Erdbeben / NL

18. Januar 2018

Nachdem die Erdgasförderung in der Provinz Groningen (Wappen lks) am 8. Januar erneut zu starken Erdbeben geführt hatte,  fand am vergangenen Dienstag in der Tweede Kamer eine Debatte über die Schadensvergütung der Erdbebenschäden in Groningen statt. Eric Wiebes, der niederländische Minister für Wirtschaft und Klima, fordert eine vollkommen unabhängige Anlaufstelle für die Schadensvergütung der Erdbebenschäden für die Bewohner Groningens.

Wie bereits berichtet, wurde Groningen am 8. Januar erneut von einem Erdbeben erschüttert und dieses Erdbeben hat erneut Schäden an den Groninger Gebäuden verursacht. (Nähere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.) Schon im Jahr 2012 hatte es das bis dahin schwerste Beben mit einem Wert von 3,6 auf der allgemeinen Richterskala gegeben, wodurch die Beben, die durch Erdgasförderung entstehen, erst als ernsthaftes Problem wahrgenommen wurden. Damals gingen 80.000 Schadensmeldungen ein, von denen zum jetzigen Zeitpunkt ungefähr 70.000 bearbeitet wurden. Um eine Schadensvergütung zu erhalten, müssen die Anwohner langwierige Prozeduren über sich ergehen lassen, bei denen die Schäden unter anderem von der Nederlandse Aardolie Maatschappij, kurz NAM (dt. „niederländische Erdöl-Gesellschaft“) untersucht werden. Die NAM ist allerdings genau das Unternehmen, die das Erdgas fördert. Die niederländische Tageszeitung NRC Handelsblad fasst diesen Umstand folgendermaßen zusammen: „Dies machte auf die Bürger den Eindruck, als würde der Metzger sein eigenes Fleisch überprüfen.“

Am 31. März 2017 stieg die NAM aus der Schadensabwicklung aus, da alle Parteien davon überzeugt waren, dass das Unternehmen, das das Gas fördere, nicht auch über den Schaden urteilen dürfe. Im April 2017 wurde darüber beschlossen, ein neues „Schadensprotokoll“ zu entwickeln, das nach drei Monaten hätte fertiggestellt sein sollen. Das neue Schadensprotokoll soll festlegen, wie durch die Erdgasförderung entstandene Schäden wieder instand gesetzt werden und erstattet werden sollen. Doch die seit April 2017 gemeldeten Schäden wurden bisher nicht bearbeitet.  Der nationale Koordinator Groningens, Hans Alders, sollte bei der Entwicklung des neuen Schadensprotokolls Regie führen, doch das neue Protokoll ist noch immer nicht fertig. Die Groninger selbst würden eine staatliche Lösung begrüßen. Sie wünschen sich einen Schadensfonds, bei dem der Staat die Verantwortung der Schadensvergütung trägt.

Für Eric Wiebes ist das schnelle Zustandekommen eines Schadensprotokolls von höchster Priorität. Er forderte in der Debatte der Tweede Kamer eine vollkommen unabhängige Anlaufstelle für die Schadensvergütung der Erdbebenschäden für die Bürger Groningens. Wiebes zufolge sei die Schadensvergütung weder eine Sache der NAM, noch eine Sache des Staates. Ein Großteil der Tweede Kamer forderte ein neues Schadensprotokoll zum 1. Februar, doch Wiebes hält das für unrealistisch. Premierminister Rutte suchte die Schuld für die Verzögerung der Bearbeitung der Erdbebenschäden bei der lang andauernden Kabinettsbildung und erntete dafür im Kabinett viel Kritik, doch auch Eric Wiebes sah darin den Grund für die Verzögerung. Am Ende der Debatte war noch immer nicht ganz deutlich geworden, warum die Bearbeitung der Erdbebenschäden so lange nicht fortgeführt worden war.

Am Dienstag waren der Interessenverband Groninger Bodem Beweging, kurz GBB, und der Groninger Gasberaad (dt. „Groniger Gasberatung“) an der Debatte mit dem Ministerium für Wirtschaft und dem nationalen Koordinator Groningens, Hans Alders, beteiligt. Die Interessenverbände gaben zu verstehen, dass sie kein Vertrauen mehr in ein neues Schadensprotokoll hätten, da unter anderem die NAM zu viel Einfluss darauf haben würde. Dem widersprach Wiebes. Das Schadensprotokoll solle nichts mit der NAM zu tun haben. Das Protokoll sei dazu da, die Schadensvergütung zwischen den zwei beteiligten Parteien abzuwickeln – der Partei, die den Schaden hat und der Partei, die für den Schaden verantwortlich ist. Die NAM ist die Partei, die den Schaden verursacht hat und deshalb werde das neue Protokoll die Schadensvergütung ohne die verantwortliche Partei abwickeln. Wiebes will allerdings auch vermeiden, dass der Staat seine Finger bei der Schadensvergütung im Spiel hat.

Die Bürger sind mit diesem Vorschlag nicht zufrieden. Jelle van der Knoop, der Vorsitzende der GBB, bemängelte gegenüber dem Rundfunksender RTV Noord, dass die Provinz Groningen in Zusammenarbeit mit mehreren Gemeinden und Interessengemeinschaften einen Vorschlag zur Schadensvergütung eingereicht habe, der jetzt völlig ignoriert werde. Das neue Schadensprotokoll weiche vom eigenen Vorschlag stark ab.

Die Groninger hatten von der Debatte der Tweede Kamer sowieso nicht viel erwartet, doch trotzdem nahmen einige Bürger den Weg nach Den Haag auf sich, um der Debatte beiwohnen zu können und verfolgten dabei vor allem ein Ziel: Sie wollten ein Zeichen setzen. Die Bürger Groningens haben die Nase voll. So reisten die Bürgerinitiative Houd Groningen Overeind und die GHB mit zwei Bussen an, um die öffentlichen Ränge in der Tweede Kamer zu füllen und das über die Jahre hinweg gewachsene Misstrauen in die Politik zu demonstrieren.

Da nicht nur die noch nicht bearbeiteten Schäden aus den letzten Jahren, sondern auch die zahlreichen neuen Schäden möglichst schnell bearbeitet werden müssen, ist es im Interesse aller, möglichst schnell zu einer Lösung zu kommen und ein neues Schadensprotokoll aufzustellen. Wie zufrieden die verschiedenen Parteien mit dem neuen Protokoll jedoch sein werden, wird sich dann zeigen.

→ Die Aktivisten der GBB haben inzwischen zu eimer Großdemonstration „Genug ist Genug“ für diesen Freitag auf dem Fischmarkt (Vismarkt) in Groningen aufgerufen. Beginn: 19.30 Uhr. Erwartet werden mehrere tausend Einwohner.

 

(Quelle:  NiederlandeNet)

Erdbeben

10. Januar 2018

In der benachbarten niederländischen Provinz Groningen bebte vorgestern gegen 15.00  die Erde. Wieder einmal. Es war das heftigste Erdbeben seit 2012. Sogleich entbrannten wieder heftige Diskussionen um die Erdgasförderung in der Region.

In den letzten Jahren hatte es eigentlich ganz gut ausgesehen. Die Intensität der Erdbeben hatte in Groningen sukzessive abgenommen, nachdem die Erdgasförderung in Folge des schweren Erdbeben 2012 in Huizen halbiert worden war – von 53 Milliarden Kubikmetern auf nur noch 21,6 Milliarden pro Jahr. Am Montag allerdings wurde Groningen vom zweitgrößten Beben, das die Region jemals erlebt hat, erschüttert. Das Epizentrum lag in Zeerijp, einem 440-Seelendorf im Norden der Provinz. Das Beben lag dort bei 3,4 auf der allgemeinen Richterskala und war noch 20 Kilometer weiter südlich in der Großstadt Groningen deutlich zu spüren.

Da die Anzahl der mittleren bis starken Erdbeben, im Zusammenhang mit der verminderten Erdgasförderung seit 2014, zunächst tatsächlich abgenommen hatte, erwischte das jetzige Beben viele Groninger auf dem falschen Fuß. Koos Cleveringen sagte der Tageszeitung des Volkskrant beispielsweise: „Ich dachte, dass durch die Verminderung der Erdgasförderung solch starke Beben nicht mehr vorkommen würden. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.“ Wie ihm ging es vermutlich vielen Anwohnern, die am Montag von dem Beben überrascht worden waren, zumal das Abpumpen des Erdgases rund um die Gemeinde Loppersum, in der sich das Dörfchen Zeerijp (Bild unten: Pfarrhaus von Zeerijp, ©2018 De Pastorie Zeerijp) befindet, bereits vor längerer Zeit vollständig eingestellt wurde. Auch der Kommissar des Königs der Region, René Paas, zeigte sich überrascht: „Es wird auf einen Schlag deutlich, dass es ein Irrglauben ist, dass die Erde in Groningen ruhiger wird.“

Der Bürgermeister von Loppersum, Albert Roodenboog, sagte Montagnachmittag: „Ich hatte die leise Hoffnung, dass der Boden zur Ruhe gekommen ist, bis heute drei Uhr. Das ist ein schwerer Schlag.“ Das einzige, was seiner Ansicht nach langfristig Sicherheit für die Region bringen könne, sei die Einschränkung der Erdgasförderung auf dem gesamten Abpumpgebiet. Er wendete sich auch direkt an die an der Erdgasgewinnung beteiligten Unternehmen: „Ich appelliere an die Anteilseigner der NAM (Nederlandse Aardolie Maatschappij), Shell und ExxonMobil, um für die Sicherheit der der Groningerinnen und Groninger zu bürgen.“ Die NAM ließ am späten Montagnachmittag wissen, dass sie die Vorkommnisse bedauere und diese noch analysieren werde. Das wird die Niederländische Erdöl-Gesellschaft auch müssen, denn das Bergamt (Staatstoezicht op de Mijnen) hat bestimmt, dass die NAM den Vorfall innerhalb von zwei Tagen analysieren und Maßnahmen erarbeiten muss.

Unterdessen ließ Eric Wiebes, Wirtschaftsminister der Niederlande, verlauten, dass die Gasgewinnung in Groningen innerhalb dieser Legislaturperiode maximal zurückgeschraubt werden müsse „was auch immer uns dazu einfallen wird – wir müssen die Erdgasgewinnung runterregulieren.“ Wiebes wird der Regionheute einen bereits länger geplanten Besuch abstatten. In der Tweede Kamer wurde bereits eine Debatte zum Thema angefragt. Selbst wenn die Erdgasgewinnung jedoch immer weiter zurückgefahren oder gar irgendwann vollständig eingestellt würde, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, dass die Erdbeben in Groningen aufhören. Ein halbes Jahrhundert Raubbau unter der Erde zollt schließlich ihren Tribut. So warnt auch der flämische Geologe Manuel Sintubin, dass das Zusammenspiel zwischen dem Niveau der Gasgewinnung und der Stärke der Erdbeben schlichtweg zu undurchsichtig sei, um sichere Aussagen zuzulassen. Dies sei sogar dann der Fall, wenn die Politik sich dazu durchringen würde, die Erdgasförderung, die den Niederlanden immerhin über Jahre hinweg einen nicht geringen Wohlstand beschert hat, ganz einzustellen.

Der Schaden, der in Groningen seit dem ersten spürbaren Erdbeben im Jahr 1986 entstanden ist, ist beträchtlich und trotzdem hängen viele Groninger an ihrer Heimat. Sie wollen bleiben. Trotz der Unsicherheit. Trotz den ständigen Querelen um die Schadensvergütung. Immerhin sitzen viele Anwohner der Region noch auf den Kosten von dem letzten Beben, während das Beben vom Montag schon wieder neue Schäden an Haus und Hof verursacht hat. Bis Montagabend 20.00 Uhr waren bereits 316 Schadensmeldungen telefonisch eingegangen, auf welche Höhe sie sich insgesamt belaufen, ist allerdings noch nicht absehbar

Alle 22.000 Häuser im Groninger Erdbebengebiet werden in den kommenden fünf Jahren auf ihre Erdbebenbeständigkeit hin untersucht. Sind die Häuser nicht sicher genug, werden sie verstärkt. Sollten die Kosten für eine solche Maßnahme bei über 50 Prozent des Marktwertes des Hauses liegen, wird das Haus abgerissen und neu aufgebaut. Für viele Groninger – betroffen oder nicht – ist das ein Alptraum. Denn selbst wenn das eigene Haus erdbebensicher ist und man bleiben kann, wird sich viel am Stadtbild ändern. So werden aller Voraussicht nach vor allem ältere Wohnviertel mit historischem Anstrich von den Maßnahmen betroffen sein.

Beben

24. Juni 2015

Die Diskussion bei unseren niederländischen Nachbarn über die Folgen der Erdgasförderung geht weiter. „Da die Erde immer stärker bebte, hatte der niederländische Raad van State die Gasförderung im Gebiet um Groningen bereits im April diesen Jahres gestoppt (mehr…). Gestern nun stellte der niederländische Wirtschaftsminister Henk Kamp (VVD) der NAM (Nederlandse Aardolie Maatschappij), einem Joint Venture aus Shell und Exxon, einen neuen Plan vor. Die niederländische Regierung will die Gasförderung in diesem Jahr auf 30 Milliarden Kubikmeter statt 39,4 Milliarden Kubikmeter herunterschrauben. Kamp stieß damit bei der NAM auf wenig Gegenliebe.

Die Fördermenge zu reduzieren ist aus Sicht der NAM nicht unproblematisch. Sie müsse statt 30, rund 33 Milliarden Kubik Gas fördern erklärte ein Unternehmssprecher, um den Anforderungen des Gasverbrauchs nachkommen zu können. Demgegenüber sieht die Opposition aus GroenLinksSPD66 und CU in der Zweiten Parlamentskammer die Verringerung der Fördermenge als überaus positiv. „Ich möchte dem Minister sagen: Gern weiter so. Ich höre auch gerne schnell etwas von seinen Plänen für 2016, damit man in Groningen länger planen kann als nur ein halbes Jahr“, kommentierte Eric Smaling (SP) die Pläne. Laut Liesbeth von Tongeren (GL) seien 22 Milliarden Kubik völlig ausreichend um den Verbrauch der Menschen zu decken. Auch die CU äußerte sich freudig über diesen Schritt: „Wir müssen weg von unseren fossilen Energien.“ Vom Koalitionspartner PvdA erhielt Kamp ebenfalls Zuspruch.

Anders als für die politischen Parteien war Kamps Plan für die Bürgerinitiativen in Groningen – wie die GBB (Groninger Bodem Beweging) und Schokkend Groningen – lediglich ein „Jonglieren mit Zahlen“ zur Beruhigung der Gemüter. Besonders die Argumentation Kamps, dass die Erdbeben lediglich eine Stärke von 4,5 statt – wie vorher vermutet – 5 auf der Richterskala haben würden, ließen sie nicht gelten. „Ein Erdbeben von 4,5 auf der Richterskala ist immer noch ein enormes Erdbeben. Ein Beben dieser Stärke wird immer noch eine Katastrophe sein“, so ein GBB-Sprecher in der Zeitung Trouw. Zudem zeigte sich die GBB darüber in Sorge, dass die jetzt angekündigten Maßnahmen aufgrund einigen Vorbehalte nicht so umgesetzt würden. „Wir finden es immer noch merkwürdig wenig“, fasste ein GBB-Sprecher zusammen.

Außer der Kritik der örtlichen Aktionsbündnisse tut sich derzeit auch ein eher praktisches Problem auf. Die Gasförderung ist neben den Steuereinnahmen eine der Hauptfinanzquellen für die Staatskasse der Niederlande. Wie die geringen Einnahmen aufgefangen werden können, legte de Volkskrant am Dienstag in einem Artikel dar:

Der erste Ansatz. Weniger Energie zu verbrauchen. Dabei betonte Minister Kamp ausdrücklich, dass Erdgas auch weiterhin maßgeblich zur Energieversorgung betragen würde. Als zweite Möglichkeit sieht de Volkskrant den Import von Gas. Schon jetzt würde man rund 20 Prozent des Gases aus Ländern wie Russland oder Norwegen importieren. Der Ansatz wird jedoch auch häufig kritisch gesehen, da man sich dadurch abhängiger mache. Den Gegenentwurf liefert de Volkskrant auch: Weniger exportieren. Da etwa 60 Prozent des niederländischen Erdgases ins Ausland gehen, könnte man durch Rückgänge an dieser Stelle den eigenen Verbrauch wieder sichern. Zuletzt gäbe es noch die Möglichkeit, den Gesamtaufwand auf viele kleine Gasfelder zu verteilen um den Standort Groningen zu entlasten, ohne Einschränkungen vornehmen zu müssen.“§

(gefunden bei Niederlande.net; Foto: Gasförderung in NL; “Thijs nl uit nl” CC BY-SA 3.0))

#aardbeving

15. April 2015

GasförderungNLNeues aus der nord-niederländischen Provinz: In dem stark von Erdbeben betroffenen Gebiet rund um den Ort Loppersum zwischen der Universitätsstadt Groningen und dem Hafen Delfzijl darf vorläufig kein Gas mehr gefördert werden. Der Raad van State, das  höchste Verwaltungsgericht der Niederlande, untersagte am Dienstag die Produktion an insgesamt fünf Stellen um den Ort mittels einer einstweiligen Verfügung. Nur wenn die Gasversorgung aus anderen Bohrgebieten nicht gedeckt werden könne, dürfe das Verbot aufgehoben werden, heißt es in dem Gerichtsbeschluss.

Die Region im Nordosten der Niederlande ist zunehmend von Erdbeben getroffen worden, die bis zu einer Stärke von 3,6 auf der Richterskala reichten. Zehntausende Schäden waren gemeldet worden. Eine Bürgerinitiative und Politiker verlangten daraufhin ein totales Gasförderverbot. Einen solchen völligen Stopp lehnte das Gericht ab, da sonst die Versorgung des Landes und auch Exportverpflichtungen in Gefahr geraten könnten. Eine endgültige Entscheidung will das Gericht später fällen.

Bildschirmfoto 2015-04-15 um 07.26.52Wirtschaftsminister Henk Kamp (VVD) hatte bisher eine drastische Reduzierung der Gesamtfördermenge abgelehnt. Nach dem Bekanntwerden des Gerichtsbeschluss ordnete er die fast völlige Stilllegung der Gasförderung an, wie die Groninger Zeitung „Dagblad van het Noorden“ berichtete. Das Journal hat auf seiner Internetseite ein umfangreiches Dossier zu den Folgen der Erdgasförderung (Grafik lks) veröffentlicht.

Die Erdgasvorkommen rund um Groningen gehören zu den größten Westeuropas.  Im ersten Halbjahr 2015 sollen 16,5 Milliarden Kubikmeter Gas gewonnen werden. Die Niederlande sind nach Norwegen der größte Gasproduzent Westeuropas. Verantwortlich für die Erdgasförderung ist die Nederlandse Aardolie Maatschappij BV („NAM“), eine Tochter der Großkonzerne Shell und Esso.

Mit dem Twitter-Hashtag #aardbeving kann man sich über aktuelle Entwicklungen (in niederländischer Sprache) auf dem Laufenden halten.

(Foto: Gasförderung in NL; „Thijs nl uit nl“ CC BY-SA 3.0)

verrückt

21. Februar 2015

erdgasfoerderungEin Bericht auf NiederlandeNet über die Auswirkungen der Erdgasförderung im Nord-/Osten der Niederlande, über Hintergründe und Proteste:

Maximaler Gewinn und und bestmögliche Förderungsbedingungen bei den niederländischen Bodenschätzen waren den Verantwortlichen bei der Gasgewinnung in der Provinz Groningen jahrelang wichtiger als die Sicherheit von Anwohnern. So lautet das Ergebnis einer Studie, die der Onderzoeksraad voor Veiligheid (OVV) am Mittwoch veröffentlicht hat. Zornige Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Anlass für die Studie waren viele unterschiedlich starke Erdbeben, die immer wieder durch die Gasgewinnung verursacht wurden. Etliche Gebäude in der grenznahen nordniederländischen Provinz Groningen wurden durch die vielen Erschütterungen beschädigt und der Boden sank an etlichen Stellen spürbar ab. Im Jahr 2012 etwa bebte die Erde dort insgesamt 93 Mal, 2013 wurde diese Zahl mit 96 Erdbeben bereits Mitte September überschritten (NiederlandeNet berichtete). Erst in der vergangenen Woche hatte der für die Erdgasförderung zuständige niederländische Wirtschaftsminister Henk Kamp (VVD) aktuelle verkündet, die Gasförderung bis zur Jahresmitte zunächst einmal herunterzufahren. Als Gründe führte er wachsende Proteste aus der Bevölkerung sowie erneute kleine Erdbeben an (NiederlandeNet berichtete).

Im Text der Studie hieß es, dass mangelhafte Kommunikation in den vergangenen Jahren zu einem beschädigten Verhältnis zu den Groninger Bürgern geführt habe. Die betroffenen Akteure aus Politik und Niederländischer Erdöl Gesellschaft (NAM) müssten das Verhältnis nun reparieren und es müsse viel stärker mit Anwohner über mögliche Risikos der Erdgasgewinnung gesprochen werden. Auch sollte zukünftig nicht mehr nur das Wirtschaftsministerium allein, sondern auch andere Ministerien in Den Haag am Entscheidungsprozess zur Gasgewinnung beteiligt sein.

Politiker und Groninger Bürgerinitiativen reagierten auf die am Mittwoch publizierte Studie entrüstet: „Die Schlussfolgerungen des Berichts ist schlichtweg schockierend“, so William Moorlag, PvdA-Abgeordneter im Groninger Provinzparlament gegenüber RTL Nieuws. Dass man noch im Jahr 2013 eine Rekordmenge an Gas gefördert habe, sei vor diesem Hintergrund ein „grober Skandal“. Groningens Bürgermeister Peter den Oudsten (PvdA) forderte die Einrichtung einer parlamentarische Enquete-Kommission zur Gasgewinnung. Erbost reagierte auch die Grünen-Abgeordnete Liesbeth van Tongeren auf den jetzt veröffentlichen Bericht des OVV: „Der Staat lief blind hinter den Milliarden hinterher und die NAM war blind für unbequeme Fakten über Erbeben und Bodensenkung.“

Bildschirmfoto 2015-02-21 um 23.12.04Vertreter lokaler Bürgerinitiativen forderten nach Veröffentlichung der Studie ein Handeln der Politik. So hofft John Lanting von der Interessengruppe Schokkend Groningen, dass Wirtschaftsminister Kamp nach der Veröffentlichung der neuesten Erkenntnisse nun einen anderen Kurs einschlägt. Selbst werden Lanting und seine Mitstreiter die Arbeit der letzten Zeit ungebremst weiterführen: „Für uns verändert sich nichts. Wir werden auch weiterhin Anzeigen gegen den Minister aber auch den Direktor der NAM erstatten. Sie bringen uns in Gefahr und so müssen sie rechtlich verfolgt werden.“ Dirk Kleijer von der Initiative Groninger Bodem Beweging sieht die jahrelange Arbeit seiner Bewegung und die Gefühle der Groninger Bevölkerung durch die Studie bestätigt: „Groninger liefen jahrelang gegen eine Mauer aus Unverständnis und wurden für verrückt erklärt. Endlich gibt es eine Bestätigung dessen, was wir bereits wussten: Unsere Sicherheit spielte keine Rolle und das ist ein Skandal.“

Mehr zum Thema Gasgewinnung auch im Dossier von NiederlandeNet Energiegewinnung in den Niederlanden.

Die komplette Studie kann hier heruntergeladen werden.

[Foto: Erdgasgewinnung in der Provinz Groningen, Quelle: NAM]