Schutz

28. Februar 2020

Das Bistum Osnabrück hat sich im Februar 2019 ein „Konzept gegen sexualisierte Gewalt“ verordnet – und seit dem Leitungsposten mit Frauen besetzt. Die taz berichtet:

„Schutz“ –  Ein Bischof, der ein solches Wort ausspricht, – in der Missbrauchsdebatte der katholischen Kirche, die uns seit Jahren in Abgründe von Gewalt und Vertuschung blicken lässt – braucht Mut. Franz-Josef Bode, Bischof des Bistums Osnabrück, hat diesen Mut am Mittwoch aufgebracht, als er Zwischenbilanz zog für sein Ende Februar 2019 initiiertes „Konzept gegen sexualisierte Gewalt und geistlichen Missbrauch“. „Schutzprozess“, sagt er heute dazu, um zu zeigen, „dass wir damit noch längst nicht fertig sind“, sagt Bistumssprecher Hermann Haarmann, „dass es da noch viel zu tun gibt“.

Bode, ein Reformer unter den katholischen Bischöfen Deutschlands, zielt auf Prävention und Intervention, auf die Begleitung Betroffener, die Professionalisierung des Umgangs mit Beschuldigten, auf die Sanktionierung von Tätern, auf die Klärung „systemischer Grundsatzfragen“, von der kirchlichen Sexualmoral bis zum Umgang mit Macht und Hierarchie.

Arbeitsgruppen wurden dazu gebildet, 60 Köpfe stark. Kirchenexterne wurden einbezogen, wie Thomas Veen, Präsident des Landgerichts Osnabrück. Auch „Menschen, denen Unrecht widerfahren ist“, so Haarmann, beteiligen sich. Und es wurde nicht nur geredet. Es wurde gehandelt. Tiefgreifend.

Einige Gemeinden des Bistums werden heute nicht mehr von Pfarrern geleitet, sondern von Laien – Gesmold und Wellingholzhausen etwa, Bad Iburg und Glane. Auch Frauen leiten jetzt im Bistum Gemeinden, Priestern übergeordnet – ein Novum, deutschlandweit. „Da geht es darum, Macht abzugeben, Macht zu teilen“, sagt Haarmann….

[weiter bei der taz]


Foto: Bischof Bode, Foto von Stepel, GNU Free Documentation License,

Mittendrin IV

21. April 2010

Man reibt sich die Augen. Aber die mediale Aufregung um die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ebbt ja schon wieder ab. Jetzt geht es vor allem um den etwas vergesslichen Augsburger Bischof Mixa, der –wie in Texas– geprügelt und nicht missbraucht haben soll. Und um die Odenwaldschule oder Kinderheime im Osten.

Die Staatsanwaltschaft in Osnabrück überlegt aber noch, was sie eigentlich mit einem Schreiben  des Erzbistums Hamburg anfangen soll. Ein heute 67-jähriger, seit Bekanntwerden der Vorwürfe im März umgehend pensionierter katholischer Geistlicher soll bis 1976 als Kaplan in St. Marien, Bremen, und  dann in Lingen, St. Josef, seine Schützlinge missbraucht haben. Zwei Frauen – damals noch im Mädchenalter – werfen dies dem ehemalige Kaplan vor; es sei zwischen 1976 und 1983  geschehen.  2002 hatte es schon einmal ähnliche Vorwürfe gegen den Seelsorger gegeben, als ihm zwei Frauen vorwarfen, er habe sich in seiner Lingener Zeit an ihnen vergangen. Damals musste sich „K.K“ zwar in Therapie begeben – durfte jedoch unter der Auflage, nur im Team und nicht allein mit Jugendlichen zu arbeiten, weiterhin als Priester tätig sein – und wurde vom Erzbistum als Fidei-donum-Seelsorger nach Fier (Albanien) versetzt. „Heute würden wir das anders machen“, sagt Bistumssprecher Manfred Nielen, und spricht von einem „innerkirchlichen Lernprozess“. Damals habe man das anders gesehen.

Irgendwie ist jedenfalls die neue Offenheit noch ausbaufähig. Denn nun soll die Staatsanwaltschaft laut Schreiben des Erzbistums Hamburg erst einmal prüfen, ob die Taten verjährt sind. Dabei verwenden die Verantwortlichen des Erzbistums in ihrem Schreiben an die Ermittlungsbehörde dem Vernehmen nach nur die Initialen K.K des Tatverdächtigen wie auch nur die Initialen der Zeuginnen. Sie nennen also weder den Beschuldigten noch die Zeuginnen beim Namen. Da bekommt der Begriff Initialwirkung einen ganz andere Bedeutung. Und vielleicht sollten auch die Ermittler mittels ihres regionalen  Pressesprechers ihre aufklärenden Arbeitsergebnisse hier verwursten :

Katholischer Medienpreis 2010 .
Ausschreibungsende: 26. April 2010.

Die Deutsche Bischofskonferenz vergibt in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands e.V. und dem Katholischen Medienverband den „Katholischen Medienpreis 2010“. Der Preis soll dazu beitragen, Journalisten zu qualitaets- und werteorientiertem Journalismus zu motivieren.

Der Preis ist nicht teilbar und wird mit jeweils 5000,- Euro in den Kategorien Elektronik und Print verliehen. Zur Einreichung zugelassen sind deutschsprachige Beitraege aus den Bereichen Fernsehen, Film, Hoerfunk, Printmedien und Internet (sofern es sich um einen ausschliesslich journalistischen Beitrag handelt), die in einem Medium des deutschen Sprachraums veroeffentlicht wurden.

Weitere Informationen:
http://www.dbk.de/allgemeine-informationen-kmp.html http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/microsites/katholischer_medienpreis/100202-DBK_RZ-Ausschr_MP2010.pdf

Mittendrin-III

3. April 2010

In dieser Woche haben die Maristen (Foto re.: Gründer Pater Jean Claude  Colin)  die Ergebnisse ihrer eigenen Meppener Missbrauchsuntersuchung veröffentlicht. Was darin steht, beschreibt die Lokalpresse. Wäre der Maristenreport ein Schüleraufsatz, hätte ich daneben geschrieben: „Ungenügend – Thema verfehlt!“  Wir erfahren nämlich lediglich, dass alte Mönche vor dreißig oder vierzig Jahren junge Klosterschüler bedrängt, belästigt und missbraucht haben. Was soll eine solche Untersuchung, bei der sich ältere und alt gewordene Männer melden und einem Beauftragten mitteilen, sie seien in den 1960er Jahren von einem inzwischen verstorbenen Klosterbruder angegangen worden? Es geht nicht, wie es heute in den Karfreitagspredigten zu hören war, um die Schuldzuweisung: „Die Täter schwächen und verraten das Evangelium Jesu Christi, der gerade die Kinder in die Mitte stellte!“ Es geht auch bei dem Speller Pfarrers Andreas H. oder dem Thuiner Franziskaner Heinz-Günther H. nicht darum, ob sie nun Sexualstraftäter sind oder nicht.

Denn das alles sind verbale Überflüssigkeiten für den Stammtisch, es sind bloße Sex-and-crime-Enthüllungen, die lediglich die Symptome zeigen aber nicht das Problem angehen: Die Strukturen der katholischen Amtskirche – die Jahrzehnte und Jahrhunderte ihren  Selbstschutz über alles andere gestellt. Deshalb wurden Übergriffe geheim gehalten, die veröffentlicht gehört hätten. Die Strukturen des Hinter-vorgehaltener-Hand-Flüstern und der Vertuschung führten dazu, dass  Missbrauchte nicht gehört wurden und dass ihnen nicht geglaubt wurde. Eine Aufarbeitung durch die Justiz wurde zumeist versäumt. Die verantwortlichen nahmen die priesterlichen Täter nicht einmal konsequent aus der Arbeit mit jungen Menschen heraus – als ob sexuelles Missbrauchsverhalten der Priester mit ihrer Versetzung aus dem Emsland nach Bayern gelöst würden. Selbst heute wird beschwichtigend von Einzelfällen geredet und auch der Report aus Meppen individualisiert die Täter. Dabei ist der Missbrauch und seine Vertuschung  ein Strukturproblem.  In einem Interview hat eine Frau (!), die Münsteraner Professorin Marianne Heimbach-Steins die Ursachen des Skandals benannt und damit den Verantwortlichen einen Spiegel vor die Nase gehalten:

„Ein erster Punkt betrifft die priesterliche Lebensform. In der Ausbildung und Begleitung der Kleriker muss der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Sexualität offen thematisiert werden. Missbrauch von Amtsmacht – denn das ist sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche – muss konsequent geahndet werden. Eine offene Diskussion darüber, ob Zölibat und Priesterberuf zwingend zusammengehören müssen, muss endlich zugelassen werden.“

Der zweite Punkt „betrifft weitergehende Fragen der kirchlichen Selbstdeutung. Aktuell zeigen sich, so scheint mir, Relikte eines Selbstverständnisses, das mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden sein sollte, nämlich die Kirche als „societas perfecta“ – als vollkommene Gemeinschaft – innerhalb oder neben der säkularen Gesellschaft zu betrachten. Die Kirche und ihre Institutionen werden als heilig und unantastbar begriffen, so etwas wie strukturelle Sünde gilt für die Kirche selbst als ausgeschlossen. Aus diesem Verständnis heraus wird sie für fähig gehalten, Probleme in den eigenen Reihen selbst zu lösen – also insbesondere ohne Eingreifen der staatlichen Justiz oder ohne angemessene Berücksichtigung humanwissenschaftlicher Erkenntnisse. Das ist nicht nur unvereinbar mit einem modernen Verständnis der Kirche, sondern auch kaum vermittelbar im Verhältnis zwischen Kirche und säkularem Staat.“

Ich habe Zweifel, ob die katholische Amtskirche bereit und in der Lage ist, hier Aufklärung zu schaffen und ihre eigenen, über die individuelle Schuld Einzelner weit hinausreichende kollektive Verantwortung aufzuarbeiten. Die Maristen jedenfalls veröffentlichen auf ihren Internetseiten (hier und hier) bis heute nicht einmal den der Presse präsentierten Stammtischreport…

Schöne Ostern!

Mittendrin-II

31. März 2010

Zurecht hat ein Leser dieses Blogs vor einer Vorverurteilung im Fall des suspendierten Speller Pfarrers Andreas H. gewarnt, der sich mit dem Vorwurf der Vergewaltigung konfrontiert sieht. Heute lese ich in der Lokalzeitung, dass der 49-jährige den gegen ihn erhobenen Vorwurf der Vergewaltigung bestreitet. Gegenüber dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hatte der Geistliche nur  ein „Fehlverhalten“ zugestanden.

Seit gestern ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück gegen den Geistlichen. Er steht im Verdacht, in seiner Zeit als Jugendseelsorger in Haren von 1990 bis 1993 eine Minderjährige über Jahre vergewaltigt und sexuell missbraucht haben. Bischof Franz-Josef Bode hat den Priester deshalb angezeigt, nachdem der Geistliche „die Möglichkeit zur Selbstanzeige nicht genutzt“ hatte. Dazu, so der Verteidiger des Beschuldigten, der Nordhorner Rechtsanwalt Theo Krümberg habe kein Anlass bestanden, weil der Vorwurf der Vergewaltigung falsch sei. Doch die Neue OZ schreibt bereits von „einem mutmaßlichen Täter“ und nicht von einem Beschuldigten.Zu welchem Ergebnis die Ermittlungen führen und ob es zu einem Gerichtsverfahren kommt, ist gegenwärtig offen.

Die Mindeststrafe bei Vergewaltigung beträgt zwei, die Höchststrafe 15 Jahre. Aus § 78 StGB folgt daraus für das Verbrechen eine Verjährungsfrist von 20 Jahren. Bei minderjährigen Opfern beginnt diese 20-jährige Frist jedoch erst mit der Vollendung des 18. Lebensjahres zu laufen. Die Frau, die die Vergewaltigung behauptet, soll zur angeblichen Tatzeit ab 1990 noch nicht 18 gewesen sein. Eine Vergewaltigung ist also noch nicht verjährt.

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