Schandphal

9. September 2011

Unsere niederländischen Nachbarn kommen auf immer neue rechtspopulistische Schnapsideen. So berichtet taz-Mann Falk Madeja über diese kleinbürgerliche Pranger-Aktion:

Fred Teven, Staatssekretär für Sicherheit in Den Haag, will zu Arbeitsstrafen verurteilte Landsleute künftig in auffälligen Kleidern arbeiten lassen – zum Glück ist dabei wohl nicht an Sträflingskleidung, Ketten usw. gedacht sondern etwa an orangefarbende Westen. Darauf der Text: “Arbeitet für die Gesellschaft”.

In den Niederlanden werden jährlich 30.000 Menschen zu Arbeitsstrafen verurteilt. Das können bsw. Reinigungsarbeiten in einem Park sein. Das Problem ist, dass diese Strafe von vielen Menschen nicht als vollwertig angesehen werden. Nach dem Motto: der Verurteilte sammelt ein bisschen Papier im Park und die Sache ist gut. Bzw. nicht gut. Zu lasch und so.

Die Idee stammt von Sjef van Gennip, Direktor von Reclassering Nederland. Es gehe ihm nicht um eine Art “Schandphal”, sondern darum zu zeigen, dass Menschen, die etwas verkehrt gemacht haben auch mal etwas ríchtig machen könnten.

Ach so!

Schwätzen

21. Juli 2011

Einen „Pranger für Ware, die rechtlich in Ordnung ist“, nannte gestern der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Matthias Horst, das neue Internetortal der Verbraucherschutzzentralen lebensmittelklarheit.de gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung NOZ. „Rechtlich in Ordnung“, man hört’s und lässt es sich lebensmittelgerecht auf der Zunge zergehen. Horst weiter: Man prüfe jetzt eine Klage. Huch!

Bei den Kitikern vorn dabei auch wieder einmal die  (agrar)industrieabhängigerorientierte FDP: Ministerin Ilse Aigner (CSU) fahre „einen ihrer typischen Alleingänge“, bemängelte der aus dem nördlichen Emsland stammende FDP-Agrarlobbyist Michael Goldmann in derselben Zeitung. Sie transportiere „die Ängste der Verbraucher vor Lebensmitteln“. Aus dem Ministerium wird tatsächlich die kleine Webseite mit, im Vergleich zu den Agrar- und Lebensmittelsubventionen geradezu lächerlichen, 775.000 Euro gefördert -aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags. Was daran „hoch riskant“ sein soll, wie Goldmann schwätzt, weiß wohl nur er selbst. Aber er weiß ja auch sonst, was gut ist: vom Gesetzgeber ungezügelte Massentierhaltung beispielsweise.

Der Verbraucherschutzorganisation foodwatch.de ist immerhin mit dem neuen Portal zufrieden („Schritt in die richtige Richtung“), wenn auch zurecht die Grünen davor warnen, -jenseits von schützenden Gesetzen und Vorschriften- den Verbraucherschutz der Verbrauchern selbst aufzubrüden. Nach der offiziellen Freischaltung am Mittwoch war das neue Portal  im Internet zunächst völlig überlastet und nicht erreichbar. Der „Pranger“ war unter dem sekündlichen Zugriff  Tausender von Aufrufen zusammen gebrochen. Das soll aber sich ab sofort ändern, versicherten die Verbraucherschutzzentralen (Heute morgen um 7 Uhr war aber trotz der Zusicherung wieder Zugangschaos… @-( )

Auf der neuen Internetseite www.lebensmittelklarheit.de  können Verbraucher melden, wenn sie sich durch die Aufmachung eines Produkts getäuscht fühlen. Die Redaktion des Portals gibt dem Hersteller dann Gelegenheit zur Stellungnahme. Für Ärger bei Verbrauchern sorgt zum Beispiel, wenn Fruchtprodukte keine Früchte, sondern nur künstliche Aromen enthalten. Oder wenn Schafskäse aus Kuhmilch stammt, eines der ersten Thema auf der neuen Seite. Ja, derlei Beschiss ist „hoch riskant“. Allerdings kaum für die Verbraucher.

ps Gibt’s übrigens schon ein „iPhone-Lebensmittelklarheit-App“? Sollte ich besser meinen Laptop nebst Internetzugang dabei haben, wenn ich bei meinem italienischen Kaufmann mit vier Buchstaben (A vorn und I hinten) einkaufe? Oder kommt doch irgendwann und endlich  die von FDP und Lebensmittelindustrie so heftig bekämpfte Ampel?

pps Welche Spenden erhalten die FDP und Lobbyist Goldmann eigentlich aus der Branche?