Bernard

18. Januar 2021

Noch dies:

Bernard Grunberg, den am Samstagnachmittag in seiner englischen Heimatstadt Derby an CoViD-19 verstorbenen Lingener Ehrenbürger, habe ich als sehr bescheidenen, leisen Menschen in Erinnerung. Gerade deshalb verkörperte eine so starke Würde, die ihm selbst nicht abhandenkam, wenn ihn Einzelne für ihre ausgesprochen oberflächlichen Zwecke zu vereinnahmen suchten.

Der stellv. Vorsitzende des Forum Juden-Christen Dr. Walter Höltermann sagte am Sonntag:

Die Mitteilung über den Tod von Bernhard Grünberg hat mich sehr traurig gestimmt,  zumal er uns seit gestern aus der Lingener Tagespost noch mit seinem etwas schelmischen Lächeln grüßt.  Es ist wohl so, wie es Karl Jaspers an Hannah Arendt nach dem Tod deren Mutter geschrieben hat: „Es ist zwar Gang der Natur, dass die Alten sterben. Aber es ist doch ein Anderswerden, wenn die Mutter nicht mehr ist, und der Schmerz tief, wenn auch nicht zerreißend.

Forum-Ehrenpräsident Dr. Heribert Lange schrieb tags zuvor: „Ich bin betroffen und traurig über den Tod eines guten Freundes.

Und Anne-Dore Jakob, eine große Engagierte für die Erinnerung, sagte: „Auch wenn die Sorge um ihn zuletzt groß war, kam die heutige Nachricht doch überraschend. Wir denken an den Verstorbenen und werden Bernhard Grünberg, unseren ältesten Freund, nicht vergessen.“

Erinnernd an den unvergessenen Benno Vocks, der am 21. Februar letzten Jahres verstarb,  schickte Anne-Dore Jakob dazu eine Abschrift des Kapitels „Bernard-Grünberg-Straße“ aus dessen Buch* „Lingen wegweisend – 99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)“:

Bernard-Grünberg-Straße 

Bernard Grünberg verlebt mit seinen Eltern Bendix und Marianne, geb. Valk, und seiner Schwester Gerda zunächst eine sorgenfreie Jugend in der Georgstraße gegenüber dem Gefängnis. Er kommunizierte sogar mit den Strafgefangenen, indem er häufig mit einem Spiegel zu den Strafgefangenen herüberblinzelte. Mit zehn Jahren besuchte er das Gymnasium Georgianum. Dort wurde er nach der Machtergreifung als Jude von seinen Mitschülern angefeindet: „Nur gut, dass ich ein schneller Läufer war und mich so in Sicherheit bringen konnte.“ Als die Attacken zu heftig wurden, ließ ihn sein Vater bei der Umschichtungsstelle in Berlin anmelden. Hier sollten jüdische Jugendliche eine Ausbildung erfahren, um später nach Israel auswandern zu können. In Berlin-Pankow-Niederschönhausen erhielten im Jahre 2014 die Betreiber dieser Umschichtungsstelle, Selma und Paul Latte, die selbst in der Shoa ermordet wurden, einen Straßennamen.
Ein Kindertransport brachte Bernard Ende 1938 ins sichere England. Bei der Fahrt von Berlin begleitete ihn überraschend sein Vater auf der Eisenbahnfahrt von Rheine bis Bentheim. Hier sahen sich beide zum letzten Male. Tags zuvor war Bernards Vater aus dem KZ Buchenwald zurückgekehrt. Dieser 15-jährige Junge war nun ganz allein auf sich gestellt in England. Aber er lebte, während seine Eltern und seine Schwester in Riga und Stutthof ermordet wurden. Zunächst in der Landwirtschaft als Farmer, dann als Lastwagenfahrer und Kfz-Mechaniker ging Bernard Grünberg seinen beruflichen Weg.
Im Jahre 1947 heiratete er seine Frau Daisy. Lange sträubte sich Bernard Grünberg, wieder mit der Stadt Lingen Kontakt aufzunehmen. Heute ist er sehr froh über die vielfältigen Beziehungen und auch stolz auf die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Lingen im Jahre 1993. Bis zum letzten Jahr fuhr er als 91-jähriger selbst mit seinem Auto von Derby zu den jährlichen Besuchen nach Lingen.
Hier erfüllt es ihn immer wieder mit Genugtuung, wenn er vor Schülerklassen als Mahner auftreten kann. Sehr vielen Lingener Jungen und Mädchen in Lingen und Umgebung werden die Begegnungen mit ihm unvergesslich sein. Auch in England ist er im Holocaust-Center Beth Sahlom regelmäßig tätig, um sein Wissen und seine Mahnungen weiterzugeben. Er ist so sehr mit Lingen verbunden, dass er sogar seine letzte Ruhestätte in Lingen finden möchte.
Sein Werkzeug aus seiner Berliner Zeit vermachte er dem Forum Juden-Christen. Auch das schmiedeeiserne Tor vor der Gedenkstätte in der Lookenstraße fertigte er selbst an.
Eines kann Bernard Grünberg nicht nach all seine bitteren Lebenserfahrungen: Vergessen und vergeben. Dazu sei er seinen ermordeten Familienangehörigen und allen weiteren sechs Millionen Opfern des Holocausts verpflichtet. Nur mit seinem Klassenkameraden Walter Demann als Wegbegleiter aus seiner Kindheit nahm er wieder persönlichen Kontakt auf.

Zur Erinnerung schickte Anne-Dore Jakob aus ihrem Wohnort in Berlineine Gesprächsnotiz von ihrem letzten Telefonat mit Bernard Grunberg.

Gesprächsnotiz
Anruf v. Bernard Grunberg am 31. Juli 2020
Bernard, inzwischen 97 Jahre, rief am Abend aus Derby/GB an. Er habe unsere Tel. Nr. mehrfach gewählt, bis er eine Verbindung bekam. Er bedankt sich sehr herzlich für das Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das wir ihm zusammen mit Familie Schottmann-Kurz am 27.  als Gruß aus Niederschönhausen geschickt haben.

Durch die Bilder kämen die Erinnerungen zurück! Besonders die Erlebnisse des Brandes im Sommer 1938 in den Werkstätten von Schlosserei und Tischlerei stünden ihm deutlich vor Augen, und er erzählte davon, als wenn sei es gestern gewesen: 

„Wir wurden am Rand des Geländes zusammengetrieben und mussten dem Treiben zusehen, ohne, dass wir etwas tun konnten. Warum man uns in der „Kristallnacht“ vergessen hat, weiß ich nicht.“

Auf das große Eingangstor aus Holz, rot angestrichen, folgte im Inneren noch eine kleinere Tür. Gut erinnere er sich auch an den Schäferhund von Ruth und Poldi Kuh (Bild S. 79), der sich bei ihrer Unterkunft am Ende der kleinen Straße aufgehalten habe, die über das Gelände ging. Manchmal habe er frei herumlaufen dürfen und habe „aufgepasst.“

Das ganze Buch habe er noch nicht gelesen, aber was er bereits erkennen konnte, habe alles seine Richtigkeit. Er warte aber noch auf eine neue Lesebrille! Durch die vielen Bilder, die auch von ihm stammen, werde die Umschichtungsstelle wieder sehr lebendig! Das Lesen deutscher Texte falle ihm nicht schwer, er könne sie gut verstehen.

Er sprach das Schicksal seiner „holländischen“ Verwandten an, Familie Weinberg aus Groningen (Simon und Emma mit ihren Söhnen Leo und Iwan), wo er viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Die Familie seiner Cousine „Lieschen“ beschäftigt ihn ebenso: Elise de Jong, geb. Groenberg lebte mit ihrem Mann Bob (Benjamin de Jong) und ihrem Sohn Herman Nico (Jg. 1941) in Amsterdam. Beide schickten ihm Taschengeld nach England. Bernard sagte: „Herman Nico könnte heute noch am Leben sein.“

Bernard lässt alle herzlich grüßen!“

Wie deutsch selbst sein Tod noch ist, hab ich mir gesagt. Sein Wille war, in Lingen auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße bestattet zu werden. Die Pandemie, di ihm das Leben nahm, macht die letzte Reise diesen großen, kleinen Mannes ausgesprochen schwierig. Aber wir werden es machen, weil wir Bernard Grunberg heimholen müssen.

Weil ich gefragt wurde:
Die Frage, ob der am Samstag verstorbener Lingener Ehrenbürger Bernard oder Bernhard heißt, ist schnell beantwortet. Bernhard Grünberg hat nach Jahrzehnten in England seinen Namen anglifiziert. Seither trug er den Namen Bernard Grunberg.

Uns bleibt die Frage, wie wir an ihn und die Ehrenbürgerin Ruth Foster-Heilbronn künftig dauerhaft und über den von Benno Vocks porträtierten Straßennamen und über die (viel zu) lange nur geplante, längst überfällige Geschichte unserer Stadt in der NS-Diktatur hinaus erinnern. Das ist eine Aufgabe für den Rat der Stadt, derer er sich würdig zu erweisen hat.


* Benno Vocks,
Lingen wegweisend,
99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)
Anno-Verlag, 216 S., 14,95 €
ISBN 3939256315
Erhältlich hier

unbefleckt weiter

20. Juni 2015

Bernhard GrünbergHeute in der Lokalzeitung: Klare und eindeutige Worte, die nach dieser Veröffentlichung vor einer Woche notwendig waren und sind – in einer Debatte, die keineswegs eine „leidige Diskussion“ (Rosemeyer jun.) ist. Einmal mehr zeigt sich das Forum Juden-Christen als die moralische Instanz in unserer Stadt:

„Das Forum Juden-Christen in Lingen hat Bernd Rosemeyer jun. und Heinrich Liesen von der Bernd-Rosemeyer-Stiftung vorgeworfen, den Besuch des jüdischen Ehrenbürgers Bernard Grünberg (Foto lks)  in Lingen für ihre Zwecke instrumentalisiert zu haben.

Grünberg hatte bei einem Treffen letzte Woche gesagt, der 1938 tödlich verunglückte Lingener Rennfahrer Bernd Rosemeyer (Foto unten) sei kein „erster Nazi“ gewesen. Was Rosemeyer und Liesen bei ihrer Zusammenkunft mit Grünberg zustande gebracht hätten, sei aber weder historisch richtig noch entlaste es Bernd Rosemeyer von seiner Verstrickung mit dem NS-System, so das Forum in einer Pressemitteilung.

„Es ist der durchschaubare Versuch, einen trotz seiner Erlebnisse mit der Judenverfolgung menschenfreundlichen alten Mann zu bedrängen und kalkuliert zu instrumentalisieren, um den verehrten Helden Bernd Rosemeyer endlich von seiner Schuld reinwaschen und das eigene Tun unbefleckt weiter betreiben zu können. Das wird nicht gelingen.“

Rosemeyer2_9531_bigRosemeyer sen. möge ein unpolitischer Mensch gewesen sei, bei dem die Sicherung der Karriere im Vordergrund gestanden habe, so das Forum. „Es kann also sein, dass er wirklich kein Nationalsozialist im eigentlichen Verständnis dieser Zuschreibung war. Sicher aber war er durch die von ihm zugelassene Instrumentalisierung ein Kollaborateur des NS-Systems.“ Rosemeyers früher Tod habe ihm allerdings die Möglichkeit genommen, sich anders zu entscheiden.

Das Forum Juden-Christen verweist außerdem darauf, dass es auch keinerlei Berichte darüber gebe, nach denen Rosemeyer beispielsweise den damals noch kleinen zehnjährigen Knirps Bernard Grünberg (ab 1933) vor dem regelmäßigen Verprügeln durch seine Mitschüler bewahrt oder, ihn beschützend, eingegriffen hätte. „Walter Demann war der, der da geholfen hat, damals genauso jung wie Bernard Grünberg“, so das Forum abschließend.“