Eine lesenswerte Dokumentation über die Lengericher Juden legt Gerhard Sels vor. Die Anfang letzter Woche erschienene Publikation bezieht auch namhafte Lingener jüdischen Glaubens ein, die sich 1842 mit ihren Glaubensbrüdern aus Lengerich, Thuine, Freren und Fürstenau zu einer Synagogengemeinde mit Sitz in Freren zusammen. 1869 beschloss man dann in Lingen (Ems),  eine eigene Synagogengemeinde zu gründen. Juden in Lengerich und Lingen (Ems) waren auch verwandschaftlich verbunden. Im Buch von Gerhard Sels findet man einen Stammbaum der Familie Heilbronn. Wiulhelm Heilbronn, der 1942 in Riga ermordete Vater der jüngst verstorbenen Ehrenbürgerin Ruth Foster, stammt aus Lengerich. Die Lengericher Juden wurden auf dem Lingener Friedhof beerdigt. Erst 1926 stiftete Berthold Schwarz aus Freren den Friedhof in Freren.

Sels‘ Buch beeindruckt nicht nur durch die Verschriftlichung der über Jahrzehnte währenden Erinnerungs- und Versöhnungskultur des engagierten Sozialdemokraten.

Der Verfasser ist auch Mitglied im Forum Juden Christen. Dort höre ich: „Wir sind dankbar für seine unermüdliche Arbeit, und stolz auf „unseren“ Gerhard Sels sind wir auch!“ Lob auch von anderer Seite: „Dies ist eine eindrucksvolle Darstellung, die nur aufgrund seiner umfassenden Kenntnisse und seiner Kontakte vor allem zur Familie Heilbronn so entstehen konnte“, betonte jüngst Lengerichs Gemeindedirektor Matthias Lühn und Bürgermeister Gerd Wübbe ergänzte: „Das ist eine wirklich wichtige und sinnvolle Arbeit. Wir sind Herrn Sels dafür sehr dankbar.“

Gerhard Sels, Vom Leben und Sterben der Lengericher Juden, 116 Seiten, A4, 15 €, erhältlich im lokalen Buchhandel und bei der Gemeinde Lengerich.

SelsJuden

Joachim Berke

12. November 2011

Logo LebenswegeAm morgigen Sonntag, 13, November  2011, 15 Uhr veranstaltet der Kulturkreis impulse in der Alten Molkerei in Freren das 11. Treffen seiner Veranstaltungsreihe „Lebenswege“ mit einem Gastvortrag des Autors und Fotografen

Joachim Berke

Das Thema lautet Schlesien. Zunächst stellt Joachim Berke  die oberschlesische Grafschaft Glatz geografisch und geschichtlich vor und berichtet dann über seine einzelnen Lebensabschnitte. Der in Lingen lebende Joachim Berke (Foto lks.) präsentiert Heimatliteratur der Grafschaft Glatz und der Autor liest aus seinen Veröffentlichungen „Heimreise in die schlesische Grafschaft Glatz“ und „Heimatlos in der Fremde“. Auf einem Büchertisch bietet Berke Interessierten seine Werke an, die auf Wunsch gern signiert werden.

Besichtigt werden kann parallel auch die Dauerausstellung “Lebenswege” des Kulturkreises Impulse über die russlanddeutsche Familie Heilmann aus Thuine.

Eintritt frei, Kaffee und Kuchen nicht

 

(Foto: © Joachim Berke)

Mittendrin-III

3. April 2010

In dieser Woche haben die Maristen (Foto re.: Gründer Pater Jean Claude  Colin)  die Ergebnisse ihrer eigenen Meppener Missbrauchsuntersuchung veröffentlicht. Was darin steht, beschreibt die Lokalpresse. Wäre der Maristenreport ein Schüleraufsatz, hätte ich daneben geschrieben: „Ungenügend – Thema verfehlt!“  Wir erfahren nämlich lediglich, dass alte Mönche vor dreißig oder vierzig Jahren junge Klosterschüler bedrängt, belästigt und missbraucht haben. Was soll eine solche Untersuchung, bei der sich ältere und alt gewordene Männer melden und einem Beauftragten mitteilen, sie seien in den 1960er Jahren von einem inzwischen verstorbenen Klosterbruder angegangen worden? Es geht nicht, wie es heute in den Karfreitagspredigten zu hören war, um die Schuldzuweisung: „Die Täter schwächen und verraten das Evangelium Jesu Christi, der gerade die Kinder in die Mitte stellte!“ Es geht auch bei dem Speller Pfarrers Andreas H. oder dem Thuiner Franziskaner Heinz-Günther H. nicht darum, ob sie nun Sexualstraftäter sind oder nicht.

Denn das alles sind verbale Überflüssigkeiten für den Stammtisch, es sind bloße Sex-and-crime-Enthüllungen, die lediglich die Symptome zeigen aber nicht das Problem angehen: Die Strukturen der katholischen Amtskirche – die Jahrzehnte und Jahrhunderte ihren  Selbstschutz über alles andere gestellt. Deshalb wurden Übergriffe geheim gehalten, die veröffentlicht gehört hätten. Die Strukturen des Hinter-vorgehaltener-Hand-Flüstern und der Vertuschung führten dazu, dass  Missbrauchte nicht gehört wurden und dass ihnen nicht geglaubt wurde. Eine Aufarbeitung durch die Justiz wurde zumeist versäumt. Die verantwortlichen nahmen die priesterlichen Täter nicht einmal konsequent aus der Arbeit mit jungen Menschen heraus – als ob sexuelles Missbrauchsverhalten der Priester mit ihrer Versetzung aus dem Emsland nach Bayern gelöst würden. Selbst heute wird beschwichtigend von Einzelfällen geredet und auch der Report aus Meppen individualisiert die Täter. Dabei ist der Missbrauch und seine Vertuschung  ein Strukturproblem.  In einem Interview hat eine Frau (!), die Münsteraner Professorin Marianne Heimbach-Steins die Ursachen des Skandals benannt und damit den Verantwortlichen einen Spiegel vor die Nase gehalten:

„Ein erster Punkt betrifft die priesterliche Lebensform. In der Ausbildung und Begleitung der Kleriker muss der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Sexualität offen thematisiert werden. Missbrauch von Amtsmacht – denn das ist sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche – muss konsequent geahndet werden. Eine offene Diskussion darüber, ob Zölibat und Priesterberuf zwingend zusammengehören müssen, muss endlich zugelassen werden.“

Der zweite Punkt „betrifft weitergehende Fragen der kirchlichen Selbstdeutung. Aktuell zeigen sich, so scheint mir, Relikte eines Selbstverständnisses, das mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden sein sollte, nämlich die Kirche als „societas perfecta“ – als vollkommene Gemeinschaft – innerhalb oder neben der säkularen Gesellschaft zu betrachten. Die Kirche und ihre Institutionen werden als heilig und unantastbar begriffen, so etwas wie strukturelle Sünde gilt für die Kirche selbst als ausgeschlossen. Aus diesem Verständnis heraus wird sie für fähig gehalten, Probleme in den eigenen Reihen selbst zu lösen – also insbesondere ohne Eingreifen der staatlichen Justiz oder ohne angemessene Berücksichtigung humanwissenschaftlicher Erkenntnisse. Das ist nicht nur unvereinbar mit einem modernen Verständnis der Kirche, sondern auch kaum vermittelbar im Verhältnis zwischen Kirche und säkularem Staat.“

Ich habe Zweifel, ob die katholische Amtskirche bereit und in der Lage ist, hier Aufklärung zu schaffen und ihre eigenen, über die individuelle Schuld Einzelner weit hinausreichende kollektive Verantwortung aufzuarbeiten. Die Maristen jedenfalls veröffentlichen auf ihren Internetseiten (hier und hier) bis heute nicht einmal den der Presse präsentierten Stammtischreport…

Schöne Ostern!

Mittendrin

29. März 2010

„Die Arbeit unserer Einrichtung ist bis ins Detail darauf ausgerichtet, den Jungen zu helfen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu festigen.“ So beschreibt sich die katholische Internatsschule in Thuine. Ihr Rektor, der Franziskanermönch Heinz-Günther H. ist jetzt aller Ämter enthoben worden.

Andreas H., Pfarrer der Kirchengemeinden Spelle, Schapen, Venhaus und Lünne, segnete noch am 14. Januar im Beisein des niedersächsischen Innenministers die neue Polizeistation in Spelle ein und verschwand dann „wegen psychischer Erkrankung“ quasi über Nacht. Jetzt hat ihn der Osnabrücker Bischof, wie die lokale Presse am Samstag etwas verschämt meldete, „von seinem Amt entpflichtet“.
Beide Männer sind Priester und beide haben sich in den sexuellen Missbrauch verstrickt. Der Speller Seelsorger H. ist dabei, folgt man der taz,  „ein mitreißender Gottesmann“. Im Rahmen der fundamentalistischen Christusgemeinschaft (mehr…) scharte er mit der aus dem Orden der Franziskanerinnen ausgeschlossenen Stephanie Bensmann  junge Menschen um sich und veranstaltete für sie Extra-Treffen und Exerzitien. „Wahre Indoktrinationsmeetings“ müssen das gewesen sein, wusste 2005 die taz. Zunächst seien „die Beziehungen zu den Eltern hinterfragt“ worden, „weil angeblich Eltern ihre Kinder immer festhalten wollen“. Deshalb würden sie den Blick dafür verlieren, was gut und was schlecht für ihre Kinder ist. Und deshalb sollte man ihnen nur das Nötigste über die Erbauungsveranstaltungen erzählen. Auch andere soziale Kontakte seien nach und nach torpediert worden. Den Mitgliedern sei im Wesentlichen vermittelt worden, sie seien schlecht, die Welt ebenso und die Menschen ohnehin. Ein ganz anderer Missbrauch, aber durchaus auch, wie wir jetzt sehen, ein selbstkritischer Ansatz…

Der Thuiner Pater soll  schlüpfrige Parties im Lingener Ludwig-Windthorst-Haus gefeiert haben, das sich bekanntlich als intellektueller Brutofen des katholischen Konservatismus begreift. So schaffte er es gar mit „perversen Knobelspielen“ in die BILD-Zeitung, den -wie man weiß-  Schneidbrenner des Boulevardjournalismus. Lange bekannte Missbrauchsfälle in Papenburg, Haren, Meppen und Dalum  kommen zu den beiden jetzt öffentlich gewordenen Fällen hinzu und zeigen, dass „wir im Emsland“ mittendrin statt nur dabei sind: In der aktuellen Missbrauchsdebatte, die die katholische Kirche peinigt.

Die Gründe für die Missbrauchsfälle sind vielfältig. Sie haben jenseits der individuellen Schuld sicherlich auch mit dem Zölibat und der damit zusammenhängenden Frage zu tun, wer das Priesteramt anzunehmen bereit ist. Noch mehr betreffen die Missbrauchsfälle das schädlich-verklemmte Verständnis der katholischen Amtskirche von Sexualität. Doch vor allem finden sie ihren Boden in der hierarchischen und autoritären Struktur der katholischen Kirche und dem entsprechenden Selbstverständnis ihrer Amtsträger. Beides begünstigt  eben Machtmissbrauch jeder Art. Diese Strukturen führen zum Schweigen der katholischen Christen und sollen es auch. Selbst jetzt.

Neues (30.03.2010) aus Spelle hier.

(Foto: Dom St. Peter in Osnabrück © Birgit Winter, pixelio.de)