völlig unnatürlicher

5. Dezember 2014

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„Endlich! Maria Klenke hat’s geschafft; gerade noch, wie sie selbst meint, denn die biologische Uhr tickte bereits gehörig: Sie ist schwanger und stolz darauf, denn in der ganzen Familie Klenke gab es bislang weit und breit noch keine Anzeichen für Nachwuchs. Mit Bernhard, einem gutgläubigen Christen, hat Maria auch einen zuverlässigen und vorzeigbaren Mann an ihrer Seite. Grund genug also, um die beiden jüngeren Schwestern samt männlichem Anhang zu einem Grillnachmittag einzuladen und im feierlichen Rahmen die frohe Botschaft zu verkünden. Dumm nur: Auch die beiden jüngeren Schwestern sind just in anderen Umständen. Und so gerät das Grillfest inklusive der nachfolgenden Monate bis zur Geburt der drei Kinder zu einem wahrhaften Schwangerschaftswettbewerb, in dem kaum ein Phänomen nicht Anlass bieten würde zu der Frage, wer die bessere Schwangere, welcher der Partner der schwangerschaftstauglichste, welcher Ratgeber der richtige oder welcher Fötus der stattlichste ist.
Mit 27 Monate hat der aus Osnabrück stammende Autor Tobias Steinfeld eine temporeiche Schwangerschafts-Groteske geschrieben, die zeigt, wie Schwangerschaft in der Wettbewerbsgesellschaft des 21. Jahrhunderts vom Schonraum zum Kampffeld mutiert, in dem es das eigene Kind noch vor seiner Geburt optimal zu positionieren gilt.
Inszeniert wird das Stück von Marie Bues.“

Tobias Steinfeld gewann mit seinem Erstlingsstück „27 Monate“ den zweiten Preis beim Dramatikerwettbewerb Osnabrück. Nun wird es dort am Emma-Theater uraufgeführt. Das Stück zeigt einen kleinen, aber symptomatischen Ausschnitt „unserer gegenwärtigen Wirklichkeit: der Schwangerschaft und dem mächtigen Gewese, das um sie veranstaltet wird“ (NOZ). Hier Thomas Steinfeld im taz-Interview.

Die Uraufführung (ausgebucht) von Tobias Steinfelds „27 Monate“ ist am Samstag, 6. Dezember, um 19.30 Uhr im Emma-Theater, Lotter Str. 6, Osnabrück. Nächste Vorstellungen am 10., 20., 26., 31.12. (17.00 Uhr, 20 Uhr). Karten ab 24.95 €.

Inszenierung Marie Bues
Bühne/Kostüme Indra Nauck
Video Elmar Szücs
Dramaturgie Hilko Eilts

Maria Stephanie Schadeweg
Julia Maria Goldmann
Lisa Marie Bauer
Bernhard Martin Schwartengräber
Achim Thomas Kienast
Marc Dennis Pörtner

27-Monate

[Quelle; Bild: Clemens Braun/Theater Osnabrück]

Aus

25. November 2013

Bildschirmfoto 2013-11-24 um 08.23.37Seit Jahrhunderten leisten Hebammen mit ihrem Wissen und Können Schwangeren und jungen Müttern Beistand. Ihre Aufgaben umfassen die Schwangeren-vorsorge, Geburt- und Wochenbett-Betreuung sowie die Unterstützung bei der Säuglingsversorgung und in der Stillzeit. Stehen sie jetzt vor dem Aus?

Denn zum 1. Juli 2014 werden die Haftpflichtprämien für Hebammen erneut um rund 20 Prozent steigen. In der Geburtshilfe tätige freiberufliche Hebammen müssen dann über 5000 Euro im Jahr für ihre Versicherung bezahlen. Noch mehr Hebammen werden sich so ihre originären Tätigkeiten nicht mehr leisten können. Die Politik und Krankenkassen müssen endlich handeln, fordert angesichts dessen der Deutsche Hebammenverband. Seine Präsidentin Martina Klenk kritisiert, dass sich die Prämien in den letzten zehn Jahren bereits verzehnfacht haben – bei einer weiterhin niedrigen Vergütung. Weitere Steigerungen seien bereits für 2015 angekündigt.

Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Berufshaftpflichtversicherung auf aktuell rund 4500 Euro verzehnfacht – und das bei einer gleichbleibend niedrigen Bezahlung. Hebammen verdienen im Schnitt gerade einmal 8,50 Euro pro Stunde. Jede vierte Hebamme in Deutschland hat seit 2008 unter dem Kostendruck die Geburtshilfe aufgegeben.

Auch in Niedersachsen droht vielen Hebammen aus wirtschaftlichen Gründen die Berufsaufgabe oder zumindest der Rückzug aus ihrer Kernaufgabe. Boten 2007 noch knapp 100 Hebammen Hausgeburten an, so sind aktuell nur noch 30 Hebammen in der Lage, dieses Angebot aufrecht zu erhalten. Hebammen als Wahlalternative zur Geburt im Krankenhaus gibt es also in vielen Gegenden Niedersachsens nicht mehr und die Hausgeburt – noch in den 1950er Jahren selbstverständlich – ist längst die Ausnahme. Dabei spricht generell dann nichts gegen eine Geburt zu Hause, wenn kein Risiko besteht und sie gut vorbereitet wird.  Auch sog  Beleghebammen, die in Niedersachsen in meist kleinen Kliniken Geburtshilfe leisten, gibt es immer weniger: 2007 waren es noch 244 Hebammen, jetzt sind es nur noch 68. Auf dem Land wird der Weg ins nächste Krankenhaus damit für viele Schwangere unzumutbar lang.

Weil der Berufstand der freiberuflichen Hebamme  mit dem erneuten Anstieg der Haftpflichtprämie um 20 Prozent auf dann mehr als 5.000 Euro vor dem Aus steht, haben  CDU und SPD angekündigt, die Verbesserung der Situation der Hebammen in ihren Koalitionsvertrag aufzunehmen. Jens Spahn, Gesundheitspolitiker von CDU/CSU, hat deshalb an die Hebammen appelliert, sie sollten sich „wieder beruhigen“. Hebammen und ihre Bedeutung seien im Text der Arbeitsgruppe Gesundheit, der zu den Koalitionsverhandlungen vorgelegt werde, „erwähnt“.

ElkeTwestenDass damit noch längst nicht alles gut ist, sagt Elke Twesten, frauenpolitische Sprecherin der Niedersächsischen Grünen (Foto lks): „Die Stabilisierung des Hebammenwesens im Koalitionsvertrag ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, gleichwohl brauchen die massiv unterbezahlten Hebammen mehr als nur Lippenbekenntnisse. Sie brauchen konkrete Maßnahmen: Die Honorare sind angemessen anzuheben, die Erhöhungen der Haftpflichtprämie sind kurzfristig auszugleichen und die Hebammenhilfe ist aus der über 100 Jahre alten Reichsversicherungsordnung zeitgemäß in das Sozialgesetzbuch V. zu überführen.“

„Wenn im nächsten Jahr die Haftpflichtprämien für die Hebammen steigen und es keinen Finanzausgleich durch die Honorare geben wird, ist das der Todesstoß für die freiberuflichen Hebammen. Damit wird es keine freie Wahl des Geburtsortes mehr geben. Hausgeburten, Geburten in Geburtshäusern und auf Belegstationen kann sich dann keine freiberufliche Hebamme mehr leisten. „Ein Flächenland wie Niedersachsen ist bei der Grundversorgung auf alternative Geburtshilfe angewiesen, da wir künftig im Bereich der Krankenhausversorgung – gerade im ländlichen Raum – vor neuen Herausforderungen stehen.“

(Foto + Quelle Pressemitteilung B’90/Grüne; Deutscher Hebammenverband)