dazu nichts!

7. Januar 2019

Die Besucher des gestrigen „Bürgerempfangs“ in der Lingener Halle IV haben eine einstündige OB-Rede gehört, die all denen gefallen haben dürfte, die ein entschlossenes „Weiter so!“ für richtig halten. Ich fand sie nicht wegweisend.

Schon dass der OB in seiner Rede weder die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer noch die Gewerkschaften erwähnte, war ein schwerer Lapsus; ohne diese wäre der (wirtschaftliche) Aufschwung nicht denkbar, den Krone lobte, der dem Amtsinhaber aber in den Schoß gefallen ist, wie es FDP-Mann Dirk Meyer unlängst gesagt hat. Statt dessen lobte Krone die Unternehmer und versprach ihnen, sie so weiter zu subventionieren wie bisher.

Dann schwieg Krone aber – zur Integration der Zuwanderer, zur Sorge und Hilfe für die Flüchtlinge, zur Weigerung, Lingen zu einem sicheren Hafen zu machen. Es gab kein Wort zu kommunalem Klimaschutz, nichts zum europäischen Gedanken und der Verpflichtung, die daraus auch für unsere Stadt erwächst. OB Krone sprach auch nicht über die Armen in unserer Stadt. Dass der Sport und seine gesellschaftliche Kraft nicht vorkamen (das Vereinsjubiläum von Olympia Laxten ausgenommen) war bemerkenswert. Noch mehr aber war dies das völlige Fehlen jeglichen gesellschaftlichen Diskurses. Die Debatte über die Erinnerungskultur und die Pläne fehlten, sie durch ein Museum zur Erinnerung an einen Rennfahrer und SS-Offizier zu beschädigen. Bei welch‘ anderer Gelegenheit als bei einem kommunalen Neujahrsempfang hat ein Stadtoberhaupt die moralische Verpflichtung, darüber zu sprechen und Maßstäbe zu setzen. Der OB sprach stattdessen über Sting, Trump, Macron und Merkel. All dies sind Versäumnisse seiner Neujahrsrede, über die man nicht hinwegsehen kann, nur weil es der Stadt gegenwärtig gut geht.

Krone versprach neue „Baugebiete“ mit 600 Bauplätzen „in den nächsten Jahren“. Und die digitale Vernetzung von vier Ampeln am Konrad-Adenauer-Ring, um die Verkehrs- und Stauprobleme in der Stadt zu lösen. Tja…

Der OB sprach gestern also über Quantität, die für ihn im Mittelpunkt steht. Er sprach aber nicht über die Qualität in der Entwicklung Lingens.

Dabei sind die wirklichen, qualitativen Zukunftsfragen allgemein bekannt: Wohin soll sich unsere Stadt entwickeln? Was sind unsere Ziele? Immer mehr oder immer besser? Nachhaltigkeit? Klimaschutz? Gemeinsinn? Verantwortung für kommende Generationen? Krone sagte zu all dem nichts.

OB Krone nannte keine eigenen Ziele, wohin er die Stadt steuern will. Ein Trick: Wer nämlich keine solchen Ziele nennt, kann künftig nicht daran gemessen werden, ob er diese Ziele auch erreicht und verwirklicht hat, oder eben nicht.

Rang 5

8. Januar 2017

RathausOK, OB Krone ist ein Verkäufer. Er verkauft vor allem sich. Heute beispielsweise beim Neujahrsempfang der Stadt in der Halle IV. Die meisten der 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben geglaubt, dass er das selbst geschaffen hat, was er als Leistungsbilanz vortrug.

  • Da gab es mindestens diese Dinge, die anzumerken sind: Der persönlich begrüßte Bernd-Carsten Hiebing ist nicht „unser Landtagsabgeordneter“. Der heißt Heinz Rolfes und kommt aus Clusorth-Bramhar, war aber nicht da.
  • Lingen ist nicht nach Oldenburg und Osnabrück die nächstgrößere Stadt in Weser-Ems. Da haben die Wilhelmshavener und auch die Delmenhorster etwas dagegen. Beide Weser-Ems-Kommunen bringen jeweils rund 20.000 Einwohner mehr auf die Bevölkerungswaage als unsere Stadt. Lingen ist also auf Rang 5.
  • Zweifelhaft erscheint auch Krones Aussage, wonach Lingen mehr Theaterabos habe als die Nachbarstädte Papenburg, Meppen, Nordhorn und Rheine zusammen. Ich hab‘ vergeblich ein wenig recherchiert, denn tatsächlich halten die anderen Städte ihre Abo-Zahlen seltsam unter Verschluss.
  • Wenn Krone schon ausdrücklich „die Unternehmer“ gleich mehrfach lobte, hätte es dem OB gut angestanden, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu erwähnen, ohne die jeder Unternehmer und jedes Unternehmen nichts wäre.

Und dann die Plattitüde: „Ich habe überhaupt nichts gegen Kritik. Aber sie muss konstruktiv sein.“ So einleuchtend dieses Krone-Argument auf den ersten Blick klingt, so unklug und potenziell gefährlich ist es. Der durchsichtige taktische Schachzug: Der Kritisierte definiert die Bedingungen, unter denen Kritik zulässig ist, und macht sich zugleich zur höchsten Instanz in der Frage, ob die Kritik zulässig („konstruktiv“) war. Damit begibt sich der Kritisierende in die Hand des Kritisierten. Also: Ein rhetorisches Quatsch-Argument.

Vor allem aber fehlten der OB-Rede einmal mehr die Ziele und Perspektiven für das nächste Jahrzehnt. Wohin soll die Reise gehen? Sicherlich nicht zu neuen denkmalgerechten Fenstern im Bahnhof und einer neuen Wirtschaftsloge („mit verschiebbaren Wänden“) in der EmslandArena. Die zentralen Fragen sind: Was kommt nach 2022 und dem Ende der Atomkraft? Wie integrieren wir Zuwanderer?

Wie gesagt: OB Krone ist ein Verkäufer. Er verkauft vor allem sich. Ein Ziel hat er aber bisher nicht zu entwickeln vermocht, wohin sich Lingen entwickeln soll.

 

 

leichte Kost

9. Januar 2011

Nun habe ich alter Kritiker ja angekündigt, dem neuen OB Dieter Krone die Schonfrist von 100 Tagen zu gewähren. Heute fällt mir dies reichlich schwer. Denn ich bin enttäuscht vom  Neujahrsempfang in der historischen Wilhelmshöhe zurück, an dem gemeinsam mit mir weitere 800 Lingenerinnen und Lingener teilnahmen. Heiner Pott war auch da, und ich hab ihm anschließend gesagt, diese Neujahrs-Rede des Neuen hätte er auch halten können. Anschließend durften die Jung-Unionisten bei Twitter jubeln, „TOP – Krone stellt CDU-Politik der letzten Jahre vor.“

Die Fehlgriffe Krones, den Lingener Bahnhof als Hauptbahnhof , die Wasserrutsche als Längste im Emsland zu bezeichnen,  und die lockere  Übertreibung, Lingen werde einer „der schönsten Hochschulstandorte Deutschlands“  – geschenkt.

Meine Enttäuschung hatte andere Gründe: Dieter Krone hatte mit einem Woody-Allen-Zitat  begonnen: „Ich denke viel an die Zukunft, weil das der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens zubringen werde.“ Aber dann kam doch eigentlich Vergangenheit. Mit Ankündigungen für die Zukunft war Krone eher sparsam. Der angekündigte „Bildungsgipfel“ war neu, aber sonst? Vielleicht noch die Aufforderung an alle, sich in die Gestaltung Lingens einzubringen. Doch dann verstrickte sich Dieter Krone in eine inventurähnliche Auflistung beschlossener Dinge und verzichtete auf inhaltliche gesellschaftliche Aussagen und  Perspektiven. Neudeutsch: Wieder einmal haben wir bei einem Lingener Neujahrsempfang vor allem eine Aufzählung in Sachen längst bestellter Hardware gehört und nur ganz wenig zu entwickelnder Software. Rätselhaft für mich, weshalb in Zeiten von Dioxin und Kohlendioxid kein Wort zur natürlichen Umwelt zu hören war, zu den Stadtwerken. Wie wollen wir die Stadt entwickeln? Wie halten wir es mit der Zuwanderung? Mit der Kultur? Was wird weshalb mit dem Altenlingener Forst? Auch die Massentierhaltung und die Ulanenstraßendiskussion ließ Dieter Krone aus. Wer gar jenseits dieser Projekte und Probleme auf Antwort, Erklärung und Wegweisung gehofft hatte, sah sich enttäuscht. Lingen1 twitterte irritiert. „Neujahrsempfang in Lingen! Welchem Zweck dient das nochmal? ;D“

Auf die Umstehenden wirkte der anschließende „virtuelle Stadtrundgang“  wie eine Mischung zwischen Reiseführer und Grundschulklasse. Ganz leichte Kost. Auch die bestellten, gesammelten und wohl auch vorbereitend-geprüften Fragen an die drei Dezernenten blieben unverbindliche Plauderei und gewannen nur durch die Moderation des einmal mehr souveränen Marko Schnitker (Ems-Vechte-Welle). Nur  die Lingener  Zucchini Sistaz – wenn der Neujahrsempfang den Zweck hatte, diese „Frauenpower  mit  Genuss“  (Krone) weiter bekannt zu machen, dann hat das jedenfalls zu recht geklappt. Aber sonst…

Nachtrag:
Hier die OB-Rede im Wortlaut.

Abgeschafft

9. Dezember 2010

Die Stadt schafft den traditionellen Neujahrsempfang ab. Nach einer Mitteilung der Ems-Vechte-Welle lädt  nunmehr „die Verwaltung“ am  zweiten Januarsonntag, in den Saal der Wilhelmshöhe ein. Dort soll es dann eine Diskussionsrunde mit Bürgern zu aktuellen Themen geben. Neben Oberbürgermeister Dieter Krone stellen sich auch die Dezernenten den Fragen der Menschen. Besonders bemüht wirkt diese Aufforderung: Interessierte können schon jetzt Themenfelder für die Diskussion im Rathaus anmelden. Die Diskussion wird geleitet von Ems-Vechte-Welle-Redakteur Marko Schnitker.
Wir hatten derlei Versuche schon einmal – vor gefühlt 15 Jahren, als aus dem traditionellen Neujahrsempfang eine Tralala-wie-lustig-Präsentation mit Bauchredner und ähnlichem wurde. Jetzt also Interviews mit städtischen Dezernenten. Muss nicht, geht nicht.

Denn ein Neujahrsempfang der Stadt ist kein Podiumsgespräch mit Dezernenten oder  ein Interview von Verwaltungsmitarbeitern. Beides hat nichts miteinander zu tun und ich kann mir auch -direkt und offen gesagt- Schöneres vorstellen, als mir auch noch in dem notwendigen festlichen Rahmen die Mitteilungen eines ganz bestimmten Dezernenten anzuhören.

Um es anders zu sagen: Der  Neujahrsempfang  unserer Stadt ist ein festlicher Empfang, auf dem der Oberbürgermeister als gewählter oberster Repräsentant der Bürgerschaft Rückblick und Ausblick zugleich gibt. Das wünsche sicherlich nicht nur ich  durch den neu gewählten Oberbürgermeister Dieter Krone.

Nachtrag (vom 10.12.2010):
Inzwischen hat die Presseabteilung der Stadtverwaltung den kleinen Faux-pas bemerkt, den ich einleitend erwähnt habe. Also heißt es jetzt hier offiziell:

Die Stadt Lingen lädt alle Bürgerinnen und Bürger am 9. Januar zu einem Bürgerempfang zu Neujahr in den Saal Wilhelmshöhe in Lingen ein. Oberbürgermeister Dieter Krone und die Dezernenten, der Erste Stadtrat Dr. Ralf Büring, Stadtkämmerin Dr. Claudia Haarmann und Stadtbaurat Georg Lisiecki, werden während des Bürgerempfang in einer offenen Gesprächsrunde Stellung zu aktuellen Themen der Stadt beziehen. …

Nota bene ein bisschen protokollarische Nachhilfe:
Die große selbständige Stadt Lingen (Ems) führt den Namen „Stadt Lingen (Ems)“.“
(§ 1 Abs. 1 Hauptsatzung der Stadt Lingen (Ems) )

(Foto: gernhaex, CC)