Nanu

28. Februar 2020

Anfang der 1970er Jahre war die „Lingener Tagespost“ aus dem hinteren Büro im Schreibwaren-Geschäft Nottbeck in die Große Straße 9 umgezogen. Das vermutlich im 18. Jahrhundert entstandene Haus war vorher modernisiert worden. Dabei wurde es durch eine Fenstervergrößerung regelrecht entstellt. In Wahrheit handelt es sich um ein giebelständiges Fachwerkhaus. Vielleicht bestand im hinteren Teil auch einmal eine breite Diele wie im „Feiling“-Haus Große Straße 22. Als eines der wenigen Häuser in der Großen Straße wurde es aber nie aufgestockt. Hinter den entstellenden Schaufenstern konnte man dann bis in die 1980er Jahre die dort ausgehängte tägliche Ausgabe der Lingener Tagespost lesen.

Damals hatte sich in unserer Stadt die sog. „Jugendinitiative“ gebildet. 30-40 junge Leute, die kreativ für ein unabhängiges Jugendzentrum kämpften. Nach drei, vier Jahren war ihr Einsatz erfolgreich und der Alte Schlachthof entstand, wenn auch die Protagonisten der Jugendinitiative durch einen formalen Hausordnungstrick ausgeschlossen wurden, den CDU und Stadtverwaltung ersonnen hatten. Die allermeisten von ihnen wurden per Hausordnung für „zu alt“ erklärt, um im JZ mitzumachen. An diese Lingener Geschichte musste ich heute denken und an Alois Dickopp, den damaligen „Chefredakteur“ der Lingener Tagespost. Dickopp saß im Hinterzimmer des Hauses Große Straße 9 und setzte von dort alles daran, die aktiven Jugendlichen zu diskreditieren, indem er sie in die kommunistische Ecke drückte, wo sie allerdings -man ahnt es- nicht hingehörten.

Nach einer neuerlichen, besonders üblen Verleumdung durch Dickopps LT klebten 1973/74 nächtens die Initiativler mit (wasserlöslichem) Kleister die beiden großen, „entstellenden Fenster“ fein säuberlich von oben bis unten mit Flugblättern voll, die eine Gegendarstellung enthielten. Dickopp kam aus seinem Büro, wo er noch werkelte, gelaufen und entfernte die Anschläge. Keine Stunde später wurden sie dann wieder neu geklebt, dann kam die Polizei, jagte und stoppte nur einen von drei Plakattrupps, die sich besser als die Polizei in Lingens Stadtzentrum auskannten, und stellte deren Kleister und Flugblätter sicher, die dann im Schrank des Ordnungsamtsleiters des Lingener Rathauses landeten. Es war eine wirklich muntere Schnitzeljagd in dieser Nacht bis in den ganz frühen Morgen hinein. Die Fenster waren jedenfalls beklebt…

In den 1980er Jahren zog dann die Lokalzeitung in die Schlachterstraße 6-8 um und das Textilgeschäft „Nanu“ übernahm die Räume im Haus Große Straße 9. Zuletzt war dort ein Internetshop.

Und jetzt will der neue Eigentümer aus dem Osten der Stadt dort, wie ich höre, anders bauen als er darf. Da hat er wohl gemeint, er müsse am besten mit der NoAfD „auf die Kacke hauen„. Ich übernehme hier meine entsprechende (wenn auch nicht wirklich gesicherte) Information.

Der Eigentümer hängte jedenfalls gestern dümmliche AfD-Plakate in die beiden Schaufenster. Keine Frage: Durch die modernisierte. Fenster und die braunen Plakate in blau war jetzt das Gebäude gleich doppelt entstellt. Doch auch dieses Mal reagierten die „Wir-haben-das-mal-vorerst-geregelt-Aufmüpfigen“ in unserer Stadt sofort und überklebten kurzerhand die plakatierte braune Gesinnung. Freuen wir uns also gemeinsam über eine schöne nachhaltige Tradition der entstellenden Fenster im Hause Große Straße 9. Sie werden einfach von außen beklebt, wenn auf der Innenseite mit Druckwerk verleumdet und gehetzt wird.

Kumpanei

27. Juli 2013

Da stellt sich die Frage: „Wie weit ging die Kumpanei von Ordnungsamt und Polizei mit den ausbeuterischen Lebensbedingungen?“ Offenbar sehr weit. Der NDR zeigt heute ein Interview mit der Nachbarin des Leiharbeiter-Hauses in Papenburg, die nach eigenen Worten „seit zehn Jahren“ die Zustände und die Überbelegung immer wieder angeprangert hat. „Es war unheimlich eng!“ 58 Betten auf 200 qm…

Kollege Holger Nitz, Vorsitzender der Vereinigung  Niedersächsischer und Bremer Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger (VNBS),  forderte gegenüber NDR 1 Niedersachsen eine strafrechtliche Überprüfung des Falls. Immerhin, so Nitz, könne es sich hierbei sogar um fahrlässige Tötung handeln, wenn die Stadt auf die vielen eindeutigen Hinweise nicht reagiert hat. Er vergaß, auch die Polizei zu erwähnen.
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gleichgültig

10. Juli 2010

Gestern Abend habe ich ein, zwei Stunden auf dem heißen Marktplatz gesessen. Geredet, getrunken, gegessen. Es war warm und angenehm. Dann blickte ich auf die schwarze WM-Videowand und fragte mich, warum nichts passiert. Sommerkino zum Beispiel. Ich sah den wenig anheimelnden grünen Klowagen aus dem vergangenen Jahrhundert neben der Wand und merkte dann, dass es auf dem Markt etwas roch. Ich  fand auch bei all der Hitze kein Nass im Fabeltierbrunnen und auch sonst kein Wasser. Wahrscheinlich sollte kein WM-Fan darin ertrinken. Es war jedenfalls knochentrocken. Niemand sprengt den Marktplatz an diesen heißen Tagen mit Wasser, obwohl Wasser reinigt, den Staub bindet, Unrat wegspült  und vor allem durch die Verdunstungskälte kühlt.

Zu Zeiten wurden in vielen Städten die Straßen im Sommer gesprengt, im Süden mehr und länger als im hier im Norden.  In Lingen denkt man nicht daran; daran denken und tun steht womöglich nicht im Dienstplan und Sommerkino auch nicht. Also stinkt es leicht in Lingens guter Stube. Wenige Meter entfernt stehen auch -neben grottigen Plastikpalmen- stinkende Abfalltonnen und -tüten mit Müll und Essensresten am Weg zur Fachhochschule in der Sonne und -darauf angesprochen- lamentiert die zuständige Ordnungsamtsmitarbeiterin Silvia Brinkers, nicht zuständig zu sein: „Für Abfall ist der Landkreis zuständig!“ Also stinkt es auch in der Sturmstraße.

Gleichgültigkeit nennt man derlei. Sie passt in die verkündete Lingener Stimmung des „Wir lassen uns nicht unter Zeitdruck setzen.“

Meine Begleiter und ich parlierten darüber, die Mülleimer mit dem stinkenden Fraß und die daneben geworfenen Abfalltüten vor das Dienstzimmer der wenig freundlichen Beamtin zu stellen; ich entschied mich dann aber für diese, die virtuelle Kritik – auch auf die Gefahr hin, dass mir ein erzürnter Dienstvorgesetzter – wie früher schon einmal- ein „Das kriegst Du wieder!“ entgegen ruft und ich mich darob erschrecken soll. Tu ich aber nicht..

Wurzelbehandlung

13. April 2009

 zahnarztDie Schilder, die das Lingener Ordnungsamt aufstellt, sind längst legendär.

Beispielsweise die „Reitstation“-Hinweise, bei denen durch die Ordnungsbeamten dann mühsam das verunglückte „t“ durch ein „d“ beklebt wurde und die Tatsache, dass beim Neuaufstellen der Schilder natürlich wieder „Reitstation“ konzipiert war. Und die „Jnnenstadt“-Richtungsanzeiger, ältere Lingener erinnern sich sicherlich an das Jott ganz vorn. Und natürlich die Schilder „Museum“, die nach meinem Eindruck auch noch ausufernd zunehmen; sie waren schon unlängst Gegenstand dieses Blogs.

Jetzt habe ich ein neues Produkt des Ordnungsamtes gefunden: Das  Schild „Zahnarzt“ (Foto) gesehen. Ecke Konrad-Adenauer-Ring/Bäumerstraße.

Na, bitte! Wir haben also in Lingen nicht nur ein „Museum“ sondern auch einen „Zahnarzt“. Und ich habe beschlossen, einen Antrag zu stellen, ein Schild „Rechtsanwalt und Notar“ aufzubauen. Das zeigt links in Richtung meines Büros vom Standort Ecke Neue Straße/Elisabethstraße.

Einwände vom zuständigen Ordnungsamt dürfte es kaum geben -oder?