Rote Karte

11. September 2019

Der Europäische Gerichtshof hat im vergangenen Jahr festgestellt, dass Deutschland gegen seine Verpflichtungen zum Schutz des Grundwassers im Rahmen der Nitratrichtlinie verstoßen hat. Die Europäische Kommission hatte daraufhin jetzt im Juli 2019 gegen Deutschland wegen des andauernden Verstoßes gegen die EU-Nitratrichtlinie ein Aufforderungsschreiben gemäß Artikel 260 des EU-Vertrags von Lissabon übermittelt. Sie mahnt Deutschland erneut, das Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Juni 2018 umzusetzen. Geschieht dies nicht, können Strafzahlungen verhängt werden.

Niedersachsen ist ein rotes Land. Nicht politisch, das bundesdeutsche Agrarland Nummer eins hat eine schwarze Landwirtschaftsministerin: Barbara Otte-Kinast von der CDU. Sie präsentierte am Dienstag allerdings eine rote Landkarte. Diese zeigt die Wasserqualität in Niedersachsen – und wirkt bedrohlich: Rot steht für alarmierend. Und rot ist auf dieser Landkarte der größte Teil Niedersachsens: 60 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen sind belastet – mit Nitraten, Phosphaten und anderen für den Menschen gefährlichen Chemikalien, wenn zu viele davon im Grundwasser sowie in Seen und Teichen enthalten sind.

Deshalb…

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Gärrestmenge

30. November 2010

Neues aus der Biogas-Abteilung, die sich immer mehr als unmweltpolitischer Fehlschuss in Sachen erneuerbarer Energien herausstellt: Der westfälische Verein  VSR-Gewässerschutz, Mitglied im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, hat jetzt einen völligen Stopp neuer Biogasanlagen in der Region gefordert. Außerdem verlangt er  eine strikte Begrenzung der von den Biogasanlagenbetreibern auf den Feldern aufgebrachte Gärrestmenge, damit das Grundwasser nicht belastet wird. Der vor 30 Jahren aus verschiedenen Bürgerinitiativen entstandene Verein hat sich den Schutz der Wasserqualität zum Ziel gemacht: Gewässerschutz ist Gesundheitsvorsorge und wichtig für das gesamte ökologische System.

Der Hintergrund des aktuellen VSR Appells: In den Biogasanlagen entstehen tonnenweise Gärreste, die als Abfallprodukte über den Feldern entsorgt werden müssen. Dadurch werden rund um die betriebenen Anlagen große Mengen Stickstoff auf die Felder aufgebracht, die durch Bodenbakterien zu Nitrat umgewandelt werden, das dann ins Grundwasser ausgewaschen wird. „Im Emseinzugsgebiet sprießen die Biogasanlagen wie Pilze aus dem Boden, so dass in immer mehr Regionen das Grundwasser übermäßig mit Nitraten belastet wird. Viele Grundwasserbereiche haben jedoch bereits heute zu hohe Nitratkonzentrationen,“ erklärte die Vorsitzende des VSR Gewässerschutzes, Susanne Bareiß-Gülzow.

Der VSR  hat im Einzugsgebiet der Ems inzwischen sehr hohe Nitratwerte im Grundwasser festgestellt.  Die von der Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union (WRRL) geforderten Höchstgrenze von 50 mg/l im Grundwasser werde in vielen Regionen überschritten. Das belastete Grundwasser fließe der Ems zu und führe dort zu einer erhöhten Nitratbelastung. Der VSR – Gewässerschutz stellte vor einem Jahr beispielsweise in Leer bei einer Messfahrt mit seinem Laborschiff „Reinwasser“ (Foto unten) einen Nitratwert von 14 Milligramm pro Liter (mg/l) fest. Der »Rat von Sachverständigen für Umweltfragen« der Bundesregierung (SRU) fordert für die in die Nordsee mündenden Flüsse einen Gesamtstickstoffgehalt von höchstens 0,6 bis 1,8 mg/l. Umgerechnet auf Nitrat ergäbe sich hieraus ein maximaler Wert von 7,9 mg/l. Da der in der Ems weit überschritten ist, trägt der Fluss massiv zur Eutrophierung der Nordsee bei. Mit anderen Worten: zu Algenschaum und Fischsterben in der Nordsee.

in Zukunft werden die industriellen Biogasanlagen im Emseinzugsgebiet  die Nitratbelastung der Ems weiter erhöhen, da die Betreiber noch mehr Stickstoffe pro Hektar auf den Feldern ausbringen dürfen als bei Massentierhaltungen. „Für die Berechnung der notwendigen landwirtschaftlichen Fläche zur Aufbringung dieser Gärreste wird nur der tierische Anteil wie z.B Gülle herangezogen. Der pflanzliche Teil aus Mais, Gras, Roggen, etc bleibt außer Betracht. Dadurch kommt es zu einem gesetzlich geregelten Stickstoffeintrag, der wesentlich über dem der Gülle liegt“ so Susanne Bareiß-Gülzow.

Da Mais einen wesentlich höheren Biogasertrag aufweist als die Gülle von Schweinen, Rindern und Hühnern, ist es für die Anlagenbetreiber wirtschaftlich sinnvoll, einen hohen Anteil an Mais zur Biogasherstellung einzusetzen. Auf diese Weise entstehen -wir sehen es im Emsland-  im weiten Bereich um die Biogasanlagen immer mehr Maismonokulturen; die Anlagenbetreiber verdienen so viel,. dass sie die traditionelle Landwirtschaft mit hohen Pachtpreisen verdrängen. Und: Während viele Pflanzen bei Überdüngung der Böden einen geringeren Ertrag erbringen, verträgt der Mais hohe Stickstoffgaben. Er ist daher nicht nur wegen der hohen Energieausbeutung in der Biogasanlage sehr beliebt, sondern auch die Pflanze für die Entsorgungsflächen der verbleibenden Gärrestemengen.

Allerdings nimmt der Mais die überschüssige Stockstoffgaben nicht auf, so dass sie endgültig ins Grundwasser ausgewaschen werden. Weil dies  erst nach langen Verweilzeiten die Ems erreicht, erhöht sich die Schadstoffbelastung nur schleichend und ist erst viel später, nach Jahren oder gar Jahrzehnten feststellbar. Deshalb, so der VSR Gewässerschutz, müsse jetzt gehandelt werden und nicht erst, wenn in der Nordsee der Algenschaum und das Fischsterben aufgrund der höheren Nitratfracht der Ems sichtbar zugenommen hat. Die Umweltaktivisten fordern deshalb, auf den Einsatz von Mais in Biogasanlagen zu verzichten. Zusätzlich müsse gesetzlich festgelegt werden, dass der gesamte Stickstoffgehalt der Gärreste betrachtet und bei der Aufbringung auf die Felder berücksichtigt wird.

 

(Fotos: Gülleausbringung; © Rasbak, CC GFDL)