Walter Kellner

10. Mai 2012

Vor zwei Monaten ehrte die Stadt Lingen ihren ältesten aktiven Sportler noch einmal besonders. In der letzten Nacht aber ist der Dachdeckermeister Walter Kellner im Alter von 93 Jahren verstorben. Sanft entschlafen, höre ich und denke zurück an viele Begegnungen mit ihm, auf den Sportplätzen, bei Lingener Veranstaltungen und bei Ehrungen. Oder 1995 im Krankenhaus in Buffalo (New York), als er sich bei den Seniorenweltmeisterschaften doch etwas zu viel zugemutet hatte. Der VfL Lingen hat ein treues Mitglied, unsere Stadt einen verdienten Mann verloren.

Stadtrat Ralf Büring sagte auf dem Sportehrentag am 9. März über Walter Kellner :

„Als Besonderheit des diesjährigen Sportehrentages wollen wir heute auch eine Person ehren, die sich in ganz besonderer Art und Weise durch ihre sportlichen Leistungen auszeichnet. Eine Person, die bereits seit über vier Jahrzehnten im VfL Lingen aktiv ist und als ältester aktiver Leichtathlet des gesamten Emslandes gilt. Die Rede ist von Walter Kellner. Er ist vom VfL Lingen für eine besondere Würdigung seiner sportlichen Erfolge gerade im Alter vorgeschlagen worden. Diesem Vorschlag kommen wir sehr gerne nach!

Verehrter Herr Kellner, wer Ihnen begegnet, mag kaum glauben, dass Sie in diesem Jahr bereits 94 Jahre alt werden. Wer dann hört, dass Sie auch in diesem hohen Alter noch immer regelmäßig an Leichtathletik-Wettkämpfen teilnehmen, ist im ersten Moment sprachlos – sprachlos vor Bewunderung. Ein Blick in die Landesbestenliste 2011 zeigt, dass Sie tatsächlich der älteste aktive Leichtathlet des Emslandes sind. Darauf können Sie stolz sein!

Die Liebe zum Sport ist Ihnen gewissermaßen in die Wiege gelegt – schließlich war Ihr Vater lange Jahre Übungsleiter beim MTV Lingen. Doch obwohl Ihr Vater sportlich engagiert war, haben Sie in Ihrer Schul- und Ausbildungszeit selbst zunächst nur wenig Sport betrieben. Erst bei der Luftwaffe haben Sie dann die Leichtathletik als „Ihren“ Sport entdeckt.

An der Luftwaffenschule in München lernten Sie viele berühmte Sportler kennen und haben zusammen mit ihnen trainiert. Zeitweilig starteten Sie auch für einen Verein in Hamburg-Wandsbeck. Ihre Disziplinen: 100 Meter Lauf, Weitsprung und die vier Mal 100 Meter Staffel.

Während des Zweiten Weltkrieges gerieten Sie schon früh in Kriegsgefangenschaft und wurden in ein Kriegsgefangenenlager nach Kanada gebracht. Doch auch während Ihrer Zeit in Gefangenschaft haben Sie viel Sport getrieben. Sie haben Handball gespielt und sogar Fußball mit dem späteren Trainer des 1. FC Nürnberg Herbert Widmayer. Und auch Ihrer Leidenschaft für die Leichtathletik konnte die Gefangenschaft nichts anhaben. Sie waren im Lager sogar einer der besten im Dreikampf.

Nach einer längeren Sportpause haben Sie, lieber Herr Kellner, sich dann mit Beginn der 70er Jahre wieder sportlich betätigt – und das bis zum heutigen Tage. Obwohl Sie beruflich als Inhaber einer Dachdeckerfirma sehr eingespannt waren und später auch von 1981 bis 1986 dem Stadtrat angehörten, widmeten Sie sich voller Enthusiasmus und sehr intensiv der Leichtathletik. Als Mitglied des VfL Lingen haben Sie erfolgreich zahlreiche Wettkämpfe auf nationaler und internationaler Ebene bestritten. Ihr wichtigster Trainingspartner war dabei der sehr erfolgreiche Seniorensportler Ernst Korte aus Lingen, mit dem Sie sogar zusammen an Europa- und Weltmeisterschaften für Senioren teilgenommen haben.

Und auch in den letzten Jahren haben Sie es sich nicht nehmen lassen, regelmäßig am Kugelstoßen oder Diskuswerfen bei Seniorensportfesten und -Meisterschaften in Niedersachsen teilzunehmen. Dabei mussten Sie allerdings meist gegen ein weitaus jüngeres Teilnehmerfeld antreten, da Sie mit großem Abstand der älteste Teilnehmer am Wettbewerb waren.

Und gerade das macht Sie, verehrter Herr Kellner, einzigartig. Ihre sportlichen Leistungen, die Sie auch mit 93 Jahren an den Tag legen, sind bewundernswert. Immer wieder aufs Neue beweisen Sie uns und sich selbst, dass Sport keine Frag des Alters ist! Sie, verehrter Herr Kellner, sind dadurch ein Vorbild für all unsere Sportlerinnen und Sportler.

Ihre besonderen sportlichen Leistungen im Alter möchte ich nun würdigen und Ihnen als Zeichen unserer Anerkennung für Ihre Leistungen eine Ehrenurkunde und eine Ehrenmedaille überreichen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch weiterhin gesund bleiben und noch viele Jahre lang Ihre Leidenschaft für die Leichtathletik nachgehen können!“

Dem möchte ich nur hinzufügen, dass Walter Kellner zwei Tage vor seinem Tod noch im Emslandstadion trainierte mit dem Ziel, seine letztjährige Diskus-Bestleistung von 13,13m in diesem Jahr deutlich zu verbessern. Mit den 10,26m. die er vor etwas mehr als drei Wochen in Groß Hesepe geworfen hatte, war er nämlich gar nicht zufrieden. Tschüss, Walter!

(Foto: © Stadt Lingen)