Kartoffeln

3. April 2020

Die beiden feinen Lingener Fachgeschäfte Kathy’s Wohnart und Prozellan Benner werden wohl neue Produkte in ihr Verkaufssortiment aufnehmen. Das werde ich ihnen dringend ans Herz legen.  Denn dann können sie wieder öffnen. Abgesehen davon, dass Kathy Hüllsieck schon immer Parfum und Körperpflegemittel („Hygieneartikel“) angeboten hat, wird sie künftig wohl Kartoffeln und Spargel  vom Biohof verkaufen, und Kaufmann Oliver Benner zwischen all den Pfannen, Töpfen und Küchenzubehör, Pastagrande-Nudeln aus Wietmarschen, Enkings Schwarzbrot und Settebernds Beschüte aus Emsbüren. Ich nehme an, dies wird mit einer Mitteilung an das städtische Gewerbeamt flankiert, man volle das Sortiment vergrößern. Dann nämlich können beide Einzelhändler aus der Lingen Burgstraße ihre Geschäfte wohl wieder öffnen. Das zeigen die letzten Tage.

Die Allgemeinverfügung des Landes Niedersachsen („zum Schutz der Bevölkerung“) wird sie schwerlich stoppen. Denn sie wird mehr und mehr zu einem Flickenteppich. Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil (SPD) setzte die Öffnung von Baumärkten durch, um Kaufprozessionen in Baumärkte im benachbarten  NRW zu beenden. Inzwischen darf selbst wieder die Postenbörse geöffnet halten; dazu führte ein schlichter Brief des Firmeninhabers an den niedersächsischen Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU); die Kommunen waren machtlos. Wir sehen:  Die großen Discounter und Supermärkte von Aldi, Edeka, Famila, Netto bis Rewe verkaufen ohne jede Scham und Zurückhaltung das ganze Warensortiment mit Hunderten Nonfood-Artikeln bis zu Fahrrädern und Fernsehapparaten. Es interessiert niemanden, schon gar nicht  die niedersächsische GroKo-Landesregierung, welche zerstörerische Wirkung diese Einseitigkeit auf den kleinen Einzelhändler hat – vor allem im Stadtzentrum. Wir erleben eine große Umverteilung.

Jede/r kann es sehen: Vorn im Discountermarkt mussten die Blumengeschäfte schließen; doch Blumen gibt es trotzdem zu kaufen, jetzt bloß hinter den Supermarktkassen vom Marktbetreiber. Die Einnahmen aus dem Verkauf gehen an diesen Großen, die kleinen Einzelhändler schauen in die Röhre. Das ist „bitter, hart und ungerecht“, sagte OB Krone gestern in einer Sitzung des Lingener Verwaltungsausschusses, und alle stimmten zu.

Wenn dem aber so ist, kommen jetzt eben Kartoffeln & Co. in den Einrichtungs- und Porzellan-Einzelhandel. 4-lagiges Klopappier als Hauptverkaufsartikel ginge sicher auch.


Foto: Giebel des Hist. Rathaus Lingen © milanpaul via flickr

geht anders

16. März 2015

Bildschirmfoto 2015-03-15 um 22.57.52Sie erinnern sich? Als vor zwei Jahren Grundeigentümer Hermann Klaas plante, auf seinem Grundstück Burgstraße 34 ein Altenwohnheim zu bauen, war die Aufregung groß. Es ging ja nur um Wohnungen und eine Pflegeeinrichtung für Senioren. Jetzt will die Ingenieurgesellschaft Zech dort ihre neue Zentrale bauen-  für 60 Arbeitnehmer und fast alle sind frischweg und kritiklos begeistert; nur die BürgerNahen und der liberale Ratskollege Beeck haben in der Sitzung des städtischen Planungsausschuss kritisch nachgefragt, wovon es dann nur Jens Beeck in die oberflächliche  Berichterstattung in der Lokalzeitung schaffte, weil die BN unter den Tisch fiel. Dabei liegen die planerischen Schwachpunkte des Bauvorhabens auf der Hand:

Ob das Gebäude Burgstraße 36, in dem zZt. die Klaas’sche Immobilienfirma aktiv ist, mit seiner prägnanten Klinkerfassade wirklich „weg muss“, ist die erste Frage, die zweite betrifft die hohe Auslastung mit einem zusätzlichen Vollgeschoss, das den Baukörper eine komplette Etage höher sein lässt als die Nachbargebäude und gleich doppelt so hoch wie das Porzellan- und Küchenbedarfsgeschäft Benner und fast vier mal so hoch wie das Antiquitätengeschäft Schnieders nebenan.

Doch weshalb dieses Grundstück nicht mit einer Tiefgarage versehen wird, ist mir ein völliges Rätsel, obwohl man die Zufahrt zur Tiefgarage Pferdemarkt dafür mitbenutzen könnte. Wenn  die Tiefgarage dem Investorenpaar Zech (90%) und Klaas (10%) zu teuer ist, könnten die kommunalen Wirtschaftsbetriebe einspringen und das Grundstück mit einer Tiefgarage komplettieren – so wie vor 20 Jahre unter dem Arbeitsamtsgebäude am Konrad-Adenauer-Ring. An anderer Stelle im Stadtzentrum ging das jedenfalls, obwohl der Investor des Vier-Sterne-Hotels an der Rosemeyerstraße wegen der Tiefgarage auch erst Zeter und Mordio rief und ernshaft plante, die Autos im Erdgeschoss des Neubaus zu parken. Großes Kopfschütteln auch für den Umstand, dass jetzt am Ende der Burgstraße überhaupt keine (!) Wohnungen entstehen. Dabei wäre so viel Platz für Wohnungen im Zentrum, nutzte man nur das Grundstück vollständig aus und eben nicht so wie in einem Lingener Vorort. Immerhin ist das Grundstück baurechtlich wie ein Kerngebiet zu behandel; es kann und sollte daher zu 100% gebaut werden. Tatsächlich aber bleiben fast 40 % frei – für ein paar doofe Hinterhofparkplätze (Planskizze oben). Burgstrassenkopf

Über all dies wird in der Lokalzeitung nicht berichtet, stattdessen wird eine mit fiktiven, herbstroten Bäumen versehene Planungsskizze (lks) veröffentlicht. Einmal mehr wird die Bevölkerung nicht umfassend informiert. Deshalb erkennt sie kaum, dass guter Städtebau und bessere Architektur anders gehen und leider einmal mehr eine wenig nachhaltige Variante entstehen soll, und die Aussage, das Bürobauvorhaben führe zu einer „Belebung der Burgstraße“ (Uwe Hilling, CDU) scheint eher wie ein vorgezogener Aprilscherz.

Dabei geht das alles wirklich durchdachter und damit besser, wenn man denn durchdenken will. Doch wahrscheinlich darf der agile Stadtbaurat Schreinemacher nicht wollen, weil der OB anderes will und der hat städtebaulich bekanntlich nichts drauf.

(Planskizzen: Krämer + Susok)

Rückspiel

4. Dezember 2011

Rückspiel, Rücken – mir fällt heute nicht so recht das passende Wortspiel ein. Ich habe jedenfalls schlämmermäßig Rücken, weil ich mit meiner Kanzlei vor WOK-Düften flüchte und an diesem Wochenende umziehe. Meine neue Adresse, für die, die es lesen wollen: Burgstraße 32. Das ist gegenüber von Antiquitäten Schnieders und Porzellan Benner.

Das mit dem Rückspiel fiel mir ein, als ich diese Ratsvorlage heute früh las. Sie können sie und andere übrigens nachlesen, wenn Sie sich aufmachen, in den Tiefen der städtischen Internetseite das öffentlich zugängliche, aber doch reichlich versteckte Ratsinformationssystem zu suchen. Oder Sie speichern einfach dies als Lesezeichen.

Was ist mit dem Rückspiel? Die Samtgemeinde Lengerich antwortet planerisch deftig und ungefiltert auf das Lingener Modell, mit dem neue Massentierställe kommen, obwohl das Boot voll ist.  Lengerich reagiert auf (den Ärger um) 4,4 Hektar Sondergebiet, die unsere Stadt für Massentierhaltung in Wurfweite der Gemeinde Bawinkel ausgewiesen hat, die bekanntlich zur Samtgemeinde Lengerich gehört. Ich will hier nicht über die Qualität des jetzt konzipierten Lengericher Rückspiels streiten, die den Plänen in der städtischen Stellungnahme ebenso wortreich wie besserwisserisch abgesprochen wird.  Bloß dies: Wir erkennen erneut: Was Du nicht willst, was man Dir tu‘, das füg auch keinem andern zu!

Die Frage ist: Warum hat unsere Stadt bei all dem internen Arbeitskreis-Beraten nicht einmal mit ihren Nachbarn gesprochen?