manipulativ

12. August 2018

In der vergangenen Woche gab es eine kurze, populistisch-flache Empörung, dass Arbeitnehmer*inen hierzulande, die aus der Europäischen Union stammen, für ihre in den Herkunftsländern lebenden Kinder Kindergeld erhalten. Jede/r mit nur ein wenig Nachdenken konnte erkennen, wie oberflächlich die nszeniert wirkende emörung war. Dazu gab es gestern einen trefflichen Kommentar in der NOZ. Übrigen waren peinlicherweise die Sozialdemokraten in vörderster Front…

Ich erwähne dies, weil die Fernsehzuschauer sehen konnten, wie mit Statistik-Diagrammen manipuliert wird. Und das ausgerechnet in der Tagesschau-Hauptausgabe, die diese obere Grafik veröffentlichte, als in der Tagesschau-online-Ausgabe längst die unverzerrte Grafik unten zu sehen war. Mein Gott, wie peinlich!

Übrigens ist innerhalb des grafisch dargestellten Zeitraums die Zahl der hier arbeiten EU-Ausländer um knapp 200.000 gestiegen, so dass es zwangsläufig mehr Transferleistungen an Kindergeld für diese hier Beschäftigten geben muss…

Vor gut einem Jahr gab es -ausgerechnet von eben derselben Tagesschau ein kleines Fimchen, wie man manipulative Statistiken entlarvt. „Kurven- und Balkendiagramme sind“, so die Tagesschau damals, „beliebte Darstellungsformen bei der Vermittlung komplexer Informationen. In sozialen Netzwerken werden sie gern geteilt. Nicht selten zu Propagandazwecken.“

Ja, dann fasst Euch, liebe Tagesschau-Macher, mal kräftig an die eigene Nase, und die liebe Leserschaft darf sich informieren…

update wegen eines Seitenaspekts in der Sache Kindergeld:
Ich habe in meinem Beitrag inzwischen einen kleinen Nachtrag nach den beiden Grafiken eingeschoben und außerdem den Link auf den NOZ-Kommentar korrigiert. Gemeint hatte ich den Kommentar von Uwe Westdörp nicht den zuerst verlinkten schrill-alarmigen von Katharina Ritzer, in dem sie die Plünderung der Sozialkassen beschwört, aber nicht genug recherchiert hat; so wusste die konservative WELT schon Anfang Mai, dass es 2017 im Bereich der Familienkasse Nordrhein-Westfalen-West (u.a. mit Aachen, Köln, Bonn, Krefeld, Mönchengladbach, Düsseldorf, Wuppertal uvam – also mit  Hunderttausenden Kindergeldbeziehern) ganze 34 ermittelte Kindergeld-Betrugsfälle gab, um die sich jetzt die Staatsanwaltschaft und die Gerichte kümmern

Mich erinnert die mediale Aufregung – peinlicherweise mit der SPD vorneweg– sehr an den angeblichen sog. Bremer „Bamf-Skandal“ im Frühjahr, wo aus Tausenden Fehlentscheidungen und unendlicher Korruption, über die sich alle empörten, bislang ganze 17 falsche Entscheidungen ermittelt werden konnten. Oder -die älteren erinnern sich- an den Empörungshype über Florida-Rolf, der in Florida „unter Palmen“ Soziahilfe bezog, woraufhin binnen Wochen gleich das ganze Gesetz geändert wurde, bevor herauskam, dass keine 50 Deutschen davon betroffen waren…

Zwei Drittel der Deutschen schätzen die Kriminalitätsentwicklung falsch ein. Sicherheitspolitiker und Überwachungsfirmen argumentieren zunehmend mit dem subjektiven Sicherheitsgefühl der Bürger. Doch dieses ist bei einer großen Mehrheit komplett entkoppelt von der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung und der individuellen Bedrohungslage

Videoüberwachung als Problemlöser. In Sizilien wird mit Videoüberwachungsschildern versucht, das Müllproblem zu bekämpfen.

Videoüberwachung als Problemlöser. In Sizilien wird mit Videoüberwachungsschildern versucht, das Müllproblem zu bekämpfen. Ohne Erfolg.

Ein Hersteller von Videoüberwachungstechnik hat eine repräsentative Umfrage bei Meinungsumfrageinstitut YouGov beauftragt (Daten als XLSX) und geht mit dieser gerade bei Redaktionen hausieren. Das Ziel dieser PR-Maßnahme ist klar: Sie soll mitten in der politischen Debatte um mehr Videoüberwachung die vermeintliche Notwendigkeit und gleichzeitig die Akzeptanz durch die Bürger zeigen, damit der Hersteller mehr Produkte verkaufen kann.

So weit, so erwartbar. Was schon bei der ersten Frage auffällt: Fakten und Statistiken zu Kriminalität haben für viele der 2.055 befragten Bürgerinnen und Bürger keine Bedeutung mehr. 68 Prozent der Befragten sehen eine Verschlechterung der Sicherheitslage im öffentlichen Raum in den letzten zwei bis drei Jahren, knapp 20 Prozent sehen keine Veränderung und nur sieben Prozent eine Verbesserung.

Das Fatale an diesen Zahlen: Nur ein Viertel der Deutschen sieht die Kriminalitätsentwicklung realistisch, mehr als zwei Drittel sitzen einem subjektiven Empfinden auf, das vollkommen an der Realität vorbeigeht. Bei der Personengruppe über 55 Jahre sind es gar drei Viertel, die in ihrer Wahrnehmung komplett danebenliegen.

Kriminalität insgesamt rückläufig

Schaut man sich zum Beispiel die Polizeiliche Kriminalstatistik des Jahres 2015 an, so ist dort ein Rückgang der sogenannten „Straßenkriminalität“ von einem Prozent gegenüber dem Jahr 2014 verzeichnet.

Abgenommen haben auch die „Raubdelikte insgesamt“ (-1,8 Prozent) und „Gefährliche und schwere Körperverletzung auf Straßen, Wegen oder Plätzen“ (-1,9 Prozent). Die Verwendung von Schusswaffen ist sowieso seit 2003 rückläufig. Bei der Mordrate steht Deutschland mit 0,8 Fällen auf 100.000 Menschen auf Platz 21 der 218 erfassten Länder. Das einzige Kriminalitätsfeld, in dem es in den letzten Jahren wirklich ein signifikantes Wachstum gab, sind Wohnungseinbrüche.

Insgesamt jedoch gibt es in der Entwicklung der Kriminalität überhaupt keinen Grund zur Beunruhigung. Seit Jahren bleibt die Kriminalität in Deutschland auf niedrigem Niveau – bei sinkender Tendenz der Gesamtzahlen und steigenden Aufklärungsraten durch die Polizei. Deutschland wird von den unterschiedlichsten Quellen übereinstimmend zu den sichersten Ländern der Erde gezählt.

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Trotz dieser Fakten werden die Deutschen immer ängstlicher. Die grassierende diffuse Angst und ein subjektives Unsicherheitsempfinden der Mehrheit der Bevölkerung befeuern den Abbau von Grund- und Freiheitsrechten. Wenn Innenpolitiker jetzt schon selbst davon reden, dass sie das subjektive Sicherheitsgefühl von Menschen erhöhen wollen, dann hat das wenig mit effektiver Kriminalitätsbekämpfung, sondern mehr mit populistischem Aktionismus zu tun. Aus grund- und bürgerrechtlicher Perspektive stellt sich natürlich die Frage, ob und wie das subjektive Unsicherheitsgefühl der Menschen wieder an die sichere Realität des Landes herangeführt werden kann. Ein Thema, das auch Bürgerrechtsorganisationen bislang unterschätzt haben.

Immerhin wird das Thema Angst mittlerweile in Feuilletons und Sachbüchern vermehrt beschrieben. So hat zum Beispiel Jörg Schindler die Angstgesellschaft in seinem Buch „Panikmache“ recht umfassend beschrieben. Er zeigt dabei die Vielschichtigkeit des Angstkomplexes: Von der Angst um die Kinder auf dem Schulweg bis zur Angst vor dem sozialen Abstieg behandelt das Buch die unterschiedlichen, oft irrationalen Ängste der Bevölkerung. Das Buch nimmt dabei auch die Rolle der Medien nicht aus.

Die Lust der Medien und der Konsumenten an der Kriminalität, vom sonntäglichen Krimi bis zur ausgewalzten Berichterstattung von Kriminalfällen, wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Nachrichtenfaktoren wie „Schaden“ und „Sensation“ bestimmen seit Jahrhunderten, was als berichtenswert aufgefasst wird. Zusätzlich dominiert derzeit das Thema „Terror“ die Schlagzeilen, auch das vollkommen unabhängig davon, dass die Anzahl der Terroropfer in Westeuropa seit 1988 stark rückläufig ist.

Teufelskreis Sicherheitsdebatte

Hinzu kommt die Tatsache, dass sich Sicherheit politisch einfach gut verkaufen lässt. Wer für mehr Sicherheit plädiert, der suggeriert, etwas zu tun, Stärke zu zeigen, gegen die Bösen zu kämpfen, in Aktion zu treten. Gleichzeitig verschlechtert aber die fortlaufende Thematisierung der Sicherheit durch Parteien das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen. Denn wenn über ein Thema so viel geredet wird, dann scheint es ja wirklich ein Problem zu geben. Ein Teufelskreis.

(Quelle: netzpolitik.org von   / Creative Commons BY-NC-SA 3.0.)


ps In #Lingen gab es 2015 etwa 150 Wohnungseinbrüche. Die Zahl der Haushalt lag bei > 15.000. 

9084

3. August 2012

Moin, lese ich in Stephans Zuschrift und dann

„auf der Webseite der Stadt Lingen (Ems) über  „Allgemeine Strukturdaten“ finde ich schon wieder nicht die korrekten Zahlen zu Einwohnern und Konfessionen. Warum wird, bezogen auf insgesamt 55.495 Gemeldete unter „sonstiges“ statt der 14 nicht  die korrekte Zahl 9084  genannt?

9084 sind ca. 16 % der Gemeldeten ,von denen die Stadt „sonstiges“ sagt.
Gesamtzahl                        55.495
Konfession
römisch-katholisch            32.629
lutherisch                           11.560
reformiert                            2.194
altkatholisch                             14
sonstiges                                    14
(= 46.411)

Ich bin mir sicher, es gibt bei uns neben „Ausgetretenen“, auch griechisch-orthodoxe Christen und Moslems und Zeugen Jehowas und Jesiden, warum spiegeln wir diesen Facettenreichtum nicht ab?“

Was glauben Sie?