kreatives Content

16. April 2017

Vor sieben Jahren habe ich in diesem kleinen Blog über lokalen Journalismus geschrieben und insbesondere kritisiert, dass Pressemitteilungen kenntlich zu machen sind, wenn man sie bringt. Pressemitteilungen müssen nämlich als solche gekennzeichnet sein, wenn sie ohne Bearbeitung durch die Redaktion veröffentlicht werden. Das machte die NOZ damals nicht.

Aber es hat sich direkt nach meiner Kritik geändert. Jetzt findet sich vor solchen Artikeln in der Lokalpresse jeweils ein verschämtes „PM“, was geschätzt 0,5% bis 1,5% der NOZ-Leser richtig als „Pressemitteilung“ einordnen können [Den Originalwortlaut jeder lokalen Lingener Pressemitteilung kann man übrigens hier nachlesen]. Das ist ja immerhin etwas, was dieses kleine Blog bewirkt hat: Die Einhaltung des Pressekodex durch die NOZ;

An eben den Pressekodex ist die NOZ-Lokalpresse jetzt erneut zu erinnern. IM Kodex heißt es nämlich unter Ziffer 7:

Bezahlte Veröffentlichungen müssen so gestaltet sein, dass sie als Werbung für den Leser erkennbar sind. Die Abgrenzung vom redaktionellen Teil kann durch Kennzeichnung und/oder Gestaltung erfolgen. Im Übrigen gelten die werberechtlichen Regelungen. 

Denn seit einigen Tagen veröffentlichen die Emslandausgaben der NOZ warmherzige Geschichten über Zuwanderer und Rückkehrer ins Emsland. Übrigens allesamt keine Geflüchteten oder wirkliche Zuwanderer, sondern Deutsche, die es irgendwohin verschlagen hat oder die hier gelandet sind.

Allerdings stammt keiner dieser Artikel aus den NOZ-Redaktionen in Lingen, Meppen und Papenburg oder sonstwo. Das folgt aus dem Beginn jedes Beitrags und dem dort verwendeten Pressemitteilungskürzel pm. Die stets hübsch bebilderten Beiträge enthalten reinen Public Relations-Content, der von Profis des Medienhaus‘ Emsland zusammengeschrieben ist; denn von dieser NOZ-Medienhaus-Tochter stammen die jeweiligen Fotos mit lachenden Menschen, fröhlichen kleinen Kindern, gestreichelten Haustieren usw.. Geschrieben wurden die PR-Beiträge also gegen Entgelt. Gekennzeichnet aber haben LT, MT und Emszeitung diesen kreativen Content mit keinem Wort. So bleiben unverdächtig erscheinende Yellowpress-artige Artikel, mit unkritischer, lobhudeliger Schleichwerbung für das Emsland.

Vor allem nennen die NOZ-Ausgaben -entgegen Ziffer 7 Pressekodex- nicht den Auftraggeber dieser Artikel, so dass man spekulieren muss: Ist es vielleicht der traditionell mit dem NOZ_Medienhaus politisch und auch sonst verbandelte Landkreis Emsland selbst, ist es der wirtschaftsnahe Ems-Achse eV oder wer ist es sonst, der für derartige, subtile PR zahlt?

Man wird von der NOZ erwarten können und müssen, dass sie diese Fragen umgehend beantwortet – klar, wahrhaftig und ohne jedes Wenn und Aber, weil Ziffer 7 des Pressekodexes dies verlangt.

Übrigens hat jeder Verleger, der neben seiner publizistischen Tätigkeit ein Wirtschaftsunternehmen betreibt, seine journalistische Tätigkeit strikt davon zu trennen. Auch das steht im Pressekodex.Genau dies fehlt hier ebenfalls und der NOZ auch offenbar schon längere Zeit. Sonst wäre eine solche Beteiligungsgrafik schwer möglich:

 

retur

18. August 2015

Ganz im Vertrauen: Diese Bonanza-Sache für die Ü40-Lingener hätte noch viel peinlich-schlimmer kommen können. Städtische PR ist eben nicht ganz so leicht. Manchmal, lieber Thomas Pertz, ist ein von weit her eher verkrampft wirkendes Provinzprodukt objektiv weder eine Goldgrube noch ein Glücksfall sondern bestenfalls reichlich flüssig.

Also, Freunde dieser Seite, ich bin aus bella Italia retur in diesem kleinen Städtchen und bleibe ihm und Euch erhalten.

Handtuch

7. April 2012

Heute morgen beim Frühstück ging es -neben dem offenbar unvermeidlichen PR-Artikel nebst PR-Foto für ein Lingener Bauunternehmen– um die Frage, wie bescheuert man denn eigentlich sein muss, um auf so etwas herein zu fallen.  Sie haben diese Polizeimeldung bestimmt schon mitbekommen:

„Nach … der Aussage der 46-Jährigen wurde sie am Dienstag, 27. März, gegen 11.00 Uhr in der Innenstadt von einer unbekannten Frau in russisch angesprochen. Die Frau erklärte dem späteren Opfer, dass sie Heilkundlerin sei und stellte sich als Galina Petrova vor. Sie gab an, dass sie Schmuck und Bargeld so behandeln könne, dass sie in Zukunft immer Glück und keine Angst mehr zu haben brauche.
Es kam dann eine weitere Frau dazu, die sich als Olga vorstellte, die dann mit der Geschädigten zu deren Wohnung fuhr. Dort sammelte die 46-Jährige mehrere Schmuckstücke im und Bargeld im Wert von insgesamt mehreren tausend Euro zusammen, welches sie in Handtücher wickelte. Zusammen mit der angeblichen Olga fuhr die 46-Jährige dann noch zu ihrer Bank und hob dort noch einen größeren Geldbetrag ab. Anschließend begaben sich die beiden Frauen zum Parkplatz einer Bank an der Neuen Straße, wo die angebliche Heilkundlerin wartete.
Das spätere Opfer übergab das in Handtücher gewickelte Geld und den Schmuck. Dieser wurde von der Heilkundlerin „behandelt“ und dann an die 46-Jährige wieder ausgehändigt. Dem Opfer wurde aufgetragen, dass sie die Sachen erst später auspacken dürfe, da sonst keine Wirkung eintreten würde….“ (Quelle 05.04.12)

Den Rest kennen wir. Das Handtuch ist noch da, doch neben dem ohnehin schon vermissten Durchblick fehlen jetzt zusätzlich auch Geld und Schmuck. Dafür gibt es zwar zum Ausgleich Kopfschütteln und Spott – auch hier bei uns zuhause. Aber im anschließenden morgendlichen Gespräch ging es in diesem Zusammenhang weniger um die sprachlich mutige Begriffsfolge „das spätere Opfer“. Vielmehr stellte sich schnell eine ganz andere, spezielle Frage. Sie lautet: Woher kommt das Überwachungsfoto?

Es stammt offenbar von einer Überwachungskamera in der Stadt. Darauf deuten Perspektive und Qualität hin. Und dann fiel mir ein, dass im letzten Sommer  gegen die Polizei in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover ein Urteil erstritten wurde. Es gab  ihr auf,  ihre Videoüberwachung zu ändern. Das  Verwaltungsgericht Hannover entschied: Polizeikameras im öffentlichen Raum seien mit Hinweisschildern zu kennzeichnen – oder abzuschalten  (Aktenzeichen 10 A 5452/10 ).

Geklagt hatte zuvor nach einem Bericht der taz Michael Ebeling vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung Hannover (AK Vorrat). Dort hatten unsere „Freunde und Helfer“  78 Kameras an 55 Standorten im  Stadtgebiet installiert – einen Großteil  zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 (!) „wegen der besonderen Gefahrenlage“. Fünf Jahre später waren sie immer noch in Betrieb. Dass Bereiche überwacht wurden, war auch nicht kenntlich gemacht. Lediglich tief im Internet versteckt fand sich eine Liste der  einzelnen Kameras. Eine Verletzung des Grundrechtes auf informationelle Selbstbestimmung kritisierte Ebeling, ausreichend sagte die Polizei. (mehr…).

Eine Videoüberwachung, so das Gericht, sei nach dem  Nieders. Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung nur als „offene“ Beobachtung zulässig. Diese Offenheit werde durch die Information irgendwo im Internet nicht gewährleistet. Der Betroffene müsse vielmehr im öffentlichen Raum selbst erkennen können, ob der Bereich einer Beobachtung unterliege. Z. B. bei Kameras in großer Höhe an Hochhäusern sei eine Erkennbarkeit der Beobachtung nicht gegeben. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung könne nur derjenige wahrnehmen und sein Verhalten darauf ausrichten, der Kenntnis von der Überwachung habe. So weit, so theoretisch. Denn das geht eigentlich schon längst nicht mehr, weil überall -man sagt wohl „flächendeckend“- Überwachungskameras uns, unsere Bewegungen und Gewohnheiten aufzeichnen.

Das zeigt beispielsweise unser kleines Städtchen: Im Stadtzentrum kann man nicht einmal mehr den (einzigen) Supermarkt aufsuchen, ohne videografiert zu werden; der Bereich im und am Lookentor ist komplett überwacht.Viele Geschäfte hängen Kameras und Flachbildschirme in den Eingang und man freut sich bisweilen (wie weiland Herbert Görgens „komm ich jetzt im Fernsehen“) und lacht über sich selbst auf dem Bildschirm.  Aber wird da auch aufgezeichnet? Und warum dieser Eingriff  in meine Rechte? Weil jemand anderes klaut oder dessen verdächtig ist oder weil Olga Schmuck in ein Handtuch packt?

Nicht von der Polizei wird dabei so viel videografiert, sondern von unzähligen Privaten, auf deren Aufzeichnung dann aber bequem amtlicherseits zurückgegriffen wird. Rund um den Marktplatz existieren zahlreiche Überwachungskameras. Die Überwachungssysteme der JVA Lingen 1 nehmen die Passanten der Kaiserstraße ebenso ins Visier wie einen Großteil der Autofahrer und die Parkenden vor der Halle IV, die Wohnungen in den Häusern der Georgstraße ebenso. Das Amtsgericht kann nicht mehr betreten, wer nicht gefilmt werden will, wobei dort angeblich nicht aufgezeichnet wird. Und bei Mäckes hängt schon lange nicht nur eine Rundumkamera. Ich könnte die Beispiele vielfach fortsetzen. Die Ü-Kameras erinnern an die Stasi und sie verursachen bei mir Unwohlsein.

In einem youtube-Kommentar („Die Überwachungskamera. Eine kleine Kritik“) ist zu lesen, dass derzeit nichts den öffentlichen Raum diskreter und gleichzeitig aggressiver als die Überwachungskamera beherrscht. Aggressiv beherrscht – ja so empfinde ich längst diese Dauerüberwachung. Sie gehört abgeschaltet.

Übrigens würden Handtuch-Olga und ihre Wunderheilerin auch ohne Ü-Kameras und Ö-Fahndung gefasst werden.  Nebenbei: Ziel der hier eingesetzten Methode der Öffentlichkeitsfahndung ist es stets, einen großen Personenkreis anzusprechen und diesen zur Mithilfe aufzufordern. Bei wikipedia heißt es dazu: „Sie wird nur bei bedeutsamen Fällen angewandt.“ Ach guck!

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