Jungbüffel

18. Januar 2015

Bildschirmfoto 2015-01-18 um 22.31.50

Sonntäglicher E-Mail-Eingänge für ganz persönliche Gedanken:

Günter schreibt: „Ich fordere weitere 26 Castoren für Lingen…stört doch in Lingen und Umkreis eh niemanden…
Wichtiger ist dort, ob Peter Maffay ein Kinderfahrrad in Lingen kauft, der LILI Bus seine Runden dreht und ob ehemalige, zum Teil etwas beleibte Fussballer in einer Halle in Sichtweite der Atomanlagen versuchen, den Ball zu treffen…

Werner antwortet: „Filmreif die gemalten Szenen! Vielleicht könnten Robert Koop u.a. mal so einen Film produzieren, der hat bestimmt noch viel satirische Munition, will heißen alltägliche Geschichten aus einer emsländischen Metropole. Ich könnte auch noch so manche Sequenz aus dem Umfeld dazu beitragen ;-)). Ungefährlich ist das wahrscheinlich nicht. Emsländische Fundamentalisten sind in ihrem Spaßverständnis bei Willi Millowitsch stehengeblieben. Gibts eigentlich schon Ligida?

Gestern war ich übrigens in Berlin. Es hat richtig gut getan, einmal in einer Woge von bunt-engagiert-fröhlichen Menschen, die in einer verlorenen Welt optimistisch bleiben wollen, bis zum Kanzleramt zu schwimmen. Gegen den Strom in der Emslandbrühe zu schwimmen ist oft sehr anstrengend. Besonders erfreulich der große Anteil an jungen Menschen. Emsländische Jungbüffel fielen nur durch die Teilnahme an einer gescheiterten Gegendemo auf.

Weiter so, Günter. Für deine intensive Recherchearbeit und die klare Ansage kann man dir gar nicht genug danken. Allen viel Kraft und weiterhin langen Atem für 2015!“

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14. Januar 2015

Bildschirmfoto 2015-01-13 um 21.37.05Die Nachbereitung der eindrucksvollen Lingener Montagsdemonstration beschäftigt mich weiterhin. Zahlenspiele, meinte gestern LT-Chef Thomas Pertz, seien nicht wichtig. Entscheidend sei bei der Lingener #NoPegida-Demonstration am Montag Abend doch ‚das unübersehbare Signal‘ (Pertz). Das aber ist jenseits des Emslandes grandios übersehen worden. Deshalb sehe ich es genau anders als der LT-Mann, ging und geht es doch gerade auch um die Außenwirkung einer solchen Demonstration und dabei auch um ihre Wahrnehmung in den (überregionalen) Medien. Und die ist leider völlig ausgeblieben.

Bildschirmfoto 2015-01-13 um 21.40.13Diese Medien haben die Demonstration des Forums Juden-Christen wegen unfähiger Polizeibeamter und den noch unfähigeren NDR nämlich nicht beachtet (google.news-Screenshot von gestern Abend, lks); denn zunächst meldeten die Polizeiverantwortlichen unverfroren, 1600 hätten an der Demonstration  teilgenommen und dann rundete der emslandignorante NDR auch noch nach unten ab: 1500. Auch die NOZ lag mit „rund 2000“ klar daneben.

Tatsächlich nahmen allein am Demonstrationszug vom Bahnhof zum Rathaus mehr als 3000 Menschen teil. Viele weitere warteten auf dem Marktplatz auf die Demonstranten. Woher ich das weiß? Robert Koop hat nachgezählt – Demoreihe für Demoreihe mit einem mechanischen Handzähler. Ich  kann das Ergebnis nicht auf 10 oder 20 genau angeben; Kinder waren schwierig zu zählen und die, die am Marktplatz warteten, wurden so gar nicht erfasst. Aber es sind viel mehr als 3000 bei der Demonstration gewesen, die in Lingen gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz sowie für Solidarität mit Flüchtlingen und für Mitmenschlichkeit auf der Straße waren. Hinzu kamen Hunderte die am Straßen- und Marktplatzrand standen. Es waren jedenfalls viel (!) mehr (!) als 3000 (!).  Wir Lingener wissen übrigens, wie viele Menschen unsere ‚gute Stube‘ fasst. Und der Marktplatz war ordentlich und gut besetzt bei unserer Kundgebung.

Die für eine Stadt von 50.000 übergroße Teilnehmerzahl von mehr als 6 % der Bürgerinnen und Bürger war eine wichtige Botschaft aus unserer ländlichen Region nach außen. Leider blieb sie im Unfähigkeitsgestrüpp von NDR und lokaler Polizei hängen. Schade – und danke an die Ems-Vechte-Welle, die jedenfalls ziemlich richtig lag und ein beeindruckendes Podcast produziert hat. Hätten übrigens in Hannover oder gar dem NDR-Weltnabel Hamburg 6 % der Bevölkerung demonstriert, wären die Redakteure des NDR tagelang ausgeflippt.

Wer übrigens die 3000 bezweifelt, darf hier gern überprüfen:

Noch dies in der Rückschau:
Schade auch, dass die Initiative der BürgerNahen nicht geklappt hat, Peter Maffay reden und singen zu lassen. Das sagte das Management des mit 14 aus aus dem rumänischen Brașov umgesiedelten Künstlers leider ab. Aber bei der öffentlichen Generalprobe für seine neue Tournee am Dienstag in der Emslandarena bezog der Rock- und Popmusiker eindeutig Stellung gegen Pegida & Co.

Mir fehlten vorgestern auch die 2.300 Hochschul-Studenten. Von ihnen und ihrer #NoPegida-Unterstützung habe ich nichts gehört oder wahrgenommen. Aber u.a. das Abifestival und das Kinder- und Jugendparlament waren dabei, und darüber habe ich mich sehr gefreut.

Und dann gab es noch den nächtlichen Tiefpunkt:
In einer Lingener Facebookgruppe wurde die großartige Demonstration nicht nur diffamiert (Bianka Wegner: „kack Demo“) sondern mehrfach wurden Berichte von dieser Facebook-Seite gelöscht. Anschließend rätselten ‚die Admins‘ – die meisten sehr respektable Lingener – wer denn dafür verantwortlich sein könnte. Gehackt worden sei der Account, spekulierte man schnell, ohne die Frage nach dem Warum zu stellen. Verdächtig flott kam dann die Aussage, „der Drops sollte gelutscht sein und wir werden weiter ein Auge offenhalten“ (Peter Koch). [Das rechte Auge dürfte es nach dem gestrigen Abend kaum sein, Herr Koch.]

Die Gruppe mit dem Namen „Du weißt du kommst aus LINGEN/EMS wenn,“  hat jedenfalls am Montagabend der demonstrierten Toleranz, Solidarität und Mitmenschlichkeit unserer Stadt einen Bärendienst erwiesen und -vor allem- sie hat sich selbst beschämt und beschädigt.

Nachtrag:
Gerade lese ich, dass auch „Antenne Niedersachsen“ die Falschmeldung „1500 Teilnehmer“ verbreitet (hat). Antenne, das sind die, die mal ein Studio in Lingen vorhielten, was dann eines Tages verschwand. Tja, wenn man nicht vor Ort ist und vor Medienanalysen mit allerlei   Radiogewinnspielen versucht, fehlende Inhalte zu kompensieren, bleibt so etwas nicht aus…

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12. November 2011

Schon heute in der BLÖD-Zeitung gelesen? Nein, nicht kaufen. Nur den Aufmacher lesen: Heino, der Heino gibt den ihm 1990 verliehenen Bambi zurück. Oder Bämbi, wie die anglophilen Preisträger den Äwoohrd rufen.  Seine Burda-Auszeichnung gibt Heino aus Bad Münstereifel zurück – wegen Bushido. Der Rapper hat nämlich im Smoking jetzt gerade auch einen Bambi bekommen in der Kategorie Integration. Leute, bitte! Heino gibt seinen Bämbi ab. Himmel! Was machen wir bloß  jetzt?

Nun, jetzt lesen wir im Original die Dankesrede nach, die Bushido da, eh, da hier, auf dieser Gala, eh gehalten hat „mit diesem ganz großen Rattenschwanz.“ Wir fragen uns wie bei moderner Kunst, was uns der Künstler sagen will und gehen dann in uns oder zu unserer Heidi ins Litfaß und denken an Eddi Stoibers Wortwahl dabei. Lesen wir also hier oder gucken ganz unten:

Bushidos Dankesrede für den Bambi 2011 im Wortlaut:

„Einen wunderschönen Abend, meine Damen und meine Herren. Bevor ich jetzt irgendwelche Leute erwähne, denen ich danke, außer die, die mir jetzt gerade winken.

Ich möchte eigentlich gerne ganz, ganz schnell auf den Punkt kommen. Ich hab gehört, ich hab nur 90 Sekunden Zeit, und ich hoffe, dass ich irgendwann mal wirklich jetzt auf die Minute landen kann. Oder auf die Sekunde.

Danke, Peter [Maffay], für die netten Worte, für das Verständnis, was du mir entgegen gebracht hast, und, ähm, ja.

Folgendes.

Es hat mich schon ein wenig erstaunt, 2011, zu erfahren, als ich sozusagen mit dem Bambi, äh, belohnt werden sollte, dass es immer noch so viele Menschen gibt, die anscheinend so viel bessere Sachen hätten machen können, außer sich jetzt darüber aufzuregen oder darüber zu diskutieren, ob ich ihn verdient habe oder nicht.

Ob ich ihn verdient habe — man weiß es nicht genau. Die Jury hat gesagt: Ja, es gibt anscheinend oder wahrscheinlich viele Punkte, die dagegen sprechen, es gibt aber wahrscheinlich ebenso viele Punkte, die dafür sprechen.

Ich möchte darüber gar nicht diskutieren, und ich möchte mich auf gar keinen Fall rechtfertigen. Ich möchte mich nicht schönreden. Ich möchte das, was ich getan habe und wofür ich einstehe, auch überhaupt gar nicht jetzt mit Ihnen diskutieren.

Mir geht es eigentlich um was anderes. Um mich brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Wenn hier jemand sagt, dass ich keine zweite Chance verdient habe, dann ist das sein gutes Recht. Im Endeffekt, so, mich berührt das persönlich nicht, weil meine Mutter jetzt am Fernseher sitzt, und sie weiß, dass alles okay ist.

Dieser Integrations-Bambi steht aber nicht nur für mich persönlich. Okay, ich werd ihn mir auf jeden Fall auf den Kamin stellen, aber: Man sollte bei all diesen schlimmen Worte, die 2011… das Mikrofon wird kleiner, ich hab schon‘n bisschen Paranoia, egal.

Und diese Menschen, die aufschreien und mir vorwerfen, oder mir das vorwerfen, vielleicht, wofür ich eine Zeitlang auch eingestanden bin, ja? Vergessen diesen ganz großen Rattenschwanz, der doch eigentlich viel, viel größer ist als Bushido selber. Ich meine, was sollen sie mir tun? Sie können sagen, dass sie mich nicht mögen, und dass ich es nicht verdient habe, aber im Endeffekt wird nix passieren. Wenn sie nicht dafür bereit sind, Leute zu akzeptieren, zu respektieren und vor allem zu tolerieren, die eventuell in einigen Dingen vielleicht ihre eigene Meinung nicht besonders übereinstimmt. So. Und deswegen sage ich noch einmal: Nutzen Sie die Möglichkeit. Denn ich bin bereit, ich bin 33 Jahre, und ich werde heute ganz bestimmt nicht mehr das sagen, was ich vielleicht vor 10 Jahren gesagt habe, warum? Nicht, weil ich Angst habe.

(Beifall)

Und nicht, weil ich denke, dass mir hier irgendjemand was anhaben, außer die bösen Blicke und die schlimmen Wörter, die fallen. Es geht eher darum, dass ich gelernt habe, dass das, was ich gemacht habe, falsch war.

(Beifall)

Und es ist mir auch vollkommen egal, wer hier in diesem Raum sagt, ich hab keine zweite Chance verdient. Es interessiert mich nicht.

Lassen Sie uns lieber an die Menschen denken, die eventuell davon profitieren könnten, wenn Sie mich vielleicht akzeptieren und vielleicht in Ihre Bemühungen einschließen, ein bisschen mehr Toleranz oder vielleicht ein bisschen mehr Verständnis zu schaffen, denn: Integration fängt nicht nur bei der Sprache an.

Alle reden darüber, man muss deutsch lernen, dann ist man sofort integriert, das ist Schwachsinn. Ich kann deutsch, eigentlich, kurz nach meiner Geburt hab ich damit angefangen. Und ich glaub, ich kann es heute ganz gut. Trotzdem denken immer noch manche Leute, ich bin nicht integriert. Warum? Weil immer noch nach ihren Taten gewertet wird und.

Ich kann hier nur ans Herz legen, ne? Zum Beispiel „Schau nicht weg“war eine Aktion, bei der ich teilgenommen habe, warum? Ja, weil man mich gefragt hat. Und warum hab ich nicht Nein gesagt? Weil ich es für richtig und wichtig empfunden habe. Warum hab ich nicht mehr getan, in der Öffentlichkeit? Weil ich nicht gefragt wurde. Ist das Toleranz, ist das Integration, wenn man mich nicht, als vielleicht jemand, der Kontakt zu Menschen hat, die Sie vielleicht in Ihrem Leben noch nie gesehen haben, einfach nicht benutzt wird, beziehungsweise nicht eingebunden wird in die Bemühungen, einfach ein besseres Deutschland zu schaffen?

Ich bin Deutscher. Ich hab mich nie fremd gefühlt in diesem Land. Ich liebe dieses Land. Wir leben in einem wunderschönen Land. Wir haben sehr viel Perspektive in diesem Land.

Und ich glaube, wir Deutsche, die die Möglichkeit haben, sollten eine Menge von unseren Reserven und unserer Energie an die Leute weiterleiten, die es vielleicht noch nicht so sehen wie ich. Und das haben Sie vielleicht bis jetzt versäumt. Ich bin vielleicht auch selber ein bisschen dran schuld, aber ich sag Ihnen jetzt hier wie ich stehe: Es ist nicht aller Tage Abend. Und Sie können‘s immer noch gerne versuchen. Und wenn Sie an meiner Tür klopfen, dann werd ich Ihnen die Tür aufmachen. Ich werde Ihnen die Tür nicht vor der Nase zumachen. Egal, ob sie von der Band Rosenstolz kommen, egal, ob sie vom Burda-Verlag kommen. Oder egal, wo auch immer.

Peter Maffay, danke Dir… Darf ich Du sagen? Sind wir auf Du? Ja? Darf ich‘s öffentlich sagen, dass wir auf Du sind? Ja? Ich danke Peter Maffay dafür, denn er ist auch jemand, der wahrscheinlich als Paradekünstler in Deutschland gilt. Und ich danke, dass er soviel riskiert hat, und dass er mir den Respekt gegeben hat und mit mir zusammen auf dieser Bühne steht und sagt: Bushido ist okay.

Wie gesagt: Denken Sie an die Menschen, die unsere Hilfe brauchen, mehr brauch ich nicht zu sagen, denken Sie an die stillen Helden, auf Wiedersehen, danke schön.“

(Beifall)

Ja, sind wir auf Du, Freunde? Rudert bitte als stille Helden maffaymäßig raus ohne das gegenüberliegende Ufer zu kennen. Das mit der nicht mehr zeitadäquaten Integration und die Türen von Rosenstolz vor der Nase  und in Deutschlandliebe. Ist okay. Und schönen Restsamstag.

ps Danke an Stefan Niggemeier für die textliche Übertragung. Und für das Photo © SpreePiX – Berlin  bei flickr CC