Kultur hintenan

11. November 2021

Die Kultur in Niedersachsen steht hintenan. Während die Große Koalition in Hannover die Theater nicht so fördert, wie dies möglich und notwendig wäre, gibt es dafür jetzt einen weiteren Beleg.

Die Festivals Niedersächsische Musiktage und Literaturfest Niedersachsen wird es nämlich nicht mehr geben. Sie werden mit sofortiger Wirkung abgeschafft. Hintergrund ist, dass sich zwei große, quasi öffentlich-rechtliche Stiftungen, die die beiden einzigen landesweiten Festivals ausrichteten, aus der Finanzierung verabschieden:  Niedersächsische Sparkassenstiftung und die VGH Stiftung. Sie wollen, hieß es gestern in diesem glatt-modernen PR-Slang, vom nächsten Jahr an „noch stärker als fördernde Stiftungen agieren“.

Die etwa vierwöchigen Musiktage mit größtenteils klassischen Konzerten im ganzen Land existierten bereits seit 1987; sie waren als niedersächsische Antwort auf das Schleswig-Holstein Musikfestival gedacht, erreichten aber nie dessen Bekanntheit. Das Festival war dabei eigenen Angaben zufolge das flächengrößte Festival Deutschlands. Jährlich traten international renommierte Künstler bei 60 bis 70 Konzerten auf, die an vielen – gerade auch kleinen – Orten des Landes (Politikersprech: „Ländlicher Raum“) veranstaltet wurden. 2020 mussten die Musiktage zwar pandemiebedingt abgesagt werden. In diesem Jahr fand das Festival aber vom 28. August bis 2. Oktober unter der Überschrift „Rituale“ statt. Im September 2022 hätte die 35. Ausgabe stattfinden sollen, als Motto war „Nachbarn“ geplant. Das fällt jetzt aus.

Das Literaturfest Niedersachsen der VGH Stiftung fand als Themenfestival alljährlich an zahlreichen besonderen Schauplätzen, gerade auch im ländlichen Raum, statt. Autorinnen und Autoren, Schauspielerinnen und Schauspieler, Sprecherinnern und Sprecher schufen außergewöhnliche Literaturerlebnisse mit speziell für das Festival konzipierten Themen-Programmen.

Zwei große Stiftungen, die beide der öffentlichen Hand zuzurechnen sind, ziehen sich also aus der Finanzierung zurück und plötzlich ist es für beide Festivals mit unzähligen Veranstaltungen in allen Regionen des Landes vorbei. Es zeigt: Der Blick auf Kunst, Kultur und ihre Traditionen verändert sich in unserer Gesellschaft schnell.

Die Sparkassenstiftung will künftig nach eigenen Angaben ihr „Engagement für andere niedersächsische Musikfestivals“ verstärken, die VGH Stiftung möchte „andere Literaturveranstaltunge“ fördern. Auch das blumig und unverbindlich. Beibehalten werden soll das Format „Aufm Platz“ mit Musik und Literatur auf öffentlichen Plätzen in Niedersachsen an einigen Wochenenden im Sommer.

Die VGH Stiftung wird künftig ihr Engagement bei der Förderung renommierter Literaturveranstaltungen, bei Literaturhäusern, Bibliotheken und weiteren Initiativen und Institutionen ausbauen, die sich für die Vermittlung von Literatur einsetzen. Dieser Text auf der Website klingt wohlfeil aber wenig verbindlich.

In den Stiftungsräten, den Ministerien und Kulturämtern sitzen offenbar, lese ich beim NDR, immer mehr Menschen, die in der Förderung der „Exzellenzkultur“ nicht mehr das wichtigste Ziel ihres Engagements sehen. In Wahrheit bedeutet dies: Sie sind vor allem dem PR-Gedanken verbunden und damit viel kulturferner, als sie sich öffentlich geben. Niedersachsen. Klar.

Literatur live erleben

15. Juli 2021

Das Literaturfest Niedersachsen findet wieder statt, voraussichtlich will ich vorsichtigerweise hinzusetzen. Heute beginnt der Vorverkauf. Das lfn steht unter dem Thema „Rituale“, das ursprünglich für die Festival-Saison 2020 gedacht war. Wie wir wissen, kam vor einem Jahr alles anders und das Literaturfest Niedersachsen wurde coronabedingt auf den Herbst dieses Jahres verschoben.

Vom 9. bis 26. September 2021 richtet das von der VGH-Stiftung finanzierte lfn einen Scheinwerfer auf unterschiedliche Rituale – auf solche, die von gesellschaftlicher Relevanz sind, und ebenso auf jene, die eine ganz persönliche Bedeutung in sich tragen; mal ein hochemotionales Erlebnis, mal eine fest in den Alltag integrierte Handlung.

Selbst wenn, heißt es in den Eingangszeilen der Literaturfest-Website, das Leben ohne nennenswerte Zwischenfälle verläuft, sind Rituale gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Das gilt allemal, wenn eine Krise alle Gesetzmäßigkeiten und alles Gewohnte auf den Kopf stellt. „In den vergangenen Monaten haben wir einmal mehr erfahren müssen, dass vermeintliche Gewissheiten nicht für selbstverständlich genommen werden können. Aber auch, dass wir immer wieder flexibel mit diesen Veränderungen umgehen und kreatives Potenzial daraus schöpfen können.“

Angesicht der zur Zeit noch niedrigen Inzidenzwerte rückt der Festivalherbst in greifbare Nähe: Endlich wieder Literatur live erleben, endlich wieder Begegnungen zwischen Publikum, Künstlerinnen und Künstlern und uns, den Festivalmachern!“

Auf und am Universitätsplatz in Lingen (Ems) finden zwei Literaturfest-Veranstaltungen statt:
Festivals aufm Platz
Foxtrott auf dem Pulverfass
Barnaby Metschurat und Ethel Merhaut & Band
Sonntag, 29.08.2021

18:00 Uhr – 19:00 Uhr – Karten hier

und eine

Wandellesung an verschiedenen Lingener Spielstätten unter dem Titel
Familienabend
mit Tilman Rammstedt, Max Deibert, Nefeli Kavouras, Tabea Zeltner und Jutta Rinas
Dienstag, 21.09.2021
19:00 Uhr – 22:00 Uhr – Karten hier

Nachtrag:
Mit der Veranstaltung „Foxtrott auf dem Pulverfass“ am Sonntag, 29.08, eröffnet das Literaturfest in Meppen um 12 Uhr; abends folgt dann dieselbe Lesung in Lingen(Ems). Ansonsten ist Weser-Ems eher schmal vertreten. Lesungen finden in Aurich, Oldenburg, Osnabrück und Melle statt. Der geografische Schwerpunkt des Literaturfestes liegt einmal mehr um die Landeshauptstadt Hannover und in Südniedersachsen. Hier geht es zum lfn-Programmheft.

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Foto: © lfn, Detlef Güthenke

Literaturfest

2. Juli 2012

Freiheit ist die Überschrift des „Literaturfest Niedersachsen“ in diesem Jahr. Es ist das 7. Literaturfest und hat hat für sein Thema außergewöhnliche Orte ausfindig macht, die die Routine üblicher Leseveranstaltungen durchbrechen und ihre eigene Geschichte liefern: Im Hubschraubermuseum Bückeburg wird die schwerelose Freiheit über den Wolken vor Augen geführt und im Amtsgericht Bremerhaven werden literarische Fluchtversuche durchgespielt. Auf der Inselfestung Wilhelmstein im Steinhuder Meer kommen berühmte Gefangene der Geschichte zu Wort, und im Celler Schloss gehen Revolutionäre auf die Barrikaden.
Ungebundener, aufregender und freier war die Literatur selten. Vom 6. bis 23. September sind bei 25 Veranstaltungen prominente Autoren und Schauspieler zu Gast, teilte die Niedersächsische VGH-Stiftung als Veranstalterin mit.
Ganz frei sind übrigens unser Landkreis Emsland und unsere Stadt Lingen (Ems), nämlich frei vom Literaturfest. Allein im Nordhorner Kloster Frenswegen findet in der „Region Emsland“ ein Abend der Literatur statt (mehr…).

Als aktuelle Alternative ist übrigens die Veranstaltungsreihe Handverlesen des Kunstverein Lingen in der Kunsthalle geeignet. Am Mittwoch, 4. Juli  19.30 Uhr und an drei weiteren Abenden im Juli lesen bekannte Lingener aus ihren Lieblingsbüchern. Eintritt: 3 Euro (erm. 1,50)