Organisationsgrad

20. April 2017

„Immer weniger Einzelhandelsunternehmen halten sich an Tarifvereinbarungen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi beginnt deshalb eine Kampagne für die Allgemeinverbindlichkeit der Tarife. (…) Ob sich Verdi mit der Forderung nach einer Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge durchsetzen kann, ist fraglich. Angesichts des niedrigen Organisationsgrads der Beschäftigten im Handel sieht die Gewerkschaft die beste Möglichkeit, die Arbeits- und Lohnbedingungen in der Branche zu verbessern, nicht in Arbeitskämpfen in den von Tarifflucht betroffenen Betrieben, sondern in der Intervention des Staats.

Dabei zeigen gerade die vergangenen Auseinandersetzungen im Handel, dass vor allem Arbeitskämpfe Beschäftigte dazu veranlassen, sich zu organisieren, um ihre Interessen durchzusetzen. Als beispielsweise die Arbeitgeber im Einzelhandel 2013 versuchten, mit der Kündigung des Manteltarifvertrags eine Schlechterstellung der Beschäftigten zu erreichen, kam es zu einem insgesamt sieben Monate andauernden Arbeitskampf, an dem sich Hunderttausende beteiligten.

In fast 1 000 Einzelhandelsbetrieben kam es zu Arbeitsniederlegungen, bevor eine Einigung erzielt wurde. Der Gewerkschaft gelang es dabei zudem, Beschäftigte in Bereichen zu organisieren, in denen sie zuvor nur über wenig Einfluss verfügt hattte. Fast 30 000 Neumitglieder konnte Verdi im Lauf des Konflikts im Einzelhandel für sich gewinnen und damit erstmals seit der Gründung am Jahresende einen Mitgliederzuwachs verzeichnen. Den Kampf der Kampagne vorzuziehen, wäre angesichts dieser Geschehnisse alles andere als abwegig gewesen.“

Quelle: Artikel von Stefan Dietl, gelesen in: JungleWorld vom 13.04.2017

zerstritten

11. August 2014

In den 1970er Jahren drängte die damalige DGB-Gewerkschaft „ÖTV“ (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr“) mit Macht in die Energiebranche. In den VEW-Kraftwerken in Lingen beispielsweise ließ sie die starke Industriegewerkschaft Bergbau und Energie zunehmend alt aussehen. Auch deshalb, weil die ÖTV-Beiträge niedriger waren. Scharenweise wechselten die Gewerkschafter zur ÖTV. Jetzt dreht sich das Karussell wieder und zwar in die andere Richtung, wie die WirtschaftsWoche weiß. Verdi und IG BCE, die Nachfolger von ÖTV und IGBE „sind in der Energiebranche heillos zerstritten. Es geht um Mitglieder,  Einfluss und öffentliche Wahrnehmung. Der Krieg der Gewerkschaften  fing wie so viele Kriege ganz harmlos an: Rund einhundert Mitarbeiter  des Netzbetreibers Tennet sind von einer Gewerkschaft zur anderen   gewechselt. Verdi verlor sie, die mächtige Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, kurz IG BCE, gewann sie. Das sah nach  Mitgliederabwerbung aus, nach gezieltem Aderlass. „Es handelt sich um  ein Organisations-Abgrenzungsverfahren, Leitungsunternehmen wie Tennet  sind nach den Regeln des DGB bei Verdi anzusiedeln“, sagt  Verdi-Gewerkschafterin Martina Sönnichsen zur WirtschaftsWoche…“

„Jahrelang ging es nur um Macht- und Pöstchenpoker  zwischen den beiden Arbeitnehmerorganisationen. Es ging vor allem um  Aufsichtsratsposten und Sitze in den mächtigen Kontrollgremien der  Versorger, dem Präsidium, dem Investitionsausschuss und dem  Personalausschuss, der über das Topmanagement bestimmt. Da wollten  beide, Verdi und IG BCE, mitentscheiden.

Nun geht es nicht mehr um diesen Personal-Proporz, es geht ums Ganze.  Es geht auch darum, dass sich IG BCE-Spitzenfunktionäre so häufig zur  Energiepolitik äußern, im Fernsehen und in den Wirtschaftsmedien. Das  stößt Verdi unangenehm auf. So hat Verdi nun sogar demonstrativ die  tarifpolitische Zusammenarbeit mit der IG BCE beim Energieversorger
RWE gestoppt. Verdi will die IG BCE vor dem Schiedsgericht des  Deutschen Gewerkschaftsbundes (DBG) verklagen. Der Vorwurf:…“ [weiter bei der WirtschaftsWoche]