Dunkelkammer

30. August 2020

In den forensischen Kliniken des Maßregelvollzugs soll psychisch Kranken, die straffällig geworden sind, geholfen werden. Aber in den hochgesicherten Anstalten fehlen Standards und öffentliche Kontrolle. Für die Patientinnen und Patienten ist der Alltag ein Kampf gegen Ungewissheit, Willkür und das Vergessenwerden. Wer von einem Gericht für schuldunfähig befunden wird, darf nicht bestraft werden. Deswegen sind psychisch Kranke im Maßregelvollzug Patienten und keine Häftlinge. Sie sollen Therapie und Unterstützung bekommen, bis sie als ungefährlich gelten. Aber wie genau die Tausenden Menschen in den über 70 Kliniken behandelt werden, ist kaum bekannt. Klar ist nur: Wer einmal dort ist, weiß nicht, ob er jemals wieder entlassen wird.

Was mit psychisch Kranken im Maßregelvollzug passiert, hieß es vor einigen Tagen im DLFKultur. „In der Dunkelkammer des Strafrechts – psychisch Kranke im Maßregelvollzug“ heißt der Titel des Features von Carolin Haentjes und Antonia Märzhäuser. Das DLFKultur-Feature begibt sich damit hinter die Mauern dieses abgeschotteten Systems. Menschen, die dort viele Jahre verbracht haben, berichten von Missbrauch und Willkür. Pfleger und Ärzte erzählen, wie Überforderung und schlechte Arbeitsbedingungen zu Entmenschlichung führen und was passiert, wenn die Gesellschaft wegschaut.

Die geschätzte Leserschaft sollte sich bitte das Feature anhören –  oder lesen. Und in ganzem Umfang. Ist ja Sonntag…


Carolin Haentjes, (geboren 1989) lebt als freie Journalistin in Leipzig. Sie produziert Features und Reportagen für die politischen Magazine des MDR und Sendungen des Deutschlandradios.

Antonia Märzhäuser, (geboren 1989) lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie dreht Reportagen und Magazinbeiträge für die ARD und schreibt u.a. für die FAZ und den Tagesspiegel.

 

Kindstötung

30. September 2012

Im nordfriesischen Husum  hat eine Frau ihre fünf Kinder getötet – jeweils direkt nach der Geburt. Im westfriesischen Leeuwaarden steht eine Frau vor Gericht, der Ähnliches vorgeworfen wird. Sietske H. aus Nij Beets, einige Dutzend Kilometer von unserer Region entfernt. Vier Kinder. Geboren, getötet, in Koffern im Dach versteckt.

Erst bekam die Westfriesin zwölf Jahre Gefängnis. In der Berufung fordert die Staatsanwaltschaft nun vier Jahre plus TBS, also Behandlung im niederländischen Maßregelvollzug. Erst hatte die Angeklagte zuvor eine Untersuchung verweigert, daher die zunächst hohe Gefängnis-Strafe. Dann machte sie doch noch mit. Laut Medienberichten wird ihr Verstand einer Zehnjaehrigen bescheinigt. Sie habe Polymicrogyrie. Eine Fehlfunktion des menschlichen Gehirns (Foto).

Mich erinnern diese Schicksale an eine Strafsache, in der ich vor Jahren eine junge Frau verteidigte, der die Tötung ihres Neugeborenen vorgeworfen wurde. Sie war mit einem IQ von 50 schwachsinnig. Die Staatsanwaltschaft wollte deshalb die Angeschuldigte dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus sehen. Der aus diesem Grund hinzugezogene Sachverständige aber hatte schon froh signalisiert, sie sei nicht gefährlich, weil sie inzwischen erkannt habe, was geschehen sei, und man könne der Frau wegen ihres Schwachsinns auch keinen strafrechtlichen Vorwurf machen. Sie sei bei der Tat nicht schuldfähig gewesen.  Der Vorsitzende der Strafkammer fragte den Sachverständige damals, ob die Angeschuldigten nicht doch verantwortlich sei. Mit Blick auf den IQ  antwortete der erfahrene Mann mit der Gegenfrage: „Würden Sie eine Zehnjährige ins Gefängnis stecken?“

(Quelle, Foto: Polymicrogyrie, © wikipedia.de)