5. April

5. April 2015

„Die vergangene Nacht war in unserer näheren Umgebung relativ ruhig verlaufen Es hatte hier keine weitern Granateinschläge gegeben, und auch das Gewehrfeuer war gering gewesen. Erst gegen Mittag flammte es dann wieder stärker aus Richtung Wagen-Ausbesserungswerk auf. Das war für uns ein Zeichen, daß nun die Front auf uns zu kam. Wobei von einer Front keine Rede sein konnte. Wir haben an der Schwedenschanze keinen einzigen Soldaten gesehen, eine Verteidigungslinie gab es hier also nicht.

Gegen 14.00 Uhr sah ich dann vom Bunkereingang aus einen englischen Spähtrupp aus der Gerhardstraße auf uns zukommen. Die Soldaten durchkämmten flüchtig die umstehenden Häuser, und weil kein Schuß fiel, standen sie dann mit schußbereiter Maschinenpistole im Anschlag bald vor uns. Es war schon ein unangenehmes Gefühl, jetzt hilf- und wehrlos einem Gegner gegenüberzustehen, dem wir Deutschen jahrelang schweren Schaden zugefügt hatten und der nun sicher Rache üben wollte.

Lookenstraße5445Die Frage, ob sich in unserem Bunker Soldaten befänden, konnten wir verneinen. Sie schickten uns in den Bunker zurück, und wir konnten das weitere Geschehen in unserer Nachbarschaft leider nicht mehr verfolgen. Am späten Nachmittag gegen 16.00 Uhr (seit unserer Gefangennahme waren etwa 2 Stunden vergangen) wurden wir aufgefordert, den Bunker zu verlassen. Uns wurde gesagt, daß man mit einem Gegenangriff der Deutschen rechne und wir deshalb in Sicherheit gebracht werden sollten. Ohne Gepäck und ohne Verpflegung traten wir den Marsch in Richtung Stadtmitte an, ohne zu wissen, was unser Ziel sein sollte.

Ein Soldat übernahm unsere Gruppe (wir waren etwa 15 Personen). Am Fuße des Wasserturms war der erste Halt. Wir wurden dort einer genauen Kontrolle unterzogen. Besonders eingehend beschäftigte man sich mit mir. Aufgrund meines Schwerbehindertenausweises konnte ich die Annahme, ich sei ein deutscher Soldat in Zivilkleidern, rasch zerstreuen.

Wir setzten unseren Marsch in Richtung Lookenstraße (Foto, am Andreasplatz) fort, vorbei an einer großen Zahl von riesigen Panzern, die im Schutz der Mauer des Viehmarktes und der Hüttenplatzschule in Bereitstellung standen. Überall waren die Spuren von Kämpfen zu sehen. Besonders groß waren die Zerstörungen in der Innenstadt. Ausgebrannte Häuser zeugten vom (vergeblichen) Widerstand der deutschen Soldaten.

Beeindruckend für mich war der Umfang des Kriegsmaterials, der schon am 2. Tag der Kämpfe um Lingen als Nachschub der Engländer in den Straßen der Stadt bereitstand. Bei einer solchen Übermacht war mir klar, daß die deutschen Truppen für eine Verteidigung der Stadt weder die Kräfte noch das Material gehabt hätten. Der uns begleitende Soldat lieferte uns beim Kolpinghaus an der Baccumer Straße ab. Es war als Lazarett neben dem Bonifatius-Hospital mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet. Im Keller dieses Hauses sollten wir nun die nächste Nacht verbringen. Es war dort schon eine große Zahl von Zivilisten untergebracht.
Wir waren eng zusammengepfercht, hungrig und durstig, und die Stunden unserer „Gefangenschaft“ vergingen nur sehr langsam. Alle waren wegen des ungewissen Ausgangs der Kämpfe ängstlich, und an Schlaf war schon gar nicht zu denken.
Was ist mir von der ersten Begegnung mit den feindlichen Truppen in Erinnerung geblieben? Zuerst denke ich mit Freude daran, daß man uns Zivilisten sehr korrekt behandelt hat und sich daher bei uns keine Furcht oder sogar Panik eingestellt hat. Daß man uns nichts zu essen und zu trinken gab, war unter den gegebenen Umständen zu entschuldigen und brachte nur unsere Mägen zum Knurren. Sehr beeindruckend war für mich auch die riesige Menge an Kriegsmaterial und die gute Ausrüstung der Soldaten (z.B. mit Lederzeug). Meine Nase nahm die mir bisher unbekannten Gerüche des Zigarettenrauchs und des verwendeten Benzins auf. Das also waren die ersten Eindrücke, die mir von unseren Feinden in bester Erinnerung geblieben sind. Der erwartete deutsche Gegenangriff hat dann auch tatsächlich stattgefunden. Wir Zivilisten im Kolpinghaus haben aber davon nichts gemerkt.“

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Der Bericht über den 5. April 1945 stammt von Hans Brinck, einem ehemaligen Schüler der Lingener Castellschule. Ostern 1931 war er in die VIII. Klasse( = 1. Schuljahr) eingeschult worden und danach Schüler bis zum Schuljahr 1938/39. Seine Erlebnisse bei Kriegsende sind hier veröffentlicht.  Später übersiedelte Brinck in die Schweiz und lebt heute hochbetagt in Davos.

Foto: Stadtarchiv Lingen

Schützenhaus

17. Dezember 2012

Bildschirmfoto 2012-12-17 um 15.05.44Am Samstagabend hat die regionale Neonaziszene in einem städtischen Gebäude an der Schwedenschanze gefeiert. 50 Mann hoch. Dieses Gebäude hat die Stadt dem Schützenverein Schwedenschanze und Umgebung eV überlassen. Der hat es untervermietet und nimmt heute Mittag so Stellung:

Aus gegebenem Anlass möchte ich (Benjamin Lutter, 1. Schriftführer des Schützenvereins Schwedenschanze und Umgebung e.V.), stellvertretend für den Vereinsvorstand, folgende Erklärung abgeben. 

Wir, der Vorstand des Schützenvereins Schwedenschanze undUmgebung e.V. sind über die Entwicklungen der Veranstaltung in unserem Schützenhaus an der Schwedenschanze von letztem Samstag (15.12.2012) zu tiefst erschüttert. Selbstverständlich verfolgt der Verein keine politischen Ziele und vertritt als solcher auch keine politische Meinung.

Wir tolerieren und unterstützen selbstverständlich keinerlei rechtsradikale Aktivitäten in unserem Verein. Der Vereinsvorstand war nicht über den Inhalt dieser Veranstaltung informiert, da die Nutzungsvereinbarung über das Schützenhaus mit einer privaten Person abgeschlossen wurde und nicht etwa mit einem anderen Verein oder einer Gruppierung. Da wir nicht damit gerechnet haben, dass unser Schützenhaus, von privaten Personen, für derartige Treffen bzw. Veranstaltungen missbraucht wird, gab es bislang auch keinen Grund die jeweiligen Nutzer des Schützenhauses danach zu fragen welcher Art die „Feierlichkeiten“ sind.

Der Schützenverein Schwedenschanze und Umgebung e.V. beteiligt sich selbstverständlich an der Aufklärung der Angelegenheit und steht den Behörden für alle Fragen aktiv und ohne Vorbehalt bis zur vollständigen Klärung zur Verfügung. Desweiteren prüft der Verein, in wie weit gegen den Veranstalter der Veranstaltung von unserer Seite aus, rechtlich vorgegangen werden kann.

Um es abschließend ganz klar und unmissverständlich zu sagen: Wir, der Schützenverein Schwedenschanze und Umgebung e.V., tolerieren und akzeptieren keinerlei rechtsradikale Aktivitäten. Wir werden in Zukunft genauestens prüfen welchen Zweck die Veranstaltungen haben, die in unserem Vereinshaus stattfinden und versichern, dass wir in Zukunft alles unternehmen werden um solche Vorkommnisse zu unterbinden.

Bis die Angelegenheit vollständig aufgeklärt ist, wird unser Schützenhaus selbstverständlich nicht mehr vermietet. 

Der gesamte Vorstand entschuldigt sich in aller Form bei den Bürgerinnen und Bürgern aus Lingen und Umgebung.

Für weitere Fragen stehen wir selbstverständlich jederzeit jedem zur Verfügung und beteiligen uns selbstverständlich aktiv an jedem Dialog.
Mit freundlichen Grüßen.
Der Vereinsvorstand

i.A. Benjamin Lutter
1. Schriftführer

Klare Worte. Gut so und Danke dafür. Dann bleibt als nächstes aufzuklären, ob 50 Rechtsextreme lautlos hinter verschlossenen Türen gefeiert haben, wie Polizei erklärt, oder ob faschistische Gesänge und Rufe deutlich draußen zu hören waren, wie kritische Linke behaupten. Da bin ich am Ball.

Selbstverständlichkeit

27. August 2012

Vor einiger Zeit erlebte ich in Finnland, wie die 4-spurige, mehrere Hundert Meter lange Brücke Vuosaaren silta neu asphaltiert wurde. Die einzige Zufahrt zu einer Halbinsel nahe Helsinki wurde binnen zweier Nächte „auf Vordermann“ gebracht. Daran muss ich seither immer denken, wenn ich das langsame Arbeiten an deutschen Straßenbaustellen sehe. Gerade wieder bei uns. Da wird die notwendige Reparatur von wenigen Metern Fahrbahndecke der Schwedenschanze nicht etwa an einem Samstagnachmittag und in der folgenden Nacht erledigt sondern so:

In der Meldung wird übrigens nicht über den lokalen öffentlichen Nahverkehr informiert. OB Krone will ihn bekanntlich verbessern und hat deshalb zwei neue LiLi-Buslinien initiiert. Eine der beiden befährt die gesperrte Straße. Doch was mit dieser Linie während der Bauarbeiten ist, erfährt man nicht. Erst auf Nachfrage heißt es:

„Nach Auskunft der VGE werden morgen die Haltestellen Hügelweg, Auf der Loos, Martastraße und Strootstraße nicht angefahren. Ausweichhaltestellen sind in diesem Bereich die Auguststraße und die Schützenstraße. Ab Mittwoch werden – bis auf die Strootstraße – wieder alle Haltestellen wie gewohnt angefahren.“

Wäre es nicht zweckmäßig gewesen, über die öPNV-Änderungen gleich zu informieren? Und die Arbeiten schneller durchzuführen? Nun, immerhin sind die Arbeiten wohl  fertig, wenn kommende Woche die Schule wieder beginnt. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit.