keine Namen

24. Mai 2018

Heute entscheidet der Kulturausschuss der Stadt Lingen (Ems) über das Anbringen einer Gedenktafel zur Erinnerung an die gefallenen Mitarbeiter des ehem. Lingener Reichsbahnausbesserungswerks. Still, klamm und heimlich haben sich die Sozialdemokraten und Christdemokraten darauf verständigt, die erstmals 1935 zu NS-Zeiten aufgehängten „Heldentafeln“ an die Außenwand der Kunsthalle zu hängen. Da haben sie zwar nie gehangen, aber es sei eben Platz dort, meint beispielsweise Ratsmitglied Edeltraut Graeßner (SPD). Was damit für die Kunsthalle an Problemen entsteht und wie sehr dadurch die Aufgabe dieser kulturellen Einrichtung beschädigt wird, ist ihr ebenso egal wie den anderen Kommunalpolitikern, die das Thema jetzt abschließen wollen.

Nun hab ich ja bereits früher über das in Form und Funktion typische nationalsozialistische Propagandaprodukt berichtet, das Ausgangspunkt der Überlegungen ist,  und vor einem Vierteljahr sah es so aus, als gehe der NS-Spuk an der renommierten Kunsthalle vorüber: Die „Heldentafeln“ sollten nahe des Ehrenmals am Alten Friedhof aufgehängt werden. Die SPD will das aber nicht und erkennt die Fragestellung nur unvollkommen: „Dürfen Demokraten mittels propagandistischer Nazi-Kunst an tote Soldaten der beiden Weltkriege erinnern?“

Denn die Wandplatten spiegeln typische Nazi-Ästhetik, also die Kunstsprache der Nationalsozialisten, wider – ganz im Sinne Hitlers: „Blut und Rasse werden wieder zur Quelle der künstlerischen Intuition“. Ist die heroisierend-völkische Darstellung mit einem Soldaten auf der einen und einem, ihm  und den Namen  der „Gefallenen“ zugewandten Arbeiter auf der anderen also überhaupt eine akzeptable Form des Gedenkens? Und ist nicht der Ort, an dem 1935 die „Heldentafeln“ angeschlagen wurde, auch Teil der NS-Propaganda?

Daher haben inzwischen die Protagonisten aus SPD und CDU die Idee entwickelt, den Teil der Wandtafel zu entfernen, den sie als NS-Propaganda verstehen. Die Seitentafeln kommen weg, die einen Arbeiter und einen Soldaten in jeweils heroischer Pose zeigen. Doch mit diesem Zerlegen der Tafeln erweist man der Geschichte erst recht einen Bärendienst. Anstatt im Lingener Emslandmuseum die Tafel komplett aufzuhängen und daran vor allem jungen Menschen die Funktion derartiger „Kunst“ im NS-Staat zu erklären, beseitigt man tolpatschig diese Chance der Aufklärung.

Übrigens hilft das nicht einmal:
Denn auf der Wandtafel finden sich auch mindestens zwei SA- und SS-Angehörige wieder; (nicht nur) ich empfinde es als besonders perfide, solche Täter-Namen vor die Tür der Kunsthalle zu hängen, die doch der Weltoffenheit, der Völkerverständigung und der Toleranz in besonderer Weise verpflichtet ist. Hinzu kommt, dass sowohl die Opfer des NS-Terrors unter den Lingener RAW-Arbeitern als auch die in der Zwangsarbeit  im Lingener Reichsbahnausbesserungswerk Getöteten bis heute namenlos geblieben sind. Kommunalpolitiker, die daran nichts ändern, aber der Täter namentlich gedenken, entehren diese Opfer ein weiteres Mal. 

Die kleinen Fraktionen im Kulturausschuss (Die BürgerNahen, Bündnis 90/Die Grünen und die FDP) lehnen das Projekt ab; auch die fachkundigen Bürger im Ausschuss sind entsetzt. Sie und das Forum Juden-Christen haben in mehreren Briefen an den Oberbürgermeister gefordert, das Projekt aufzugeben. Der aber ist -wen überrascht es?– einmal mehr abgetaucht und bezieht keine inhaltliche Position.

Ich fürchte heute: Der Protest wird nicht helfen. Aber ich weiß auch: Das Thema wird damit nicht abgeschlossen. Ganz im Gegenteil.

Übrigens: Nicht dabei ist heute Irene Vehring (CDU). Die kluge Ausschussvorsitzende ist eine erklärte Gegnerin des Erinnerungsprojekts, konnte sich aber in ihrer Fraktion nicht durchsetzen. Also ist sie in Urlaub gefahren.

Heinrich Lagemann (1896-1918) – Ein Soldat aus Lingen
Ausstellung: 100 Jahre Erster Weltkrieg
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstraße 28b
noch bis zum 8. Juli 2018
dienstags – sonntags 14.30 – 17.30 Uhr

Eintritt 4€ (erm. 2 €), Familienkarte 10 €.

Die Ausstellung schildert das Schicksal der Lingener Familie Lagemann (Foto lks) im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Vier Kinder, der Vater beim Eisenbahnwerk, die Mutter Hausfrau. Als 1914 der Krieg ausbricht, ist es für die Familie eine Ehrenpflicht, dass sich der älteste Sohn Heinrich (Jahrgang 1896) freiwillig zum Fronteinsatz meldet.
Mehrere hundert Feldpostbriefe, Foto- und Ansichtskarten zwischen Front und Heimat spiegeln das Alltagsleben eines jungen Soldaten an allen Kampfschauplätzen des Ersten Weltkriegs (Russland, Balkan, Flandern, Frankreich), aber auch die verzweifelte Versorgungslage der Bevölkerung in der Eisenbahnerstadt Lingen.
Gleich zu Beginn des Krieges lernt Heinrich Lagemann die junge Mimi Kehr aus Jena kennen. Aus flüchtiger Bekanntschaft und Brieffreundschaft wird Liebe, obwohl sich die jungen Leute in vier Kriegsjahren nur an wenigen Urlaubstagen sehen können. Eine außergewöhnliche Liebesbeziehung in schwerer Zeit. Immer in der Hoffnung auf Frieden und Überleben.
Die geplante Verlobung muss mehrfach verschoben werden, weil Heinrich Lagemann keinen Urlaub erhält. Sie platzt durch die deutsche Frühjahrsoffensive 1918, den letzten großen Angriff der Deutschen an der „Westfront“. Dabei kommt Heinrich Lagemann am 14. April 1918 ums Leben.
Alle Zukunftsträume der Familie und des jungen Paares sind dahin. Mimi heiratet später einen anderen, die Eltern suchen Trost in den alten Parolen von Militarismus und Nationalismus.
(Quelle: Emslandmuseum)

 

 

Sonderzüge in den Tod

30. Januar 2015

Bildschirmfoto 2015-01-27 um 22.52.54Sonderzüge in den Tod
Die Deportation mit der Deutschen Reichsbahn

Ausstellung
Lingen (Ems) – Hochschule Osnabrück – Campus Lingen-
Kaiserstraße 10 c
Eröffnung So, 01. Februar, 11.00 Uhr

So 01.02. – 24.03.2015

Zur Eröffnung der Ausstellung „Sonderzüge in den Tod“ auf dem Campus Lingen der Hochschule Osnabrück laden das Forum Juden Christen, die Stadt Lingen (Ems) und das Ludwig-Windthorst-Haus zum kommenden Sonntag um 11.00 Uhr ein.
Die Deutsche Reichsbahn war durch die Deportation zahlloser Menschen unmittelbar am Holocaust beteiligt. Ohne den Einsatz der Eisenbahn wäre der systematische Mord an den europäischen Juden, Sinti und Roma nicht möglich gewesen. Insgesamt wurden im Zweiten Weltkrieg etwa drei Millionen Menschen  aus fast ganz Europa mit Zügen zu den nationalsozialistischen Vernichtungsstätten transportiert.
Die Ausstellung „Sonderzüge in den Tod“ – Die Deportation mit der Deutschen Reichsbahn“ erinnert an das unermessliche Leid, das diesen Menschen zugefügt wurde. Sie zeigt Einzelschicksale von Kindern, Frauen und Männern, die von ihren Heimatorten in den Tod transportiert wurden. Überlebende schildern in Zeitzeugeninterviews die grauenvollen Zustände in den Zügen. Die fahrplanmäßige und betriebliche Durchführung dieser Transporte durch die Reichsbahn wird anhand von Dokumenten und Grafiken dargestellt. Die Ausstellung ist seit 2007 in über 40 Städten gezeigt worden, 2015 ist sie in Lingen im ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk (jetzt Campus Lingen) und später Mühlheim (Ruhr) zu sehen.
Die Wanderausstellung der Deutschen Bahn haben inzwischen mehr als 350.000 Besucher gesehen.
Zur Ausstellung ist im Böhlau Verlag erschienen die gleichnamige Begleitpublikation „Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn“ hrsg. von A. Engwert und S. Kill. (ISBN 978-3-412-20337-5, € 16,90, 162 Seiten)
In Lingen gab es im Vorfeld reichlich Verärgerung bei den Organisatoren. So verlangte die Geschäftsführung des IT-EL einen hohen finanziellen Obolus für eine Präsentation der Ausstellung in ihren öffentlichen Räume, die früher Teil des ehem. Ausbesserungswerks an der Kaiserstraße waren, bevor sie dann vor 15 Jahren aus Steuermitteln renoviert wurden; Gesellschafter des IT-EL- sind Stadt Lingen (Ems) und Landkreis emsland.
Die Veranstalter wichen deshalb auf den Campus aus, wo dann die anschließende Weigerung eines lokalen Verantwortlichen der Hochschule Osnabrück ebenfalls deutlich irritierte, einführende Worte zu sprechen.