Was Münster am 28. Juli 2014 erlebte, gab es in Osnabrück scbon knapp vier Jahre zuvor,  am 28. August 2010.  Wie das benachbarte Osnabrück nach Antworten auf die Klimakrise sucht, beschreibt aktuell die taz. Zur erinnerung: Unser Lingen will im Überschwemmungsgebiet an der Nordlohner Straße in Schepsdorf ein neues Wohngebiet ermöglichen….

„Die A 1 und A 30 waren überflutet, die Bahnlinie Osnabrück– Rheine gesperrt. Tausende Notrufe gingen bei der Polizei ein, Tausende Helfer waren im Einsatz. Der Pegel des Stadtflusses Hase stieg auf 2,73 m über normal. Anwohner wurden evakuiert, Gärten und Straßen standen metertief unter Wasser, Keller und Tiefgaragen liefen voll.

Tage wie diese können sich auch in Osnabrück jederzeit wiederholen. Das ist auch Sven Dee bewusst. Er wohnt im Stadtteil Hellern, am Kampweg, und im Moment sieht dort alles sehr friedlich aus. Ein paar Schritte entfernt ein See mit Schilf und Insel und Blässhühnern, ringsum alter Baumbestand. Auf der anderen Straßenseite Felder, und im Wald dahinter mäandert, sonnenglitzernd, der Stadtfluss Düte.

Aber Dee weiß: Der See, so naturbelassen er wirkt, ist ein Regenrückhaltebecken. Und wenn die Düte über ihre Ufer tritt, wie 2010, können die Helleraner nur hoffen, dass der Strom nicht ausfällt, denn ohne den schweigen die Pumpen.

Dee kennt die Flut von 2010 nur von Fotos, er wohnt dort erst knapp fünf Jahre. Aber er macht sich Gedanken. Zumal, weil auf den Feldern, in Richtung Düte, ein neues Baugebiet entstehen soll, bis dicht heran an ihr Überschwemmungsgebiet, das auf Osnabrücks Hochwassergefahrenkarte rund 300 Meter breit ist – und nur knapp 300 Meter von Dees Haus entfernt.

„Wenn da zusätzlich so viel Fläche versiegelt wird, macht man sich natürlich schon Sorgen, dass bei einem erneuten Hochwasser auch unsere Häuser betroffen sind“, sagt Dee. „Da wurde nicht genug über Alternativgebiete nachgedacht – und an die Anwohner.“ Wir sitzen vor Dees Haus in der brütenden Sonne, trinken Wasser, sehen rüber Richtung Wald. Von dort käme die Flut. Nordwestlich vom Kampweg, wo sich die Düte mit dem Wilkenbach vereinigt, erreicht das Überschwemmungs­gebiet rund 1.000 Meter Breite.

Dee geht oft an der Düte im Wald spazieren. „Wunderschön, klar. Aber manchmal denke ich dann schon dran, was wäre, wenn.“ Dees Wohneigentümerversammlung überlegt, Granulat­schläuche anzuschaffen, als Blockade, zur Wasserbindung. „Die Natur sucht sich ihren Weg“, sagt Dee. „Und das ist auch richtig so. Immer wenn der Mensch in sie eingreift, bekommt er die Quittung.“ Auf der Unterschriftenliste der Anwohnergemeinschaft, die das Baugebiet verhindern will, steht auch seine Unterschrift.

Dee denkt sehr grün. „Wir müssen insgesamt viel klimabewusster leben“, sagt er. „Wir reagieren immer nur, statt langfristig dafür zu sorgen, dass wir nicht immer nur reagieren müssen.“

Das ist ein Satz, den…

[weiter bei der taz]


Foto: Hochwasser – Symbolfoto via pixabay

Crossposting von der Website der Lingener BürgerNahen:

„Diese Flutkatastrophe ist ein wirkliches Menetekel. Keine Frage: Auch wir in Lingen müssen die Ereignisse auswerten und Konsequenzen ziehen. Die Zeit für Symbolpolitik ist vorbei!“, sagte am Freitag der Fraktionsvorsitzende der unabhängigen Wählergemeinschaft „Die BürgerNahen“, Robert Koop in einer Stellungnahme.

Generell müssten Landschaftsverbrauch und Flächenversiegelung in Lingen dringend auf den Prüfstand. „Wir können und dürfen in unserer Stadt nicht so weiter machen und völlig ungezügelt Baugebiet um Baugebiet ausweisen.“ Koop wies OB Krone und der mit absoluter Mehrheit agierenden CDU dabei „eine geradezu fossile Stadtentwicklungspolitik“ zu. Als eine Maßnahme, die man „so keinesfalls weiter verfolgen darf“, nannte Koop den Plan von OB Krone, im Überschwemmungsgebiet an der Nordlohner Straße im Ortsteil Schepsdorf „ein neues Wohngebiet zu schaffen. Dass dies nun wirklich nicht geht, müsste jeder nach den schrecklichen Bildern dieser Tage begriffen haben.“

Überprüft werden müssten die Auswirkungen von Starkregen auf das Stadtgebiet. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Risikogebiete sei notwendig. „In welchen städtischen Bereichen bestehen Überflutungsrisiken und wo müssen wir handeln, beispielsweise die Regenwasser-Kanalisationen und -versickerungen ausbauen?“

Koop hatte am Freitag dem OB und den anderen Fraktionen im Rat vorgeschlagen, Vorschläge zur Hilfe für die betroffenen Regionen zu entwickeln. Nach dem Tsunami 2004 haben wir in Indonesien geholfen und auch an der Elbe. Jetzt könne man obdachlos Gewordene aufnehmen und solle auch prüfen, wo es ein Wiederaufbau-Vorhaben gebe, das finanziell unterstützt werden könne. In seinem Blog (Internettagebuch) hatte der BN-Fraktionsvorsitzende am Freitag bereits einen Spendenaufruf der Deutschen Stiftung Denkmalschutz veröffentlicht. „Viele gerade erst instand gesetzte Baudenkmale sind zerstört oder stark beschädigt.“ Vorschläge aus der Lingener Bevölkerung für einen solchen Schritt seien sicherlich sehr wertvoll, sagte der Fraktionsvorsitzende.

Koop zeigte sich erleichtert, dass Lingen großes Glück gehabt habe. „Aber man muss natürlich sehen, dass ein Starkregen wie 2014 im 80 km entfernten Münster oder jetzt im Bergischen Land, der Eifel, im Ahrtal und der Voreifel jederzeit auch Lingen treffen kann.“ Die BürgerNahen haben seit den Zerstörungen in Münster immer wieder ein Starkregen-Konzept gefordert. Dies werde untersucht, geprüft usw., hieß es dann aus dem Rathaus und es kam nichts. „Aber dann präsentiert der OB mit Zustimmung der CDU seine Idee, im Überschwemmungsgebiet der Ems Häuser zu bauen. Das ist schon sehr verstörend.“

Auch die Vorsorge in der Stadt müsse auf den Prüfstand. „Gibt es ausreichend Notfallmaterial, gibt es sichere Kommunikationsmittel, wie können die Katastrophenschützern vom THW und anderen Hilfsorganisationen unterstützt werden? Das sind sicher nur einige der Fragen, die debattiert werden müssen. Dass in NRW aktuell auch das Lingener THW seit Donnerstag im Einsatz ist und hilft, freut die BürgerNahen: „Wir danken dafür unseren THW’lern und wünschen, dass alle Einsatzkräfte gesund und unversehrt zurückkommen.“

(Quelle: PM/Die BürgerNahen/Crossposting)

zu speziell

30. August 2019

Wirklich interessant wurde es in der gestrigen Sitzung des Lingener Stadtrats erst, als die Öffentlichkeit den Ratssaal verlassen und Ratsvorsitzender Werner Hartke die „nicht-öffentliche Sitzung“ eröffnet hatte. Einmal wurde über ein Grundstücksgeschäft entschieden, das zu einem massiven Eingriff in das Landschaftsschutzgebiet Emstal führen soll. Eine mehrere Hektar große Fläche am Ostufer der Ems soll abgegraben werden, damit weiter flussab ein „neues Baugebiet“ für gut zwei Dutzend Einfamilienhäuser entsteht – mitten im Landschaftsschutzgebiet und im festgesetzten Überschwemmungsgebiet (Kartenausschnitt) der Ems. Neben einer kurzen Debatte über den bevor stehenden umwelt- und klimapolitischen Sündenfall aber kam es dann anschließend zu einer -sagen wir- noch aufschlussreicheren Gegenüberstellung.

Zunächst sprach unter dem Tagesordnungspunkt „Anfragen und Anregungen“ mein Ratskollege Marc Riße noch einmal den jüngst bekannt gewordenen Plan an, den Rosenmontagsumzug in unserer Stadt um acht Tage vorzuverlegen. Es soll ein Familientag werden, so der Plan.  Riße sprach sich dagegen aus, weil man die Feste feiern solle, wie sie fallen, und Rosenmontag sei eben am Rosenmontag. Es entwickelte sich in der Folge eine muntere Diskussion über mehr als 20 Minuten, die am Ende wohl mehrheitlich für den neuen Umzugstermin ausfiel, im nächsten Jahr also am Sonntag, den 16. Februar. (Sie sollten sich das notieren.)

Anschließend brachten die Grünen-Ratsmitglieder Thomas Kühle und Ibrahim Hassan existentielle Probleme von in unserer Stadt lebenden Flüchtlingen zur Sprache, die sie kannten. Ab September werden Asylbewerber in Deutschland deutlich geringere Sozialleistungen erhalten, sofern sie schon in einem anderen europäischen Staat Asyl beantragt haben. Im Asylbewerberleistungsgesetz werden nämlich die Leistungen ab dem 1. September 2019 neu berechnet, Alleinstehende in Gemeinschaftsunterkünften werden in einer niedrigeren Bedarfsstufe eingruppiert und bekommen deswegen nicht -wie andere- mehr Geld als bisher. Das ist so aufgrund des Zweites Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht, des sog.  Hau-ab-Gesetzes. Ihnen drohen auch andere Nachteile, wenn sie nicht nach den Regeln des umstrittenen Dublin-III-Abkommens in das Land zurückkehren, in dem sie erstmals den Fuß auf europäischen Boden gesetzt und Asyl beantragt haben. Wieviele in Lingen davon betroffen seien und ob sie gar obdachlos würden, fragte Thomas Kühle.

Der zuständige Verwaltungsdezernent zeigte sich bei Kühles Fragen eher wenig informiert, was sich auch nicht änderte, als ihn danach Ibrahim Hassan fragte, weshalb syrische und irakische Flüchtlinge trotz ausreichender anderer Personalurkunden zur Feststellung ihrer „Identität“ in Lingen zusätzlich noch einen Pass ihres Mutterlandes beschaffen müssten. Er nannte ihm bekannte Fälle, wonach Flüchtlinge so gar ihre bestehende Arbeitserlaubnis (und ihren Job!) verloren hätten, weil sie keinen Pass hätten vorlegen können. Die irakische Botschaft habe es sogar abgelehnt, auch nur eine Bescheinigung auszustellen, dass ein geflohener Iraker dort überhaupt wegen eines Passantrags vorgesprochen habe. Syrische Flüchtlingen müssten hohe 1.300 Euro für einen Pass an die Botschaft des diktatorischen Regimes zahlen, vor dem sie geflüchtet seien. Das sei unzumutbar.

Mein Zwischenruf an den, diese Passbeschaffung verteidigenden Ersten Stadtrat: „Sie verteidigen hier reine Bürokratie“ führte erwartungsgemäß zu keinem Innehalten, die anderen Ratskollegen schauten derweil zweifelnd, einige auch betreten, bis dann die große Stunde der Sozialdemokratie kam:

Deren Fraktionsvorsitzende, zuvor munter in der Karneval-Diskussion dabei („Nein, der Karneval muss nicht im Kulturausschuss diskutiert werden!“), meinte, das von Kühle und Hassan angesprochene Thema sei „zu speziell“, damit „können wir uns hier im Rat nicht befassen“; das müsse woanders diskutiert werden, und irgendwie erleichtert wurde daraufhin das Streitgespräch zwischen den Grünen und dem Verwaltungsmann abgebrochen.

Die Debatte über den ganz speziellen Lingener Karnevalstermin war für den Rat offenbar einfacher gewesen…