Rosemeyer-Legende

5. Februar 2018

Rosemeyer-Legende

Eine davon hat Christoph Frolling gerade durch Zufall entdeckt, wie er schreibt, „und ich möchte sie heute zum Besten geben. Es ist schon erstaunlich, dass solche frei erfundenen Geschichten immer wieder irgendwo platziert werden (von wem?) und dann an der Fortentwicklung des Rosemeyer-Mythos mitwirken. Die Leute glauben so etwas, weil sie es gern glauben wollen. Die heutige „Ente“ habe ich auf der französischen Wikipedia-Seite gefunden. Ich habe den Text für Sie übersetzt:

Originaltext bei Wikipedia.fr:
Comme nombre de pilotes de course allemands, Rosemeyer est intégré au Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps (NSKK), une unité paramilitaire dépendante des SA puis des SS à partir de 1934, auquel il adhère moins par conviction que par souci de tranquillité voire par obligation. Avant d’être intégré au NSKK, le jeune Rosemeyer manifestait son peu d’intérêt pour le parti nazi : au lendemain de la victoire du NSDAP aux élections législatives en mars 1933, il est même arrêté dans les rues de Lingen, sa ville natale, et incarcéré pendant vingt-quatre heures pour avoir, debout sur sa moto, paradé en parodiant Adolf Hitler en agitant le bras droit de manière compulsive, une moustache au charbon de bois dessinée sur la lèvre91.

Übersetzung :
Wie zahlreiche deutsche Rennfahrer wird Rosemeyer in das Nationalsozialistische Kraftfahrer Korps (NSKK) eingegliedert, eine paramilitärische Einheit, die von der SA, dann ab 1934 von der SS abhängig ist. Dieser (der SS) tritt er bei – weniger aus Überzeugung als aus einem Streben danach, in Ruhe gelassen zu werden bzw. unter Zwang. Bevor der junge Rosemeyer in das NSKK eingegliedert wurde, demonstrierte er sein geringes Interesse für die Nazi-Partei: Am Tage nach dem Sieg der NSDAP bei den Reichstagswahlen im März 1933 wird er in den Straßen von Lingen, seiner Geburtsstadt, verhaftet und für 24 Stunden eingekerkert, weil er – auf seinem Motorrad stehend – durch die Stadt paradierte und dabei Adolf Hitler parodierte, indem er zwanghaft-exzessiv mit dem rechten Arm fuchtelte; mit Holzkohle hatte er sich einen Schnurrbart auf die Oberlippe gemalt.“

Christoph Frilling kommentiert: „Diese  Geschichte ist frei erfunden. Weder wurde Rosemeyer verhaftet noch parodierte er Hitler in den Straßen Lingens noch wurde er eingesperrt. Die Geschichte zeugt hingegen davon, dass Anhänger Rosemeyers nichts unversucht lassen, ihn als Systemgegner hinzustellen.“

Auf der französischen Wikipediaseite ist tatsächlich als Quelle dieser Rosemeyer-Legende ein Comic des belgischen Comiczeichners Marvano angegeben, das seit gut September 2014 auch in deutsche Sprache erschienen ist und bei amazon sowie im gut sortierten lokalen Buchhandel bestellt werden kann…

Wir sollten gemeinsam dafür arbeiten, dass aus Lingen „sa ville natale,“ nicht Lingen „sa ville fatale“ wird.

Quelle: https://fr.wikipedia.org/wiki/Bernd_Rosemeyer

Propaganda

30. Januar 2018

Der Lingener Autor Christoph Frilling hat sich bereits wiederholt gegen ein Rosemeyer-Museum in der von Kaufmann Heinrich Liesen geplanten Form ausgesprochen. Er schreibt:

Die NS-Propaganda setzte Rosemeyer als eines ihrer „Leitbilder“ und „Vorbilder“ ein, die auch im Emsland als identitätsstiftende Trümpfe ausgespielt wurden.

Rosemeyer ließ sich bereitwillig von der NS-Propaganda vereinnahmen. Die Instrumentalisierung des Sports für politische bzw. ökonomische Zwecke war nicht neu, und sie gibt es natürlich auch heute noch.

Museen und Ausstellungen, die von Rosemeyer-Anhängern befürwortet werden, sind grundsätzlich fragwürdig. Wenn sie überhaupt realisiert werden, so müssen sie die Mechanismen und die Logik dieser Propaganda deutlich und durchschaubar machen, um zu verhindern, dass die Menschen erneut auf die gleichen Mechanismen hereinfallen. Museen dürfen keine Fortrführung dieser Propaganda stützen.

Erinnerungskultur ist eine Art des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft; sie zeigt den spezifischen Umgang einer Gesellschaft mit der Vergangenheit. Sie darf sich nicht auf die Präsentation technischer Errungenschaften beschränken, die von der Gesellschaft, die sie hervorbringt, losgelöst werden. Die Erinnerung muss zu einem Stoff des Nachdenkens weiterentwickelt werden. Sie darf nicht missbraucht werden, um einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen und den „weichen Schleier der Nostalgie“ über die Phasen der Vergangenheit zu leben, die als unangenehm empfunden werden. Dies würde notwendig zur Präsentation von „Erinnerungskitsch“ führen.

Solche Museen beanspruchen meistens eine Deutungsoffenheit, bieten also verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Die in ihnen präsentierten Exponate mit der ihnen innewohnenden ästhetische Qualität können für viele Rezipienten auch in der Gegenwart noch attraktiv (und dadurch verharmlosend) wirken.

Diese Museen laufen so Gefahr, für die Besucher die Option offenzuhalten, das NS-Regime so zu sehen, wie es gesehen werden wollte.

 

Mehrheitlich

8. Dezember 2017

Dürfen Demokraten mittels propagandistischer Nazi-Kunst an tote Soldaten der beiden Weltkriege erinnern? Das Thema stand gestern auf der Tagesordnung des Lingener Kulturausschusses. In einer ernsten Debatte befasste sich das Gremium mit dem Vorhaben, eine 4 x 2 m (!) große Gedenktafel an der Halle IV zu installieren – wenige Schritte neben dem Eingang der Kunsthalle. Diese Tafel war an anderer Stelle des Reichseisenbahn-Ausbesserungswerks im Jahr 1936, also zu tiefsten NS-Zeiten, mit großem öffentlichen Helden-Tamtam enthüllt worden. Sie nennt die Namen der als Soldaten gefallenen Arbeiter des „EAW“  des 1. Weltkriegs. Nach 1945 übernahm man im „EAW“ die „Heldentafel“ und ergänzte sie um die vielen Toten des 2. Weltkriegs.

Dabei spiegelt das Relief typische Nazi-Ästhetik, also Kunstsprache der Nationalsozialisten, wider – ganz im Sinne Hitlers: „Blut und Rasse werden wieder zur Quelle der künstlerischen Intuition“. Ist die heroisierend-völkische Darstellung mit einem Soldaten auf der einen und einem, ihm  und den Namen  der „Gefallenen“ zugewandten Arbeiter auf der anderen also überhaupt eine Gedenktafel?

Den SPD-Ratsmitgliedern erschließt sich die Frage gar nicht. Sie lassen gleich doppelt die notwendige kritische Reflexion vermissen. Die SPD will das Objekt im Original und zudem nur wenige Schritte neben dem Eingang zur Kunsthalle präsentieren; denn dort sei eben der einzige „geeignete freie Platz“ an der ehemaligen Werkshalle,  auch „wenn da zufällig die Kunsthalle ist“ (Edeltraut Graeßner, SPD). Jeder spürte gestern sofort die Oberflächlichkeit dieser Position: Die SPD erkennt die historische Funktion der angeblichen Gedenktafel nicht und präsentiert damit nichts anderes als Geschichtslosigkeit.

Unisono machten Grüne, FDP und BürgerNahe gestern deutlich, dass sie diese Form des Gedenkens und damit diese Tafel nicht wollen. Auch die in den Kulturausschuss hinzu gewählten „sachkundigen Bürger“ argumentierten gegen die Tafel, nachdrücklich beispielsweise Kunsthallendirektorin Meike Behm „in einem Plädoyer“ an den Ausschuss. Harald Volker Sommer (TPZ) fragte rhetorisch, ob man auch so entscheiden würde, würde das Reflief „nur einen Millimeter weitergehen und Hakenkreuze zeigen“, und Studiendirektor Martin Kolbe zeigte sich fassungslos-empört über das Vorhaben.

Das Problem erkennen offenbar auch Teile der CDU, in der heftig über die Tafeln diskutiert wurde. Dies verriet Ratsmitglied Björn Roth im Kulturausschuss und sagte, die CDU sei „mehrheitlich“ dafür, wie geplant die Tafel an der Halle IV (neben dem Eingang zu moderner Kunst) zu installieren. Hoffen wir, dass sich dies noch ändert. Ein Schritt dazu könnte sein, dass der Kulturausschuss sich zunächst die monumentale Tafel in Natura ansehen will und den Beschluss gestern vertagte.

Dann dürfte hoffentlich auch ihren Befürwortern klar werden, dass sie nur vordergründig an die Toten erinnert, sie den Krieg in Wahrheit aber bloß verherrlicht und ihn damit vorbereitet. Das sehen sie nämlich. Übrigens: Angebracht wurde die Tafel 1936, nur gut drei Jahre später begann durch Deutsche das kriegerische Morden.

Damit wir uns richtig verstehen: An die Toten der beiden Weltkriege und an den unendlichen Schrecken aller Kriege muss erinnert werden – nicht nur an tote Soldaten, sondern an alle Opfer! Doch niemals darf dies mit NS-Propaganda-Bildern geschehen, die in Wahrheit den Krieg nicht als grausames Schlachten sondern als etwas Heldenhaftes, Ehrenvolles verklären. In Wahrheit gedenken sie damit gar nicht.

 

Guten Morgen!

6. Dezember 2016

Correc!v, die Rechercheplattform in NRW begrüßt uns an diesem kalten Nikolausmorgen mit klaren und klugen Worten von Bastian Schlange, die meine Seelenlage gut treffen. Ich lese:

„Schwere Kost zu so früher Stunde: die getötete Studentin aus Freiburg, der vermeintliche Täter ein 17-jähriger Flüchtling und eine Debatte, die sich durch Deutschland frisst. Die Tagesschau wird als Propaganda-Instrument des Kanzleramtes verschrien, weil die 19-Jährige nur eine von zehntausend deutschen Opfern war, die die Mainstream-Medien konsequent verschweigen. Lücken- und Lügenpresse-Rufe lösen einander ab. Die AfD instrumentalisiert den Vorfall nicht nur, um an den Pfeilern unseres Dualen Rundfunksystems zu sägen, sondern gleich noch die Zuordnung von DNA-Proben und Ethnie zu fordern. Und GdP-Chef Wendt krakeelt: „Dieses und viele andere Opfer würde es nicht geben, wäre unser Land auf die Gefahren vorbereitet gewesen, die mit massenhafter Zuwanderung verbunden sind.“

Kurz innehalten. Und durchatmen. Hier ist eine junge Frau vergewaltigt und ermordet worden. Das ist schrecklich. Punkt. Und dennoch war es ein Mord von vielen. Nichts rechtfertigt, ihren Tod für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Das Arschloch-Gen bewegt sich jenseits der Rassenlehre. Nicht alles was interessiert, muss auch für jeden relevant sein. Denn: Wer Gleichschaltung anprangert, sollte sie nicht fordern. Unsere Gesellschaft funktioniert nur durch Vielfalt. In allen Bereichen. Wenn der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft argumentiert wie jeder zweite Rechtspopulist im Twitter-Kosmos, dann sehe ich die Gefahren weniger in den Reihen der Flüchtlinge oder unserer Medienvertreter.

So. Ich bin wach. Ich hoffe, Du auch. Es soll doch trotz allem ein schöner Tag werden. Schließlich ist der 6. Dezember. Ich hoffe, Du kommst gut rein. Unsere Themen:…“