voRWEg

29. Juli 2009

Logo.deDie Nachrichtenagentur AP meldet heute:

Bei der Schnellabschaltung des AKW Emslandes am vergangenem Freitag haben mehrere Regeleinrichtungen des Meilers fehlerhaft reagiert. Ursache des Störfalls sei zunächst «ein fehlerhaftes Ansprechen einer Schutzeinrichtung» gewesen, die den Ölfluss in einem Trafo des AKWs und einen dazugehörigen Schalter überwache, teilte das Umweltministerium am Mittwoch in Hannover mit. Dann hätten aber auch drei von vier Füllstandsreglern an den Dampferzeugern des Kraftwerks fehlerhaft reagiert.
Lediglich einer habe seine Aufgabe erfüllt, sagte der zuständige Referatsleiter des Ministeriums, Frank Egbert Rubbel. Nur deswegen sei es nach dem ersten Fehler zu einer Schnellabschaltung gekommen. Normalerweise werde die Leistung des Kraftwerks nach einer Trennung vom Stromnetz nur auf 20 bis 25 Prozent * heruntergefahren. Dann sei das Wiederanfahren des Kraftwerks einfacher als nach einer Schnellabschaltung.
Das Kraftwerk war gegen 03.00 Uhr am Freitagmorgen nach dem Ausfall des zunächst betroffenen Trafos vom Netz getrennt worden.
Die fehlerhafte Reaktion der Füllstandsregler sei «ein Vorgang, der über den normalen Betriebsfall hinausgeht, von der Sicherheit her aber kein wichtiger Punkt», sagte Rubbel weiter. Wann das Atomkraftwerk in Lingen wieder anfahren könne, stehe noch nicht fest.
Nach Angaben des Bundesumweltministeriums kann der Reaktor erst nach Zustimmung aus Berlin wieder an Netz gehen. Nach dem selbstständigen Abschalten des Transformators habe die Anlage «nicht wie im Sicherheitskonzept vorgesehen mit einer schrittweisen Reduzierung der Leistung» und einem schonenden Abfahren des nuklearen Teils reagiert, erklärte auch das Bundesumweltministerium. Reaktorschnellabschaltungen sollten möglichst vermieden werden. Die Ursache der Schnellabschaltung sei vor dem Wiederanfahren zu klären, betonte das Bundesumweltministerium.“

Wie die Erfahrung in verschiedenen Atomanlagen zeigt, ist eine Schnellabschaltung oft mit weiteren „Transienten“ (starken Schwingungen) verbunden, die ihrerseits neue Sicherheitsprobleme aufwerfen könnten, schreibt eine  andere Quelle. Vor dem Wiederanfahren des AKW sei es deshalb unbedingt erforderlich, die Ursachen der Schnellabschaltung zu klären und ggf. Maßnahmen gegen Wiederholung in gleichartigen Fällen getroffen zu haben, heißt es aus Berlin. Das Bundesumweltministerium will deshalb, dass vor dem Wiederanfahren des Atomkraftwerkes Emsland Maßnahmen zur zukünftigen Vermeidung solcher Vorfälle durch entsprechende sicherheitstechnische Analysen abgesichert sind.
Die niedersächsische Atomaufsicht hat zugesagt, vor einer Zustimmung zum Wiederanfahren des Reaktors zunächst die Fragen der Bundesaufsicht zu den Ursachen der Reaktorschnellabschaltung zu klären und entsprechende Unterlagen vorzulegen. Der Reaktor soll erst dann wieder ans Netz gehen, wenn sich das Bundesumweltministerium nach entsprechender Prüfung gegenüber der niedersächsischen Aufsichtsbehörde zustimmend geäußert hat.

* Nachtrag aus aktuellem Anlass:
Nach meinen Informationen ist das AKW in Lingen zuletzt vor einigen Wochen wegen eines Kurzschlusses vom Netz genommen worden, wobei seine Leistung auf rund 300 MW (= ca. 25 %) heruntergefahren wurde. Auf der Baustelle des GuD-Kraftwerks war durch Unachtsamkeit ein Kranausleger gegen eine 380 KV-Leitung geraten. Dadurch entstand ein Kurzschluss, der sich direkt auf das benachbarte AKW auswirkte und es notwendig machte, die Anlage vom Netz zu nehmen. Auch vor etwa einem Jahr soll das AKW wegen eines ähnlichen Kurzschlusses bzw. Fehlers beim Bau einer Überlandleitung nahe Messingen vom Netz getrennt  worden sein.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) begrüßt aktuell, dass die niedersächsische Atomaufsicht seiner Bitte um umfassende Aufklärung nachgekommen ist. In einer Pressemitteilung vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) bekräftigt er: “Ich kann Niedersachsen nur ermuntern, konsequent auf dem jetzt beschrittenen Pfad der Kooperation mit der Bundesaufsicht zu bleiben.” Infolge der ausgiebigen Überprüfungen verlängert sich der Zeitraum, die der Reaktor nicht am Netz ist. Offenbar ist es leicht zu verschmerzen, wenn das AKW Emsland mal keinen Strom in die Überlandleitungen einspeist. Weil fast zeitgleich mit dem AKW in Lingen auch ein Reaktor in Philippsburg abgeschaltet wurde und Biblis, sowie Block B in Grundremmingen ebenfalls schon länger keinen Strom liefern, sind für den Energiekonzern RWE 80 Prozent der Atomenergie einfach ausgefallen.

Fazit: Mit einer Ausfallquote von bis zu 80 Prozent seiner eigenen Kernkraftwerke geht die RWE im Atomausstieg in Deutschland also entsprechend dem Konzernslogan tatsächlich  “voRWEg”.

Wand

29. Juli 2009

spacerimagesDie Börse merkt – so focus-online.de – auf:

Wiederanfahren von RWE-Reaktor Emsland verzögert sich weiter

FRANKFURT (Dow Jones)–Das Wiederanfahren des RWE-Atomkraftwerks Emsland verzögert sich weiter. Wie aus Angaben von der Webseite des Düsseldorfer Energiekonzerns hervorgeht, soll der Reaktor nun erst zwischen Donnerstag und Samstag wieder ans Netz gehen. Am Dienstagmorgen hieß es auf der Webseite des Konzerns, das Werk solle bis Donnerstag wieder angefahren werden. Wie ein Sprecher von RWE Power gegenüber Dow Jones Newswires derweil sagte, ist der Meiler startbereit – lediglich die Genehmigung der Aufsichtsbehörde stehe noch aus. Alle erforderlichen Unterlagen seien beim niedersächsischen Umweltamt bereits eingereicht worden.
Am Freitagmorgen gegen 3.00 Uhr war der Meiler nach Auslösen eines elektrischen Schutzschalters per Schnellabschaltung vom Netz gegangen. Zunächst hatte Betreiber RWE das Kraftwerk schon am Wochenende wieder anfahren wollen.
Webseite: http://www.rwe.com“

Als Lingener fragt man sich da, wie dies denn möglich ist, nachdem sich der Leiter des Atomkraftwerks, Hubertus Flügge, mit einem kleinen Bauteil auf einer schön-grünen Wiese in der Lokalpresse präsentierte und Oberbürgermeister Pott (Ist der eigentlich schon aus dem Urlaub wieder da? Es sind ja gar keine Bilder von ihm in der Zeitung!) bestätigte, das mit der Schnellabschaltung sei ja eigentlich kein richtiger Störfall gewesen, sondern nur irgendwie so ein Fehler in einem Schalter. Puuuh, da hamm wa noch ma Glück gehabt, nich Heiner ?!

Gut, dass unser OB nur für die Beruhigung der Lingener zuständig ist und nicht für das AKW.Umweltminister Sigmar Gabriel hat sich jedenfalls die Zustimmung vorbehalten, dass der Meiler „wieder ans Netz geht“, wie es immer so schön heißt.

dpa schreibt dazu:

„Nach der Schnellabschaltung des niedersächsischen Atommeilers Lingen behält sich das Bundesumweltministerium seine Zustimmung für ein Wiederanfahren des Reaktors vor. Dort stellen sich auch nach den bereits erfolgten Reparaturen anscheinend noch Sicherheits-Fragen. „Der Reaktor soll erst dann wieder ans Netz gehen, wenn sich das Bundesumweltministerium nach entsprechender Prüfung gegenüber der niedersächsischen Aufsichtsbehörde zustimmend geäußert hat“, teilte das Ministerium am Dienstag mit.“

Und Sigmar Gabriels Ministerium legt den Finger in die Wunde:

„Das Bundesministerium erläuterte, es habe nach der Abschaltung des Reaktors Kontakt mit der Aufsichtsbehörde in Niedersachsen aufgenommen und um Berichterstattung gebeten. „Nach dem selbsttätigen Abschalten des Transformators hat die Anlage nicht, wie im Sicherheitskonzept vorgesehen, mit einer schrittweisen Reduzierung der Leistung und einem damit verbundenen schonenden Abfahren des nuklearen Teils der Anlage reagiert.

Aus bisher für das Bundesumweltministerium ungeklärten Gründen führten unterschiedliche Füllstände in den Dampferzeugern zur Auslösung von Reaktorschutzsignalen und damit zu einer Reaktorschnellabschaltung.“ Gemäß Sicherheitsanforderungen sollten solche Schnellabschaltungen aber möglichst vermieden werden, da davon weitere Sicherheitsprobleme ausgehen könnten.“

Sigmar  Gabriels folgt also nicht Hubertus Flügge und seinem erleichterten Heiner Pott:

„Vor dem Wiederanfahren ist es deshalb unbedingt erforderlich, dass die Ursachen der Reaktorschnellabschaltung geklärt und gegebenenfalls Maßnahmen gegen Wiederholung in gleichartigen Fällen getroffen sind. Dies ist nach den beim Bundesumweltministerium vorliegenden Erkenntnissen über die Störung in der Regelung für die Füllstände in den Dampferzeugern während der Reaktorschnellabschaltung vom vergangenen Freitang nicht der Fall.“

Also: Wir erfahren von einem defekten Transformator und zusätzlich von  unterschiedlichen Füllständen in Dampferzeugern. Ich bin gespannt, was noch kommt und sehe mit Interesse, dass auch die neuformierte Lingener Sozialdemokratie auf ihrer neu gestalteten Internetseite aufmerksam ist, während die wesentliche politische Konkurrenz von CDU und FDP diszipliniert-peinlich schweigt und die Grünen nur so eine Pflichtmeldung abgesetzt haben. Allerdings liest sich, lieber Hajo Wiedorn, in modernen Zeiten Dein  Hausfrau-und-Socken-Vergleich etwas holprig.

Wir wissen dank dpa:

„Das Bundesumweltministerium hält es deshalb für erforderlich, dass vor dem Wiederanfahren des Atomkraftwerkes Emsland die Ursache der Störungen bei der Füllstandsanzeige geklärt ist und Maßnahmen zur zukünftigen Vermeidung durch entsprechende sicherheitstechnische Analysen abgesichert sind.“

So schau‘ ich gen Süden, sehe den weiterhin wasserdampffreien Kühlturm des AKW und weiß, dass das Problem noch vorhanden ist. Da bin ich eben gegenüber Heiner Pott im Vorteil. Der schaut aus seinem Büro im Rathaus nämlich nur auf die Wand des Nachbarhauses; das hindert bisweilen den freien Blick, lieber Heiner.

Und, bester Hubertus Flügge, die Bitte sei mir gestattet: Morgen früh möchte ich in der Werbezeitschrift Lingener Tagespost ein halbseitiges Bild sehen, bei dem Sie Dampferzeuger mit unterschiedlichen Füllständen seriös-lächelnd ins Bild halten.

Bekannt?

26. Juli 2009

akwaufrotDas Maschinentrafo-Problem, das in Nacht zum vergangenen Freitag zu einer Schnellabschaltung des Lingener Atomkraftwerks führte, soll den Verantwortlichen schon mehrere Tage vor der Alarmabschaltung bekannt gewesen sein. Dies sagt mir eine Quelle aus Kreisen des Kraftwerkbetreibers. Man habe allerdings bis zum nächsten Routinecheck warten wollen („so rund drei Wochen“), um erst dann den Fehler zu beheben.
Ich kann nicht sagen, ob die Information tatsächlich zutrifft. Das Atomkraftwerk Emsland im niedersächsischen Lingen soll aber nach dem Willen der RWE, die es betreibt, schnell wieder ans Netz und zwar -so DPA– „Anfang dieser Woche“ oder „im Laufe der Woche“, wie es anderorts heißt. Immerhin: „Wir müssen erst umfangreiche Prüfungen durchführen, bevor wir das Kraftwerk wieder anfahren“, sagte RWE-Power-Sprecher Manfred Lang am Sonntag. Man müsse schauen, wann diese Arbeiten abgeschlossen werden könnten.
Ursprünglich hatte Betreiber RWE das Kraftwerk in Lingen schon am Sonntag wieder anfahren wollen, nun werde der Atommeiler frühestens im Laufe der Woche wieder in Betrieb genommen. Grund seien weitere technische Prüfungen. Sprecher Manfred Lang bestätigte der Mittelbayerischen Zeitung entsprechende Informationen. „Für uns hat die Sicherheit oberste Priorität. Deshalb stehen alle unsere Prüfungen in enger Absprache mit dem niedersächsischen Umweltministerium“, sagte Lang.

DPA meldet derweil etwas anderes nämlich zunächst: Erst wenn sämtliche Sicherheitsprüfungen positiv verlaufen, werde das AKW wieder eingeschaltet. Aber auch: Der Fehler sei gefunden und behoben. Die Überwachungseinheit an einem Maschinentrafo habe einen Fehler gemeldet. Der Trafo selbst sei aber nicht beschädigt. Laut niedersächsischem Umweltministerium – ebenfalls dpa-  bestand keine Sicherheitsgefahr, was die Frage aufwirft, weshalb es dann zu einer Schnellabschaltung kam.

Die taz meint, dass die AKW-Branche gerade ihr Image ruiniere. „Als am Freitag das Kraftwerk Emsland abschmierte, war von fünf RWE-Meilern nur noch ein einziger am Netz. In Megawatt ausgedrückt: Die RWE-Reaktoren brachten zusammen gerade noch 19 Prozent ihrer eigentlichen Leistung. Und nicht nur RWE verliert gerade viel Geld durch Stillstände, bundesweit waren in den letzten Tagen 8 von 17 deutschen Meilern abgeschaltet. Die gesamte Stromerzeugung aus Atomkraftwerken fiel damit zeitweise unter 10.000 Megawatt – damit war nicht einmal mehr die Hälfte aller Kapazitäten am Netz. RWE reagierte darauf am späten Freitagnachmittag auffällig: Nach dem Ausfall des Kraftwerks Emsland wurde der Meiler Gundremmingen B nach langer Revision überraschend schnell zu ungewöhnlichem Termin hochgefahren. Dieser Schritt sei seitens der Kraftwerksleitung nicht wie üblich angekündigt worden, sagt Branchenkenner Raimund Kamm. Das sei merkwürdig.“
(Foto: AKW Lingen – Licht auf Rot am 24. Juli, © privat)

Schnellabschaltung

24. Juli 2009

atomkraftneindanke

ddp meldete im Laufe des Vormittags und zehn, zwölf Stunden nach einem „Ereignis„:

„Im Atomkraftwerk Emsland in Lingen ist es in der Nacht zum Freitag zu einer Schnellabschaltung des Reaktors gekommen. Grund sei die nicht ordnungsgemäß funktionierende Überwachungseinrichtung eines Maschinentrafos gewesen, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums in Hannover. Das Ereignis sei «nichts Dramatisches» gewesen. Es sei in der untersten Meldekategorie eingestuft worden.
Beamte der Aufsichtsbehörde seien im Kraftwerk, um sich ein Bild zu machen, sagte die Sprecherin.

Der Reaktor werde voraussichtlich in den nächsten zwei Tagen wieder ans Netz gehen, sagte ein Sprecher des Betreibers RWE Power in Essen. Der Maschinentrafo sei nach bisherigen Erkenntnissen nicht beschädigt worden. Von der Störung sei kein sicherheitsrelevantes Teil im Sinne des Atomrechts betroffen, sondern ein Bauteil, wie es in jedem konventionellen Kraftwerk auch vorkomme. Der 1400-Megawatt-Block des Kernkraftwerks Emsland bei Lingen wurde 1988 in Betrieb genommen. Seitdem produziert er nach RWE-Angaben jährlich rund elf Milliarden Kilowattstunden Strom. (ddp)“

Einzelne Passagen aus dieser Pressemeldung habe ich fett hervorgehoben. Sie scheinen mir bedeutsam zu sein.

Was nicht geschrieben ist, also verschwiegen wird: Bei einer Schnellabschaltung wird eine ca. 50-fach erhöhte Radioaktivität freigesetzt. Wenn ein Atomkraftwerk nach einem solchen Abschalten dann wieder hochgefahren wird, gibt es auf jeden Fall wiederum kurzfristig eine erhöhte Strahlenbelastung. Das ist unbestritten. Da dies so ist, wird meist vor der Wiederinbetriebnahme der Anlage die Genehmigung eines erhöhten Grenzwertes beantragt. Die zuständige Behörde, das Bundesamtes für Strahlenschutz, genehmigt diesen Antrag „natürlich“ – nicht im Sinne von Natur, sondern eher von selbstverständlich.

Jetzt sagen einige: Es ist ja nichts passiert, die Sicherheitssysteme haben gegriffen. So, wie in den anderen 5700 (!) Pannen in deutschen Atomkraftwerken in den letzten 50 Jahren. Eine Schnellabschaltung erfolgt überdies  immer dann, wenn andernfalls ein GAU -also der größte anzunehmende Unfall- die Folge sein könnte. Und wie schreibt es ein ZEIT-Leser: „… soweit ich das überblicke, (ist dies) die erste Notabschaltung eines Konvoi-Reaktors überhaupt.“

Die erhöhte Radioaktivitätsabgabe schmeckt, fühlt und spürt man bekanntlich nicht.  Was also werden wir in Lingen jetzt hören? Der Bewertung der Mannen um Atomfreund und Landesminister Sanders (FDP) traue ich kein Millisievert weit. Sie werden uns im Zweifel nicht vollständig oder gar richtig informieren. Ich erahne diese Erklärung: „Es bestand zu keiner Zeit Gefahr für die Bevölkerung.“  Das macht mich dann noch hellhöriger…

(Quelle 1, Quelle 2)