konsequente Vermeidung von Risiken für das Grund- und das Trinkwasser oder auch aufgrund von Unfällen auf dem Bohrplatz.”

Das deutsche Rechtssystem hat auch keinerlei Schutz vor den Benzolkontaminierungen in Söhlingen, Hengstlage und Völkersen geboten. “Gute Voraussetzungen” alleine sind nicht ausreichend. Der volle Umfang der Kontaminierungen ist noch nicht einmal bekannt. Von den ersten auffällig gewordenen Schäden bis zur Stilllegung des Netzens vergingen 4 Jahre.

Die folgende Grafik zeigt, wie dicht die Gasbohrungen bereits jetzt im Gebiet um Rotenburg liegen. Dort werden konventionelle Gasvorkommen gefördert. Unkonventionelle Gasvorkommen benötigen ein Vielfaches an Bohrungen. Selbst, wenn inzwischen bis zu 8 von nur einem Bohrplatz ausgehen können, müssen immer noch ganze Gebiete aufgebrochen und mit Frack-Flüssigkeit durchspült werden. Die Schätzungen über die Anzahl der Bohrungen in den USA, Australien, in Kanada, in Großbritannien, in den Niederlanden und in Polen sind frei verfügbar. Sie gehen in die hunderte pro Jahr. Zehntausende sind für die nächsten Jahrzehnte geplant. Warum es in Deutschland anders sein sollte, hat bisher noch niemand erklären können.

Aber das Team um Prof. Borchardt soll ja die Sicherheit von Fracking nachweisen und nicht die Risiken der unkonventionellen Gasförderung. Das bereits vor Ende der “Studie” nicht nachvollziehbare Behauptungen aufgestellt werden, lässt für das Peer-Review nichts Gutes ahnen.“

Gasfoerderung in Rotenburg - Bohrungen bereits jetzt in geringen Abständen

Quellen: Der Westen, Gegen-Gasbohren.de, Foto: (c) IG Schönes Lünne)

Unkonventionell

6. November 2010

Erdgasbohrung90 Prozent der konventionellen Erdgas-Vorräte in Deutschland liegen in Niedersachsen. Das deutsche Erdgas versorgt rund zehn Millionen Haushalte. Doch die konventionellen Vorräte werden in 20 bis 30 Jahren erschöpft sein. Mit der Erschließung so genannter unkonventioneller Gas-Vorräte könnte sich die Verfügbarkeit des fossilen Brennstoffs um 30 bis 50 Jahre verlängern, sagen die Energiekonzerne.  Bei den zusätzlichen, im Niedersächsischen Becken vermuteten Vorkommen, das auch Teile von Nordrhein-Westfalen umfasst, handelt es sich um solches unkonventionelles Gas. Dieses befindet sich z.B. in besonders kleinporigem Gestein oder ist an kohlehaltiges Gestein gebunden und lagert in abgeschotteten Zwischenräumen. Konventionelle Fördermethoden können deshalb nicht verwendet werden. Nur mit dem so genannten Fracking können die Gasvorkommen zutage gefördert werden. Dazu wird eine Lösung aus Wasser, Sand und Chemikalien in die Gas enthaltenen Gesteinsschichten gepumpt. Dies erzeugt kleine Risse im Gestein, wodurch das Gas frei wird und nach oben gepumpt werden kann.

Der weltgrößte Erdöl- und Erdgaskonzern Exxon Mobil will für die anstehende Gassuche allein in Niedersachsen  einen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Er verfügt mit Hilfe des texanischen Unternehmens Baker  Hughes über die notwendige Technik; Baker Hughes hat seinen Deutschland-Sitz in Celle und versteht sich beispielsweise auch auf „Schrägbohrungen“. So sollen schadlos auch Gasvorkommen unter Naturschutzgebieten angezapft werden können. In den USA sind in den letzten Jahren bereits rund 6000 neue Erdgasquellen entstanden.

Schon vor zwei Jahren hat Exxon nahe Damme  eine Probebohrung bis auf 1500m Tiefe niederbringen lassen und dabei nach jetzt veröffentlichten Informationen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ 12.000.000 Liter Flüssigkeit in den Boden gepumpt (= 12.000 Kubikmeter). Das Problem dabei: Die Flüssigkeit ist mit hochgiftigen Chemikalien versetzt, die -so Exxon Mobil beschwichtigend- nur 0,2 Prozent ausmachen. Unter anderem handelt es sich dabei um Tetramethylammoniumchloride, Magnesiumchloride und Ethoxylated octylphenol. Das sind aber sämtlich Bestandteile, die weltweit bei ähnlichen Bohrungen üblich und den Genehmigungsbehörden bekannt seien, sagt Exxon.

Beim Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV)  betrachtet man das Geschehen mit Sorge. OOWV-Sprecher Lutz Timmermann zur Nord-West-Zeitung: „Wir beobachten die Bohrungen insbesondere in der Nähe von Damme mit Interesse, weil eines unserer Wasserwerke in der Nähe liegt. Wir schließen uns Bedenken schon aus Vorsorgegründen an, denn wir können nicht mit dem Lebensmittel Nummer eins, dem Trinkwasser, spielen.“ Der OOWV stehe im Kontakt mit dem Bergamt Meppen.

Exxon Mobil, dem unter anderem die Tankstellenmarke Esso gehört, beteuert allerdings, dass keine Gefahr für das Trinkwasser besteht. Schon wegen der hierzulande notwendigen Bohrtiefe von deutlich mehr als 1 Kilometer; Grundwasser wird aus rund 200m gefördert.  Umweltschützer verweisen allerdings auf die USA, wo nach entsprechenden Arbeiten bereits Gase im Trinkwasser gefunden wurden. Sie sollen aus brüchigen Bohrrohren stammen. Außerdem können die Millionen Liter Flüssigkeit nicht wieder komplett aus der Tiefe gesaugt werden können. Exxon bestätigt, dass nach der Bohrung in Niedersachsen bisher nur etwa 30 Prozent des Gemisches entsorgt werden konnten.

In Niedersachsen sucht Exxon Mobil aktuell u.a. bei Sulingen und bei Stadthagen nach Schiefergas. Kohleflözgas lockt die Firma in Bad Laer und bei Osnabrück. Aufschlussreich für Emsländer ist vor allem ein parallel der Grenze zu den Niederlanden verlaufender Streifen von etwa 100km, der nach Angaben von Exxon Mobil für die Vorhaben besonders interessant sind. In ganz Deutschland will soll immerhin an 100 Stellen in Deutschland gebohrt werden.

Das in Niedersachsen letztlich zuständige Landesbergamt in Clausthal-Zellerfeld dürfte dabei kaum das Problem sein; Spötter sagen schon lange, es reiche bei dieser Behörde für eine Genehmigung meist aus, die Briefe mit dem alten Bergmannsgruß „Glückauf!“ zu unterzeichnen. Aber die Politik ist jetzt aufmerksam geworden: Bündnis’90/Die Grünen befassten sich vor einer Woche in Berlin ausführlich mit den offenen Fragen. Auch Detlef Tanke, stellvertretender Vorsitzender und umweltpolitischer Sprecher der niedersächsischen SPD-Landtagsfraktion, äußerte in dieser Woche Zweifel an dem Verfahren: „Angesichts der Tatsache, dass Tausende Liter hochgiftiger Chemikalien bereits in den niedersächsischen Boden gepresst worden sind, werden wir so schnell wie möglich für die nächste Sitzung des Umweltausschusses des Landtages eine Unterrichtung verlangen.“ Tanke will insbesondere der Frage nachgehen, ob diese Fördertechnik vom niedersächsischen Landesbergamt in Clausthal-Zellerfeld ausreichend geprüft worden ist.

Vor allem haben die Bohrer izwischen mit zunehmenden Protesten von Anwohnern zu rechnen. Als beispielsweise Exxon Mobil zuletzt Ende September 2010 verkündete, das in der Bauernschaft Scheddebrock im westfälischen Nordwalde (Kreis Steinfurt) eine Probebohrung nach unkonventionellem Gas durchgeführt werden soll. Mathias Elshoff,  Sprecher der daraufhin gegründetenInteressengemeinschaft gegen Gasbohrungen in Nordwalde“ befürchtet noch andere Risiken: In der Tiefe „können natürliche, radioaktive Stoffe sein, die auch wasserlöslich sind und wenn man da mit einer großen Menge an Wasser ausspült, ist nicht ausgeschlossen, dass dieses Wasser an die Oberfläche kommt“, sagte er dem Deutschlandfunk.

NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) beziffert übrigens die erwarteten Gasmengen in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Wibke Brems (Gütersloh; Bild lks.  © wikipedia.de, CC) auf bis zu 2100 Kubikkilometer – allein in NRW. Das ist beeindruckend. Zum Vergleich: „Der Gasinhalt des größten europäischen Erdgasvorkommens im niederländischen Groningen betrug circa 2850 Kubikkilometer“, heißt es in dem Schreiben.

Das 1959 entdeckte Groningen-Feld bescherte den Niederlanden einen Jahrzehnte anhaltenden Energieboom und weitgehende Autarkie in der Gasversorgung. Deutschland könnte mit den erhofften Reserven seine Importquote verringern – sie liegt derzeit bei 85 Prozent. Die Chancen dafür steigen, seitdem sich neue Technologien zur Erdgasgewinnung aus schwierigen Lagerstätten wie Tongestein oder Schiefer in den USA bewährt haben. Dank des breiten Einsatzes dieser Technologien hat sich nämlich die Förderung der unkonventionellen Gasreserven drastisch verbilligt.

(Foto:  ©  flickr Travel Aficionado CC)