Gestern Nachmittag veröffentlichte die New York Times einen langen Beitrag ihrer Berliner Büroleiterin über Leichensäcke und Feindlisten: „Was rechtsextreme Polizisten und Ex-Soldaten für „Tag X“ geplant hatten. Deutschland ist jetzt angesichts des Rechtsextremismus-Problems in seiner Elite-Spezialeinheit KSK aufgewacht. Die Gefahr einer neonazistischen Infiltration staatlicher Institutionen ist jedoch viel größer, schreibt die führende US-Zeitung und fährt fort:.

„GÜSTROW, Deutschland – Der Plan klang erschreckend konkret. Die Gruppe würde politische Feinde und diejenigen, die Migranten und Flüchtlinge verteidigen, zusammenbringen, sie auf Lastwagen setzen und sie an einen geheimen Ort fahren.

Dann würden sie sie töten.

Ein Mitglied hatte bereits 30 Leichensäcke gekauft. Weitere Leichensäcke standen auf einer Bestellliste, sagen die Ermittler, zusammen mit Löschkalk, der bei Zersetzung von organischem Material verwendet wird.

An der Oberfläche schienen diejenigen, die den Plan diskutierten, seriös zu sein. Einer war Anwalt und Lokalpolitiker, wenn auch mit einem besonderen Hass auf Einwanderer. Zwei andere waren aktive Reservisten der Bundeswehr. Zwei weitere waren Polizeibeamte, darunter Marko Gross, ein Polizeischarfschütze und ehemaliger Fallschirmspringer, der als inoffizieller Anführer fungierte.

Die Gruppe entstand aus einem landesweiten Chat-Netzwerk für Soldaten und andere mit rechtsextremen Sympathien, das von einem Mitglied der deutschen Elite-Spezialeinheiten, der KSK, eingerichtet wurde. Im Laufe der Zeit bildeten sie unter der Aufsicht von Marko  Gross eine eigene Parallelgruppe. Mitglieder waren ein Arzt, ein Ingenieur, ein Dekorateur, ein Fitnessstudio-Besitzer und sogar ein lokaler Fischer. Sie nannten sich Nordkreuz.

„Wir waren wie eine verschworene Gemeinschaft“, erinnert sich Marko Gross, eines von mehreren Nordkreuz-Mitgliedern, die mir in verschiedenen Interviews in diesem Jahr beschrieben haben, wie die Gruppe zusammenkam und ihre Pläne machte.

Sie bestritten, dass sie geplant hatten, jemanden zu töten. Aber Ermittler und Staatsanwälte sowie ein Bericht, den ein Mitglied der Polizei vorlegte – Transkripte davon konnte die New York Times einsehen – drängen aber zu der Annahme, dass ihre Planungen eine ganz andere, düsterere Zielrichtung hatte.

Deutschland hat verspätet damit begonnen, sich mit rechtsextremen Netzwerken zu befassen, von denen die Offiziellen jetzt sagen, dass sie weitaus umfangreicher sind, als sie jemals erkannt hatten. Die Reichweite von Rechtsextremisten in die Streitkräfte ist dabei besonders alarmierend in einem Land, das daran zu arbeiten hatte, sich von seiner NS-Vergangenheit und den Schrecken des Holocaust zu befreien. Im Juli löste die Regierung einen ganzen Zusammenschluss auf, das von Extremisten in den Spezialeinheiten des Landes infiltriert war.

Aber der Fall Nordkreuz  der erst vor kurzem vor Gericht kam obwohl er schon vor mehr als drei Jahren aufgedeckt wurde, und der rechtsextremen Infiltration in Sicherheitsorganen ist weder neu noch auf die KSK oder das Militär beschränkt.

Rechtsextremismus…“

(hier bitte weiterlesen in der New York Times in englischer Sprache)


Marko Gross wurde übrigens am 12.12.2019 zu 21 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung Bewährung. Es ging in dem Verfahren vor dem Landgericht Schwerin übrigens nicht um Rechtsextremismus, nicht um Terror, sondern schlicht um Verstöße gegen das Waffengesetz und Verbrechen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz.

Schüttorf

12. Juni 2020

5-24-2020

24. Mai 2020

„Am letzten Maiwochenende fängt in den USA der Sommer an: die Colleges sind mit ihren Kursen durch, die Schulen schließen bald, die (erhofften) Blockbuster kommen ins Kino, die Ferien beginnen. Der Feiertag am darauffolgenden Montag verlängert das Wochenende, denn es ist Memorial Day, der Tag, an dem das patriotische Amerika seiner Gefallenen aus den Kriegen gedenkt. Zuerst war es nur der Bürgerkrieg, dann kamen die Toten aus den Weltkriegen dazu, Korea, Vietnam, Afghanistan, Irak. Es ist der Tag der auf Halbmast gesenkten Fahnen, der flachen Hand auf der Brust, der pathetischen Reden über das Opfer, das all die tapferen Männer und Frauen und so weiter.

Die New York Times beging den Fest- und Trauertag diesmal anders, nämlich mit den klassischen Mitteln einer Zeitung: Zum ersten Mal seit Menschengedenken erschien sie mit einer Titelseite ohne Fotos oder Grafiken und füllte sie stattdessen mit Hunderten von zivilen Opfern. Digital weist eine erschreckende Grafik auf die täglich anwachsende Todesbilanz hin. Am 13. März waren es fünfzig, voraussichtlich kommende Woche wird die offizielle Zahl von einhunderttausend Corona-Toten in den USA erreicht sein, also weit mehr als, wie auch die Times immer wieder betont, Amerikaner in Vietnam gestorben sind.“ (SZ)

Die große Leere

24. März 2020

Die New York Times veröffentlichte gestern einen Artikel The Great Empty“, den ich einfach mal flott mit „Die große Leere“ übersetzen möchte. Sie schreibt:

„DURING THE 1950S, New York’s Museum of Modern Art organized a famous photo exhibition called “The Family of Man.” In the wake of a world war, the show, chockablock with pictures of people, celebrated humanity’s cacophony, resilience and common bond.

Today a different global calamity has made scarcity the necessary condition of humanity’s survival. Cafes along the Navigli in Milan hunker behind shutters along with the Milanese who used to sip aperos beside the canal. Times Square is a ghost town, as are the City of London and the Place de la Concorde in Paris during what used to be the morning rush.

The photographs here all tell a similar story: a temple in Indonesia; Haneda Airport in Tokyo; the Americana Diner in New Jersey. Emptiness proliferates like the virus.

The Times…“

hier gehts weiter

Die Photoaufnahmen berühren und zeigen, wie viel sich gerade verändert. Mich besticht die ästhetische Ruhe der Aufnahmen, die ich aus urheberrechtlichen Gründen hier leider nicht präsentieren kann, aber Sie können sie hier ansehen.  Es lohnt. (Foto: © NYTimes)

„Ex-Nazi“

9. März 2020

Ein wenig deutsche, emsländische Geschichte heute, nachdem am vergangenen Wochenende auch die NOZ-Emslandausgaben über eine aktuelle Gerichtsentscheidung aus dem US-Bundesstaat Tennessee berichteten. Diese beleuchtet exemplarisch die Verstrickung wie die Schuld der Menschen, die in NS-Deutschland lebten. Im aktuellen Geschehen spielen dabei die Emslandlager eine bedeutsame Rolle, insbesondere das Lager in Meppen-Versen (Emslandlager IX) und das Emslandlager XII in Dalum (Foto), die im Herbst 1944 in das KZ Neuengamme eingegliedert wurden.

Ab dem 18. November 1944 wurden zwischen 1.000 und 3.000 Zivilisten aus Rotterdam in das Emslandlager XII Dalum eingewiesen. Sie wurden deportiert, um als Zwangsarbeiter Teile der Verteidigungslinie „Friesenwall“ aufzubauen. Dazu mussten sie Panzergräben und Stellungssysteme ausheben. Der Friesenwall sollte mehrere gestaffelte Stellungslinien und Riegel umfassen. Westlich der Lager war die „Nordsüd-Kanal-Stellung“ und östlich die „Ems-Rhein-Stellung“ vorgesehen. Ende Dezember wurden die Niederländer in andere Zwangsarbeiterlager verlegt.

Am 3. Januar 1945 kamen dann über 1.000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme nach Dalum. Schon ab November 1944 waren KZ-Häftlinge aus Neuengamme zunächst in das Lager Versen verlegt worden. Die insgesamt bis zu 4.000 in die beiden Lager überführten Häftlinge sollten im Raum Meppen die militärisch völlig sinnlose Verteidigungsstellung [„Friesenwall“] gegen die vorrückenden alliierten Truppen weiterbauen. Die Unterbringung im Lager erfolgte unter schlimmsten Bedingungen; Kälte und Nässe sowie eine völlig unzureichende Verpflegung führten zu zahlreichen Todesfällen. Innerhalb von fünf Monaten starben 566 Gefangene in diesem Außenkommando, häufig an epidemisch auftretenden Darm- und Lungenerkrankungen.

Zuletzt waren im Lager Dalum 807 KZ-Häftlinge registriert. Am 24. März wurden die noch Arbeitsfähigen zu Fuß nach Cloppenburg [und zurück nach Neuengamme] in Bewegung gesetzt, die Kranken folgten mit dem Zug, untergebracht in geschlossenen Waggons. [Der Zug wurde von Tieffliegern nahe Cloppenburg angegriffen.] Während dieses Transportes und des Evakuierungsmarsches starben weitere Hunderte von Häftlingen. (Quelle)

Der Wachmann und Marinesoldat Friedrich Karl Berger aus Oak Ridge, Tennessee, steht deshalb seit der vergangenen Woche im Fokus internationaler Berichterstattung. Er war ab Januar 1945 im Emslandlager XII Dalum eingesetzt. Denn die für Einwanderung zuständige US-Bundesrichterin Rebecca L. Holt in Memphis (Tenn.) hat ihm deshalb nach einer zweitägigen Gerichtsverhandlung auf der Grundlage des „Holtzman Amendment  to the Immigration and Nationality Act“ aus dem Jahr 1978  das Recht entzogen, weiter in den USA zu leben. Er muss die USA verlassen, wo er über 60 Jahre lebte; denn er habe bereitwillig mit der Waffe in einem Konzentrationslager seinen Wachdienst geleistet.

Die NOZ-Ausgaben nennen, im Gegensatz zu allen US-Medien, nicht den Namen des 94jährigen, zur Ausreise verurteilten Mannes, aber titeln (Clickbaiting!) dazu  „Ex-Nazi aus dem Emsland vor Gericht.“ Ob der Schleswig-Holsteiner tatsächlich Nazi war, liegt nahe, aber man weiß es nicht. Allemal war er ein damals 19jähriger Soldat der deutschen „Kriegsmarine“, der zu dem Urteil selbst, laut „New York Times„, sagt,

… dass er in das Lager abkommandiert wurde, für kurze Zeit dort war und keine Waffe getragen habe. In den Vereinigten Staaten habe er seinen Lebensunterhalt mit dem Bau von Abisoliermaschinen verdient.
„Nach 75 Jahren ist das lächerlich. Ich kann es nicht glauben“, sagte er zu Washington Post und fügte hinzu, „sie zwingen mich aus meinem Haus.“

Ein Wachmann ohne Waffe? Das muss man nicht glauben. Man muss aber auch nicht die Aussage des zuständigen Staatsanwalts Eli Rosenbaum glauben, dass sich Karl Berger 1943 für den Dienst in der Wehrmacht „entschieden“ habe (“Mr. Berger made his choice to enlist in 1943 in the German military”). Das lief vor 77 Jahren dann doch wohl etwas anders ab. Doch Rosenbaum sagt auch, dass Berger nie seine „Versetzung“ beantragt habe, als er vom ostfriesischen Langeoog in die KZ-Wachmannschaft abkommandiert wurde. Das stimmt offenbar.

Der Fall des Friedrich Karl Berger ist inzwischen auch von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme aufgegriffen und beleuchtet worden. Sie klärt die Zusammenhänge auf:

„Das US-amerikanische Justizministerium hat bekannt gegeben, dass sie den 1959 [aus Kanada] in die USA eingewanderten Deutschen Friedrich Karl Berger ausweisen wird, da dieser als Angehöriger der Wachmannschaft des KZ Neuengamme „Teil des SS-Systems der Unterdrückung gewesen ist, das KZ-Häftlinge unter grausamen Haftbedingungen hielt“.

Friedrich Karl Berger, geb. 1925 in Bargen, heute Ortsteil der Gemeinde Erfde im Kreis Schleswig-Rendsburg, war als Maschinengefreiter der Kriegsmarine ab 23. Januar 1945 dem Wachpersonal des KZ Neuengamme in den Außenlagern in Meppen-Versen und Meppen-Dalum zugeteilt, die zu den „Friesenwall“-Lagern gehörten. Im März 1945 wurden beide Lager aufgelöst und die Häftlinge per Bahn oder in Fußmärschen ins Hauptlager Neuengamme zurückgeführt. Die Kriegsmarine-Bewacher wurden anschließend zu anderen Marineverbänden ohne Bezug zum KZ-System versetzt oder bekamen neue Bordkommandos.

Wie kam es dazu, dass Marineangehörige zu Wachmannschaften eines Konzentrationslagers gehörten? Im Herbst 1944 hat im KZ Neuengamme ein umfangreicher Personalaustausch stattgefunden. Angehörige des Wachpersonals wurden auf Waffen-SS-Verbände in Frankreich verteilt. Als Ersatz erhielt das KZ Neuengamme Soldaten aus allen Wehrmachtteilen. Gleichzeitig expandierte das Außenlagersystem des KZ Neuengamme. Dem gestiegenen Bedarf an Bewachungspersonal wurde entsprochen, indem die Wehrmacht Soldaten abstellte. Die Hälfte des Wachpersonals des KZ Neuengamme bestand damit ursprünglich nicht aus SS-Angehörigen oder wurde – wie Teile des Heers und der Luftwaffe – in die Waffen-SS übernommen. Unter den Bewachern der Außenlager waren auch 80-100 Angehörige des Marineinsel-Bataillons 354, die am 23. Januar 1945 von Langeoog aus nach Neuengamme abkommandiert wurden, darunter auch der 19jährige Friedrich Karl Berger.

Aus  kriminalpolizeilichen Ermittlungsunterlagen ist bekannt, dass 80 dieser Männer nach wenigen Tagen den Auftrag erhielten, Häftlinge in das Außenlager Meppen zu bringen. In Meppen mussten über 1700 Häftlinge den Bau des so genannten „Friesenwalls“ vorantreiben. Mit dem „Friesenwall“ wurde ein gigantisches Befestigungswerk an den Küsten und Grenzen geplant, das gegen eine Landung der Alliierten schützen sollte. In Wedel, Aurich-Engerhafe, Husum, Ladelund, Meppen-Dalum und Meppen-Versen an der niederländischen Grenze mussten KZ-Häftlinge unter Bewachung von Marineangehörigen die Erdarbeiten ausführen. Die Namen der Häftlinge, die v.a. aus der Sowjetunion, Polen und den Niederlanden kamen, aber auch aus Deutschland, Dänemark, Lettland, Frankreich oder Italien stammten, sind durch eine Liste aus dem Januar 1945 bekannt. Wegen unzureichender Ernährung, Kleidung und Unterbringung starben bei dem harten Arbeitseinsatz hunderte Häftlinge. Auf der Kriegsgräberstätte Versen befinden sich noch die Grabstätten von 297 verstorbenen Häftlingen aus den beiden Meppener Außenlagern des KZ Neuengamme.

Am 25. März 1945 ließ die SS das Lager räumen. Die „marschfähigen“ Häftlinge wurden zu Fuß über Cloppenburg nach Bremen getrieben, von wo ein Großteil von ihnen, begleitet von den Marineangehörigen, zurück ins Stammlager Neuengamme kam. Mindestens 50 Häftlinge sind auf dem Marsch umgekommen. Die Bewachereinheit wurde anschließend nach Cuxhaven zurückbeordert.“

Berger hat übrigens jetzt bis Anfang April Zeit, gegen die Entscheidung vorzugehen.

Mehr zum Thema
Pressemitteilung des US-Department of Justice: https://www.justice.gov/opa/pr/tennessee-man-ordered-removed-germany-based-service-concentration-camp-guard-during-wwii

Artikel von Reimer Möller: Wehrmachtsangehörige als Wachmannschaften im KZ Neuengamme, in: Wehrmacht und Konzentrationslager, Beiträge Heft 13 (Link)

Webseite der Gedenkstätte Esterwegen für die „Emslandlager“: https://www.gedenkstaette-esterwegen.de/geschichte/die-emslandlager/ix-versen.html

Webseite zum Außenlager Meppen-Versen: https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/kz-aussenlager/aussenlagerliste/meppen-versen/

Artikel über Karl Saling Møller, der Häftling in Meppen-Versen war: https://www.noz.de/lokales/meppen/artikel/126865/haftlinge-mussten-bei-meppen-panzergraben-ausheben#gallery&0&0&126865

Webseite der Gedenkstätte KZ Neuengamme
https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de

Webseite des Emslandlagers XII Dalum
https://www.diz-emslandlager.de/lager/lager12.htm

Moor ohne Grenzen – Webseite der Gemeinde Geeste über die Gräber der in den Emslandlagern Dalum und Groß-Hesepe Umgekommenen https://www.moor-ohne-grenzen.de/aktuelle-projekte/tourismus-umweltbildung-freizeit-kultur/historische-spuren-der-lager-in-geeste/

Artikel in der New York Times über die Entscheidung in Memphis
https://www.nytimes.com/2020/03/05/us/friedrich-karl-berger-nazi-concentration-camp.html

Artikel in der New York Times über die Hintergründe des Urteils
https://www.nytimes.com/2020/03/07/us/Friedrich-Karl-Berger-nazi-guard.html

-.-.-.-

Noch eine persönliche Bemerkung:
Nach der sog. Einebnung des Emslandlagers XII Dalum sind von diesem Ort des Grauens nur noch ganz wenige Reste verblieben. Das Foto oben zeigt eine alte Transformatorenstation und drei Pfeiler des Eingangstores. Sonst gibt es nichts. Auf dem nur wenige Kilometer entfernten Gelände des Emslandlagers XI Groß Hesepe, das seit Jahrzehnten eine Außenstelle der JVA Lingen ist, befindet sich direkt vor dem Tor der Anstalt noch eine einzige historische Baracke aus der NS-Zeit, die aber nicht erhalten wird sondern dem systematischen Verfall ausgesetzt ist.

Dieser Umgang mit einem steinernen Zeugnis von Gewalt, Rassismus und Rechtlosigkeit ist eine geschichtslose Schande für das Land Niedersachsen, den Landkreis Emsland und auch die Gemeinde Geeste. Wann geschieht etwas, um sie als Mahnmal zu erhalten?


Foto: Eingangsbereich zur früherem Emslandlager XII Dalum; Aufnahme von CC Frank Vincentz CC BY-SA 3.0 via wikipedia; unten: Grafik Emslandlager XII Dalum

Eva Stories

2. Mai 2019

Der instagram-Account Eva Stories erzählt furios die Geschichte eines jungen Mädchens während des Holocausts und zwar so, als ob es damals Smartphones und Instagram gegeben hätte. Eva, deren Geschichte zu sehen ist, gab es wirklich. Der Account basiert auf den Tagebüchern von Éva Heyman, einer 1931 geborenen ungarischen Jüdin. Im Herbst 1944 wurde sie in Ausschwitz ermordet. Vor der Deportation in das Vernichtungslager hatte sie ihr Tagebuch einem Nachbarn gegeben.

In insgesamt 70 Instagram-Stories, kurzen Video- und Bildergeschichten, wird das Schicksal Eva Heymans vom Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn bis zur Deportation nach Auschwitz erzählt. Die 13-Jährige wird von einer Schauspielerin dargestellt, die das Geschehen selbst filmt. Die Eva-Stories wurden komplett mit dem Smartphone aufgenommen.

Der israelische Tecnologieh-Millionär Mati Kochavi ha -unterstützt von seiner Tochter Maya- dieses Tagebuch für Instagram in Bilder umsetzen lassen. Gedreht wurde in der Ukraine, über 400 Menschen waren beteiligt. die Reaktionen auf das Projekt sind nicht nur positiv. Yad Vashem, das offizielle Holocaust-Gedenk-Zentrum Israels, zeigte sich dem Projekt gegenüber offener als traditionelle israelische Medien: Social Media zur Erinnerung an den Holocaust zu verwenden sei „legitim und wirkungsvoll“, schrieb die New York Times.

Auf Twitter tauschen sich Nutzer*innen unter #evastories über das Filmprojekt aus und diskutieren darüber. „Großartiges Projekt“, „ein ganz neues Genre“ oder „unglaublich kreativ und bewegend“, heißt es dort. Doch auch Fragen wie „Trivialisierung oder neuer Weg?“, werden gestellt. Ein Twitter-Nutzer schreibt: „Was mir übrigens fehlt, ist eine Reflexion darüber, für wen Eva die Stories macht. Sie bekundet zwar irgendwann ihren Willen, alles dokumentieren zu wollen, aber für wen bleibt unklar. Wer sollen denn ihre Follower sein?“

Anscheinend aber geht das Vorhaben der Macher*innen des Projekts auf: Evas Geschichte auf Instagram sorgt derzeit für viele Diskussionen und erzeugt eine Aufmerksamkeit für den Holocaust, also für etwas, das niemals vergessen werden darf.

mehr…

(Quellen: Tagesschau, ze.tt, Bento)

the truth

16. Januar 2019

Mit der vor zwei Jahren gestarteten Kampagne „The Truth Is Worth It“ traf The New York Times in Zeiten von Donald Trump, Fake News und gesellschaftspolitischen Unruhen den Nerv. Jetzt beweist die Zeitung mit einem neuen Film, dass die Kampagne noch immer Relevanz und Aktualität beinhaltet.

„Resolve“ heißt der neue Zweiminüter, der der bekannten, fragmenthaften Mechanik der bekannten „Truth“-Kampagne folgt. Wieder liegt der Fokus thematisch auf dem außerordentlichen Mut, den viele Reporter aufbringen müssen, um der Wahrheit hinter einer Geschichte auf die Schliche zu kommen. Dazu erzählt die New York Times mithilfe von stichpunktartigen Tastaturanschlägen von den Recherchen einer Journalistin in Myanmar, wo die Regierung Informationen über den Genozid an dem Volk der Rohingya zurückhält und verhindert.

The Truth is Worth It

2. November 2018

Follow a New York Times reporter’s journey as she uncovers the stories of separated migrant families.

Learn more: https://nyti.ms/2D8SC1s

Read the full investigation: https://nyti.ms/2qOS9sI

Subscribe to The Times: https://nyti.ms/2z9IX6f

[Die „New York Times“ setzt ihre im vergangenen Jahr gestartete Kampagne unter dem Motto „The Truth is Hard“ fort, in der die tägliche Suche nach der Wahrheit im Mittelpunkt steht. Während die renommierte Tageszeitung zum Auftakt auf die überragende Bedeutung der Wahrheit aufmerksam machte, stehen in den neuen Spots die aufwändigen Recherchen der Redaktion im Mittelpunkt.

Die aktuellen Spots sollen in erster Linie den Aufwand verdeutlichen, der hinter dem preisgekrönten Journalismus der „New York Times“ steht. In dem 2-minütigen Spot „Perseverance“ (zu deutsch: „Ausdauer“) geht es zum Beispiel um die monatelangen Recherchen über die Trennung von illegalen Immigranten v…

Der Claim „The Truth Is Worth It“ soll dabei verdeutlichen, dass die Wahrheit die aufwändigen Recherchen der „NYT“ rechtfertigen, aber auch klarmachen, dass guter Journalismus Geld kostet. Die beiden Spots „Perseverance“ und „Rigor“ sind die beiden ersten einer ganzen Reihe neuer Videos. gefunden bei Horizont.net]

Inside the 18-month New York Times investigation that revealed how the president engaged in dubious tax schemes in the 1990s.

Learn more: https://nyti.ms/2D8SC1s

Read the full investigation: https://nyti.ms/2xSIq8K

Subscribe to The Times: https://nyti.ms/2z9IX6f

Fidelio

13. Mai 2018

Few opera choruses are as moving as the one a group of prisoners sings in Act I of Beethoven’s “Fidelio.” Released temporarily from their cells, the inmates almost whisper a hymnlike paean to liberty: “Oh, what a joy to breathe freely again in the open air.”

The transformation from oppression to freedom is at the core of “Fidelio,” which the small, adventurous company Heartbeat Opera is presenting through May 13 at the Baruch Performing Arts Center in Manhattan. There, the recently recorded voices of choirs from Midwestern correctional facilities will join together in Beethoven’s soaring Prisoners’ Chorus.
Heartbeat Opera collaborates with 6 prison choirs in Iowa, Ohio, Kansas, and Minnesota for its new adaptation of Beethoven’s FIDELIO. More than 100 incarcerated singers and 70 volunteers raised their voices in a new SATB arrangement of the iconic „Prisoners‘ Chorus.“ Director/Adaptor Ethan Heard and Music Director/Arranger Daniel Schlosberg visited four choir rehearsals. (Quelle: New York Times)

Milchmann

3. Dezember 2017

Mein Verhältnis zu den emsländischen Monopolzeitungen des NOZ-Verlages war bekanntlich noch nie das Beste. Mich stört, wie die Lokalpresse nämlich auf geradezu einzigartige Weise diese emsländische Opfermentalität transportiert, nach der jede Kritik – zumal von außen – erst einmal ungerecht und falsch ist. Hart gesagt: Sie klärt im Zweifel nicht auf, sondern bestärkt die emsländischen Leserinnen und Leser regelmäßig darin, Opfer solcher Zeitgenossen zu sein, die der Sache nur Übles wollen, weil sie gegen das Emsland und die Emsländer sind.

Da gibt es als aktuelles Muster den LT/MT/EZ-Bericht über den „Papenburger Landwirt Otto Westrup“, den das Amtsgericht Papenburg gerade per Strafbefehl wegen Tierquälerei verurteilte. Über ihn berichten die NOZ-Emslandausgaben in ihrem Aufmacher am vergangenen Freitag: „Der Papenburger Landwirt Otto Westrup wehrt sich gegen den Vorwurf, zwei Milchkühe auf einer Wiese gequält zu haben.“ Und die NOZ schreibt: „Die Vorwürfe, die der Landkreis Emsland, die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Landwirtschaftsstrafsachen in Oldenburg und die Tierrechtsorganisation Peta gegen ihn erheben, nennt Westrup ’nachweisbar falsch, absurd und perfide‘.“

Das Problem bei dieser Berichterstattung über den tapferen Landwirt ist allerdings, dass genau das Gegenteil der Westrup’schen Aussagen rechtskräftig festgestellt ist: Das Amtsgericht Papenburg hat den Nebenerwerbslandwirt wegen Tierquälerei verurteilt. Da mutet es schon seltsam an, wenn trotzdem die NOZ  mit der Botschaft unterwegs sind, der Mann sei ein emsländischer Bauer, der sich gegen Ungerechtfertigtes wehrt.

Die taz berichtete am vergangenen Freitag über denselben Betrieb ganz anders und zwar so:

Die Bilder sind schwer zu ertragen: verdreckte Kuhkadaver, abgetrennte Vorderläufe und abgemagerte Rinder, die auf der Wiese herumliegen, zu schwach um aufzustehen. Die Tierrechtsorganisation Peta veröffentlichte jetzt Fotos von einem Milchbauernhof im Landkreis Emsland, um damit auf die Verwahrlosung und das Elend der Tiere aufmerksam zu machen.

Den Landwirt hat Peta wegen zahlreicher mutmaßlicher Verstöße gegen das Tierschutzgesetz und die Tierschutznutztierverordnung bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück angezeigt. „Die Tiere müssen schleunigst beschlagnahmt werden. Wir fordern die Behörden dringend auf, gegen den Tierquäler vorzugehen“, sagt Peta-Sprecherin Lisa Wittmann.

Bei dem Milcherzeuger handelt es sich um einen Zulieferer für das bundesweit größte Molkereiunternehmen Deutsches Milchkontor (DMK). Das wiederum hat erst jetzt die Zusammenarbeit mit dem Landwirt beendet. Obwohl laut Peta bereits wiederholt ähnliche Zustände von AnwohnerInnen auf dem Hof beobachtet worden sein sollen. Der Landwirt kümmere sich nicht um die Tiere und lasse sie im Freien verhungern. „Kühe und Kälber auf diesem Hof in Papenburg sollen weder ausreichend gefüttert noch tierärztlich versorgt werden – offenbar sterben sie über Tage hinweg einen grausamen Tod“, sagt Wittmann.

Bei den Fotos handelt es sich… [weiter hier]

Und noch mehr, vor allem eindrucksvolle Fotos über den „minder schweren Fall“, findet sich hier.

Die Beendigung der Lieferbeziehung durch das Deutsche Milchkontor (DMK) thematisiert zwar auch die NOZ – jedoch letztlich anders herum. DMK „schließt derweil nicht aus, dass es kurzfristig wieder zu einer Aufnahme der Zusammenarbeit mit dem Landwirt kommt.“  Die Botschaft an die emsländische NOZ-Leserschaft lautet subtil: Das wird schon wieder für den Emsland-Milchmann und die Lokalzeitungen zeigen einen aufrecht stehenden Landwirt mit festem Blick, der seinen Arm geradezu väterlich auf die Kuh legt und ein Bild, bei dem abgelassene Milch Otto Westrups Schuhe umfließt. Die Botschaft: Hier wird jemand zu Unrecht von Leuten angegriffen, die mit dem Emsland nichts am Hut haben. Fotos der gequälten Tiere fehlen.

Weshalb ich an diesem Sonntagabend darüber schreibe?
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat heute in einer bemerkenswerten, klaren Rede über Pressefreiheit und Aufklärung bei der Verleihung des Marion-Dönhoff-Preises der ZEIT an die „New York Times“ über den Sturm auf die Augsburger Synagoge 1938, den heute 87jährigen Walter Jacob und einen anderen Milchmann gesprochen. Er sprach über Informiertsein und die Aufklärung als Aufgabe der Presse. Dann setzte Steinmeier hinzu:

Es ist nicht nur ein großes Glück, frei und unabhängig informiert zu sein – nein, es ist überlebensnotwendig für die Demokratie! Und deshalb ist das Informieren die Berufsehre des Journalisten – aber mehr noch: Informiert zu sein ist Bürgerrecht – und ich glaube, Bürgerpflicht!

Das, liebe NOZ-Leute, könnte doch ein Ziel sein, das anzustreben sich wirklich lohnt: frei und unabhängig informieren. Zum Beispiel über Fakten und Missstände – auch wenn sie sich im Emsland zutragen.

 

(Foto: © Peta)