Aufkleber

12. August 2017

 

Über das in Lingen (Ems) seit Jahren gefeierte Notinsel-Projekt habe ich schon früher kritisch berichtet [guckst Du hier] Aktuell wird neuerlich versucht, Geld mit dem schlechten Gewissen von Geschäftsleuten zu machen, Kindern nicht zu helfen. Die lokalen Notinsel-Aktivisten müssen mehr als 5.000 Euro an die Stiftung Hänsel + Gretel bezahlen, die das Projekt ersonnen hat. Man erkennt: Das Projekt ist ein durch und durch kommerzielles Vorhaben, was allerdings von den Machern nicht verraten wird,.

Verraten wird anderes. Nämlich inzwischen halbjährlich Einzigartiges,

also genauer gesagt am 28.06.2016 dies

 

und dann am 25.11.16 dies

 

 

und jetzt am 09.08.17 dies

 

 

Natürlich gibt der Notinsel-Aufkleber für Kinder Orientierung, sofern sie jedenfalls lesen und die Aktion verstehen können. Doch er vermittelt vor allem ein seltsames Menschenbild, weil er nämlich die Unternehmen ausgrenzt, die keine Lust haben, eine zweifelhafte Gelddruckinitiative zu finanzieren. Dabei ist nicht nur in Lingen (Ems) klar, dass ausnahmslos jedes Unternehmen einem Kind hilft, das weinend durch die Stadt irrt, weil es sich verlaufen hat, oder sonst Hilfe braucht.

[Danke an @moaxislaven]

Hinweis:
In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, dass jährlich ein Betrag von 5.000 € an die Stiftung Hänsel + Gretel gezahlt werden müsse. Sie könnten sich aber refinanzieren, wenn die beteiligten Geschäfte jährlich 800 Euro zahlten.
Diese Aussage kann ich nicht aufrecht erhalten. Nach Aussagen der Initiatoren ist zu Beginn der Aktion in Lingen einmal ein Betrag von knapp 4.000 € gezahlt worden; für die beteiligten Geschäfte sei die Teilnahme kostenfrei. Die Stiftung selbst hat die noch vor einigen Jahren verlangten bis zu 8.000 € inzwischen auf pauschal einmalig 750,- € geändert.

Allerdings: Aufkleber, Plakate und Flyer müssen bei der Stiftung je nach Bedarf gekauft werden. Die Kosten dafür werden nicht mitgeteilt.

 

Moralische Panik

25. Februar 2014

logo_notinselMoralische Panik. Nach diesem Wort habe ich gesucht und jetzt hab ich es gefunden. In einem Interview in der taz zum Fall des tot geschlagenen Mädchens Yagmur in Hamburg [mehr…]. Doch es geht mir nicht um diese Tragödie in Hamburg, sondern um das, was Fabian Kessel analysiert hat. Der 43jährige ist Erziehungs- und Politikwissenschaftler und forscht über Kinder- und Jugendhilfe. Er lehrt an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Lesen Sie:

taz: Herr Kessl, warum sprechen Sie von einer „verschärften Kinderschutzdebatte“?

Fabian Kessl: Wir haben es bei der aktuellen Diskussion mit einer moralischen Panik zu tun. Diese Figur wurde in England in den 1960ern entwickelt, als es empörte Berichte über Jugendkriminalität gab. Die Empörung nahm damals eine Dynamik auf, die fast nichts mehr mit dem Phänomen selbst zu tun hatte. Aktuell erleben wir mit dem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ eine ähnliche Panikmache, die eine fachliche Debatte eher schwierig macht.

Ich denke bei dem Wort „moralische Panik“ spontan an die, auch in Lingen so nachhaltig propagierte Aktion Notinsel. Sie suggeriert nämlich, dass die Geschäftsinhaber ohne Notinsel-Schild irgendetwas gegen Kinder hätten oder jedenfalls nicht für sie sind. Dass sie also irgendwie gemeinsame Sache mit denen machen, die Kinder in Not bringen. Sie tut außerdem so, als ob die mit Notinsel-Schild plakatierten Geschäfte den Kindern „Schutzräume“ bereit stellen, dass Kinder da überhaupt „Schutzräume“ brauchen. Schutzräume?! Was für ein Schmarrn ist das! Ich lese

Kinder in Angst brauchen Schutzräume. Alle Läden und Geschäfte, die das Notinsel-Zeichen an ihren Türen anbringen, signalisieren Kindern: „Wo wir sind, bist Du sicher„.

Mit dem Projekt hat die Stiftung Hänsel + Gretel die Initiative ergriffen und eine Möglichkeit geschaffen, Kindern in Notsituationen Fluchtmöglichkeiten aufzuzeigen, in denen sie Hilfe bekommen.

Aber wahr ist doch: Kein Lingener und keine Lingenerin lässt ein „in Not“ befindliches Kind, ein weinendes Kind allein, entzieht oder versagt ihm Hilfe. Eltern können ihrem Kind immer sagen: „Wenn Du Angst hast, wendetDich an einen Erwachsenen.“  An jede, an jeden! Sie können  sagen: „Schrei, renn ins nächste Geschäft oder lauf zum nächsten Haus und klingel die Erwachsenen raus.“ Denn das hilft in den gottlob wenigen extremen Fällen, in denen ein Kind überhaupt auf der Straße Angst hat und in Not ist.

Jede/r weiß doch, dass Gewalt gegen Kinder häufig in den Familien und Lebensgemeinschaften stattfindet, aber doch nicht auf dem Marktplatz oder in der Einkaufstraße.  Da hilft kein Notinsel-Aufkleber! Man kann  Hilfe für Kinder nicht an einem Aufkleber festmachen.

In Wahrheit ist die Aktion nur Alibi. Das sage nicht (nur) ich, das sagen (auch) beispielsweise der Kinderschutzbund und die Polizei in Essen [mehr…].

Sie beutet moralische Panik aus. Im wahrsten Sinne: Denn die „Hänsel+Gretel-Stiftung“, die die Notinsel-Aufkleber erfunden hat und vertreibt, bietet sie im Franchise-Verfahren an. Eine Erstausstattung kostet 5300 Euro plus einer Franchisegebühr von 750 Euro. Leute, bei so viel Doppelmoral bekomme ich moralische Panik. Und Hals!