Over de Grens

10. August 2012

Auch bei den Nachbarn im Westen regt sich Protest gegen immer mehr Hähnchenmast: Sie legten nach einem Bericht des NDR durch die niederländische Forstverwaltung („Staatsbosbeheer“) und den Naturschutzbund Natuur en Milieu Overijssel Beschwerde gegen die Erweiterung eines  Hähnchenmastbetriebs  im deutschen Gildehaus (Grafschaft Bentheim) ein. Ein entsprechendes Schreiben sei bei der Kreisverwaltung der Grafschaft Bentheim eingegangen, bestätigte jetzt ein Kreissprecher in Nordhorn. Der Protest der niederländischen Nachbarn richtet sich gegen die Kippenstal-Pläne von Landwirt Heinrich Rikhof, der seine direkt an der niederländischen Grenze gelegene Hähnchenmastanlage an der Haarer Straße um 40.000 auf  „119.625 Mastplätze vergrößern“ will.

Die Anlage wurde -wie auch anders!- Mitte Juni genehmigt; ich finde nichts darüber, dass dem  „over de Grens“ eine Nachbarbeteiligung vorausgegangen wäre. Wohl deshalb war die Einspruchsfrist von einem Monat möglicherweise verstrichen, wie die deutschen Verantwortlichen betonen. Ich lese, die Kreisverwaltung wolle die niederländische Beschwerde aber „auf jeden Fall beantworten“, so der NDR. Ach so: Beantworten!

Der Grund für die niederländischen Proteste: In 200 Metern (!) Entfernung von dem Maststallriesen befindet sich auf niederländischem Boden das Naturschutz- bzw. FFH-Gebiet Dinkelland in der Gemeinde Beuningen (Foto oben, heutiger Zustand), wissen der NDR und  auch die niederländische Tageszeitung Tubantia. Das  allerdings wäre eine Ungeheuerlichkeit, hätte die deutsche Verwaltung trotz dieses Naturschutzgebiets das Vorhaben genehmigt. Der Vertrag von Aarhus jedenfalls legt für  deutsche Behörden etwas anderes fest. Ganz abgesehen von dieser rechtlichen Seite:  Mit welcher politischen Berechtigung eigentlich will der Grafschafter Landrat Friedrich Kethorn (CDU)  gegen Lärm des neuen Flughafen Enschede protestieren, wenn man gleichzeitig selbst seine Nachbarn nicht beteiligt bzw. ihre Naturschutzrechte mit behördlichen Füßen tritt? Dabei fragt man sich, wie überhaupt das genehmigt werden konnte, was dort in Naturschutzgebietsnähe entstanden ist.

Die deutschen NABU-Naturschützer haben übrigens rechtzeitig gegen die Genehmigung Widerspruch eingelegt. Sie fürchten die hohen Stickstoffbelastungen und damit Schäden für Moore und Heiden. Auch die Belange besonders geschützter Tiere seien nicht berücksichtigt worden. Auf vorangegangene Warnungen habe der Landkreis Grafschaft Bentheim als Genehmigungsbehörde nicht reagiert. Man hoffe, dass von dem Schritt positive Auswirkungen auf andere Genehmigungsverfahren im Landkreis ausgingen, bei denen ähnliche Mängel aufträten, sagte eine NABU-Sprecherin.

(Quelle)

Wietpas

21. Dezember 2010

Dass es in niederländischen Coffeeshops weniger Kaffee als allerlei Zubereitungen der indischen Hanfsorte Cannabis sativa gibt, ist eine Binsenweisheit.  Dass deutsche Kunden dort  straffrei Cannabis erwerben könnten, ist ein ebenso hartnäckiges wie falsches Gerücht (guckst du hier…). Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie also auch hier am besten Ihren Anwalt; denn ungeachtet der grundsätzlichen Strafbarkeit werden nicht selten Coffeeshop-Besucher auf informell-verschwiegenen Kanälen von niederländischen Wachtmeistern ihren deutschen Kollegen gemeldet, die dann an der Grenze energisch zur Kleinstmengen-Durchsuchung schreiten und bei Autofahrern freundlich zum (stets freiwilligen) Mahsantest bitten.

Nun wird im -ob all der Hanftouristen genervten- südniederländischen Maastricht (Provinz Brabant) diskutiert, ob Cannabis nur noch an Niederländer abgegeben wird – auf Bezugskarte sozusagen. Codename: Wietpas – also übertragen „Gras-Ausweis“. Der um eine Stellungnahme bemühte Europäische Gerichtshof hat nichts dagegen – aber sogar  Maastricht selbst will das nicht wirklich, ebenso wie  Peter den Oudsten in unserer Nachbarstadt Enschede. Der Bürgermeister der ostniederländischen Großstadt, melden die „Grafschafter Nachrichten“ , sieht das Dilemma, will aber kein Coffeeshop-Verbot für Ausländer, sprich für deutsche Hanffreunde.

Den Oudsten analysiert  pragmatisch: Wenn man den Kleinmengenkauf in den Coffeeshops nur noch Niederländern erlaube, werde sich der ganze Handel „mit den Ausländern“ auf die Straße verlagern. Außerdem gebe es sowieso keine Probleme mit den ausländischen Rauschgiftkonsumenten in Enschede, jedenfalls nicht wie in Maastricht. Also gilt: „Enschede wil geen wietpas“ – Enschede will keinen „Gras-Ausweis“.

Peter den Oudsten macht sich zunehmend ganz andere Sorgen: Das Problem sei die Stärke der so genannten Softdrugs. Das meiste Marihuana sei nämlich inzwischen durch seinen hohen THC(-Wirkstoff-)Gehalt so stark, dass das Prädikat „soft“ falsch ist, schreibt er in seinem WebBlog.  Daher will der Bürgermeister  die Gras-Anlieferungen der Coffeeshops staatlich kontrollieren lassen. „Wir sollten den Wietbezug  für die Coffeeshops legalisieren. Aber das ist nicht drin, obwohl wir ein großes Dilemma haben.“

(Foto: Enschede (NL) Coffeeshop © aliquando flickr)