Durchwinken

4. Mai 2013

Allen Proteste und Demonstrationen gegen das Gesetz zur Bestandsdatenauskunft zum Trotz: Am Freitag hat auch der Bundesrat  dem Gesetz zugestimmt,  das den Zugriff der Behörden auf die sogenannten Bestandsdaten von Telekommunikationsanbietern auf eine neue Grundlage stellt. vVerantwortlich war eine große Koalition von CDU/CSU, FDP und SPD. Einzelne Länder wie Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein hatten vergeblich beantragt, den Vermittlungsausschuss anzurufen.

Noch am Donnerstag hatten unter anderem der Deutsche Journalisten-Verband, Reporter ohne Grenzen und die Neue Richtervereinigung  den Bundesrat aufgefordert, das Gesetz nicht zu beschließen. „Die Vertraulichkeit und Anonymität der Internetnutzung steht auf dem Spiel, wenn staatlichen Behörden der weitreichende Zugang zu unserer Internetnutzung und zu unseren privatesten Daten möglich gemacht wird“, hieß es in der gemeinsamen Erklärung. Ihr Aufruf war vergeblich.

Künftig können also Behörden ganz einfach die Personalien von Menschen ermitteln, von denen sie nur eine Telefonnummer oder eine IP-Adresse kennen. Ein Knöllchen reicht zur Abfrage. [Was kann man selbst tun?]

Zwar ist laut Gesetz eine richterlicher Genehmigung zum Zugriff auf PINs, PUKs oder Passwörter von Telekommunikationsdiensten erlaubt.

Wer  die tägliche Praxis der Ermittlungsrichter kennt, weiß aber, dass dies kein Schutz ist. Die Staatsanwaltschaften legen Ermittlungsrichtern vorformulierte, nicht selten seitenlange Beschlüsse vor, die diese nur noch unterschreiben müssen. Und wenn ein Ermittlungsrichter ausnahmsweise selbst formuliert, setzt das Justiztextsystem „Eureka“ für ihn automatisch bequeme Bausteine in den Beschlusstext, nach denen er klug das Für und Wider seiner Entscheidung abgewägt hat. Das geschieht selbst dann, wenn es gar nicht stimmt. Die richterliche Kontrolle ist so nicht selten in Wahrheit keine. Kein Richter muss sich jemals für seine erteilten Genehmigungen rechtfertigen, seine Entscheidungspraxis wird nicht bekannt gemacht.

Nach Ansicht des schleswig-holsteinischen Piraten-Fraktionschefs Patrick Breyer, der bereits die erste erfolgreiche Klage eingereicht hatte, ist  das neue Gesetz jedenfalls in mindestens sechs Punkten verfassungswidrig. Er wird erneut nach Karlsruhe ziehen, falls der Bundespräsident das Gesetz unterzeichnet. Ich bin gespannt, ob auch Bundespräsident Joachim Gauck das verfassungswidrige Schnüffelgesetz durchwinkt.

Dann werden wir gläsern. In unseren PCs und Mobiltelefonen sitzt bald der Staat, liest mit, späht uns aus und verletzt so elementare Grundrechte.