Philosophie in der Kunsthalle
Uli Krug: Krankheit als Kränkung
Kritische Überlegungen zur Negation von Körper und Naturnotwendigkeit
Lingen (Ems) – Kaiserstr. 10a/Kunst-Halle IV
Mittwoch, 18. August 21 – 19.30 Uhr

Materialismus, der die fundamentale Leiblichkeit seiner Impulse kleinredet, ja vergessen macht, ist keiner: Leiblichkeit, sei es in Form der Stillung der Bedürfnisse, der Vermeidung von Unlust, der Linderung von Schmerz, dem Heilen und Vorbeugen von Krankheit oder auch der Kontrolle des Impulses, ist es, die aller Gesellschaftlichkeit prinzipiell zugrunde liegt und die so zur Ausbildung des Geistes erst nötigt:

„Als Instrument der Selbsterhaltung, das der Realitätsprüfung, ist ratio überhaupt entstanden,“ notiert Adorno in „Theorie und Praxis“ prägnant.

Diese ratio ist somit ein Grenzfall der Naturgeschichte, die Ausbildung eines reflexiven Organs, das zwar Körper ist, sich aber ihm auch enthebt; eines, das meint, so souverän zu sein, einen Körper zu haben, ihn dienstbar zu machen zu mittlerweile jedem heteronomen Zweck, ohne mehr zuzulassen, dass es gerade die Schwäche, die Müdigkeit, der Schmerz und die Krankheit sind, die quasi als negative Statthalter der Utopie eines wirklich souverän führbaren Lebens fungieren – in dem Sinne, dass sie an die Einheit des Gattungswesen erinnern, die im wesentlichen durch körperliche Not und Notwendigkeit bedingt ist und gerade dadurch Einsicht gebiert , die diese Imperative abmildert und Freiheiten ermöglicht.

Kapitale Verwertung als Selbstzweck negiert diese Grundlage von Gesellschaft, die zugleich aber die ihre bleibt. Sie setzt den Leib und sein Wohl nicht als Zweck, sondern sich selber als Selbstzweck.

Jedes Hindernis erscheint nur als zu überwindende Schranke, was historisch durchaus ein überaus progressives Moment hatte. Der späte Kapitalismus aber hat dieses Moment längst verloren, die Anverwandlung der Leiber an seinen dynamischen Leerlauf treibt er zur  Konsequenz.

Der Leib erscheint als bloßes Werkzeug hoher Leistung und rascher Lüste, sein Versagen – und sei es nur der Prozess der Alterung und damit Funktionseinschränkung – und die Erinnerung an seine Anfälligkeit widersprechen diesen Bestimmungen: Sie kränken den Geist, der sich seiner körperlichen Genese nicht mehr bewusst wird oder werden will. Er tendiert dazu, das Gebrechen, die Gefahr, die Infektion kleinzureden, ja zu negieren, indem er Angst und Sorge zu bloßen Einbildungen erklärt (was nicht immer falsch sein muss, aber jede gesundheitliche Gefahr zu leugnen, ist umgekehrt nicht weniger verrückt als der Hypochonder, der jede Schwäche als Krankheit deutet).

So ergibt die merkwürdige Einheit, die sich als „Querdenker“-Bewegung zumindest kurzfristig formiert hat, psychoökonomisch da Sinn, wo jede politische Deutung nicht mehr hinreicht, wenn sie grübelt, was Anarchisten und Kaisertreue zum gemeinsamen Aufmarsch bewegt. Deren Rede von der Freiheit gilt nicht wirklicher Freiheit vom Naturzwang, sondern der Freiheit von Verantwortung für sich und andere, dem Primat persönlicher Obsession über die Reste gesellschaftlicher Kooperation. 

Diese wäre vernünftig zu gestalten und nicht schlicht aufzukündigen im Namen dieser Freiheit, die lediglich die Freiheit bedeutet, seinen Müll überall hinzuwerfen, zu rasen oder zu jeder Zeit nach Kräften zu lärmen: schlicht auf nichts und niemand Rücksicht zu nehmen.

Uli Krug, 11.8.1962 München, Studium (M.A.) Soziologie, Neue Geschichte und Philosophie. Essayist und Lektor (u.a. bei „Jungle World“). Regelmäßige VÖ, Buch: Der Wert und das Es. Freiburg 2016.

„Über Gebärfähigkeit“

12. Oktober 2020

Ein Abend in der Reihe Philosophie in der Kunsthalle:
Über Gebärfähigkeit
Zur Naturgeschichte einer Imagination des Weiblichen

Vortrag von Karina Korecky, Freiburg
Lingen (Ems) – Kunst-/Halle IV, Kaiserstraße 10a
Donnerstag, 15. Okt. 20 – 19.30 Uhr
Kosten 6 Euro (Mitglieder des Kunstvereins 4 Euro)

Die Veranstaltung findet nach Maßgabe der jeweils aktuellen Gesundheitsauflagen und unter Einhaltung der Hygieneregeln statt.

Der Begriff der Gebärfähigkeit, so die These, bezeichnet das bevölkerungspolitische Potenzial der Frauen. Wie ist es entstanden? Der philosophische Vortrag skizziert die Bewegung des Verhältnisses von Subjekt und Geburt von der deutschen Aufklärung über das 19. Jahrhundert, den ersten Weltkrieg und den NS bis zur Wiedervereinigung. Verhandelte der frei Geborene seinen ersten Grund als geschlechtslose Antinomie (Immanuel Kant), integrierte die liberale Medizin des 19. Jahrhunderts Weiblichkeit in des „Menschen Sein“ (Rudolf Virchow), wurde die sexuelle Reproduktion im NS zum Gegenstand völkischer Arrangements. Als „Gebürtlichkeit“ führte Hannah Arendt in der Nachkriegszeit das Konzept der Natalität in die politische Theorie ein. Dem biopolitisch zugerichteten weiblichen Subjekt galt schließlich die feministische Dekonstruktion der 1990er Jahre (Judith Butler) – die allerdings die Geschichte dieser weiblichen Natur unterschlug.

Karina Korecky

in Wien geboren studierte Soziologie und Politikwissenschaft an den Universitäten Wien und Hamburg. Sie war Lehrbeauftragte in Hamburg und Bremen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der Medizin in Düsseldorf und arbeitet seit 2017 am Institut für Soziologie der Universität Freiburg im DFG-Forschungsprojekt „Psychiatrie und Subjektivität im Wandel“.

Foto: © Kunstverein Lingen

 

Tammo Jansen – Negative Dialektik 
Philosophie in der Kunsthalle
Lingen (Ems)  – Kunsthalle, Kaiserstr. 10a
Di 31. Mai 16  –  19.30
Karten: 8 Euro, Mitglieder 6 Euro

Tammo_Jansen„Anknüpfend an den letztjährigen Vortrag  über Kant und Hegel, soll dieses Mal in der Reihe Philosophie in der Kunsthalle die Idee von der Dialektik in den Mittelpunkt gerückt werden.
Meint Dialektik noch bei Kant die Selbstwidersprüche der menschlichen Vernunft, geht ihr Begriff bei Hegel über die Sache, ins Integral der Totalität selber.
Vor der Geschichte blamierte sich solcherlei Philosophie. Sie blamierte sich genau in dem Maße wie sie die einzige Grundlage ihrer Erklärung und zugleich Rettung bleibt.
Dialektik – die Darstellung des antithetisch Entfalteten – als philosophische Methode ist nur mehr möglich als negative, als kritische Darstellung der antagonistischen Gesellschaft, somit als kategorisches Existentialurteil.
Der Vortrag wird einen Überblick zur Dialektik bieten und den Versuch unternehmen, den auf Theodor W. Adorno zurückgehenden Terminus einer negativen Dialektik zu explizieren.“

Tammo Jansen ist Philosoph. Er lebt und arbeitet in Osnabrück.

„Was ist Glück?“

22. September 2014

Dr. Alexander Neupert 
Was ist Glück?
Philosophie in der Kunsthalle 
Lingen (Ems)  –  Kaiserstraße 10a, Kunsthalle
Dienstag, 23. September 2014, 19.30 Uhr 

Stellt man die Frage „Was ist Glück?“ im alltäglichen Gespräch, bekommt man zumeist Antworten wie „Lottogewinn“, „Reisen“ oder „Elternschaft“ – benannt werden Mittel und Wege, nicht das Ziel. Oder aber die Antworten lauten etwa „Gesundheit“, „Freiheit“ oder „Liebe“ – statt Arbeit am Begriff wird dieser durch andere Begriffe ersetzt. Vor solchen Abkürzungen und Umwegen muss sich eine Philosophie des Glücks hüten. Ihr kann es nicht darum gehen ihren Gegenstand auf eine bestimmte Formel einzuengen, sondern den Begriff des Glücks in seinen Dimensionen zu entfalten.Obwohl kaum jemand das Streben nach Glück von sich weisen würde, bleibt dessen Ziel unklar. Zur Aufklärung trägt philosophisches Denken bei, indem es seinen Gegenstand fragend umkreist: Ist Glück ein kurzfristiges Erlebnis oder eine auf Dauer ausgerichtete Haltung? Ist Glück ein körperliches Erleben oder ein geistiges Streben? Ist Glück subjektiv und individuell oder objektiv und sozial? Die Geschichte der Philosophie ist auch eine andauernde Debatte der Glücks-Frage. Inwiefern Fragen nach Glück zu diesem beitragen, ist Gegenstand unser abendlichen Beratung.
Es spricht Dr. phil. Alexander Neupert. Aufgewachsen in Lingen (Ems), Studium der Philosophie, Politik und Geschichte in Osnabrück, seit 2014 Bildungsreferent des Jugendverbandes ‚Die Falken‘ in Trier.