Literatur live erleben

15. Juli 2021

Das Literaturfest Niedersachsen findet wieder statt, voraussichtlich will ich vorsichtigerweise hinzusetzen. Heute beginnt der Vorverkauf. Das lfn steht unter dem Thema „Rituale“, das ursprünglich für die Festival-Saison 2020 gedacht war. Wie wir wissen, kam vor einem Jahr alles anders und das Literaturfest Niedersachsen wurde coronabedingt auf den Herbst dieses Jahres verschoben.

Vom 9. bis 26. September 2021 richtet das von der VGH-Stiftung finanzierte lfn einen Scheinwerfer auf unterschiedliche Rituale – auf solche, die von gesellschaftlicher Relevanz sind, und ebenso auf jene, die eine ganz persönliche Bedeutung in sich tragen; mal ein hochemotionales Erlebnis, mal eine fest in den Alltag integrierte Handlung.

Selbst wenn, heißt es in den Eingangszeilen der Literaturfest-Website, das Leben ohne nennenswerte Zwischenfälle verläuft, sind Rituale gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Das gilt allemal, wenn eine Krise alle Gesetzmäßigkeiten und alles Gewohnte auf den Kopf stellt. „In den vergangenen Monaten haben wir einmal mehr erfahren müssen, dass vermeintliche Gewissheiten nicht für selbstverständlich genommen werden können. Aber auch, dass wir immer wieder flexibel mit diesen Veränderungen umgehen und kreatives Potenzial daraus schöpfen können.“

Angesicht der zur Zeit noch niedrigen Inzidenzwerte rückt der Festivalherbst in greifbare Nähe: Endlich wieder Literatur live erleben, endlich wieder Begegnungen zwischen Publikum, Künstlerinnen und Künstlern und uns, den Festivalmachern!“

Auf und am Universitätsplatz in Lingen (Ems) finden zwei Literaturfest-Veranstaltungen statt:
Festivals aufm Platz
Foxtrott auf dem Pulverfass
Barnaby Metschurat und Ethel Merhaut & Band
Sonntag, 29.08.2021

18:00 Uhr – 19:00 Uhr – Karten hier

und eine

Wandellesung an verschiedenen Lingener Spielstätten unter dem Titel
Familienabend
mit Tilman Rammstedt, Max Deibert, Nefeli Kavouras, Tabea Zeltner und Jutta Rinas
Dienstag, 21.09.2021
19:00 Uhr – 22:00 Uhr – Karten hier

Nachtrag:
Mit der Veranstaltung „Foxtrott auf dem Pulverfass“ am Sonntag, 29.08, eröffnet das Literaturfest in Meppen um 12 Uhr; abends folgt dann dieselbe Lesung in Lingen(Ems). Ansonsten ist Weser-Ems eher schmal vertreten. Lesungen finden in Aurich, Oldenburg, Osnabrück und Melle statt. Der geografische Schwerpunkt des Literaturfestes liegt einmal mehr um die Landeshauptstadt Hannover und in Südniedersachsen. Hier geht es zum lfn-Programmheft.

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Foto: © lfn, Detlef Güthenke

Virtuell

6. April 2012

Das Stadtschreiberamt ist ein lokaler Kulturpreis, der in rund 20 deutschsprachigen Städten vergeben wird. Den ersten bundesdeutschen Stadtschreiber gab es 1974 in Bergen-Enkheim. In Lingen (Ems) bemühte sich die Sozialdemokratin Ruth West jahrzehntelang vergeblich um einen Lingener Stadtschreiber; der Grund für das CDU-Nein dürfte darin gelegen haben, dass ein solcher Kulturschaffender auch Unangenehmes verfassen könnte. Nun, die Auszeichnung zum Stadtschreiber ist in der Regel mit kostenloser Wohnung sowie meist einer zusätzlichen kulturellen Aufgabe verbunden und meist auf ein halbes oder ganzes Jahr befristet.  Eigentlich geht  das Amt eines Stadtschreibers also mit der Pflicht einher, in der auszeichnenden Kommune auch zu wohnen.

Das ist im benachbarten Oldenburg ganz anders. Als einzige Stadt in Deutschland hat Oldenburg nämlich einen virtuellen Stadtschreiber. Der in Berlin lebende Schriftsteller Gregor Sander bloggt von März bis Dezember Literatur im Internet und lässt sich zu seinen Texten durch Informationen, die ihm medial vermittelt werden oder etwas in ihm auslösen. Das Oldenburger Literaturstipendium ist ein Kulturprojekt, das die Verantwortlichen im letzten Jahr mit dem Schriftsteller Tilman Rammstedt durchführten. Seinerzeit konnte eine große Leserschaft erreicht werden, denn das blogbuch-oldenburg wurde von Juli bis Dezember 2011 von 11.000 Besuchern aufgerufen. Mit der Vergabe dieses Literaturstipendiums setzt das Literaturbüro Oldenburg einen neuen Akzent der Schriftstellerförderung im bundesweiten Literaturbetrieb und schafft mit dem “Blogbuch Oldenburg” eine zeitgemäße Bühne. Z

2012 ist Gregor Sander (Foto lks) Stadtschreiber in Oldenburg. Seine literarische Laufbahn begann vor zehn Jahren.  Norddeutschland und insbesondere der Ostseeraum bildeten bislang die Kulisse für seine Erzählungen. Mit der Titelerzählung seines im Frühjahr 2011 erschienenen Erzählbandes Winterfisch reüssierte er 2009 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und erhielt dort den „3sat-Preis“. Weil Oldenburg nahe der  Nordsee liegt, ist dies  für Gregor Sander Grund genug, sich jetzt mit dem Nordseeraum zu beschäftigen. Torf, Backsteine und Birken als auch die norddeutsche Begrüßung “Moin” hat er bereits in seinen Texten verarbeitet.

(Foto oben: Ruth West – Straßenschild in der Neuen Heimat © privat; Foto unten: Gregor Sander 2009 © Amrei-Marie, wikipedia CC)