unzuverlässige Quelle

30. Juni 2019

Die Medienwebseite „ÜberMedien“ setzt sich mit dr Berichterstattung über soziale Konflikte wie am vergangenen Wochenende die „Ende Gelände“-Demonstrationen im rheinischen Braunkohletagebau auseinander. Sie sollten sich einige Minuten Zeit für die Analyse nehmen.
Die Berichterstattung über den Protest hat wieder gezeigt, wie heikel es ist, in solchen Fällen unkritisch die Zahlen und Darstellungen der Polizei zu übernehmen. Die Polizei ist eine unzuverlässige Quelle. Das Resümee:

„Es gehört zu journalistischen Standards, Polizeimeldungen als „privilegierte Quellen“ zu nutzen, und daran ist bei der überwiegenden Mehrheit von Meldungen auch nichts auszusetzen. Über einen Einbruch oder einen Autounfall gibt es nur in den seltensten Fällen mehr zu sagen, als die Presseabteilungen der Behörden schreiben. Bei anderen Ereignissen ist das allerdings nicht der Fall. Proteste wie das Aktionswochenende im Rheinischen Revier zeigen, dass die Polizei ein Interesse daran hat, ihr Narrativ darzustellen. Das ist aus Sicht der Behörde gut und richtig, allerdings sollten Medien nicht als Verteiler der Polizeidarstellung fungieren.

Nicht nur bei „Ende Gelände“, sondern auch bei anderen politischen Protesten oder im Rahmen von Fußballspielen mussten Einschätzungen der Polizei im Nachgang häufig revidiert werden. Eine Aufgabe, die oft nur von einzelnen Journalisten übernommen wurde, die selbst vor Ort waren und Situationen beobachtet hatten. Das ist für Medienhäuser teuer, im Zweifel aufwändig und oft nicht so spektakulär wie die Übernahme einseitiger Schlagzeilen durch dünn besetzte Wochenenddienste, die am Redaktionsschreibtisch kaum Zeit für eigene Recherche haben. Allerdings kommt es der Aufgabe unabhängiger Berichterstattung näher.“


„Übermedien berichtet, Überraschung: über Medien. Seit Anfang 2016 setzen wir uns hier kontinuierlich mit der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten auseinander.

Übermedien ist kritisch, unterhaltend, unabhängig; hinter uns steht kein Sender, kein Verlag, keine Partei. Wir sind auch kein Blog oder Branchendienst, sondern ein Magazin, das sich an alle richtet, die Medien nutzen – also: an alle.“

Aufkleber

12. August 2017

 

Über das in Lingen (Ems) seit Jahren gefeierte Notinsel-Projekt habe ich schon früher kritisch berichtet [guckst Du hier] Aktuell wird neuerlich versucht, Geld mit dem schlechten Gewissen von Geschäftsleuten zu machen, Kindern nicht zu helfen. Die lokalen Notinsel-Aktivisten müssen mehr als 5.000 Euro an die Stiftung Hänsel + Gretel bezahlen, die das Projekt ersonnen hat. Man erkennt: Das Projekt ist ein durch und durch kommerzielles Vorhaben, was allerdings von den Machern nicht verraten wird,.

Verraten wird anderes. Nämlich inzwischen halbjährlich Einzigartiges,

also genauer gesagt am 28.06.2016 dies

 

und dann am 25.11.16 dies

 

 

und jetzt am 09.08.17 dies

 

 

Natürlich gibt der Notinsel-Aufkleber für Kinder Orientierung, sofern sie jedenfalls lesen und die Aktion verstehen können. Doch er vermittelt vor allem ein seltsames Menschenbild, weil er nämlich die Unternehmen ausgrenzt, die keine Lust haben, eine zweifelhafte Gelddruckinitiative zu finanzieren. Dabei ist nicht nur in Lingen (Ems) klar, dass ausnahmslos jedes Unternehmen einem Kind hilft, das weinend durch die Stadt irrt, weil es sich verlaufen hat, oder sonst Hilfe braucht.

[Danke an @moaxislaven]

Hinweis:
In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, dass jährlich ein Betrag von 5.000 € an die Stiftung Hänsel + Gretel gezahlt werden müsse. Sie könnten sich aber refinanzieren, wenn die beteiligten Geschäfte jährlich 800 Euro zahlten.
Diese Aussage kann ich nicht aufrecht erhalten. Nach Aussagen der Initiatoren ist zu Beginn der Aktion in Lingen einmal ein Betrag von knapp 4.000 € gezahlt worden; für die beteiligten Geschäfte sei die Teilnahme kostenfrei. Die Stiftung selbst hat die noch vor einigen Jahren verlangten bis zu 8.000 € inzwischen auf pauschal einmalig 750,- € geändert.

Allerdings: Aufkleber, Plakate und Flyer müssen bei der Stiftung je nach Bedarf gekauft werden. Die Kosten dafür werden nicht mitgeteilt.

 

Locker

18. März 2015

Da steht tatsächlich „wurden“. Wurden? Wurden! Lingen (Ems), 17. März 2015 und der lockere Zeitsprung der Lokalpresse auf den 30.06.2015, das Ende des 2. Quartals. Freuen würde es mich aber vor allem, rechnete der Presseberichterstatter einfach mal nach, ob alles so stimmt, was die Lingener Stadtverwaltung zu Flüchtlingszahlen erklärt. Recherche heißt das, glaub ich. Doch statt Recherche liest man leider Oberflächliches.

zweitesQuartal

Dazu eine kleine Hilfestellung für die Lokalpresse, aus deren gestriger Ausgabe der Ausriss links stammt und die ungeprüft von 450 Flüchtlingen schreibt, die 2015 nach Lingen kommen würden:

Die prognostizierte Zahl der 2015 neu eintreffenden Asylsuchenden in Deutschland wurde vom BAMF mittlerweile auf 230.000 erhöht. Tatsächlich könnten es mehr als 300.000 werden. Auf das Bundesland Niedersachsen werden davon in diesem Jahr rund 30.000 verteilt, sagt aktuell das Hannoversche Innenministerium.

Rund 4,5 % (also rund 1350) von ihnen finden den Weg ins Emsland, wo es dann eine eigene Verteilung gibt. Weil in einzelnen Gemeinden zur Zeit mehr Flüchtlinge sind, wird auf Kreisebene ein wenig umjustiert. Doch tatsächlich werden in Lingen 225, vielleicht 250 Flüchtlinge  in diesem Jahr kommen.  Das ist etwas mehr als ein Sechstel der 1350 Flüchtlinge, die von Bundes- und Landesbehörden ins Emsland geschickt werden. Oder anders: Die Stadt Lingen mit ihren 50.000 Einwohnern hat grundsätzlich rd. 0,7 % der 30.000 Flüchtlinge in Niedersachsen aufzunehmen.

Bildschirmfoto 2015-03-17 um 14.50.31Aber in der Liste, die die Stadt Lingen über die Flüchtlinge in Lingen verteilt (Grafik lks), finden sich viel höhere Zahlen. Warum das so ist? Die Liste reicht endlos und Jahre zurück und listet nicht wenige Flüchtlinge, die hier schon seit dem letzten Jahrhundert leben. Einmal Flüchtling, immer Flüchtling?  Die Lingener Stadtverwaltung verteilt jedenfalls in ihren Gremien eine Grafik, nach der sich in der Stadt aktuell 508 Flüchtlinge aufhalten. Ob sie da vielleicht mit der fehlenden Kenntnis der Menschen über die einzelnen Gruppen von Zuwanderern spekuliert?

So sind die aufgeführten Bleibeberechtigten beispielsweise sozial und wirtschaftlich integrierte langjährig Geduldete, die am Stichtag 1. Juli 2007 (!) die Voraussetzungen für eine Bleibeberechtigung laut Aufenthaltsgesetz erfüllten (gesetzliche Altfallregelung). Sie erhielten zunächst eine Aufenthaltserlaubnis auf Probe, welche im Regelfall verlängert und langfristig zu einer unbefristeten Niederlassungserlaubnis führen kann; dies sind in Lingen immerhin 155 Personen. Hinzu kommen 49 Geduldete („zur Ausreise Verpflichtete“), die auch schon länger hier sind.

Die Liste ist also wenig wert, weil sie keine Informationen darüber enthält, wie lange die einzelnen Personen in unserer Stadt sind, die die Liste zusammenfasst. Personen, die länger als fünf Jahre in unserer Stadt sind, gehören nach meiner Meinung gestrichen. Und zur allgemeinen Erinnerung: Lingen hat mehr als 52.000 Einwohner. Da können ein paar Hundert Flüchtlinge integriert werden. Locker.