Postcards from Europe

3. Juni 2013

04_leitolf_tankstelle_szeged_2009Vor drei Jahren besuchte ich einen jungen Mann, den ich in einem Auslieferungsverfahren verteidigt hatte. Ich besuchte ihn im Gefängnis im südost-ungarischen Szeged. Wesentlicherm vielleicht auch einziger Anhalt dafür, sich in Europa zu befinden, war die europäische Flagge am Gefängnistor. Das Gespräch mit dem Mandanten fand -nach einstündiger Warterei- in einem etwa vier Quadratmeter großen, in der Mitte durch eine Trennscheibe geteilten „Raum“ statt. Draußen waren etwa 35° Celsius, in dem Gesprächsraum war es etwas wärmer. Das Vergehen des jungen Mannes hatte übrigens darin bestanden, in drei Fällen zwei Serben in Ungarn aufgenommen und weiter nach Deutschland geschleust zu haben, in zwei Fällen übrigens Verwandte. Nach sechs Monaten hatte die deutsche Staatsanwaltschaft ihre intensiven Ermittlungen eingestellt und den Mann auf Antrag eines forschen ungarischen Staatsanwalts nach Ungarn ausgeliefert. Dort saß er anschließend mehr als zwei Jahre in U-Haft und war dabei nahezu rechtlos, weil die Generalstaatsanwaltschaft Oldenburg meine Anträge abgelehnt hatte, den Ungarn bestimmte rechtsstaatliche Standards vorzuschreiben. Das OLG hatte dies abgenickt.

An diese bedrückenden Momente musste ich heute denken, als ich von der Fotografin Eva Leitolf und von ihrer Ausstellung „Postcards from Europe“ las, die noch bis zum 4. August im Sprengel-Museum Hannover zu sehen ist.

Das Thema der Ausstellung: Was bekommen Flüchtlinge als Erstes zu sehen, wenn sie die EU erreichen? Dem ist die 1966 geborene Eva Leitolf in ihrer Arbeit nachgegangen. Denn eines der 27 gezeigten Aufnahmen zeigt eine verlassene Tankstelle zwischen „meinem“ Szeged und Röszke. An ihr „werden am 24. September 2009 um 7.30 Uhr vier Afghanen aufgegriffen. Sie beantragen Asyl und geben an, vor fünf Monaten in Pakistan losgefahren und mit einem Schlepper für jeweils 7800 Euro über Griechenland zunächst nach Serbien gekommen zu sein.

Nach Auskunft eines Grenzbeamten nennen Schlepper Flüchtlingen Orte wie diese als Versteck und Warteplatz, obwohl sie wüssten, dass sie der Polizei bekannt seien. Dieser Umstand sei ihnen egal, da sie zu diesem Zeitpunkt ihr Geld bereits erhalten hätten. Im Jahr 2008 werden im Komitat Csongrád 1092 Flüchtlinge und 54 Menschenschmuggler von der Polizei verhaftet.“

Wenn Sie in Hannover sind, schauen Sie sich die Ausstellung an. Die taz beschreibt, wie Sie im Sprengel-Museum die Ausstellung finden: „Nach unten geht es, links am Eingangstresen vorbei, die Treppen hinunter. Dann einmal quer durch das Sprengel-Museum, vorbei an der Abteilung „Kunst für Kinder“. Ganz am Ende wieder links befindet sich der „Raum für Fotografie“…

Auf 28 Bildern und den ihnen auf bildlosen Postkarten zugeordneten Texten gibt Eva Leitolf einen Einblick in ihre Serie „Postcards from Europe“ . Menschenleere Ansichten von Orten, von Stränden, Plantagen, Straßen und Wegen füllen sich mit Informationen über kollektiv-biografische, ökonomische, juristische, politische und ökonomische Zusammenhänge. Die jeweiligen Text-Postkarten liegen aus, sie können eingesteckt und mitgenommen werden, um die Festung Europas weiterzudenken.

Eva Leitolf  –  Postcards from Europe
30169 Hannover  –  Sprengel-Museum
Kurt-Schwitters-Platz

noch bis zum 4. August 2013
Dienstag 10 – 20 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10 – 18 Uhr
Eintritt 7 Euro

Parallel ist eine gleichnamige Publikation von Eva Leitolf im Kehrer Verlag erschienen:

Eva Leitolf
POSTCARDS FROM EUROPE 03/13
Work from the ongoing archive
Schuber mit 20 Archivtafeln

ca. 48,00 Euro

(Text: PM Sprengel-M;useum, taz vom 29.05.2013; Foto Tankstelle bei Szeged, Eva Leitolf; © Sprengel-Museum)

Theo

27. März 2011

Das Sprengel Museum Hannover zeigt seit dem 9. Februar und noch bis zum 21. Juni eine von Hans-Peter Feldmann zusammengestellte Ausstellung über den Schauspieler, Regisseur und Autor Theo Lingen, der sich -in Hannover geboren- seinen Künstlernamen nach der Geburtsstadt seines Vaters aussuchte. Theo Lingens (1903-1978) Karriere begann am Theater. Als Filmschauspieler ist er einem breiten Publikum vor allem durch seine unzählige Komödien bekannt geworden.

Der 1941 geborene Hans-Peter Feldmann arbeitet mit Fotografien und Alltagsobjekten, die er sammelt, archiviert und arrangiert und schließlich in unterschiedlichen Konstellationen nach festgelegte Kriterien immer wieder neu zusammenstellt. In Serien angeordnet verweisen die Bilder auf eine Welt, die hinter dem Dargestellten liegt und konstruieren Geschichten, die aufgrund kollektiver und persönliche Erinnerungsmomente dem Betrachter die Möglichkeit zur individuellen Identifikation bieten. Damit führt der Ausstellungsmacher hinter die Maske des hölzern-perfektionistischen Komödianten in den vielgestaltigen Kosmos der Person und des Bühnenmenschen Theo Lingen ein. Hans-Peter Feldmann steht für ein demokratisches Bildverständnis, das keine Differenzierungen zwischen amateurhaft und professionell, privat und öffentlich oder fremd und eigen kennt.

Sprengel Museum
Hannover – Kurt-Schwitters-Platz
Öffnungszeiten: Dienstag 10 – 20 Uhr /  Mittwoch bis Sonntag 10 – 18 Uhr
Montags geschlossen

Eintritt 7,00 euro (ermäßigt: 4,00 Euro) Freitags Eintritt frei

 

(Bild: Karikatur des Schauspielers Theo Lingen, von Hans Georg Pfannmüller CC)

Heinrich Riebesehl

3. November 2010

Heinrich Riebesehl, einer der bedeutendsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Dies teilte das Sprengel Museum in Hannover mit, das das Archiv des Fotografen verwaltet. Der 1938 in Lathen im Emsland geborene Heinrich Riebesehl  hat mit seinem fotografischen Werk in den vergangenen 50 Jahren maßgeblich zu einer Erneuerung der Dokumentarfotografie in Deutschland beigetragen. Bekannt wurde er vor allem mit seiner Serie Agrarlandschaften: nüchterne, detailgenaue Schwarzweißfotografien von Getreidesilos, Bauernhöfen oder Rübenfeldern, in denen er den Blick auf die typischen Erscheinungsformen der norddeutschen Landschaft lenkt. Diese »lakonischen Fotografien einer lakonischen Gegend« (Peter Sager) bilden den Auftakt für seine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der norddeutschen Kulturlandschaft, für die der Fotograf mit dem Niedersächsischen Kunstpreis 2000 ausgezeichnet wurde. Spätestens seit den 1970er Jahren prägte Riebesehl die künstlerische Fotografie in Deutschland maßgeblich. Mit seinen Fotografien vor allem norddeutscher Kulturlandschaften schuf er dabei einen neuen «dokumentarischen Stil». Riebesehl starb bereits am Sonntag, 31. Oktober in Hannover.

Der gebürtige Emsländer studierte an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Während dieser Zeit entstand die Serie «Lokomotiven» (1963-1965) und auch seine berühmt gewordene Fotografie von Joseph Beuys, die den Künstler 1964 bei einem Happening mit erhobenem Arm, blutender Nase und einem Kruzifix in der Hand zeigt. Riebesehl arbeitete zunächst auch als Fotojournalist, unter anderem in Hannover, wo 1969 seine Serie «Menschen im Fahrstuhl» entstand, die ihn auch international bekanntmachte. Mehr oder weniger versteckt hatte Riebesehl dafür seine Kollegen im Aufzug fotografiert.

Anfang der 1970er Jahre waren Riebesehls Bilder noch den Ideen eines «magischen Realismus» verhaftet, doch im Lauf der Jahre ging er dazu über, seine Objekte ohne fototechnische Manipulationen abzubilden und eine nüchterne, möglichst wirklichkeitsgetreue Form der Dokumentarfotografie zu entwickeln. Aus dieser Schaffensphase stammen die berühmt gewordenen Fotoserien «Agrarlandschaften» (1976-1979) und «Bahnlandschaften» (1979-1997).

1972 gründete Riebesehl mit anderen Fotografen in Hannover die «Spectrum Photogalerie», eine der ersten Fotogalerien in Europa, die später in das Sprengel Museum integriert wurde. Riebesehl lehrte auch als Fotografie-Professor in Hannover. Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem Kodak-Fotobuchpreis, dem Sprengel Preis für Bildende Kunst und dem Niedersächsischen Kunstpreis ausgezeichnet.

Eine Anfang des Jahrzehnts  erschienene, längst vergriffene Monografie (Einband rechts, © Hatje Cantz Verlag ) gibt einen Überblick über Heinrich Riebesehls vielfältiges fotografisches Werk und sein konsequentes Arbeiten in Serien. 2004/5 widmeten das Sprengel Museum in Hannover und der Kunstverein Lingen dem gebürtigen Emsländer eine Werkschau.

 

Nachtrag: Mehr im Interview in der taz.