Rathenau

24. Juni 2022

Heute vor 100 Jahren, am 24. Juni 1922, wurde Walther Rathenau, Reichsaußenminister der Weimarer Republik, auf offener Straße in Berlin-Grunewald ermordet. Kein anderes Ereignis hat die erste deutsche Republik stärker erschüttert als die Serie von Anschlägen von 1921/1922, die gegen Rathenau und den früheren Reichsfinanzminister Matthias Erzberger, gegen den ersten deutschen Ministerpräsidenten Philipp Scheidemann und schließlich auch gegen den Publizisten Maximilian Harden verübt wurden.

Am 21. August 1921 erschossen zwei  Rechtsextremisten den früheren Finanzminister Matthias Erzberger bei einem Spaziergang. Sein angebliches „Verbrechen“? Erzberger hatte am 11. November 1918 den Waffenstillstand mit den deutschen Kriegsgegnern unterzeichnet.

Im Juni dann wollten rechte Attentäter Philipp Scheidemann mittels Blausäure umbringen. Nur weil er sich mit einer Waffe wehrte, blieb der sozialdemokratische Politiker verschont. Der Grund für das Attentat: Scheidemann hatte am 9. November 1918 die deutsche Republik ausgerufen.

Erzberger, Scheidemann und schließlich Rathenau: Bei jeder dieser Taten zeichneten Mitglieder der Geheimorganisation „Consul“ verantwortlich. Die rechte Terrorgruppe war von Hermann Ehrhardt begründet worden, früher Offizier der Kaiserlichen Marine, der bereits 1920 die Demokratie im sogenannten Kapp-Putsch hatte beseitigen wollen. Vergeblich, anschließend verlegten sich Ehrhardt und Kumpanen auf Attentate. 

Das Mordopfer, der  1867 geborene Rathenau war ein Mann mit vielen Begabungen. Als Industrieller arbeitete er daran, die von seinem Vater begründete Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) zu einem Wirtschaftsgiganten zu formen. In philosophischen Schriften reflektierte er über Menschheit und Kultur. Daneben war er Liberaler und Nationalist zugleich. Letzteres bewegte ihn seit Kriegsbeginn 1914 dazu, sein Organisationstalent in den Dienst der deutschen Kriegswirtschaft zu stellen.
Walther Rathenau wurde nach der Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg zum bemerkenswerten Streiter für die Weimarer Demokratie.  „Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverfluchte Judensau“ – mit diesem Reim hatten vor dem Mordanschlag zuvor Rechtsextremisten und Demokratiefeinde in ganz Deutschland den Tod des Außenministers herbeigebrüllt. Warum? Weil Rathenau für das stand, was sie verachteten: die Weimarer Republik. Der schon von den Zeitgenossen verdächtigten rechten Täterorganisation „Consul“ konnte und wollte die auf dem rechten Auge blinde deutsche Justiz keine Schuld nachweisen. Tatsächlich hatte „O.C.“ aber alle Fäden in der Hand gehabt. Ihre Mitglieder Erwin Kern, 23, Student, und der 26jährige Maschinenbauingenieur Hermann Fischer führten den Mord an Walther Rathenau gemeinsam aus.
Als deutschem Juden war Rathenau der antisemitische Hass aller Rechten sicher.
Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918, der als Demütigung empfundene Friedensvertrag von Versailles ein Jahr später – in der verqueren Weltsicht der Rechten waren Juden an allem schuld. Es ist tragisch, dass Rathenaus Mörder in ihrem verblendetem Hass ausgerechnet den Mann umbrachten, der Deutschlands größte Hoffnung hätte sein können.

„Auch heute ist es wichtig“, sagte am Abend der ehemalige und letzte Außenminister der DDR Markus Meckel, „Walther Rathenau in Erinnerung zu halten.“ Und er setzte hinzu: „Auch heute steht der Feind unserer Demokratie rechts.“
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Foto oben: Walter Rathenau 1921, Bundesarchiv, Bild 183-L40010 / CC-BY-SA 3.0
Foto unten: Gedenkstein für Walther Rathenau, Berlin Königsallee/Erdener Straße von Peter KuleyEigenes Werk BCC BY-SA 3.0
Text. SPON, t-online, FR,

Krisen und Krawalle

4. März 2019

Lingen in den 20er Jahren
Krisen und Krawalle
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstr. 28a
Mittwoch, 6. März – 16.00 und 19.30 Uhr

Eintritt: 5 € (Mitglieder des Heimnatvereins 3 €)

Um die Lingener Zeitgeschichte in den 20er-Jahren geht es beim nächsten „Mittwoch im Museum“ im Lingener Emslandmuseum. Im Mittelpunkt stehen dabei die lokalen Ereignisse zur Zeit der „Weimarer Republik“ . Wirtschaftskrisen und politische Radikalisierung überschatteten die junge Demokratie, deren Erfolge doch eigentlich unübersehbar waren. Verblüffend sind dabei manche Parallelen zur heutigen Situation. Zu der etwa einstündigen Präsentation laden das Emslandmuseum und der Heimatverein alle Interessierten ein.

Als der spätere Schriftsteller Erich Maria Remarque 1919 als Junglehrer nach Lohne in den damaligen Landkreis Lingen versetzt wird, hat die neue Republik in Deutschland erste Erfolge vorzugweisen: Wahlrecht für alle Frauen und Männer, eine moderne Verfassung mit gleichen Rechten für alle sowie erste Sozialprogramme für die vom Krieg geschundene Bevölkerung. Doch mit dem Zusammenbruch der Kriegswirtschaft und der daraus resultierenden Hyperinflation des Jahres 1923 werden alle Ansätze zu einer ökonomischen Wiederbelebung zunichte gemacht. Breite Bevölkerungsschichten verarmen, darunter die Lingener Eisenbahner und viele Gewerbetreibende in der Stadt. Auch in Lingen kommt es zu Massenstreiks. Wichtige Strukturmaßnahmen verzögern sich – erst 1925 erhielt Lingen Anschluss an das Elektrizitätsnetz der VEW.

Als sich die wirtschaftliche Lage allmählich erholte, nimmt auch das gesellschaftliche Leben wieder Fahrt auf. 1927 bereitet sich Lingen auf die 600-Jahrfeier vor, doch ein Wirbelsturm mit großen Verwüstungen im Stadtzentrum lässt die Feststimmung buchstäblich im Winde verwehen. Die Feier wird auf das Folgejahr verlegt, und die Kivelinge organisieren hierzu eine große Heimatschau. Mit dem Erlös des Festes finanziert die Stadt den Bau einer Jugendherberge. Bau- und Siedlungsprogramme schaffen Wohnraum für Familien im Stadtgebiet. Ein blühendes Vereinsleben sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen bringen einen Hauch der „goldenen 20er-Jahre“ auch nach Lingen.

Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise überschattet bald alle Errungenschaften der jungen Demokratie. Das politische Leben wird immer mehr durch radikale Kräfte bestimmt und Anfang der 1930er Jahre zeichnet der Weg in die Katastrophe des Nationalsozialismus sich auch in Lingen immer deutlicher ab.

Rund 60 Minuten lang präsentiert Dr. Andreas Eiynck Bilder und Dokumente aus dieser Zeit in Lingen und vermittelt ein anschauliches Bild der damaligen Ereignisse. Hierzu laden das Emslandmuseum und der Heimatverein ein.


(Quelle Text und Foto: Eingang zur Wilhelmshöhe bei der 600-Jahrfeier der Stadt Lingen (Ems) 1928)