Gestern Nachmittag veröffentlichte die New York Times einen langen Beitrag ihrer Berliner Büroleiterin über Leichensäcke und Feindlisten: „Was rechtsextreme Polizisten und Ex-Soldaten für „Tag X“ geplant hatten. Deutschland ist jetzt angesichts des Rechtsextremismus-Problems in seiner Elite-Spezialeinheit KSK aufgewacht. Die Gefahr einer neonazistischen Infiltration staatlicher Institutionen ist jedoch viel größer, schreibt die führende US-Zeitung und fährt fort:.

„GÜSTROW, Deutschland – Der Plan klang erschreckend konkret. Die Gruppe würde politische Feinde und diejenigen, die Migranten und Flüchtlinge verteidigen, zusammenbringen, sie auf Lastwagen setzen und sie an einen geheimen Ort fahren.

Dann würden sie sie töten.

Ein Mitglied hatte bereits 30 Leichensäcke gekauft. Weitere Leichensäcke standen auf einer Bestellliste, sagen die Ermittler, zusammen mit Löschkalk, der bei Zersetzung von organischem Material verwendet wird.

An der Oberfläche schienen diejenigen, die den Plan diskutierten, seriös zu sein. Einer war Anwalt und Lokalpolitiker, wenn auch mit einem besonderen Hass auf Einwanderer. Zwei andere waren aktive Reservisten der Bundeswehr. Zwei weitere waren Polizeibeamte, darunter Marko Gross, ein Polizeischarfschütze und ehemaliger Fallschirmspringer, der als inoffizieller Anführer fungierte.

Die Gruppe entstand aus einem landesweiten Chat-Netzwerk für Soldaten und andere mit rechtsextremen Sympathien, das von einem Mitglied der deutschen Elite-Spezialeinheiten, der KSK, eingerichtet wurde. Im Laufe der Zeit bildeten sie unter der Aufsicht von Marko  Gross eine eigene Parallelgruppe. Mitglieder waren ein Arzt, ein Ingenieur, ein Dekorateur, ein Fitnessstudio-Besitzer und sogar ein lokaler Fischer. Sie nannten sich Nordkreuz.

„Wir waren wie eine verschworene Gemeinschaft“, erinnert sich Marko Gross, eines von mehreren Nordkreuz-Mitgliedern, die mir in verschiedenen Interviews in diesem Jahr beschrieben haben, wie die Gruppe zusammenkam und ihre Pläne machte.

Sie bestritten, dass sie geplant hatten, jemanden zu töten. Aber Ermittler und Staatsanwälte sowie ein Bericht, den ein Mitglied der Polizei vorlegte – Transkripte davon konnte die New York Times einsehen – drängen aber zu der Annahme, dass ihre Planungen eine ganz andere, düsterere Zielrichtung hatte.

Deutschland hat verspätet damit begonnen, sich mit rechtsextremen Netzwerken zu befassen, von denen die Offiziellen jetzt sagen, dass sie weitaus umfangreicher sind, als sie jemals erkannt hatten. Die Reichweite von Rechtsextremisten in die Streitkräfte ist dabei besonders alarmierend in einem Land, das daran zu arbeiten hatte, sich von seiner NS-Vergangenheit und den Schrecken des Holocaust zu befreien. Im Juli löste die Regierung einen ganzen Zusammenschluss auf, das von Extremisten in den Spezialeinheiten des Landes infiltriert war.

Aber der Fall Nordkreuz  der erst vor kurzem vor Gericht kam obwohl er schon vor mehr als drei Jahren aufgedeckt wurde, und der rechtsextremen Infiltration in Sicherheitsorganen ist weder neu noch auf die KSK oder das Militär beschränkt.

Rechtsextremismus…“

(hier bitte weiterlesen in der New York Times in englischer Sprache)


Marko Gross wurde übrigens am 12.12.2019 zu 21 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung Bewährung. Es ging in dem Verfahren vor dem Landgericht Schwerin übrigens nicht um Rechtsextremismus, nicht um Terror, sondern schlicht um Verstöße gegen das Waffengesetz und Verbrechen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz.

rechte Gesinnung

21. Juni 2019

Droht Deutschland neuer Rechtsterrorismus? „ZDFzoom“ zeigt in der Dokumentation Hintergründe zu aktuellen und bereits laufenden Ermittlungen gegen Terrorverdächtige aus der rechten Szene. Autor Dirk Laabs recherchierte im Umfeld der Ermittlungen gegen Franco A. und zeigt, dass immer wieder dieselben Namen auftauchen. Gleichzeitig werden immer mehr Fälle auch innerhalb der Polizei bekannt – von Mitarbeitern mit rassistischer oder rechter Gesinnung.

In der Dokumentation warnen gleich mehrere Politiker vor neuer rechter Gewalt. Konstantin von Notz von den Grünen sagt im Interview mit „ZDFzoom“: „Ich glaube, wir müssen einfach die Gewalttätigkeit und auch die mörderischen Absichten, die es im rechtsextremistischen Bereich inzwischen immer stärker gibt, sehr, sehr ernst nehmen.“ Und: „Die Situation war seit 1945 nicht mehr so gefährlich.“

Die Recherchen von „ZDFzoom“-Autor Dirk Laabs belegen eine beängstigende Mischung. Spezialkräfte von Polizei und Bundeswehr, illegale Munition, Waffen. Rechte Feindbilder und Todeslisten mit Politikernamen. Martina Renner, Mitglied im Innenausschuss des Bundestages, Die Linke, sagt im Interview mit „ZDFzoom“ zur neuen rechtsradikalen Gefahr: „Es kann ja ein Einzelner für sich den Tag X erklären. Ob er dann tatsächlich an dem Tag X über ein Gewehr verfügt, ist nicht die Frage, er kann auch sein Auto nehmen und in die nächste Gruppe von Antifa-Demonstranten reinfahren. Er braucht nur den Tatentschluss.“

Die gesellschaftliche Stimmung werde immer brisanter, konstatiert auch Armin Schuster, CDU, Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums. Im Interview mit „ZDFzoom“ fordert er, härter gegen rechtsnationale und extremistische Bestrebungen vorzugehen. Schuster wörtlich: „In Deutschland hat sich etwas verschoben. Deshalb mache ich mir Sorgen. Ist es nicht leichter, dass ein NSU 2.0 entsteht, als damals?“