Autokorrektur

15. September 2013

Der demografische Wandel macht auch vor heiligen Klostermauern nicht halt, lese ich auf der Seite des NDR und: „Nach 90 Jahren Seelsorge verlässt der Maristenorden in Ahmsen (Landkreis Emsland) sein Kloster. Zwei Maristenpatres sind schon älter als 80, der dritte 73. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Das Leben auf dem Land falle den Ordensbrüdern zunehmend schwerer, sagte der Hausobere Rudolf Bleischwitz. „Wir haben hier eine gute Gemeinschaft wir drei, wir fühlen uns wohl. Und wir fühlen uns auch angenommen in den Gemeinden.“ Auf der anderen Seite müsse man in Ahmsen mobil sein und Auto fahren können – sonst sei man einsam und verlassen. Weil die Patres im hohen Alter auf Hilfe angewiesen sind, fühlen sie Lothar Wierth, SMsich nicht mehr als die tragende Gemeinschaft, die sie sein wollen. Im März ziehen sie aus Ahmsen weg – und damit geht dort eine Ära zu Ende….“

weiter auf der Seite des NDR

Es ist eine bemerkenswerte Etappe, die in Ahmsen jetzt zu Ende geht, finde ich. Ich erinnere mich sehr gern an meine Begegnungen mit Maristenpater Lothar Wierth (Foto lks), der „Herz-Jesu-Marxist“, wie nicht nur die Konservativen im Lande den Maristenpater mit seiner ausgeprägten Neigung zur sozialen Gerechtigkeit bespöttelten. Ende der 1980er Jahre ging er nach Köln, ich glaube in die Herz-Jesu-Kirche am Neumarkt, von dort später nach Overath. Wie geht es ihm und wo ist er -wie es im Emsland heißt- „eigentlich abgeblieben“? Gern möchte ich ihn noch einmal treffen und ihm erzählen, dass mein iPad immer dann, wenn ich Maristen eingebe, daraus Marxisten machen will. Autokorrektur. Vielleicht kann er mir sagen, wer dafür verantwortlich ist.

(Foto Lothar Wierth, SM)

Mittendrin-III

3. April 2010

In dieser Woche haben die Maristen (Foto re.: Gründer Pater Jean Claude  Colin)  die Ergebnisse ihrer eigenen Meppener Missbrauchsuntersuchung veröffentlicht. Was darin steht, beschreibt die Lokalpresse. Wäre der Maristenreport ein Schüleraufsatz, hätte ich daneben geschrieben: „Ungenügend – Thema verfehlt!“  Wir erfahren nämlich lediglich, dass alte Mönche vor dreißig oder vierzig Jahren junge Klosterschüler bedrängt, belästigt und missbraucht haben. Was soll eine solche Untersuchung, bei der sich ältere und alt gewordene Männer melden und einem Beauftragten mitteilen, sie seien in den 1960er Jahren von einem inzwischen verstorbenen Klosterbruder angegangen worden? Es geht nicht, wie es heute in den Karfreitagspredigten zu hören war, um die Schuldzuweisung: „Die Täter schwächen und verraten das Evangelium Jesu Christi, der gerade die Kinder in die Mitte stellte!“ Es geht auch bei dem Speller Pfarrers Andreas H. oder dem Thuiner Franziskaner Heinz-Günther H. nicht darum, ob sie nun Sexualstraftäter sind oder nicht.

Denn das alles sind verbale Überflüssigkeiten für den Stammtisch, es sind bloße Sex-and-crime-Enthüllungen, die lediglich die Symptome zeigen aber nicht das Problem angehen: Die Strukturen der katholischen Amtskirche – die Jahrzehnte und Jahrhunderte ihren  Selbstschutz über alles andere gestellt. Deshalb wurden Übergriffe geheim gehalten, die veröffentlicht gehört hätten. Die Strukturen des Hinter-vorgehaltener-Hand-Flüstern und der Vertuschung führten dazu, dass  Missbrauchte nicht gehört wurden und dass ihnen nicht geglaubt wurde. Eine Aufarbeitung durch die Justiz wurde zumeist versäumt. Die verantwortlichen nahmen die priesterlichen Täter nicht einmal konsequent aus der Arbeit mit jungen Menschen heraus – als ob sexuelles Missbrauchsverhalten der Priester mit ihrer Versetzung aus dem Emsland nach Bayern gelöst würden. Selbst heute wird beschwichtigend von Einzelfällen geredet und auch der Report aus Meppen individualisiert die Täter. Dabei ist der Missbrauch und seine Vertuschung  ein Strukturproblem.  In einem Interview hat eine Frau (!), die Münsteraner Professorin Marianne Heimbach-Steins die Ursachen des Skandals benannt und damit den Verantwortlichen einen Spiegel vor die Nase gehalten:

„Ein erster Punkt betrifft die priesterliche Lebensform. In der Ausbildung und Begleitung der Kleriker muss der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Sexualität offen thematisiert werden. Missbrauch von Amtsmacht – denn das ist sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche – muss konsequent geahndet werden. Eine offene Diskussion darüber, ob Zölibat und Priesterberuf zwingend zusammengehören müssen, muss endlich zugelassen werden.“

Der zweite Punkt „betrifft weitergehende Fragen der kirchlichen Selbstdeutung. Aktuell zeigen sich, so scheint mir, Relikte eines Selbstverständnisses, das mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überwunden sein sollte, nämlich die Kirche als „societas perfecta“ – als vollkommene Gemeinschaft – innerhalb oder neben der säkularen Gesellschaft zu betrachten. Die Kirche und ihre Institutionen werden als heilig und unantastbar begriffen, so etwas wie strukturelle Sünde gilt für die Kirche selbst als ausgeschlossen. Aus diesem Verständnis heraus wird sie für fähig gehalten, Probleme in den eigenen Reihen selbst zu lösen – also insbesondere ohne Eingreifen der staatlichen Justiz oder ohne angemessene Berücksichtigung humanwissenschaftlicher Erkenntnisse. Das ist nicht nur unvereinbar mit einem modernen Verständnis der Kirche, sondern auch kaum vermittelbar im Verhältnis zwischen Kirche und säkularem Staat.“

Ich habe Zweifel, ob die katholische Amtskirche bereit und in der Lage ist, hier Aufklärung zu schaffen und ihre eigenen, über die individuelle Schuld Einzelner weit hinausreichende kollektive Verantwortung aufzuarbeiten. Die Maristen jedenfalls veröffentlichen auf ihren Internetseiten (hier und hier) bis heute nicht einmal den der Presse präsentierten Stammtischreport…

Schöne Ostern!