#MehrAlsEinBeruf

19. Dezember 2018

Unter dem Satz „Pflege ist mehr als ein Beruf“ will das Bundesministerium für Gesundheit mit einer Kampagne dafür sorgen, dass junge Leute auch die schönen Seiten am Job einer Pflegekraft erkennen. Den Anfang macht ein zweieinhalbminütige Kurzfilm, der -ganz weihnachtlich- die emotionalen Momente des Berufs in den Mittelunkt stellt. Der Film ist von der Agentur Scholz % Friends entwickelt worden. Deren Geschäftsführer sagt: „Im Austausch mit Pflegekräften kam immer wieder heraus, dass gerade die kleinen Momente mit den Pflegebedürftigen sinnstiftend und motivierend sind; das wird mit dem Film der Kern der Kommunikation.“

 

ganzen Satz

19. August 2018

„‚Oma Olga‘, wie sie kurz genannt wird, ist Witwe. Sie lebte immer schon in unserer Stadt und ist inzwischen hochbetagt. Als vor einigen Jahren ihr Mann Gottlieb starb, wurde es zu schwierig mit der Versorgung allein zuhause. Deshalb zog sie in das neue, glänzende Lingener Alloheim. Dort erlebte sie den Niedergang dieser Anfang 2016 mit großen Vorschusslorbeeren gestarteten „privaten“ Einrichtung. Zunehmend wurde es schlechter. Es gab kaum Pflegefachkräfte, viele Leiharbeitnehmer und unter den wenigen war niemand, der sich wirklich um sie und die alten Herrschaften kümmerte. Sie blieben zu oft sich selbst überlassen.

Oma Olga, müssen Sie wissen, war stets eine sehr zurückhaltende, alte Dame. Mit ihren 88 Jahren war ihr nicht nach Widerstand und Beschweren. Klaglos ertrug sie die schreienden, kranken Mitbewohner mit ihren psychischen Macken. Wenn es zu heftig wurde, so dass selbst die wenigen Fachkräfte es sahen, wurde Oma Olga zum Essen an einen anderen Tisch gesetzt. Unterhaltung und Programm gab es kaum, die Angestellten verwechselten sie auch schon mal mit einer nahen Verwandten und sagten dann, sie sei „so aggressiv“. Dann wurde sie, die ruhige Olga, wieder umgesetzt und en weiteres Mal, bis sie schließlich fast alleine an diesem einzelnen Tisch saß. Von dort konnte sie nicht mehr direkt durchs Fenster sehen; sie blickte auf die Wand.

Oma Olga ging bald auch nicht mehr mit ihrem Rollator, mit dem sie sich sogar in den Emsauenpark getraut hatte. Man setzte sie in einen Rollstuhl, schob sie so an den Tisch, von dem sie gegen die Wand schaute, und ließ sie dort sitzen. Dann hörte Oma Olga auf zu sprechen. Niemand wusste, warum. Sie schwieg einfach und zog sich zurück. Es sei die Demenz, hieß es. Oma Olga lachte auch nicht mehr – anders als früher, wenn sie Besuch vom kleinen, quirligen Carlo bekam, mit dem eine Freundin wöchentlich vorbeikam. Oma Olga war still. Demenzkrank sei sie, erklärten überlastet wirkende Hilfskräfte den Angehörigen.

Eines Tages sagten Pflegekräfte im Alloheim plötzlich, Oma Olga sei so aggressiv, man müsse sie auf eine andere Station legen, sie womöglich fixieren. Dochr Oma Ola war nie aggressiv. Heraus kam: Man hatte sie verwechselt.

Längst waren alle ihre schönen Seidenblusen verschwunden, mit denen die 88-jährige so elegant ausgesehen und die sie so gerne getragen hatte; es waren viele Seidenblusen. Ihre  Pullover aus Schurwolle waren achtlos in die Kochwäsche des Heimes gewandert und deshalb eingelaufen und verfilzt. Oma Olga sah so schrecklich aus, als die Pflegekräfte sie ihr trotzdem anzogen.

Es kam der Sommer ’18 mit all seiner Hitze. Im Alloheim -ohne Sonnenschutz außen vor den Fenstern und Klimaanlage- war es heiß und stickig. Die zu wenigen Pflegekräfte konnten kaum darauf achten, ob die alten Männer und Frauen auch genug tranken. Viele Bewohner dösten nur noch vor sich hin. Auch Oma Olga, schweigend

ihre Schwiegertochter sah, dass es so nicht weitergehen könne. Sie suchte und fand durch ganz viel Glück einen anderen Heimplatz in Lingen. Oma Olga verließ das Alloheims. Ein alter  Mann von ihrer „Station“ sah es, freute sich für Oma Olga und setzte traurig hinzu: „Und ich muss hier bleiben!“

An ihre neue Lingener Pflegeeinrichtung gewöhnte sich die Oma Olga schnell. Ihr Zimmer dort war größer, helle, luftiger und hatte eine Kochnische. Die Enkel und ihr Sohn besuchten sie, ihre Schwiegertochter und der kleine Carlo auch. Oma Olga freute sich über den Besuch, lachte sogar. Schon nach ein paar Tagen nutzte ie nicht mehr denn Rollstuhl. Sie ging wieder mit dem Rollator.

Vor dem Umzug hatte bei Besuchen allein die Schwiegertochter gesprochen und von ihrem „Leben draußen“ erzählt. Oma Olga hatte geschwiegen. Als die Schwiegertochter jetzt erzählte, sprach Oma Olga plötzlich mittendrin. Ihre Besucherin stutzte: „Oma Olga, Du hast ja gesprochen! Du hast einen ganzen Satz gesagt!“

Und Oma Olga begann zu weinen.“


Diese Geschichte ist wahr. Gerichtsfest wahr. Nur die Namen habe ich geändert. Die Entwicklung freut mich so unendlich für „Oma Olga“, die zwei Jahre in dem Alloheim war, das längst schrecklich genannt werden muss. 10 Tage nach ihrem Auszug dort spricht die alte Dame wieder, und sie ist wieder auf den Beinen. Mit dem Rollator (und der Hilfe des Aufzugs) bringt sie ihre Enkel von ihrem Zimmer weit oben bis hinunter zur Tür des Seniorenhauses in Lingen, in dem sie jetzt lebt.  

Als ich gestern diese mich sehr berührende Geschichte von Oma Olga erzählte, sprach meine Gesprächspartnerin sofort über schlechte Zustände „auch in anderen Lingener Seniorenheimen“. Tatsächlich mag es sein, dass es auch dort und selbst in Häusern caritativer, sozialer, gemeinnütziger Träger nicht immer gut läuft. Das aber rechtfertigt nichts. Auch wenn einzelne Verantwortliche dies anders sehen.

Wirkliche, ernste Probleme machen die Betreiber, die die Würde unserer Alten nicht achten, weil sie primär Rendite für ihre Aktionäre oder Gesellschafter erzielen wollen. 

Die Geschichte über Oma Olga zeigt mir, dass wir den Betrieb unserer Seniorenheime und -einrichtungen nicht derartigen Firmen überlassen dürfen. Sie gehören ausnahmslos in gemeinnützige Hand. 

alleine gelassen

12. April 2018

Selten habe ich so viele unterschiedliche Gespräche geführt wie in den Wochen dieses kurzen Wahlkampfs.

Zum Beispiel hat mich eine Zuschrift zu einem Problem sehr berührt, das meine Frau und ich auch genauso erlebt haben. Das gute: Sie zeigt eine Lösung auf, bei der man sich fragt, warum diese nicht schon längst umgesetzt worden ist. Lesen Sie selbst:

„Mein Großvater erkrankte im November letzten Jahres ,und ich wollte ihn zuhause pflegen. Dies war im Grunde auch möglich, dennoch wurde ich mit der gesamten Organisation ziemlich alleine gelassen. Die Zuständigkeit des sozialen Dienstes des Krankenhauses endete mit Ende des Aufenthalts dort. Der MDK war nach sechs Wochen endlich zur Begutachtung bei meinen Großeltern zuhause. Bis dahin haben wir uns mehr schlecht als recht „beholfen“.

Die Begutachtung, in die wir viel Hoffnung gelegt hatten, fiel leider nicht zu unseren Gunsten aus. Was aber mein Problem an der ganzen Sache war: Ich habe mich bei den unzähligen Telefonaten mit Landkreis, sozialen Diensten, MDK und Krankenkassen wirklich allein gelassen gefühlt und wusste irgendwann gar nicht mehr, an wen ich mich denn nun wenden sollte. Zum Glück hatte ich eine liebe Freundin an der Seite, die Altenpflegerin ist. Sie hat mich in den pflegerischen Tätigkeiten und bei den diversen Transporten zu den Fachärzten unterstützt. Des Weiteren ist mein Großvater aufgrund des großartigen Einsatzes des Prof. Peter Douglas Klassen aus dem Bonifatius-Krankenhaus doch viel schneller genesen und Prof. Klassen hat uns immer wieder Tipps gegeben, was wir tun sollten.

Ich denke, diese Aufgaben fallen eigentlich zum Teil in den Bereich des Hausarztes, der aber wenig bis keine Zeit für uns hatte.

Ich hätte mir eine unabhängige Stelle gewünscht, an die man sich zur Vorgehensweise in einem Pflege-/Krankheitsfall hätte wenden können. Die mir besser erklärt hätte, wo welcher Antrag hin muss und was man überhaupt beantragen sollte. Ich glaube, ich habe in dem mir zur Verfügung stehenden Rahmen alles ausgeschöpft, was mir als Laie mit Hilfsmitteln wie Google/Erfahrung anderer Menschen möglich war.
Dennoch war mein Eindruck, dass man gerade am Anfang einer solchen Situation sehr alleine gelassen wird. Und ich würde mir eine unabhängige Stelle zumindest für eine Erstberatung wünschen.“

Alleine gelassen ist das Stichwort. Hier ist elementarer Bedarf. Es muss geholfen werden. Das will ich als Oberbürgermeister in die Hand nehmen. Diese Stelle ortsnah im Lingener Bonifatius-Hospital zu schaffen, scheint mir eine mögliche Weg zu sein. Ich denke, ich werde mit Geschäftsführer Ansgar Veer darüber sprechen, möglicherweise schon am Samstag.

 

(Foto: pixabay)

 

In Lingen gibt es gerade eine Diskussion um die Pflege in dem vor knapp zwei Jahren neu eröffneten „Alloheim.
Dies gibt es auch andernorts, hier, hier und hier. es scheint ein Konzern zu sein, der nicht den Respekt für die zu pflegenden aufbringt, der aufgebracht werden muss. Von der Leistung ganz zu schweigen.

“Zu wenig Personal, Zeitdruck und dazu immer die Angst, wegen dieser Arbeitsbedingungen lebensgefährliche Fehler zu machen: ZEIT ONLINE hat Krankenschwestern und Krankenpfleger in deutschen Kliniken gefragt, was sie in ihrem Beruf am stärksten belastet. Fast 3.000 Pflegende haben geantwortet und ihre Situation geschildert. Der Personalmangel führe dazu, dass selbst der minimale Grundsatz “satt, sauber, schmerzfrei” oft nicht mehr zu gewährleisten sei. Davon, Kranken und ihren Angehörigen in der belastenden Situation beizustehen, sie zu beraten und ihnen zuzuhören, könne längst keine Rede mehr sein. Viele sind zudem der Meinung, dass das Gesundheitssystem die falschen Anreize setzt. Sie fühlen sich ausgenutzt und dazu gezwungen, ihre Ideale zu verraten.
Sie fürchten, dass die Patienten mehr Leid als Hilfe erfahren. Im Folgenden dokumentieren wir ausgewählte Antworten unserer Leserinnen und Leser…” Es gibt keine Zeit für Menschlichkeit! Artikel von Kai Biermann vom 27. Februar 2018 bei der Zeit onlineexterner Link mit einer Auswahl der Antworten. Siehe auch die Auswertung und nun einen wichtigen Kommentar:

  • Krankenpflege: Dann streikt doch endlich
    “Warum sind viele Krankenschwestern und Pfleger so frustriert? Es liegt am Geld, am Personal selbst – und daran, dass niemand festlegt, wie gute Pflege aussehen soll. Wenn ein Krankenhaus eine Autofabrik wäre, dann wäre vieles einfacher. Dann könnten Krankenschwestern und Pfleger einfach streiken. Wenn nötig wochenlang. Beispielsweise dafür, dass alle Stationen angemessen besetzt werden, auch abends und nachts. Oder dafür, dass Kliniken so viel Personal einstellen müssen, bis niemand mehr an seinem freien Tag einspringen muss, weil wieder eine Schicht ausgefallen ist. Wenn Kliniken Autofabriken wären, dann könnten Pflegekräfte wie Metaller auftreten. Doch Patienten sind Menschen, Krankenschwestern und Pfleger sind es auch. Von letzteren möchte niemand im Angesicht von Kranken und Leidenden streiken. Jedenfalls nicht mit der Konsequenz, die nötig wäre, um angemessene Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Stattdessen herrscht permanent Notstand. (…) Mindestbesetzungen für unterschiedliche Stationen zu definieren, ist da ein Anfang. An ständig zunehmender Arbeitsverdichtung und überbordender Bürokratie ändert das aber noch nichts.
    Deshalb müssen sich Krankenschwestern und Pfleger auch selbst eine größere Autorität erkämpfen. Es hilft nichts, auf den guten Willen der Sozialpartner zu hoffen. Wenn heute darüber verhandelt wird, wo in Kliniken künftig Geld ausgegeben werden soll, sitzen Krankenhausdirektoren und Krankenkassen an einem Tisch. Pflegende sind da höchstens indirekt vertreten. Und so werden sie behandelt. Also müssen sie selbst laut werden und für ihre Rechte und Wünsche eintreten. Das heißt auch: Streiken…”
    Kommentar von Karsten Polke-Majewski vom 28. Februar 2018 bei der Zeit online externer Link
  • Krankenhauspflege: Wo bleibt der Aufstand?
    “Frustration und Verzweiflung prägen den Alltag vieler Pflegender. Aus Überlastung tun sie nur noch das Nötigste für die Kranken. Doch einige finden unerwartet Verbündete. (…) Neben diesen strukturellen Fragen gibt es da aber noch ein anderes Problem, das die Lage der Krankenhauspflege so prekär macht. Es sind die Krankenschwestern und Krankenpfleger selbst. “Wir sind alle noch viel zu leidensfähig”, schreibt Katja M., Krankenschwester auf einer Station für Tumorchirurgie im Großraum Stuttgart. “Wir stellen uns nicht hin und streiken, das ist das Problem.” Es beginne schon damit, dass viel zu wenige in der Gewerkschaft seien. “Die Metaller haben auch nicht mehr Geld bekommen, weil die Gesellschaft gesagt hat, die sollten mehr verdienen.” Tatsächlich tragen Schwestern und Pfleger ungewollt zu ihrer belastenden Lage bei (…) Einige Krankenpfleger und Krankenschwestern haben bei dem Kampf gegen Überlastung unerwartete Verbündete gefunden. Weil die Arbeitsbedingungen in den Kliniken schlecht sind, lassen sich manche Pflegende lieber von Zeitarbeitsfirmen anstellen und von diesen an Krankenhäuser vermitteln…” Artikel von Kai Biermann, Manuela Dursun und Karsten Polke-Majewski vom 27. Februar 2018 bei der Zeit online externer Link