Knirsch

17. August 2008

Die Maßnahme trägt den Namen „Initialprojekt“ im Rahmen der „Quartiersinitiative Niedersachsen„. Aber trotz des schillernden Wortgeklingels ist kein anderes städtisches Projekt zur Innenstadtgestaltung in den letzten 40 Jahren so versemmelt worden, wie der Auftakt der Neugestaltung der Fußgängerbereiche. Nicht einmal die peinliche „Stadtgraben(Bruchstück)promenade“ vor zehn Jahren hat das geschafft, zumal sie doch eigentlich, ehrlich gesagt, nur etwa zwanzig Straßenschilder kostete.

Jetzt aber zersägte man stadtbildprägende Platanen im zwielichtigen Morgengrauen, versenkte stattdessen Magnolien und Sträucher unfachmännisch im Grundschotter eines ungeeigneten Granitpflasters, richtete Werbebanner in der Sichtachse Marienstraße-historisches Rathaus auf, hatte kein Geld mehr für die vorgesehenen Brunnen, stellte bei den Straßenmöbeln zu kleine Mülleimerauf und eröffnete den platanenfreien Blick auf die Fassadensünde der ehem. Sparkasse. Diese Kritikpunkte kennen Sie alle; es ist aber noch nicht alles.

Gartenweg schreibt: „Pflastersteine niemals knirsch aneinanderlegen, da sonst die Kanten abplatzen und Fertigungstoleranzen nicht ausgeglichen werden können.“  3-5 mm sind die vorgeschriebene Fugenbreite gem. DIN. Sinn ist einerseits tatsächlich der Kantenschutz, denn selbst gefasstes Pflaster kann platzen, wenn bei fehlender Fuge der Rüttler zum Verdichten darüber läuft. Zum anderen „gewährleistet die Fugenbreite von 3-5 mm, dass der Fugensand (0/2 mm) sich beim Einschlämmen auch vollfugig in die Fuge setzt und somit dem Pflaster Halt gibt. So ist ein kraftschlüssiger Verbund der gesamten Pflasterfläche gewährleistet. Komplett ohne Fuge verlegte Steine, gerade Flächen im Anfahr- oder Kurvenbereich werden nach kürzester Zeit verschoben und ergeben ein hässliche Fugenbild.“ Das ist nicht etwa meine Meinung, sondern vor allem seine.

Wer sich weiter informieren will, kann die Wörter „Pflasterstein“ und „Abplatzen“ ausgoogeln, und er erhält 757 Antworten (jedenfalls heute) -sämtlich mit denselben technischen Aussagen. Wer google nicht glaubt, kann schließlich auch in Lingen sehen, dass die technischen Regeln beim Neupflastern des Bereichs Am Markt/Burgstraße unbeachtet blieben und jetzt von den Kanten der fugenfrei „knirsch“ verlegten Klinker abplatzt, was nur abplatzen kann.
Bleibt natürlich die Frage, wer die Verantwortung dafür übernimmt, ob neu gepflastert wird, was der Spaß kostet und wer zahlt. Die Antwort auf die letzte Frage kenne ich und Sie ahnen sie, weil sie so lautet wie immer. Deshalb will ich Sie Ihnen auch ganz im Vertrauen verraten:

Sie sind es selbst, der steuerzahlende Leser dieser Zeilen.

zuhause

10. August 2008

Nach ein paar Tagen Urlaub bin ich nach Lingen zurück. Es war wie immer: Bei der Einfahrt erwartete mich der „Kraut-und-Rüben“-Kreisverkehr an der Lindenstraße, der seit 18 Monaten vor sich hin gammelt. Offenbar kommt niemand auf die Idee, diesen Eingang in die Stadt, mit dem Besucher empfangen werden, zumindest mit ein paar Blumen zu bepflanzen und die Pflanzbeete um den Kreis herum von Unkraut und Dreck zu befreien und vielleicht auch endlich mal die Zufahrt aus dem Kreisverkehr zum benachbarten Parkplatz zu öffnen. Ein paar Meter weiter lag rechter Hand immer noch die unendliche Denkmal-Drecktankstelle an der Rosemeyer-Straße, über die auch seit Jahrzehnten nur lamentiert wird, aber nichts geschieht, obwohl es sich doch anbietet, dass die Stadtwerke dort eine Erdgastankstelle einrichten.
Am Markt war der Magnolien-Hain nebst „felsenbirnigen“ Betonkübeln weiterhin so großartig gescheitert wie vor meiner Abreise, und der Boden um die restlichen Magnolien ist immer noch aufgerissen (Motto: „Bloß keine Erde einfüllen!“), die Löcher waren aber inzwischen durch emsländisch-elegante Holzbretter abgesichert, und die von Freund Hein (wem der nichts sagt, der kann mit Blick auf  die abgesägten Großplatanen auch an Hein Blöd denken) heimgesuchte Magnolien-Pflasterfläche ist weiterhin ein Mahnmal für blinden und teueren Aktionismus.
Der heimische Kühlschrank sah dann ähnlich aus, weil der werte Nachwuchs absprachewidrig nicht eingekauft hatte. Also bin ich zum ALDI nach Altenlingen gefahren, wo es unverhofft so heftig nach Sch… stank, dass ich die freundliche Mitarbeiterin fragte, ob der Abwasserrohrbruch schon behoben sei. „An so etwas haben wir auch erst gedacht“, meinte die gute Frau. Es sei aber nichts dergleichen. Vielmehr hätten die Altenlingener Landwirte  ihre Gülle auf die benachbarten Felder geschüttet.
Da war mir schlagartig klar: Der Urlaub 2008 ist vorbei. Ich bin wieder zuhause.

Lücke

5. März 2008

Der hier bereits mehrfach erwähnte ehemalige Stadtbaurat Nikolaus Neumann sprach immer von einer städtebaulichen  Zahnlücke und meinte den Bereich um den Gedenkort jüdische Schule am Konrad-Adenauer-Ring, wo städtebaulich eine Lücke in der Straßenrandbebauung vorhanden ist, die stadthistorisch aber auch da hingehört und sein muss.

Jetzt gibt es in der Burgstraße im Lingener Zentrum ganz aktuell auch eine Magnolien-Lücke.  
 
Sie erinnern sich an die Kahlschlag-Aktion der Aktivisten im Rathaus: Platanen weg, Magnolien hin. Sie erinnern sich an die krampfhaften Begründungen für die sinnlose Baumfällaktion und an die lobhudelnden Erklärungen dazu aus dem Rathaus. War nicht auch die Rede von dem vielen Platanen-Schmutz, den die Passanten in die Geschäfte tragen und der Beschattung der Geschäftsschaufenster, die störe? 
 
Heute sehen wir wiederum, welch ein übereiltes und undurchdachtes Konzept hier durchgesetzt wird. Zunächst musste abgespeckt werden, weil das Geld nicht reichte. Der Brunnen wurde gestrichen. Von der durch den Kahlschlag freigelegten, störenden Sicht auf das unschöne 60er-Jahre-Eckgebäude Marienstraße/Lookenstraße hatte ich schon berichtet. Die Bauarbeiten selbst, die wir ja alle mit unseren Steuergeldern zahlen,  zeichneten sich dadurch aus, dass wochenlang in kurzen Abständen immer wieder Löcher für neue Leitungen gegraben und wieder zugeschüttet wurden, bevor dann wieder aufgegraben wurde usw.; nach Koordination sah dies für die Anlieger nicht aus.
 
Hinzu kommt jetzt aktuell die Magnolien-Lücke. Zwei schon gepflanzte Magnolien sind wieder ausgegraben worden. Sie standen bereits vor dem Modegeschäft Löning in Reih und Glied mit fünf weiteren Exemplaren der Gattung Magnolia. Aber nach wenigen Stunden wurden sie flugs wieder entfernt. Denn sie waren so nah vor dem Löning’schen Gebäude platziert, dass dessen Sonnen-und Regenschutz-Markise nicht mehr ausgefahren werden konnte. Und die ist offenbar allemal wichtiger als ein Gestaltungskonzept…
 
Ärgerlich, ärgerlich – diese neue entpflanzte Magnolien-Lücke. Und spontan stellt man einmal mehr die Frage nach der Qualität der Entscheidung, der Ausführungsplanung und der örtlichen Bauleitung; denn die eingesetzten Arbeiter sollen auf das Problem frühzeitig hingewiesen haben, wurden aber mit den Worten bedacht, den nahen Pflanzstandort sehe das Planungskonzept ausdrücklich vor.
 
Richtig gespannt bin ich jetzt auf die Ausrede die Bauverwaltung unter Stadtbaurat Georg Lisiecki für den Fauxpas. Ich nehme dazu  noch Wetten an, ob es
1. die ausführenden Werktätigen,
2. die heftige öffentliche Kritik an der Platanen-Fällaktion,
3. die übereilte und falsche Standortentscheidung Lönings für
    a) das Haus an dieser Stelle im Jahr 1949 oder 
    b) seine Sonnen- und Regenschutzmarkise vor 25 Jahren
oder -deutlich nahe liegender- 
4. das Schaltjahr und die Kontinentaldrift waren, die die Magnolien-Lücke entstehen ließen. 
 
Weitere Vorschläge werden entgegen genommen! 
  

retten 2

17. Dezember 2007

Wolfram Siebeck schreibt in seinem Jahresrückblick in der ZEIT 50/2007:
Ich bin viel herumgereist in den letzten zwölf Monaten und habe über die Veränderung in Deutschland gestaunt. Unser Land ist deutlich schöner geworden, nämlich grüner. Bäume, die die Kommunen vor 30 Jahren als mickrige Stecklinge in den Boden gesetzt haben, sind groß geworden und bedecken eine Menge von dem, was früher so hässlich war. Wenn Ausländer uns eine irrationale Liebe zu Bäumen nachsagen, so ist das kein Wunder. Wer freute sich nicht über grünes Laubwerk, das den schlechten Geschmack der Häuslebauer verdeckt, trostlose Wohnstraßen in Flaniermeilen verwandelt und schicke Straßencafés entstehen lässt?“

In meiner Stadt wissen nicht viele, dass hier alles ganz anders wird, als Siebeck es zu recht so schätzt – jedenfalls in der Innenstadt, von Gutmeinenden als „Fußgängerzone“ tituliert. Hier wird jetzt modernisiert! Dazu werden in wenigen Wochen  alle im Zentrum stehenden Platanen abgesägt und durch Betonplanzkübel mit frostempfindlichen Magnolien ersetzt.

Sie kennen Magnolien ? Das sind diese Pflanzen, die im Frühjahr längstens zwei Wochen blühen und den Rest des Jahres wie eine Mischung von ausgeblühten Rhododendren und Gummibäumen aussehen. Ergänzt wird diese angeblich „zeitgemäße“ (neues Modewort aus dem Rathaus) Stadtumgestaltung durch so genannte Laufbänder im Straßenpflaster, eine neue Möblierung (Laternen, Bänke, Mülleimer usw), neue Brunnen usw. Das alles kostet einige Millionen Euro.   
Stadtbaurat Lisiecki („Wenn Sie wissen, wie man mich schreibt, wissen Sie nicht mehr, wie ich ausgesprochen werde!“) hat sinngemäß gemeint, die Lingener Innenstadt habe kein individuelles Gesicht. Das müsse jetzt um der Attraktivität willen her – eine Einschätzung, die natürlich ebenso unberechtigt wie falsch ist.Denn Lingens Zentrum hat eine in Jahrzehnten teuer

Plasterklinker aus Bockhorn

Plasterklinker aus Bockhorn

 und Schritt für Schritt entstandene, individuelle und  klare Struktur: das rote Pflaster aus Bockhorner Klinker. Noch vor drei Jahren wurde fein säuberlich und kunstvoll die Neue Straße im Stil der übrigen Innenstadtstraßen gepflastert. Keine andere Stadt in der Region hat ein so markant gepflastertes Zentrum.

 Inzwischen gibt es sicherlich ein paar klare Schwachstellen:

  • Das Bockhorner Pflaster ist an vielen Stellen schadhaft und eine ebenso teuere wie unfachmännische Reparatur vor drei Jahren hat alles nur noch schlimmer gemacht.
  • Die Straßenmöbel sind in die Jahre gekommen, also die historisierenden oder modernen, immer aber dreckig wirkenden Laternen und Kandelaber, die hässlichen grünen Zweisitzerbänke, schmutzige alte kleine sowie meist angedetschte neue große Müllbehälter, Dauerwerbetafeln, werbesonnenschirme, Sandsteintröge, Fahnenmasten, und DIESE SCHRECKLICHEN PLASTIKTÖPFE IM TERRAKOTTA-IMITAT.
  • Die Lookenstraße ist ein Relikt des Waschbetonzeitalters. 
  • Die für den Stadtkern beschlossene und fast 30 Jahre konsequent angewendete „Satzung über die Gestaltung der Werbeanlagen“ ist gerade unter dem amtierenden Baurat Lisiecki faktisch aufgegeben worden;  über großzügig an den städtischen Gremien vorbei und ohne Not bewilligte Ausnahmeregelungen verliert sie zunehmend ihre stadtgestaltende Wirkung.
  • Das Lichtkonzept der Hamburgerin  Ulrike Brandi erinnert eher an  den Ocean drive in Miami, als dass es die historischen Gegebenheiten Lingens aufnimmt. Frau Brandi ist mit ihren Lichtmodulationen eine nationale Größe, aber das historische Lingener Rathaus und Brandis Beleuchtungsstreifen passen nicht zueinander.

Auch das Verfahren war wenig überzeugend: In den städtischen Gremien hieß es zuerst, es müsse entsprechend dem Preisgericht der erste Preisträger beauftragt werden. Dann wurde den Anliegern in Versammlungen gesagt, man könne an dem preisgekrönten Konzept überhaupt nichts mehr ändern. Anschließend wurde in den Ratsgremien berichtet, die Anlieger wollten die vorgeschlagene Umgestaltung und wollten sie sogar bezahlen, deshalb dürften die Ratsgremien jetzt nichts mehr ändern.

Jetzt rollt jedenfalls die Realisierung. Dabei will eigentlich niemand, mit dem ich gesprochen habe, dass in Lingen die Platanen geköpft werden. Der Baumkahlschlag und die Umgestaltung von vier Straßen sowie des Marktes ist jedenfalls stadtgestalterisch ein Stückwerk; denn die übrigen Innenstadtstraßen bleiben Bockhorner-Klinker-Straßen. Außerdem werden wir nach der Fällaktion künftig wieder „den schlechten Geschmack der Häuslebauer“ (Siebeck) sehen und die überdimensionierte Werbeanlagen in grellen RAL-Farben weiterhin und in zunehmender Zahl bewundern dürfen. Individuell wird das Gesicht Lingens auch nicht werden. Denn Pflanzkübel und Laufbänder sind gerade bundesweit „in“. Sie entstehen in vielen deutschen Innenstädten.  

Ich habe statt dessen diesen (Gesamt-)Vorschlag:

  1.  Sorgfältige Reparatur der schadhaften Bockhorner-Klinker in den Stadtstraßen.
  2. Einrichtung einer Pflasterkolonne auf dem städtischen Bauhoff, die künftig die Innenstadtstraßen „in Schuss“ hält.
  3. Neue, zeitgemäße Straßenmöblierung „aus einem Guss“.
  4. Konsequente Anwendung der Satzung über die Gestaltung der Werbeanlagen im Stadtkern und Umgestaltung der Werbeanlagen am Markt mit indirekt beleuchteten Werbeanlagen aus Messing, Krieg den Werbesonnenschirmen (West, Königs Pilsener, Erdinger) und Werbeaufstellern.
  5. Umbau der Pflanzbeete aus Bahnschwellen am Beginn der Burgstraße.
  6. Umgestaltung der Lookenstraße nach dem „Bockhorner Muster“.
  7. Aufgabe des Lichtbandkonzepts Brandi an den historischen Gebäuden.

Ich möchte also eine sanfte und nicht nur modische Veränderung, damit die Lingener Innenstadt sich so weiter entwickelt, dass wir uns gern mit ihr identifizieren.