Krisen und Krawalle

4. März 2019

Lingen in den 20er Jahren
Krisen und Krawalle
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstr. 28a
Mittwoch, 6. März – 16.00 und 19.30 Uhr

Eintritt: 5 € (Mitglieder des Heimnatvereins 3 €)

Um die Lingener Zeitgeschichte in den 20er-Jahren geht es beim nächsten „Mittwoch im Museum“ im Lingener Emslandmuseum. Im Mittelpunkt stehen dabei die lokalen Ereignisse zur Zeit der „Weimarer Republik“ . Wirtschaftskrisen und politische Radikalisierung überschatteten die junge Demokratie, deren Erfolge doch eigentlich unübersehbar waren. Verblüffend sind dabei manche Parallelen zur heutigen Situation. Zu der etwa einstündigen Präsentation laden das Emslandmuseum und der Heimatverein alle Interessierten ein.

Als der spätere Schriftsteller Erich Maria Remarque 1919 als Junglehrer nach Lohne in den damaligen Landkreis Lingen versetzt wird, hat die neue Republik in Deutschland erste Erfolge vorzugweisen: Wahlrecht für alle Frauen und Männer, eine moderne Verfassung mit gleichen Rechten für alle sowie erste Sozialprogramme für die vom Krieg geschundene Bevölkerung. Doch mit dem Zusammenbruch der Kriegswirtschaft und der daraus resultierenden Hyperinflation des Jahres 1923 werden alle Ansätze zu einer ökonomischen Wiederbelebung zunichte gemacht. Breite Bevölkerungsschichten verarmen, darunter die Lingener Eisenbahner und viele Gewerbetreibende in der Stadt. Auch in Lingen kommt es zu Massenstreiks. Wichtige Strukturmaßnahmen verzögern sich – erst 1925 erhielt Lingen Anschluss an das Elektrizitätsnetz der VEW.

Als sich die wirtschaftliche Lage allmählich erholte, nimmt auch das gesellschaftliche Leben wieder Fahrt auf. 1927 bereitet sich Lingen auf die 600-Jahrfeier vor, doch ein Wirbelsturm mit großen Verwüstungen im Stadtzentrum lässt die Feststimmung buchstäblich im Winde verwehen. Die Feier wird auf das Folgejahr verlegt, und die Kivelinge organisieren hierzu eine große Heimatschau. Mit dem Erlös des Festes finanziert die Stadt den Bau einer Jugendherberge. Bau- und Siedlungsprogramme schaffen Wohnraum für Familien im Stadtgebiet. Ein blühendes Vereinsleben sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen bringen einen Hauch der „goldenen 20er-Jahre“ auch nach Lingen.

Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise überschattet bald alle Errungenschaften der jungen Demokratie. Das politische Leben wird immer mehr durch radikale Kräfte bestimmt und Anfang der 1930er Jahre zeichnet der Weg in die Katastrophe des Nationalsozialismus sich auch in Lingen immer deutlicher ab.

Rund 60 Minuten lang präsentiert Dr. Andreas Eiynck Bilder und Dokumente aus dieser Zeit in Lingen und vermittelt ein anschauliches Bild der damaligen Ereignisse. Hierzu laden das Emslandmuseum und der Heimatverein ein.


(Quelle Text und Foto: Eingang zur Wilhelmshöhe bei der 600-Jahrfeier der Stadt Lingen (Ems) 1928)

Lingen vor 100 Jahren

28. Dezember 2018

Lingen vor 100 Jahren
Silvesterprogramm im Emslandmuseum
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstraße 28b
Montag, 31.12.2018 – ab 13.30 Uhr
Eintritt: frei

Zu einem Rückblick auf „Lingen vor 100 Jahren“ lädt der Heimatverein Lingen am Silvesternachmittag (31.12., Einlass ab 13.00 Uhr, Beginn 13.30 Uhr) in das Emslandmuseum ein. Im Mittelpunkt steht bei den Bildervorträgen um 14, 15 und 16 Uhr die Zeit um das Schicksalsjahr 1918 in Lingen. Dabei wird auch ein historisches Filmdokument präsentiert. Das Café im Kutscherhaus ist ab 13.30 Uhr geöffnet und lockt mit Kuchenspezialitäten sowie frisch gebackenen Neujahrshörnchen.

Lingen vor hundert Jahren – das waren bewegte Zeiten. Der Erste Weltkrieg ging zu Ende, Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen auch in Lingen die schwere Bürde des abgewirtschafteten Kaiserreiches. Die Zeit des Massensterbens in den Schützengräben und der Hungersnöte in der Heimat gingen nach vier Kriegsjahren zu Ende, aber von rosigen Zeiten konnte keine Rede sein. Die Kriegsschulden führten zu einer Hyperinflation und zu einer Wirtschaftskrise. Die Lingener Eisenbahner streikten für eine bessere Lebensmittelverteilung und gegen Massenentlassungen, viele Geschäfte und Betriebe standen vor dem Aus.

Erst allmählich besserte sich die Lage. Die neue Republik sorgte nicht nur für neue demokratische Rechte und das Wahlrecht für Frauen, sondern auch für Wohnungsbau und Sozialfürsorge. Im Strootgebiet und an der Schwedenschanze entstanden Wohnsiedlungen für die Eisenbahnerfamilien, neue Schulen und sogar eine Jugendherberge wurden eingerichtet. Die junge Generation sollte es einmal besser haben!
1926 erhielt Lingen Anschluss an das Elektrizitätsnetz der VEW und zum Stadtjubiläum 1928 konnte der Marktplatz mit hunderten von Glühbirnen festlich illuminiert werden. Theateraufführungen im Saal der Wilhelmshöhe und Kinosäle in der Stadt boten neue Möglichkeiten für Freizeit und Kultur. Die „Germanenfestspiele“ in Ahlde und die Heimatschauen der Kivelinge zogen tausende Besucher an. Das Vereinswesen blühte, etwa im Kolpingverband oder im Arbeiterverein, aber auch bei den vielen Sportvereinen. Immer mehr Automobile sausten durch die engen Straßen der Lingener Innenstadt – und natürlich Bernd Rosemeyer auf seinem Motorrad.
Mit der Weltwirtschaftskrise waren auch in Lingen die „goldenen Zwanziger“ vorbei. Die politische Stimmung wurde immer radikaler. Zwar hielten die meisten Lingener damals treu zur katholischen Zentrumspartei, aber der Weg Deutschlands in die Katastrophe war dadurch nicht mehr aufzuhalten.

Die Präsentation „Lingen vor 100 Jahren“ läuft um 13.30 sowie um 15.00 und 16.00 Uhr. Rechtzeitiges Erscheinen ist empfehlenswert. Das Café im Kutscherhaus ist von 13.30 bis 17.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, der Spendenerlös des Nachmittags geht an die Telefonseelsorge im Emsland.

(Quelle: Stadt Lingen, Fotos von oben: Marktplatz Lingen 1918; VEW Lokomotive 1925, Sonntagsausflug nach Haneken 1918; Fotos Stadt Lingen (Ems))

zerstritten

11. August 2014

In den 1970er Jahren drängte die damalige DGB-Gewerkschaft „ÖTV“ (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr“) mit Macht in die Energiebranche. In den VEW-Kraftwerken in Lingen beispielsweise ließ sie die starke Industriegewerkschaft Bergbau und Energie zunehmend alt aussehen. Auch deshalb, weil die ÖTV-Beiträge niedriger waren. Scharenweise wechselten die Gewerkschafter zur ÖTV. Jetzt dreht sich das Karussell wieder und zwar in die andere Richtung, wie die WirtschaftsWoche weiß. Verdi und IG BCE, die Nachfolger von ÖTV und IGBE „sind in der Energiebranche heillos zerstritten. Es geht um Mitglieder,  Einfluss und öffentliche Wahrnehmung. Der Krieg der Gewerkschaften  fing wie so viele Kriege ganz harmlos an: Rund einhundert Mitarbeiter  des Netzbetreibers Tennet sind von einer Gewerkschaft zur anderen   gewechselt. Verdi verlor sie, die mächtige Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, kurz IG BCE, gewann sie. Das sah nach  Mitgliederabwerbung aus, nach gezieltem Aderlass. „Es handelt sich um  ein Organisations-Abgrenzungsverfahren, Leitungsunternehmen wie Tennet  sind nach den Regeln des DGB bei Verdi anzusiedeln“, sagt  Verdi-Gewerkschafterin Martina Sönnichsen zur WirtschaftsWoche…“

„Jahrelang ging es nur um Macht- und Pöstchenpoker  zwischen den beiden Arbeitnehmerorganisationen. Es ging vor allem um  Aufsichtsratsposten und Sitze in den mächtigen Kontrollgremien der  Versorger, dem Präsidium, dem Investitionsausschuss und dem  Personalausschuss, der über das Topmanagement bestimmt. Da wollten  beide, Verdi und IG BCE, mitentscheiden.

Nun geht es nicht mehr um diesen Personal-Proporz, es geht ums Ganze.  Es geht auch darum, dass sich IG BCE-Spitzenfunktionäre so häufig zur  Energiepolitik äußern, im Fernsehen und in den Wirtschaftsmedien. Das  stößt Verdi unangenehm auf. So hat Verdi nun sogar demonstrativ die  tarifpolitische Zusammenarbeit mit der IG BCE beim Energieversorger
RWE gestoppt. Verdi will die IG BCE vor dem Schiedsgericht des  Deutschen Gewerkschaftsbundes (DBG) verklagen. Der Vorwurf:…“ [weiter bei der WirtschaftsWoche]

Rückbau

6. Dezember 2012

1968 ging das Kernkraftwerk Lingen („KWL“) als eines der ersten Atomkraftwerke Deutschlands in Betrieb, übrigens in der damals noch selbständigen Gemeinde Darme. Mit starker finanzieller Unterstützung des Bundes hatte der Dortmunder VEW-Stromversorger gemeinsam mit der AEG das 252-MW-Demonstrationskraftwerk errichtet. Es arbeitete in der Folge nie profitabel und machte mit ständigen Leckagen und Defekten im Notkühlsystem von sich reden. Am 1. Juli 1969 floss acht Stunden lang radioaktives Abwasser in die Ems; die zulässigen Radioaktivitätsabgaben wurden dabei extrem überschritten. Weitere Störfälle waren Risse im Wärmetauscher zwischen dem radioaktiven Primär- und dem nichtradioaktiven Sekundärkreislauf, ein Turbinenbrand sowie diverse Schäden an den Brennelementen, die zu hoher Radioaktivität im Reaktorgebäude geführt haben sollen.

1977 musste diese Demonstrationsanlage wegen irreparabler Schäden an den Wärmetauschern auch offiziell stillgelegt werden;  abgeschaltet war sie schon Jahre vorher. Seit 1988 befindet sich das KWL, in dem keine Kernbrennstoffe mehr lagern, im euphemisch genannten „sicheren Einschluss“.  Das Unternehmen gehört seit der VEW-Fusion mit RWE etwa 10 Jahre später der RWE Power AG.

Der bereits vor vier Jahren bei den niederächsischen Behörden beantragte endgültige Abriss des KWL geht jetzt in die nächste Runde. Zunächst werden vom 13. Dezember bis zum 12. Februar alle Dokumente zu dem Rückbau-Verfahren in Hannover und Lingen öffentlich ausgelegt. Betroffene können danach Einwendungen gegen die Rückbaupläne erheben, die öffentlich erörtert werden. „Wir hoffen, dass wir mit der Genehmigung etwa 2014 fertig sind“, hieß es gestern aus dem Niedersächsischen Umweltministerium in Hannover. Bis zum vollständigen Rückbau könne es dann aber nochmals weitere 15 Jahre dauern.  (mehr beim NDR)

Übrigens habe ich  keine kritischen Berichte über das Pannen-KWL im Internet gefunden. Auch die wikipedia-Seite über das KWL macht einen bemerkenswert gesäuberten Eindruck, und ich frage mich, ob der Begriff „sicherer Einschluss“ vielleicht noch eine weitere Bedeutung hat…

(Foto: Bundesarchiv, KWL im Jahr 1973)

Brief

24. Januar 2011

„Offener Brief“ des ehem. Ratsherrn Gerhard Kastein an OB Dieter Krone:

Lieber Dieter Krone!

Am 26. d.M. werden Sie in den illustren Kreis der RWE-Beiräte aufgenommen. Der Rat wird Ihrem Wunsch sicher nachkommen. Da Sie bekannterweise ein energiewirtschaftlicher Experte sind, nutzt RWE dieses Mittel, um politische Landschaftspflege zu gestalten.
Seit 1932 besteht bei den RWE solch ein Beirat, der allerdings im Aktienrecht nicht kodifiziert ist. Nach der Fusion mit den VEW im Jahre 2000 wurde das Beiratssystem auch auf das hinzugekommene VEW-Gebiet ausgedehnt. Auch hier galt es die politische Landschaftspflege vorzunehmen.
Meine Fragen an Sie:
· Wie erfolgte die Berufung?
· Wann sind Sie über den Vorgang informiert worden?
· Warum nehmen Sie diese Tätigkeit zusätzlich zu Ihrem Fulltimejob an?
· Welches Zeitdauer haben Sie für eine Sitzungsvorbereitung eingeplant?
· Was versprechen Sie sich von dieser Tätigkeit?
· Ist dies der Preis für die Prolongation des Stadtwerkevertrags um 20 Jahre?
· Werden Sie die Einkünfte an die Stadt Lingen abführen? Bei vier Sitzungen im Jahr sind dies immerhin 7400 €, d.h. bei vier Treffen mit zwei Stunden Beratung immerhin ein Stundenlohn von ca. 1000 €.

Ich erwarte als Bürger dieser Kommune eine schlüssige Antwort bis zum Ratstreffen! Sie sind ja doch mit dem Anspruch von „mehr Transparenz“ in den jetzigen Job eingetreten.

Vorab vielen Dank

Gerhard Kastein

SWL

19. Juli 2010

In einer aktuellen Stellungnahme kritisieren die Lingener Grünen  die „bisher unprofessionellen Verhandlungen“ der Stadt in Sachen Stadtwerke Lingen – kurz SWL. Zu Recht, wie ich finde. Die Stadtwerke gehören seit 1998 zu 60%  der Stadt und zu 40% den  RWE.

Ende des Jahres läuft  der damals von Oberstadtdirektor Vehring klug ausge handelte Gesellschaftervertrag der Stadtwerke mit der RWE aus. „Wir verspielen große Chancen für die Zukunft der Stadt, wenn wir die einmalige Gelegenheit nicht nutzen und jetzt nicht kreativ nach Alternativen suchen“, mahnt Michael Fuest, Ratsherr der Grünen, der das Thema bereits Ende letzten Jahres  in den städtischen Gremien zur Sprache brachte.
„Wir wissen, dass es um viel Geld und um Macht und Einfluss geht, aber dann kann man nicht so unprofessionell verhandelt, wie das die Spitze der Stadtverwaltung in Lingen in den letzten Monaten getan hat. Wir halten es für notwendig, den RWE-Anteil von 40 % zum Jahresschluss zu übernehmen. Die Stadtwerke gehören auch in Lingen in die Hand der Bürger. Daher haben wir einen Antrag in die Gremien des Rates eingebracht, alternative Modelle wie eine Aktiengesellschaft oder eine Genossenschaft professionell prüfen zu lassen und Verhandlungen mit möglichen Investoren aufzunehmen.“
Die  vorläufigen Ergebnisse hatte Erster Stadtrat Dr. Ralf Büring Ende Juni  im Verwaltungsausschuss dargestellt.  Sie stellen – nach Ansicht der Grünen – eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem bisherigen Zustand dar. Da die RWE zu keinerlei Zugeständnissen, so die Grünen,  bereit ist, drohe, dass sich die Stadtwerke für die „Zukunft dauerhaft an die RWE fesselt“. Birgit Kemmer,  Fraktionsvorsitzende von Bündnis90/Die Grüne: „ Stadtwerke und Stadt müssen im Interesse der Bürger Alternativen vorlegen und nicht nur das ausführen, was die RWE-Chefetage wünscht. Wir erwarten, dass direkt nach den Sommerpause Alternativen der Öffentlichkeit vorgestellt werden.“
Das alles etwas kryptisch formuliert und so auch nicht richtig.  Denn wenn nichts geschieht, scheiden die RWE am Jahresende aus den Stadtwerken schlicht aus.  Dann gehören die Stadtwerke wieder den Bürgerinnen und Bürgern Lingens.
Dabei war es vor 12 Jahren  -zu Beginn der sogenannten Privatisierung des Strommarktes-  richtig, dass sich die Stadtwerke als kommunaler Versorger bei einem der großen Energiekonzerne anlehnten und eine Mitbeteiligung ermöglichten. Das waren damals die Dortmunder VEW,  die dann durch die RWE übernommen wurden.  Inzwischen geht aus guten Gründen bundesweit die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Ob in Leipzig, in Dresden, am Bodensee, in Bayern oder in Hamburg:  Quer durch die Bundesrepublik drehen immer mehr Kommunen die Privatisierung ihrer Energieversorgung wie gleichermaßen die Beteiligungen der großen vier Stromkonzerne unter dem Stichwort Rekommunalisierung zurück. Ausgangspunkt ist dabei die grundsätzliche Überlegung:  Die Daseinsvorsorge dürfen sich weder Staat noch Städte und Gemeinden aus der Hand nehmen lassen.
Gegenwärtig ist in Lingen die 40%ige Beteiligung der RWE an den Stadtwerken Linbgen also befristet mit der Folge, dass RWE  ohne eine Verlängerung als Gesellschafter der Stadtwerke ausscheidet.  Dann sind die Stadtwerke frei. Was bitte spricht dagegen?