Tichomirow

18. Juli 2010

Tichomirow 20-jährigSicher wissen die meisten  Emsländer nicht einmal, wo Füchtenfeld liegt. Jetzt im Sommer ist es dort idyllisch und die Füchtenfelder beschäftigen sich mit dem Gedanken, ihre Kirche abzureißen. Vor 70 Jahren aber war dort die Hölle. Am Freitag musste ich an diesen Gegensatz denken.  Die MT berichtete nämlich über Dmitrij Sergejewitsch Tichomirow – einen ukrainischen Soldaten der Roten Armee, der Anfang 1942, nur ein halbes Jahr nach seiner Gefangennahme, im Alter von 46 Jahren  im Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager („Stalag“) VI C-Z Wietmarschen,  ein Zweiglager des Stalag VI C  Bathorn nahe Hoogstede elend krepierte.

Das Papenburger DIZ beschreibt auf seiner Internetseite weshalb:

„Wie in allen vergleichbaren Lagern, waren auch in Wietmarschen die Lebensbedingungen für die sowjetischen Kriegsgefangenen äußerst schlecht. Über 2.600 von ihnen, wahrscheinlich noch wesentlich mehr, kamen hier ums Leben. Sie wurden völlig unzureichend ernährt. Fehlender Schutz gegen die Wetterbedingungen und katastrophale hygienische Verhältnisse taten ein übriges um viele dieser Menschen elend verrecken zu lassen. Am Rande des Lagers ist ein Friedhof angelegt worden. Hier sind jedoch nur 150 Beerdigte angeführt, möglicherweise sind viele Tote im umliegenden Moorgebiet verscharrt worden.“

Tichomirow wurde also in Füchtenfeld ermordet. Ein ns-staatlicher Mord, einer von Abermillionen.

Unter einer wenig respektvollen, missglückten Überschrift lenkte die Regionalzeitung jetzt den Blick auf dieses Einzelschicksal, als der Enkel des Ermordeten, der ukrainische  Geschäftsmann Yury Ivanov ins  Emsland kam – mit  Erde aus der Heimat, die er symbolisch am Denkmal der Kriegsgräberstätte Dalum verstreute. Ivanov sagte dann:  „Meine Familie und ich wissen nun, wo unser Großvater seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Ich hoffe, dass irgendwann sein Name und die Namen der vielen Tausend bisher unbekannten Toten, die hier ruhen, auf dem Friedhof in Dalum zu finden sein werden.“ Vor seiner Rückreise übergab er auch ein Foto seines Großvaters, das ihn als Soldat im 1. Weltkrieg zeigt. „Damit ihr nicht nur einen Namen, sondern auch ein Gesicht habt.“

Die Kriegsgräberstätte Dalum kennt keine Gesichter und verschweigt selbst die Namen der Toten. Warum, frage ich, gibt man den  ermordeten Gefangenen nicht ihre Namen?

Steffi

27. April 2010

Schon mehrmals habe ich hier in diesem kleinen Blog gelästert, die höchste Form des emsländischen Protestes sei der Leserbrief an die Lokalpresse.  Bloß was macht man, wenn der gar nicht erst veröffentlicht wird, der wohlformulierte  Leserbrief?

Blogleserin Steffi meinte nun zu mir, es sei an der Zeit, einen eigenen Blog zu schaffen für bzw. besser gegen die Zensuraktivitäten und „den-Leserbrief-veröffentlichen-wir-nicht“-Selbstherrlichkeiten der Lokalpresse. Einen Blog, der genau die kleinen Manipulationen und das Unter-den-Tisch-gefallene veröffentlicht.  Vorbild könnte der BildBlog sein. Das klingt spannend und wäre ein weiteres Stück notwendige Gegenöffentlichkeit.

Meine Frage:
Was meinen Sie, sollen wir uns an einen solchen Blog heranmachen? Mich interessieren Ihre Kommentare!

Verachtenswert

3. November 2009

424733_R_by_Dieter-Schütz_pixelio.deAm vergangenen Sonntag habe ich in einem kleinen Beitrag zur Lingener Krematorium-Diskussion ein paar Bemerkungen über die Würde geschrieben, eigentlich mehr über die Würdelosigkeit, eine Trauerstätte in ein Gewerbegebiet zu bauen. Heute wollte ich mir in meinem Blog eigentlich eine kleine Pause gönnen. Aber jetzt möchte ich meine Betroffenheit äußern. Die Emslandausgaben der Neuen Osnabrücker Zeitung NOZ berichten heute über den Tod einer Autofahrerin gestern auf der A 31, dass es ein tragischer Unfall gewesen sei, „aus unbekannter Ursache“, es wird über den schwer verletzten Mann geschrieben, einen nicht verletzten Lkw-Fahrer und 15000 Euro Sachschaden und dann wörtlich: „Bildergalerie unter lt-, ez- bzw. mt-net.de/bildergalerie“.

Wie bitte?! Bildergalerie? Ein  „Klicken-Sie-mal-rein-in-den-Tod“? Wer braucht diese „Bildergalerie“? Was soll sie dokumentieren, was vermitteln? Weshalb ergötzt sich die Lokalpresse an ihr und wird zum medialen Gaffer?

Ich bin betroffen, weil es nicht etwa Gedankenlosigkeit ist sondern das genaue Gegenteil, mit dem die“Bildergalerie“ in „lt-,ez- bzw. mt-“ den Tod eines Menschen für eigene Auflagenzwecke instrumentalisiert. Es ist verachtenswert und würdelos.

(Foto: © Dietmar Schütz, pixelio.de)