Claudias Video

8. September 2021

Noch ein kleines Kommunalwahlvideo. Danke an Claudia Becker. Tipp: Sonntag wird gewählt. Wer Sonntag verhindert ist, kann das vorab im Wahlbüro der Stadt Lingen machen. es findet sich in der Schlachterstraße 6 (ehem. Geschäftsstelle der Lingener Tagespost). es ist heute bis 16, morgen 17, am Freitag bis 12.30 Uhr und am Samstag bis 12.00 Uhr geöffnet. Es reicht, dort mit dem Perso vorbeizuschauen.

Pro Stimmzettel gibt es drei Kreuze zu verteilen. Man kann unabhängige Wählergemeinschaften wählen oder Parteien oder jeweils Kandidatinnen und Kandidaten. Man kann panaschieren und kumulieren. Wa das ist? Googelt mal… 😉

traurig wie befürchtet

25. August 2021

Thomas Pertz ist nicht immer ein kluger Journalist. Jetzt hat er in der „Lingener Tagespost“ einen Beitrag veröffentlicht, warum in Lingen nicht sofort etwas für die Kitas und Schulen getan werden soll. Das findet er offenbar gut:

Wie in ganz Niedersachsen eröffnen in einer Woche auch in unserer Stadt die Schulen wieder, die Kitas sind bereits geöffnet. Das Besondere auch in diesem Jahr: Es gibt für die ungeimpften Jüngsten keinen Schutz. Das haben die BürgerNahen kritisiert. Ein ganz großes Stück hätten mobile Luftfilter Schutz leisten können.

Doch die Lingener Stadtverwaltung mit OB Krone an der Spitze hat trotz ganz viel Zeit und trotz vierter Corona-Welle bisher keinen Schutz der ungeimpften Kinder in den Lingener Kitas und Schulen geschaffen. OB Krone -den sollten Sie nicht vergessen, Herr Pertz!- hat ihn sogar aktiv verhindert und dagegen gestimmt – gemeinsamen mit CDU und anderen.

Doch das erwähnt Thomas Pertz in seiner Zeitung nicht. Stattdessen wirft er den BürgerNahen (und natürlich mir) plakativ „Wahlkampf“ vor, weil wir auf die Fehler und Versäumnisse  hinweisen.

Außerdem titelt er treu: „Schulen und Kitas erhalten Raumfilter“. Zum Vergleich: Würden seine  Sportredaktionskollegen schreiben: „SV Meppen steigt auf“ – aber nicht wann, würde man den Kopf schütteln. Denn die wichtigste Frage ist natürlich, wann sich denn in den Lingener Kitas und Schulen endlich etwas für den Schutz der Kinder ändert. Bedeutsam ist die Antwort für jedes einzelne ungeimpfte Kind, das in Kita und Schule geht, und damit für die betroffenen Familien. Genau das Wann steht aber in den Sternen, bis auf weiteres sind jedenfalls alle ungeimpften Kinder ungeschützt. Doch genau über das Wann schweigt Thomas Pertz in seinem Beitrag leider und lobt kommentierend den sparsamen Umgang mit Steuergeldern. Das macht es nicht besser.

Zur Erinnerung:
Im Herbst 2020 forderten die Grünen die Anschaffung solcher mobiler Luftfilter für die Klassenzimmer, unsere BürgerNahen schlossen sich an und brachten diesen  Antrag in die städtischen Gremien ein.

Ausstattung der städtischen Schulen mit Raumlüftern/ Luftreinigern (Antrag der BN-Fraktion vom 10. Dezember 2020)

Beschlussvorschlag:
Alle Klassenräume, Fachunterrichtsräume und Lehrerzimmer der in der Trägerschaft der Stadt stehenden Schulen in Lingen (Ems) werden mit Raumlüftern/ Luftreinigern (gemäß Muster KA-520 der Fa Kampmann nebst Ersatzfilter oder ähnlich) ausgestattet.

Sachverhalt / Begründung:

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
wir beantragen, im Verwaltungsausschuss zu beschließen, alle Klassenräume, Fachunterrichtsräume und Lehrerzimmer der in der Trägerschaft der Stadt stehenden Schulen in Lingen (Ems) werden mit Raumlüftern/ Luftreinigern (gemäß Muster KA-520 der Fa Kampmann nebst Ersatzfilter oder ähnlich) ausgestattet.

Die Verwaltung wird beauftragt, dies spätestens bis zum Schulbeginn nach den Weihnachtsferien Anfang 2021 umzusetzen.

Die Mittel werden außerplanmäßig bereitgestellt. Beim Land Niedersachsen ist ein Zu- schussantrag zu stellen.

Der Antrag wird als Eilantrag eingebracht.

Wir haben die Initiative in einer Presseerklärung begründet, die die Lingener Tagespost heute veröffentlicht hat und auf die wir verweisen.

Mit freundlichen Grüßen
Die BürgerNahen – Stadtratsfraktion
Robert Koop, Vors.“

Nach kontroverser Aussprache im nicht-öffentlich tagenden Verwaltungsausschuss lehnten die  CDU- und SPD Vertreter den Antrag ab. Mit Nein stimmten Oberbürgermeister Dieter Krone, Heinz Tellmann (CDU), Edeltraut Graeßner (SPD), Werner Hartke (CDU), Stefan Heskamp (CDU), Uwe Hilling (CDU), Martin Koopmann (CDU), Andreas Kröger, (SPD) Irene Vehring (CDU). Es gab zwei Ja-Stimmen für den Antrag (Thomas Kühle (Grüne), Robert Koop (BN).

Zu den Haushaltsberatungen im Rat der Stadt am 21. April haben wiederum die BürgerNahen und die Grünen gemeinsam den Antrag eingebracht, die Gelder für mobile Luftfilter in den Haushalt einzustellen. Wiederum vergeblich. Für „Die Bürgernahen“ hatte ich bei der Etat-Aussprache sogar angekündigt, den in Teilen sehr problematischen Haushalt 2021 mitzutragen, wenn die CDU mit ihrer absoluten Ratsmehrheit für die Anschaffung von Luftfiltern für die städtischen Schulen und Kitas stimme. Die CDU und die SPD sagten aber wiederum Nein. Begründung: Die bringen nichts. Mit Nein stimmte auch OB Krone -den sollten Sie nicht vergessen, Herr Pertz!.

Zwei Monate später habe ich am 29. Juni  im Verwaltungsausschuss darauf hingewiesen, dass durch die stark zunehmende Delta-Variante besonders die nicht geimpften Personen gefährdet seien. Hierzu würden die Grundschüler bzw. die jüngeren Schüler zählen, für die noch keine Impfmöglichkeit bestehe. Erneut forderte ich, sofort Luftfilter anzuschaffen. Jetzt wies OB Krone daraufhin, dass stationäre Raumlüfter dafür besser geeignet seien und es „jetzt auch ein Förderprogramm“ des Landes dafür gebe.

Nun sprang die CDU flott auf den fahrenden Zug (die Hilfsbremser der SPD später hinterher) und beantragte in der Ratssitzung am 15. Juli -sprachlich reichlich schwurbelig:

„Die Stadtverwaltung wird beauftragt, schnellstmöglich ein Umsetzungskonzept für die Sanierung der Schulen und KiTas in der Stadt Lingen (Ems) mit stationären Raumluftanlagen zum Erhalt und zur Verbesserung der Luftqualität in den Klassen- und Gruppenräumen zu erarbeiten, die entsprechenden Fördermöglichkeiten zu eruieren und auszunutzen sowie die für die Umsetzung der Maßnahmen notwendigen Aufträge auszuschreiben.“

Der Plan ist also, in Schulen und Kitas „ein Umsetzungskonzept“ zu entwickeln, etwa 240 Räume mit stationären, fest eingebauten Raumlüftern nachzurüsten. Ein guter Plan. Aber dass dies Monate dauern wird, ist klar.  Bürgernahe und Grüne stellten deshalb den Änderungsantrag, sofort und zusätzlich mobile Luftfilter anzuschaffen; der Umbau von knapp 300 Räumen in den städtischen Schulen dauere einfach viel zu lange.  Den Änderungsantrag lehnten CDU, SPD und OB Krone in öffentlicher Ratssitzung ab. Zitat Edeltraut Graeßner (SPD): „Erst noch mobile Geräte anschaffen? Das tragen wir nicht mit.“

Jetzt zum Ende der Sommerferien haben die BürerNahen nachgefragt. Das Ergebnis ist so traurig wie befürchtet. Keine einzige Anlage ist gebaut, keine einzige in Auftrag gegeben, keine einzige Ausschreibung ist abgeschlossen. 

Und Thomas Pertz schreibt ernsthaft: „Wenn zwischen der Ratsentscheidung und dem positiven Förderungsbescheid sechs Wochen vergangen sind, zeigt dies dreierlei: erstens zügiges Verwaltungshandeln, zweitens eine gute Kooperation der Fachbereiche im Rathaus und drittens einen sparsamen Umgang mit Steuergeldern.“ Ach jeh – zügig, gut und sparsam?

Lieber Herr Pertz,
sagen Sie’s doch einfach den Lingener Eltern und Kindern, dass es in Herbst und Winter wieder im Mantel in den „Präsenzunterricht“ geht und es dann wieder keine Luftfilter gibt, weil CDU/SPD und OB Krone -den sollten Sie nicht vergessen!- seit knapp einem Jahr immer wieder Nein zum möglichen und notwendigen Schutz in Kitas und Schulen sagen.

Sie können auch ihre Leser darüber informieren, dass die Luftfilter etwa 400.000,- Euro teuer wären und verkauft werden können, wenn man sie iKitas und Schulen nicht mehr braucht. Sie kosten also nicht mehr als die Corona-Subvention für die Einkaufsgutscheine in Lingen, und Sie könnten fragen, was diese Prioritätensetzung eigentlich aussagt.

Das aber alles nicht zu schreiben, und statt dessen denen „Wahlkampf“ vorzuwerfen, die seit dem Herbst 2020 vergeblich für sofortige Lösungen streiten, ist ausgesprochen einseitig und -mit Verlaub- gegenüber den betroffenen Familien auch reichlich hochnäsig.

Die unabhängige Wählergemeinschaft „Die BürgerNahen“ hat jetzt in Lingen ihre Kandidaten und Kandidatinnen für die Stadtratswahlen am 12. September präsentiert: „Wir sind stolz, dass insgesamt 49 Frauen und Männer auf unseren Wahllisten für eine ehrlichere und bürgerfreundlichere Kommunalpolitik antreten – 47 davon bei den Stadtratswahlen“, freute sich Claudia Becker vom Vorstand der BürgerNahen. Mit Margitta Hüsken, Robert Koop und Marc Riße sind darunter drei Ratsmitglieder, die der mit „BN“ abgekürzten Wählervereinigung in der ablaufenden Wahlperiode das Gesicht gegeben haben.

Unter den neuen Kandidaten sind „Ems.tv“-Gärtner Peter Musekamp, der die BN-Liste Wahlbereich I (Schepsdorf, Darme,Bramsche) anführt, und das Laxtener Urgestein Uli Peters sowie mit Roman Mebratu und Martha Corbach auch zwei engagierte Migrantinnen. Mit der Niederländerin Joëlle-Hanna Hibbel-van den Berg steht auch eine EU-Angehörige zur Wahl.

Ausscheiden wird leider BN-Ratsmitglied Sabine Stüting; das Gründungsmitglied der BN, von Beruf Notaufnahmeärztin am Rheiner Mathias Spital und dadurch beruflich stark beansprucht, kandidiert nicht mehr; für sie tritt in Schepsdorf der Strahlenschutztechniker und „ausgewiesene Wanderfreund und Hobbybierbrauer“ Dietmar Dierschke an.

Markus Lake, seit einigen Tagen zurück von einem freiwilligen Einsatz im Hochwassergebiet, steht auf Platz 1 der Kandidatenliste im Norden der Stadt (Holthausen/Biene, Clusorth-Bramhar Brögbern und Altenlingen) und Fachinformatiker Bernd Koop auf demselben Spitzenplatz im Wahlbereich VI, der Stroot/Damaschke/Scheperjanssiedlung umfasst.

Die 47 BN-Kandidaten für die Stadtratswahlen am 12. September:
Wahlbezirk I (Schepsdorf, Darme, Bramsche)
Peter Musekamp (Gärtner). Dr. Marius Grigat (Physiker), Dietmar Dierschke (Strahlenschutztechniker), Stefan Silies (Koch), Dr. Kerstin Dälken (Rechtsanwältin), Thomas Davenport (Dipl.-Kaufmann (FH)), Philipp Thien (Student)
Wahlbezirk II (Laxten, Brockhausen, Ramsel, Baccum, Münnigbüren)
Margitta Hüsken (Betriebswirtin), Uli Peters (Dipl.-Verwaltungswirt), Peter Golbeck (Beamter i.R.), Claudia Junk (Literaturwissenschaftlerin), Frieda Moos (Verkäuferin), Nils Freckmann (Dipl.-Sozialarbeiter/-Pädagoge), Christine Ernst (Krankenkassenfachwirtin), Regina Brejora (Justizfachwirtin), Dieter Wiegmann (Fernmeldehandwerker i. R)
Wahlbezirk III (Holthausen/Biene, Clusorth-Bramhar, Brögbern und Altenlingen)
Markus Lake (Auszubildender), Andre Schoo (Intensiv- und Anästhesiepfleger), Ina Schumacher (Rentnerin), Silke Baldauf (Friseurin), Kai Neitzke (Schweißer) Kai-Uwe Schwarz (Bäcker und Konditor)
Wahlbezirk IV (Innenstadt, Reuschberge, Galgenesch)
Robert Koop (Rechtsanwalt und Notar), Uwe Hagemann (Immobilienmakler), Claudia Becker (Dipl.-Betriebswirtin), Marion Schröder (Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte), Heike Spalthoff (Familientherapeutin), Michaela Bauer (Verkäuferin), Steffen Baldauf (Maler), Tim Fieker (Einzelhandelskaufmann), Elke Schiedeck (Rechtsanwältin).
Wahlbezirk V (Heukamps Tannen, Telgenkamp, Goosmanns Tannen, Haselünner Straße)
Marc Riße (Dipl.-Kaufmann), Dr. Yvonne Hofmann (Geophysikerin), Nina Koop (Hausfrau), Joëlle Hanna Hibbel-van den Berg (Lehrerin), Hannes Krieger (Erzieher), Roman Tefera Mebratu (Altenpflegerin), Alexander Golbeck (Zahlntechniker), Rosi Gast (Kfm. Angestellte), Simone Roß (Restaurantfachfrau), Britta Neitzke (Arzthelferin)
Wahlbezirk VI (Damaschke, Scheperjans-Siedlung, Stroot)
Bernd Koop (Fachinformatiker), Yvonne Fieker (Hausfrau), Martha Corbach (Hausfrau), Atze Storm (Pensionär), Holger Neitzke (Software-Berater), Martina Gelker (Industriekauffrau)

Mit 14 Kandidatinnen und Kandidaten in den beiden Lingener Kreistagswahlkreisen ist die BN wiederum auch bei den emsländischen Kreistagswahlen dabei. Sie arbeitet zum dritten Mal seit 2011 mit der UWG Emsland zusammen und hat für deren Liste in den beiden Lingener Kreistag-Wahlbezirken 9 und 10 ihre Bewerber und Bewerberinnen nominiert:

Wahlbereich 9: 1. Andre Schoo, 2. Uli Peters, 3. Margitta Hüsken, 4. Ina Schumacher, 5. Dr. Yvonne Hofmann, 6. Peter Goldbeck, 7. Marc Riße, 8. Robert Koop.
Wahlbereich 10: 1. Bernd Koop, 2. Claudia Becker, 3. Dr. Kerstin Dälken, 4. Tim Fieker, 5. Alfred „Atze“ Storm, 6. Thomas Davenport.


Ein Crosspost von bnLingen.de

 

100 Jahre SPD Lingen

17. November 2019

Am Samstag hat die Lingener SPD im ITEL-Zentrum ihren 100. Geburtstag gefeiert, also da, wo die Herzkammer der Sozialdemokratie war – im ehemaligen Ausbesserungswerk der Bahn. Dabei hielt u.a. der langjährige Vorsitzende der SPD-Ratsmitglieder Hajo Wiedorn einen Rückblick auf die Geschichte der lokalen SPD von 1945 bis heute, den ich hier wiedergeben darf. Die werte Leserschaft darf den Longread durchaus auch lesen.

„Die SPD in Lingen von 1945 bis 2019

Ich beginne mit einem Zitat aus dem Festvortrag von Willi Wolf zum 60-jährigen Bestehen der SPD in Lingen, das wir 1979 gefeiert haben:

„Nach 1945 kam der tiefste Impuls für den sofort einsetzenden Willen zum Neuaufbau aus den grauenhaften Leiden und Verfolgungen der Hitlerzeit. Die sie überlebten, waren nicht entmutigt, nicht von Rachegefühlen erfüllt. Ihr einziges Streben war, Deutschland eine Grundlage zu geben, die eine Wiederholung der Schrecken der Vergangenheit ausschließt.“

So hat es auch Kurt Schumacher bei anderer Gelegenheit ausgedrückt und das hatte sicher auch für Lingen Gültigkeit.

Am 12. Oktober 1945 wurde der erste Stadtrat in Lingen von der britischen Besatzungsmacht eingesetzt. Die Sozialdemokraten Wilhelm Engelke, August Hundertmark, Heinrich Melcher und Heinrich Wemhörner gehörten dazu.

Ein Jahr später, am 15. September 1946 gab es die erste freie Kommunalwahl nach dem Krieg. Die Sozialdemokraten erhielten 28,8 % der Stimmen, die CDU 57,1 %, das Zentrum 9,5 % und die KPD 4,8 %. Das ergab eine Sitzverteilung von 6 für die SPD, 12 für die CDU, 7 für das Zentrum und 1 für die KPD.

Die sechs Mandatsträger der SPD waren Heinrich Bergjohann, Wilhelm Engelke, Hermann Hantelmann, Heinrich Lüssling, Helene Müller und Heinrich Wemhörner. Weitere Personen der Handlung in dieser Zeit waren Erich Tautz und Georg Wiedorn, letzterer in der damals selbständigen Gemeinde Holthausen und nach Umzug in Biene, und bis zu seinem Tod im Jahre 1966 im Kreistag des Landkreises Lingen. Nicht zu vergessen Emil Hagemann in Brögbern und Bernhard Meiners in Baccum.

Auch eine SPD-Parteigliederung wurde 1947 wieder ins Leben gerufen. 1947 wurde Heinrich Bredigkeit zum ersten Nachkriegsvorsitzenden der Lingener SPD gewählt. Er übte dieses Amt bis 1953 aus.  Seine Weggefährten waren Abbo Adam, Franz Grünhagen, Willi Testorf, Änne Keppler, Wilhelm Haarlammert, Hans Müller, Heinz Klocke und Karl-Heinz Melcher. Diese Aufzählung kann nur beispielhaft sein und ist auf keinen Fall vollständig.

Auf Heinrich Bredigkeit als Vorsitzender folgte im Jahr 1954 Ferdi Stümer. Bei der Wahl 1954 zog Ferdi Stümer  über die Landesliste in den Deutschen Bundestag ein, dem er bis 1957 angehörte.

Als Ortsvereinsvorsitzender folgten ihm 1956 Wilhelm „Willi“ Haarlammert  und 1957 Bernhard Niehoegen. Bernhard Niehoegen verstarb nach nur 2 Monaten in diesem Amt. Sein Nachfolger war Willi Wolf, vielen von uns noch persönlich bekannt und in guter Erinnerung. Er gehörte von 1963 bis 1976 dem Deutschen Bundestag und viele Jahr dem Rat der Stadt Lingen und auch dem Kreistag an.

Ihm folgte Heinz Wolf und 1967 ging der Vorsitz an den langjährigen Schriftführer Erich Tautz, dem 1969 Werner Wolters folgte. Dessen plötzlicher Tod im Jahr 1978 hinterließ eine schmerzliche Lücke. Dieter Hoffmann folgte als Vorsitzender. Nach Querelen bei der Aufstellung der Kandidaten zur Kommunalwahl 1981 trat er zurück.

Es folgte Robert Koop, der das Amt bis ins Jahr 2000 ausübte. Mit fast 20 Jahren Amtszeit ist er bis heute Rekordhalter in diesem Amt. Er gehört auch heute noch dem Rat der Stadt Lingen als dienstältestes Mitglied an. Leider hat er die SPD verlassen.

Am 28.05.2000 wurde Jürgen Schonhoff zu seinem Nachfolger gewählt. Ihm folgten 2002 Jörn Laue-Weltring, 2007 Dr. Thomas Stockmann und 2009 erneut Jürgen Schonhoff. 2011 übernahm Andreas Kröger den Vorsitz und seit 2018 ist der Ortsvereinsvorsitz bei  Carsten  Primke in guten Händen. Ihnen allen gebührt Dank und Anerkennung für die im Laufe der vielen Jahre geleistete Arbeit.

Bis zur Gemeindereform im Jahre 1974 gab es SPD-Ortsvereine auch in den bis dahin selbständigen Gemeinden Holthausen-Biene, Brögbern und Altenlingen. Den Vorsitz in Altenlingen hatte Wolfgang Ploeger inne, in Brögbern war es Emil Hagemann und in Holthausen-Biene war ich seit 1966 im Amt, das ich als Nachfolger meines Vaters übernommen hatte. Alle Beteiligten waren sich einig, das es sinnvoll ist, sich zusammen zu schließen und die Kräfte zu bündeln. Und im Rückblick ist zu sagen, dass dieser Zusammenschluss zum Vorteil für alle wurde. Das gilt übrigens auch für die Gemeindereform.

Dass uns trotz dieser Vorgeschichte noch einmal der Spaltpilz befallen würde war wohl dem Geltungsbedürfnis einzelner Personen zu verdanken. Nach dem Motto „wenn ich schon keine Mehrheit für meine Ideen finde mache ich mich selbständig“ wurde im Ortsteil Baccum ein neuer Ortsverein gegründet. Wenige Monate später folgte Brögbern.  Und so musste dem Statut der SPD folgend ein Stadtverband gegründet werden, was 2011 erfolgte. Vorsitzender des Stadtverbandes ist Carsten Primke. Die Schlagkraft der SPD wurde durch die Zersplitterung sicher nicht erhöht.

Ich habe bereits das Wahlergebnis von 1946 mit 28,8 % der Stimmen erwähnt. Die SPD konnte sich in Lingen bis 1972 auf 41,9% steigern. Durch die Eingemeindung der 9 ländlichen Umlandgemeinden wurde dieser Höhenflug aber jäh gestoppt. Bei der Kommunalwahl im Jahr 1976 waren es 32,7%. Seit 2019 verfügt die SPD über 9 Mandate bei einem Stimmenanteil von 20,8 %. Zur besten Zeit hatte die SPD  14 Mandate im Stadtrat.

Aber was geschah dort wo die in den Parteigremien erarbeiten Ideen und Vorschläge umgesetzt werden, in Stadt- und Ortsräten? Die im Stadtrat für die SPD handelnden Personen waren weitgehend die gleichen, die anfangs auch die Vorstände bildeten. Durch die gleichzeitige Tätigkeit in Parteivorstand und Stadtrat war ein hohes Maß an Kontinuität gewährleistet. Klaus Schumacher, Heinz Schmidt, Werner Wolters, Martin Braese waren Fraktionsvorsitzende und einige Jahre habe auch ich die Stadtratsfraktion geleitet. Einige erinnern sich vielleicht noch daran. Es folgte Bernhard Bendick und jetzt leitet Edeltraut Graeßner die Fraktion.

Unvergessen sind Ruth West, Christoph Westermann, Jutta Strohmayer, Hagen Trautmann, Trudi Schellmann, Harald und Helmut Höhne, Gerd Rachut, Richard Senst, Hans Riddering, Michael Fuest, Gerhard Kastein und Klaus Schumacher. Letzterer wurde später Landesgeschäftsführer der SPD Niedersachsen. Und auch die DGB-Kreisvorsitzenden Helmut Hartmann und Johannes Jakob waren für die SPD im Stadtrat aktiv. Sicher kann auch diese Aufzählung nur beispielhaft sein.

Natürlich darf der Name Elke Müller nicht unerwähnt bleiben. Vom Niederrhein war sie nach Lingen gezogen, wo sie sich sehr schnell in der Kommunalpolitik engagierte. Von 1986 – 1996 gehörte sie dem Stadtrat an. In diese Zeit fällt die Einrichtung der „Gesamtschule Emsland“, die maßgeblich von ihr beeinflusst wurde. 1990 wurde sie in den Niedersächsischen Landtag gewählt. Ihrem unermüdlichen Einsatz ist die Einrichtung der Hochschule als auswärtigem Standort der Hochschule Osnabrück zu verdanken. Heute bietet der „Campus Lingen“ Platz für 2.300 Studierende. Leider ist Elke Müller schon 2014 gestorben.

Wir hoffen nun auf die Benennung einer Straße nach Elke Müller. Wie auch seit 2015 ein Antrag der AWO auf Benennung einer Straße nach der Begründerin der Arbeiterwohlfahrt Marie Juchacz im Rathaus vorliegt. Wir hatten auf Realisierung im Jubiläumsjahr 2019 gehofft, leider vergeblich. Aber wenn ich daran erinnere wie lange es gedauert hat, auf Vorschlag der SPD und vor allem Robert Koop den Gertrudenweg in Synagogenstraße umzubenennen, es waren 12 Jahre, besteht ja noch Hoffnung, das bis zum nächsten Jubiläum realisieren zu können.

An der rasanten Entwicklung der Stadt Lingen seit 1945 will ich versuchen, die Rolle der Sozialdemokratie zu erläutern.

Bereits kurz nach dem Kriegsende wurde im Norden der Stadt, in der damals selbständigen Gemeinde Holthausen, die Erdölraffinerie gebaut. Für die dort tätigen Arbeiter entstand als Wohnstätte der Stadtteil Heukampstannen. Die Erdölraffinerie ist noch heute ein wichtiger Arbeitgeber in unserer Stadt und hat gerade erhebliche Investitionen in die Zukunft getätigt. Das dafür wieder einmal stadtnahe Waldflächen geopfert wurden trübt die Freude allerdings.

1966 ging das erste Atomkraftwerk in Betrieb. Es wurde aber schon 1977 wieder abgeschaltet. Wegen zahlreicher Pannen hat das AKW aber  nur an 1.000 Tagen wirklich Strom erzeugt. Anfangs waren viele Menschen in Lingen stolz daraif, eine so moderne Technologie hier zu haben. Die Beigeisterung wich aber nach und nach der Ernüchterung und als das jetzt noch in Betrieb befindliche Atomkraftwerk in die Planung ging, regte sich auch in Lingen heftiger Widerstand.

Als ich in der Planungsphase dem späteren Leider des AKW erklärte, dass ich den Bau eines solchen Kraftwerkes nicht befürworten könne weil die Frage der Endlagerung des radioaktiven Abfälle ungelöst sei, beruhigte mich jener mit dem Hinweis, das sei bis zur Inbetriebnahme des Kraftwerkes sicher erledigt. Die Inbtriebnahme erfolgte  1988. Wie weit das Problem der Endlagerung gelöst werden kann ist auch 30 Jahre später noch nicht zu sagen…

Die Diskussion innerhalb der SPD-Fraktion über den erforderlichen Bebauungsplan war leider wenig erfreulich. Nachdem lange Zeit Einigkeit darüber bestand, diesen abzulehnen, entschied sich in letzter Minute die Mehrheit der Fraktion dafür, dem Bebauungsplan zuzustimmen. Nur noch 4  Fraktionsmitglieder entschieden sich dagegen. Ich gehörte dazu.

Einhergehend mit der Bau des Atomkraftwerkes entstand im Norden der Stadt der Speichersee. Dafür wurden über 300 ha geschlossene Waldfläche geopfert. Auch gegen dieses Bauvorhaben gab es Proteste aus der Bevölkerung. Und dem ist es wohl zu verdanken, dass das Speicherbecken nicht für 4 Atomkraftwerke sondern nur für 2 ausgelegt wurde. Heute wird überlegt, was mit dem Speichersee geschehen soll wenn 2022 das Ende der Atomkraft gekommen ist.

Ein wichtiger Punkt in der Stadtentwicklung war der Bau der Umgehungsstraße. Dadurch konnte der bis dahin durch Stadt fließende Durchgangsverkehr aus der Stadt heraus gehalten werden. Und so war es nur logisch, dass die Lingener Jusos mit dem Vorschlag kamen, einen Fußgängerbereich in der Innenstadt einzurichten. Die bis dahin als Durchgangsstraßen genutzte Burgstraße, die Lookenstraße, die Große Straße, der Marktplatz und die Marienstraße sollten vom Straßenverkehr frei gehalten und zur Fußgängerzone werden. Erster Kommentar eines maßgeblichen Kommunalpolitikers war „jetzt sind die total verrückt geworden“.  Auch hier kann ich nur sagen, urteilen sie selbst.

In diesem Zusammenhang sind auch der Bau der Tiefgarage unter dem Marktplatz sowie des Parkhauses an der Neuen Straße und die Tiefgarage unter dem Pferdemarkt zu nennen.

Einhergehend mit dem Krankenhausneubau entstand auch dort eine großzügig angelegte Tiefgarage. Das St. Bonifatius-Krankenhaus ist für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung, auch über Lingen hinaus, eine wichtige Einrichtung. Und die Bedeutung als Arbeitgeber ist ebenfalls beachtlich.

Leider mussten die lange Jahre als wichtiger Arbeitgeber auftretende Wäschefabriken in Folge des Strukturwandels in der Textilindustrie ihren Betrieb einstellen. Heute haben die Stadtwerke in den Räumen der früheren Wäschefabriken ihren Sitz.

Die Gründung der Hochschule habe ich bereits im Zusammenhang mit Elke Müller erwähnt. In den Hallen des früheren Eisenbahn-ausbesserungswerkes konnten dafür geeignete Räumlichkeiten geschaffen werden. Vorausgegangen waren erhebliche Investitionen der Stadt bei der Sanierung der Gebäude. Und ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass der damalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring bei der Durchsetzung dieser Investitionen eine herausragende Rolle gespielt hat.

Wie gut dieses Geld mit Blick in die Zukunft angelegt wurde kann heute jeder sehen, der die Entwicklung des „Campus Lingen“ beobachtet. Mittlerweile studieren hier über 2.000 junge Menschen. Die auf der östlichen Seite der Kaiserstraße liegenden Wohnungen, im Volksmund mittlerweile „Legoland“  genannt, erfreuen sich bei den Studierenden großer Beliebtheit.

Die Ansiedlung der Hedonklinik in Laxten, östlich der Umgehungsstraße, war ein von vielen kritisierter Schritt. Sollte doch die Bebauung nach Meinung vieler nicht über diese Verkehrsachse hinausgehen.

Zu erwähnen sind sicher auch der Bau der Emslandhallen und der Emslandarena. Die Emslandhallensollten die früheren Viehmarkthallen ersetzen. Lingens Nutzviehmarkt war einer der größten im Nordwesten. Durch den Strukturwandel in Landwirtschaft und Viehzucht verlor dieser aber zunehmend an Bedeutung. Und so werden die Emslandhallen heute für vielerlei Veranstaltungen, Ausstellungen und Events genutzt.

Die noch junge EL-Arena sticht mit vielerlei Großveranstaltungen hervor und findet ihr Publikum auch in weit entfernten Bereichen, weit über die Grenzen des Emslandes hinaus und auch in den benachbarten Niederlanden. Mit der Bundesligamannschaft HSG Nordhorn/Lingen hat die Arena ein Heimteam. Besondere Höhepunkte der Veranstaltungen waren sicher das Konzert mit Bob Dylan und im letzten Sommer Sting.

Eine schmerzliche Maßnahme war der Abzug der Bundeswehr aus Lingen. Viele haben sich bemüht, den Standort Lingen zu erhalten. So waren der damalige Ortsvereinsvorsitzende Jürgen Schonhoff  und ich zu einem Gespräch nach Berlin gefahren. Wir wollten den Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping von der Bedeutung des Bundeswehrstandortes überzeugen, mussten uns allerdings mit der Staatssekretärin Schulte begnügen. Sie zeigte sich sehr gut informiert über die Situation und war uns gegenüber sehr aufgeschlossen. Erfolg war uns trotzdem  nicht beschieden.

Auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände ist zwischenzeitlich ein attraktives Wohngebiet, der Emsauenpark, entstanden. Es wirkt dort zwar noch vieles ein wenig steril, aber im Laufe der Zeit sich das sicher ändern.

Besonders erwähnen möchte ich die Ereignisse um den Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands. Schon lange bestand der Wunsch nach einer Städtepartnerschaft mit einer Stadt in anderen Teil Deutschlands. Es gab bereits Kontakte der  evangelischen Kirche ins sächsische Marienberg, mitten im Erzgebirge. Wir, die SPD, haben diese Kontakte genutzt. Und so fanden schon 1989 erste Begegnungen statt. In mehreren Besuchen haben wir Aufbauhilfe für die SPD in Marienberg geleistet, sowohl mit Schulungen als auch mit materieller Hilfe. Eine wichtige Rolle spielte dabei unser stellvertretender Vorsitzender Bernhard Menke. Und 1993 wurde eine offizielle Städtepartnerschaft begründet. Leider sind die Kontakte zu den Parteifreunden in Marienberg nur noch sporadisch. Für alle die von Anfang an dabei waren, waren es ganz besondere Erlebnisse die Lebensverhältnisse unserer Landsleute kennen zu lernen. Eine damals entstandene persönliche Freundschaft hat noch heute Bestand.

Zum Schluss möchte ich eine Empfehlung an politisch interessierte junge Menschen aussprechen. Und ich lehne mich dabei an unseren früheren Oberbürgermeister Bernhard Neuhaus (CDU) an: „Wenn ihr euch engagieren wollt geht in die Kommunalpolitik. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, man lernt viel dabei weil man sich mit Dingen befassen muss, zu denen man sonst keine Berührungspunkte hat. Man wird nicht dümmer dadurch!“

Ich wünsche der SPD in Lingen weiterhin erfolgreiche Arbeit. Dabei darf nie vergessen werden, dass eigene Interessen immer hinter dem Gemeinwohl zurückzustehen haben.“

(Fotos unten: Mitte SPD Wahlplakat von 1991; unten: Gratulanten am Samstag bei der SPD-Geburtstagsfeier, © SPD Lingen)

Bashing

12. November 2019

Koop-Bashing heute im lokalen Print-Medium, weil K. nicht auf „Kommando“ eines überforderten OB springt. Live-Videomitschnitt:

Übrigens: Dass dieser kleine Ampel-Kiveling das Geschenk der Kivelinge ist, hat jetzt die „LT“ verraten. Man nennt das, glaube ich, auch Streisand-Effekt

Bernhard Neuhaus ist tot

8. November 2018

Bernhard Neuhaus, unser früherer Oberbürgermeister, ist gestorben. Er wurde 85 Jahre alt.

Bernhard Neuhaus habe ich im Lingener Stadtrat als engagierten Kommunalpolitiker kennen gelernt. In vielen, oft kontrovers geführten Debatten, haben wir um die bessere Lösung gerungen.

Ich habe Bernhard aber auch als sozial engagierten Menschen erlebt. Anfang der 1990er Jahre wurde auf seine Initiative der Freundeskreis „Ukrainehilfe“ ins Leben gerufen, der noch heute aktiv ist. In vielen gemeinsamen Hilfsaktionen konnten die Lebensbedingungen der Menschen in dem kleinen Dorf Juskivzi in der Westukraine nachhaltig verbessert werden. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sich, trotz politisch unterschiedlicher Auffassungen, im Laufe der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns entwickelte.  Die  besondere Aufmerksamkeit  von Bernhard  galt  immer  dem letzten noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter Wassilij Ratuschko, der während des letzten Krieges im Lingener Eisenbahnausbesserungswerk zwangsverpflichtet war. Ratuschko ist vor einigen Jahren gestorben und nun ist ihm Bernhard Neuhaus gefolgt.

Gern denke  ich an das besondere Anliegen von Bernhard Neuhaus, die Erinnerung an unsere ehemaligen  jüdischen Mitbürger  und  Mitbürgerinnen in Lingen und die an ihnen begangenen Verbrechen wach zu halten. Immer wieder hat er an Henriette Flatow erinnert, nach der auch eine Straße am Lingener Krankenhaus benannt wurde. Bernhard hat sich um die Erinnerungskultur große Verdienste erworben.

Die Stadt Lingen hat einen bedeutenden Mitbürger verloren.

Ein Nachruf von Hajo Wiedorn


Aufmüpfig war er, der verstorbene Bernhard Neuhaus, als er in den 1960er Jahren die lokale CDU – heute sagt man – aufmischte. Die nämlich war dem JU-Mann zu betulich, zu wenig innovativ,. zu katholisch. Er öffnete seine Partei, der er seit 1963 in Lingen vorstand, für evangelische Christen; das war damals fast schon so revolutionär, wie es heute wäre, wenn dies für Muslims geschähe. Mit Karl-Heinz Vehring, dem damaligen Stadt- und späteren Oberstadtdirektor bildete er in den Jahrzehnten danach ein immer besseres, fast schon kongeniales Duo, das die Stadt voranbrachte – keineswegs immer so, wie es die politische Minderheit gut und richtig fand, aber eben voran. Dabei war er weiß Gott mit Vehring nicht immer einer Meinung, konnte dem Verwaltungschef auch inhaltlich standhalten und setzte eigene Positionen durch, wenn er dies für nötig hielt.

Dann wurde der Verstorbene 1988 ehrenamtlicher Oberbürgermeister, und nicht viel später kam es zu einem denkwürdigen Tag in der Lingener Stadtgeschichte, den ich hier schildern möchte, weil ich ihn so sehr mit dem Verstorbenen verbinde:

Damals kam Bernhard Neuhaus infolge eines protokollarischen Fehltritts mit seiner Stellvertreterin Leni Johannsen (auch CDU) ins politische Schlingern. Etwas vorlaut hatte er nämlich verkündet, „in Amsterdam aus dem Flugzeug zu springen“, sofern in der städtischen Delegation auch Leni Johannsen in die damals noch nahezu neue Partnerstadt Burton-upon-Trent mitfliege. Beide konnten nicht miteinander, wie unschwer zu erkennen ist. Das schnell in der CDU bekannt gewordene Zitat brachte dem amtierenden OB Bernhard Neuhaus größten Ärger. Jedenfalls las er mit belegter Stimme zu Anfang der folgenden, nichtöffentlichen Verwaltungsausschusssitzung im damaligen Rathaus-Sitzungsraum 118  seine Rücktrittserklärung vom Ehrenamt als Oberbürgermeister vor. Das hatte so kurz nach seiner Wahl zum OB 1988 niemand auf dem Zettel. Mir war schlagartig klar, dass es keinen in der CDU gab, der Neuhaus gleichwertig als OB würde ersetzen können. Deshalb beantragte ich ohne Absprache mit meinen beiden SPD-Mitstreitern „zur Geschäftsordnung“ eine Sitzungsunterbrechung. Auf dem Flur ging es dann hoch und hektisch her, und wir drei SPD-Vertreter überzeugten dort erst uns, dann die CDU-Vertreter im Verwaltungsausschuss mitsamt der Verwaltungsspitze und schließlich Bernhard Neuhaus selbst zum Rücktritt vom Rücktritt. „Der kann immerhin Vehring Paroli bieten, das kann kein anderer, der ihm folgen könnte“, war meine Aussage, mit der ich die beiden Genossen überredet hatte.

Voraussetzung für die Korrektur des Rücktritts war unsere strikte Zusicherung, über alles auf ewig zu schweigen. Als die Sitzung wieder begann, erklärte ich dann, wir von der SPD forderten ihn hiermit auf, im Amt zu bleiben. Der von ihm bekannt gegebene Rücktritt sei unwirksam, weil er nicht schriftlich erfolgt sei. Eine durchaus mutige Rechtsauffassung, die aber nicht weiter hinterfragt wurde. Der Rücktritt war vom Tisch, alle waren irgendwie erleichtert und dank der Kreativität von Oberstadtdirektor Vehring wurde ein Protokoll über die Sitzung abgefasst, das wenig mit der Realität, aber viel mit dem vereinbarten Verschweigen zu tun hatte. Bernhard Neuhaus blieb noch weitere sieben Jahre ehrenamtlicher Oberbürgermeister.

Bernhard Neuhaus und ich haben uns in den letzten Jahren angenähert, und ich konnte erkennen, dass Bernhard Neuhaus ein wirklicher Menschenfreund war. Er kämpfte für die Erinnerungskultur in Lingen, initiierte die Ehrenbürgerschaft der Holocaust-Überlebenden Ruth Foster-Heilbronn und Bernard Grünberg, und trat gegen das Vergessen von Gewalt und Entrechtung der jüdischen Mitbürger in Lingen ein. Mir persönlich erzählte der Verstorbene auch manches über meinen lange verstorbenen Großvater und dessen Haltung gegen die Nazis, das ich nicht wusste.

Bernhard Neuhaus war eine moralische Instanz unserer Stadt. Er wird ihr fehlen.

Ein Nachruf von Robert Koop


Ein Beitrag von Thomas Pertz zum 80. Geburtstag des Verstorbenen.


Foto:© Lingener Tagespost,  Thomas Pertz

Muss

5. März 2018

In eigener Sache:

Der Rechtsanwalt und Notar Robert Koop aus Lingen (Ems) kandidiert für das Amt des Lingener Oberbürgermeisters. Den Rest des Beitrags lesen »

Lingen 1960

12. Oktober 2017

 

Im Jahre 1960, ein Jahr vor dem Mauerbau, besuchte eine Delegation aus Pritzwalk die Stadt Lingen (Ems), um die „wahren Verhältnisse“ in der DDR darzulegen. Doch die Situation eskalierte. Mittendrin Lingens damaliger Bürgermeister Robert Koop (CDU). Ein spannendes Thema aus der Zeit des Kalten Krieges,  über das Benno Vocks im Rahmen einer Veranstaltung des Heimatvereins Lingen ( Ems) am kommenden Dienstag, 17. Oktober 2017 referiert. Angehörige der damaligen Protagonisten aus Lingen und Pritzwalk diskutieren mit; darunter auch der Betreiber dieses kleinen Blogs.

Den Rest des Beitrags lesen »

“Es ist ein Mädchen!”

9. Dezember 2015

Eine „Wir-freuen-uns“-Presseerklärung der BürgerNahen (BN) aus der und für die Lingener Kommunalpolitik:

margittahueskenBN: “Es ist ein Mädchen!”
Zuwachs bei der Fraktion der BürgerNahen im Rat der Stadt Lingen (Ems)

Margitta Hüsken (Foto lks), bislang fraktionslose Ratsfrau im Stadtrat Lingen, ist am Montag der Fraktion der BürgerNahen beigetreten. So wächst die Anzahl der BN Ratsmitglieder auf fünf. Die BürgerNahen können damit ihre Position als drittstärkte Gruppe im Rat ausbauen.
Mit “Hurra, es ist ein Mädchen,” kommentierte Tanja Christiansen aus der BN die Entscheidung Margitta Hüskens. Der stellvertretende Frakionsvorsitzende Marc Riße bezeichnet den Beitritt “als ein schönes Nikolausgeschenk für uns!” Atze Storm überreichte der 50jährigen einen großen Blumenstrauß und stellte ihr seinen Sitz im Planungs- und Bauausschuss zur Verfügung.
Außerdem übernimmt Hüsken den Sitz von Volker Becker im Schulausschuss. In beiden Ausschüssen war die Ratsdame schon eher tätig und verfügt über viel Sachkenntnnis.
In wie weit die gewachsene Zahl der BürgerNahen im Rat auch Einfluss auf andere Ausschussbesetzungen hat, müsse nun die Verwaltung klären, sagte Fraktionschef Robert Koop. “Wir jedenfalls freuen uns alle sehr, weil wir mit Margitta eine analytisch starke Kommunalpolitikerin gewonnen haben, die aktuelle Themen mit viel Sorgfalt und Erfahrung angeht.”
Damit hatte sich die Baccumerin viel Zeit gelassen: Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass sie der SPD-Fraktion den Rücken gekehrt hatte. In dieser Zeit habe sie regelmäßig an den BN Sitzungen teilgenommen. Hüsken: “Mir gefiel die Arbeit der BürgerNahen auf Anhieb, trotzdem wollte ich sicher gehen, dass ich dauerhaft in die Fraktion passe.”
Darüber waren sich alle Teilnehmer der Sitzung am vergangenen Montag einig und wünschen ihrem neuen Mitglied viel Erfolg bei bürgernaher Stadtpolitik, erklärt die Wählergemeinschaft.

Opa

29. September 2013

Bildschirmfoto 2013-09-28 um 00.13.56Der Lingener Autor Jochen Berke hat ein weiteres, kleines Büchlein („Alte Geschichten aus Lingen – Erzählungen“) mit Anekdoten über Lingen geschrieben, darin findet sich auch ein lokalhistorischer Beitrag über meinen Opa, Bäckermeister Robert Koop, der vom  15. November 1951 bis 25. Oktober 1968 Lingener Bürgermeister war. Mit Erlaubnis des Autors hier der Beitrag:

„Wer kannte ihn nicht, den Herrn Bürgermeister unserer Stadt?! Er war klein, keine 1,70 groß, schlank, fast ohne Bauchansatz, immer schwarz gekleidet, auch mit schwarzem Hut, immer eine Zigarre zwischen den Lippen. Er war ruhig, humorvoll, sehr beherrscht, aber umso zielstrebiger und kam politisch aus der christlichen Zentrums-Bewegung. Nach dem verheerenden Krieg nannte sie sich CDU, also Christlich Demokratische Union. Herr Koop war vermutlich schon im Herbst 1945 Mitbegründer dieser Partei in unserer Stadt. Seine besondere Begabung war der Ausgleich gegensätzlicher Überzeugungen, auch war er sehr fleißig. Erfolgreich führte er mit Gesellen und Lehrlingen an der Bauerntanzstraße ab drei, vier Uhr in der Nacht seine Backstube. Johanna, seine Frau, stand im Geschäft und schon um sechs Uhr konnte man frische Brötchen kaufen.

In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts übernahm der Sohn Bernhard, genannt Berni, als Konditormeister den Handwerksbetrieb seines Vaters. Robert widmete sich von dieser Zeit an voll der Politik und verschiedener ihm angetragener Ehrenämter. Vom politischen Gegner, der SPD, wurde er wegen seiner mühsamen Reden oft verspottet, doch nachdem er nur noch von vorbereiteten Zetteln ablas, verstummten derlei Frotzeleien. Politisch war seine größte Enttäuschung der Besuch einer Delegation aus der „so genannten Deutschen Demokratischen Republik“ aus Pritzwalk, dem heutigen Brandenburg, im Mai 1960.

In dieser Zeit des kalten Krieges, kurz vor dem Bau der Mauer in Berlin, der Trennung von Ost und West durch den Grenzwall der Zonengrenze, war die politische Verunsicherung in der westlichen Bundesrepublik groß. Zumal DDR-Soldaten zahlreiche flüchtende Bürger des kommunistischen Bauern- und Bürgerstaates daran hinderten, die BRD zu erreichen, denn sie erschossen einfach ihre Landsleute. Kontakte zur „sowjetisch besetzten Zone“, zu unseren deutschen Brüdern im Osten, sollten erhalten und sogar vertieft werden, allerdings unter der Auflage, keine Agitation oder Spionage zuzulassen. Irgendwie ein politischer Spagat.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, inzwischen im Internet zu finden, informierte in seiner Ausgabe 22/1960 unter der Überschrift: Kontakt-Störung

„Der christdemokratische Bürgermeister der Kreisstadt Lingen im Emsland, Robert Koop, musste kürzlich die schmerzliche Erfahrung machen und so weiter…
Was war passiert? Koop empfing die angekündigte Delegation der „Volksvertreter“ aus der DDR. Gemäß einem Erlass des Ministers des Inneren von Niedersachsen bestanden keine Bedenken … solche Besuche können dazu beitragen, dass einer weiteren Entfremdung der Deutschen … entgegen gewirkt wird.

Koop handelte also korrekt, als er die Herren empfing und mit ihnen eine Besichtigungsfahrt im Dienstwagen, dem stadteigenen Mercedes, durch Lingen, einschließlich dem Besuch verschiedener örtlichen Unternehmen organisierte. Dieser Arbeitsbesuch wurde unterbrochen, da die Lingener Polizei einer Anzeige wegen Spionage nachging und die Herren aus dem Land hinter dem Eisernem Vorhang festnahm.

Der Spiegel schrieb: „Vor dem Polizeigebäude verabschiedete sich Koop mit Handschlag von seinen mitteldeutschen Mitfahrern. ‚(Es) standen vier Lingener Bürger da, die mich auf das gemeinste beschimpften‘, berichtete er später in einer öffentlichen Ratssitzung. ‚Ich nenne auch die Namen; Forstmeister von Klitzing, Herr Begger, Graf von Galen und Herr Henrichs.‘ Aus dem Kreis dieser Honoratioren erscholl dann auch die Aufforderung an einen Pressevertreter: ‚Halten Sie das im Bilde fest, wie er den Lumpen auch noch die Hand gibt, damit die Bevölkerung sieht: Das ist unser Bürgermeister!'“

Heinrich Kuhr, der Kreisvorsitzende der CDU, forderte sogar den sofortigen Rücktritt seines Parteikollegen. Robert Koop aber bemerkte: „Ich bin durch die Sache fünf Jahre älter geworden“. Seine Stadtratsfraktion verzieh ihm, ihr genügte sein öffentliches Bekenntnis: „Wenn ich die politische Tragweite hätte übersehen können, würde ich selbstverständlich den Empfang und die Führung der SED-Funktionäre unterlassen haben.“

Robert Koop war bis 1968 Bürgermeister, lebte danach als Pensionär. 1975 verstarb seine Frau Johanna. Sein Leben als Witwer ist voller Anekdoten. Die Bürger der Stadt sahen ihn fast täglich schon am frühen Morgen in den Bögen, am Dortmund-Ems-Kanal oder über den Alten Friedhof laufen. Peter, der schwarze Pudel seiner Enkelin Annegret, war immer dabei,

Alte Leute sind wunderlich, sagen die Lingener und das traf auch auf ihn zu. Als die Todesanzeige eines alten Parteifreundes in der Lingener Tagespost stand, bemerkte er zu seiner Schwiegertochter Anneliese: „Der ist ja auch schon 79 Jahre alt!“ Er selbst war damals 81!

Am frühen Morgen eines Junitages beobachtete er eine Umbettung auf dem Alten Friedhof, sein Kommentar war: „Der arme Kerl ist schon vor fünf Jahren verstorben, aber sein schwarzer Anzug sah noch sehr gut aus, diesen kann man gut und gern weiter tragen,“

Bis in sein hohes Alter rauchte Opa Koop seine Zigarren und trank so manches Schnäpschen. Gisela, meine Frau, stand eines Tages bei Corbach, dem Gemüse- und Obsthändler im Laden um einzukaufen. Das Geschäft war voll und sie musste warten. Plötzlich schlug ihr jemand auf die Schulter, es war Willi Roberz, ein Kumpel des alten Herrn: „Komm schnell, Robert stirbt!“

Sie rannte, es war nicht weit, im Haus von Koop die Treppe hoch, rein in das Wohnzimmer, dichter Tabaksqualm schlug ihr entgegen. Die Fenster waren alle zu, sie riss ein, zwei davon auf, jetzt sah sie den alten Herrn. Er lag in einem Sessel, grau im Gesicht, röchelte, schien schon bewusstlos zu sein, da bewegte er sich:  „Mach die Fenster zu, es zieht!“ “


„Alte Geschichten aus Lingen – Erzählungen“ ist bei Books on Demand in Norderstedt erschienen. Der Erzählband mit 18 Kapiteln  und 123 Seiten ist im gut sortierten Buchhandel für 9,90 Euro (für Kindle 5,49 Euro) oder im Versandhandel  zu erwerben. Kontakt zum Autor über www.berke-online.de.

Bild unten:  Bürgermeister Robert Koop (Porträt von Karl-Eberhard Nauhaus)