Hans Calmeyer

2. Juni 2020

In Osnabrück soll ein Friedensinstitut eröffnet werden, das den Namen des ehemaligen Juristen Hans Georg Calmeyer (Foto lks.), einem »Gerechten unter den Völkern«, tragen soll. Eine Gruppe von 200 niederländischen Prominenten, darunter Künstler und Wissenschaftler, möchten nun aber mit einer Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür sorgen, dass das Haus nicht nach der umstrittenen Person benannt wird.  

Der in Osnabrück geborene Calmeyer war ab 1941 in einer sog. Entscheidungsstelle der Wehrmacht in den Niederlanden stationiert, in der er Einspruchsanträge von zu Juden erklärten Personen bearbeitete. Indem er etwa 2.500 „Arier-Gutachten“ akzeptierte, konnte er ebenso viele Menschen vor einer Deportation bewahren. Die Kehrseite: Calmeyer lehnte gleichzeitig auch 1.500 Anträge ab, was zur damaligen Zeit einem Todesurteil gleichkam.

Wegen dieser zwiespältigen Rolle gibt es in Osnabrück gerade eine aktuelle Diskussion über den Juristen Calmeyer. Soll nach ihm die Villa Schlikker am Heger Torwall benannt werden, die in der Zeit des NS-Staates die NSDAP-Zentrale Osnabrücks war und in der ein Friedenszentrum geschaffen werden soll?

Das Wirken Hans Calmeyers und seine Rolle als Teil der Besatzungsmacht in den Niederlanden zwischen 1940 bis 1945 ist also längst nicht nur Inhalt einer geschichtswissenschaftlichen und theologisch-ethischen Kontroverse. Im Rahmen eines Interviews für die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) blickte jetzt der Osnabrücker Rechtsanwalt Thomas Klein (Foto: unten; © Kanzlei für Strafrecht, Osnabrück) auf die Rolle von Calmeyer in Den Haag und zwar aus der Sicht eines Strafverteidigers, der auch kommunalpolitisch tätig ist.

Kleins Resümee: Heute müsste sich Hans Calmeyer vor Gericht verantworten. Ein Gericht, so Kleins Fazit, würde den Osnabrücker angesichts der aktuellen Rechtsprechung wohl der „x-fachen Beihilfe zum Mord“ für schuldig befinden. Der Anwalt mahnt daher bei der Umbenennung der Villa Schlikker „zur Vorsicht“.

„Er beteiligte sich aktiv an der Vernichtung von mindestens 104.000 in den Niederlanden ansässigen Juden. Daher kann man ihn schwerlich ohne Vorbehalt als Helden bezeichnen“, heißt es auch in dem Petitionsschreiben. Hans Knoop, Journalist und Initiator der parallelen niederländischen Aktion fügt an: „Er führte normale Amtsarbeit aus und tat nie etwas außerhalb der Richtlinien, er ist nie in Gefahr gewesen.“

Nichtsdestotrotz honorierte ihn nicht nur der Historiker Leo de Jong vom niederländischen Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidkunde, 1992 war der „Schindler von Osnabrück“ als einer von wenigen Deutschen durch Yad Vashem, posthum auch den Titel  »Gerechter unter den Völkern« gewürdigt worden.

Die niederländische Wissenschaftlerin Petra van den Boomgaard, die im Beratungsgremium des Museums sitzt und in den Niederlanden über Calmeyer forscht, bestätigt , dass Hans Calmeyer keineswegs unumstritten ist. Aber: „Calmeyer hat vielen Juden geholfen, und es gibt eine große Gruppe von Menschen, die ihm ihr Überleben zuschreibt und die ihm noch immer sehr dankbar ist.“ Gleichwohl sei der Jurist ab 1943 unter Druck geraten – wohl auch, weil er einige Male verraten wurde. Sie habe Verständnis für die Auffassung der Unterstützer der Petition, fügt aber auch an, dass in Deutschland ein Wunsch danach bestehe, zeigen zu können, dass es auch „gute“ Deutsche während der Besatzungszeit gegeben hat.

Deshalb will die „Friedensstadt“ Osnabrück, trotz der Diskussion um die Rolle Calmeyers, im ehemaligen Verwaltungshaus der NSDAP  ein „Friedenslabor“ errichten. Ziel wird es sein, die Geschichten von Opfern des Nazi-Regimes aufzuarbeiten und gleichzeitig die Komplexität der Person Calmeyer so darzustellen, dass der Besucher sich selbst ein Urteil über dessen Fall bilden könne, so die Osnabrücker Stadtverwaltung.

Die Bundesregierung solle das Vorhaben nicht subventionieren, wenn es nach dem umstrittenen Juristen Hans Calmeyer benannt werde, unterstreicht hingegen Hans Knoop, der die Petition am vergangenen Donnertag dem deutschen Botschafter in den Haag übergab. Tatsächlich hat bisher die Bundesregierung Fördermittel für das geplante Osnabrücker Friedenszentrum zugesagt.


Quellen: Jüdische Allgemeine, Osnabrücker Geschichtsblog, NOZ

auf eigene Gefahr

22. September 2018

Die Villa Schlikker in Osnabrück war Sitz der NSDAP. Mit der Geschichte des „Braunen Hauses“ setzt sich die Ausstellung „Es wird gewesen sein“ auseinander: Verrätselte Erinnerung titelt die taz.

„Es gibt Orte, denen haftet das Grauen an, selbst nach Jahrzehnten noch. Das Kellergeschoss der Osnabrücker Villa Schlikker ist ein solcher Ort. Wer hier hinabsteigt, tut es „auf eigene Gefahr“, warnt ein Schild an der steilen, engen Treppe. Es riecht muffig hier unten, in den Luftschutzräumen des einstigen „Braunen Hauses“: Von 1932 bis 1945 war die Villa Sitz der Kreisleitung der NSDAP. Stahltüren, schmale Durchlässe, niedrige Decken, zerfressener Putz. Ein Ort, der abwehrt, der Be­klemmung weckt.

Und dann sind da diese beiden Fotos. Unscharf, wie von Brandblasen überzogen. Ein Mädchengesicht zeigen sie, deformiert, mit fragenden, vom Schreck geweiteten Augen. Ein harter, hypnotisierender Anblick, tief verstörend. Marikke Heinz-Hoek hat das Gesicht in einem Familienbild gefunden und vergrößert. Aufgenommen wurde das Foto in Berlin, vielleicht 1944. „Für mich steht es für die Traumata des Bombenkriegs“, sagt sie. Dessen Sirenen hat sie selbst noch erlebt. „Meine Eltern haben mich im Wäschekorb in den Bunker getragen“, erzählt sie. Neben den Fotos klebt eine handgeschrie­be­ne Karte, wie aus der Kartei eines Archivs: Objekt 20 und 21.

Die beiden Gesichter sind Interventionen in die stadthistorische Dauerausstellung der Villa, an deren Balkon früher „Dank und Heil dem Führer!“ hing. Heute ist das Haus Teil des MQ4, des Osnabrücker „Museumsquartiers“ – neben dem Kulturgeschichtlichen Museum, dem Akzise- und dem Felix-Nussbaum-Haus. Dutzende dieser Eingriffe lässt Marikke Heinz-Hoek in ihrer Ausstellung „Es wird gewesen sein“ auf die „Aura des Hauses“ antworten, subtil, bewegend, Augen öffnend. Es sind Arbeiten aus 1990ern bis…“

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Marikke Heinz-Hoek: „Es wird gewesen sein …“: bis 13. 1. 2019, Osnabrück, MG4/Villa Schlikker. (Foto Villa Schlikker Osnabrück – von wikipedia/N 9713 ; CC )

(ps In unserer Stadt wird derweil  weiter ein Museum für einen SS-Offizier geplant, weil der gut Autorennen fahren konnte.. Ich nenne dies eine geschichtliche wie lokale Schande.)

Calmeyer

13. Juni 2010

Der vor fast vierzig Jahren verstorbene Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer ist nicht vielen bekannt, aber doch in unserer Region wie den benachbarten Niederlande eine wahrlich bedeutende Persönlichkeit des letzten Jahrhunderts. Denn Hans Calmeyer (1903–1972) rettete als Leiter der „Behörde für Abstammungsfragen“ in den besetzten Niederlanden Tausende niederländische Juden vor der Deportation in die Vernichtungslager und sabotierte damit den Holocaust. Für seinen Einsatz wurde er 1992 in der Gedenkstätte Yad Vashem posthum als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Die Osnabrücker Villa Schlikker des Kulturhistorischen Museums zeigt jetzt die Ausstellung “Hans Calmeyer und die Judenrettung in den Niederlanden”. Diese Ausstellung rückt mit Hans Calmeyer eine Persönlichkeit in das Bewusstsein, die in der Zeit des Nationalsozialismus unter schwierigsten Umständen Zivilcourage bewies. Sie ermöglicht eine vertiefte Auseinandersetzung mit seiner Person und der Frage, welche Handlungsspielräume Menschen während des Nationalsozialismus besaßen und nutzten.
Die Ausstellung “Hans Calmeyer und die Judenrettung in den Niederlanden” wird heute um 11.30 Uhr in der Villa Schlikker in Osnabrück eröffnet. Sie dauert bis zum 10. Oktober. Zur Ausstellung findet am 17. Juni um 19.30 Uhr der Vortrag „Hans Calmeyer und die Judenrettung in den Niederlanden. Ein kritischer Überblick zur neueren Forschungsliteratur“ statt. Es spricht der Calmeyer-Biograf Peter Niebaum von der Hans-Calmeyer-Initiative, die die Ausstellung fördert. Der Eintritt zum Vortrag ist frei.

(Fotos: © Hans-Calmeyer Initiative, Peter Niebaum)