reduzieren

16. Mai 2018

Am vergangenen Montag haben niederländische Universitäten Lösungsvorschläge für die Probleme präsentiert, die die Internationalisierung der Universitäten mit sich bringt. Die Universitäten wollen in den kommenden Jahren die Zahl der internationalen Studenten reduzieren. Seit einigen Jahren hat die Zahl internationaler Studierender in den Niederlanden stark zugenommen, vor allem durch die Einrichtung vieler englischsprachiger Studiengänge. Niederländische Studenten sind in den Studiengängen oftmals in der Unterzahl.

In den Hörsälen sitzen manchmal nur noch wenige niederländische Studenten. Aufgrund der schnell ansteigenden Zahl von internationalen Studierenden gibt es in fast zehn Prozent aller Studiengänge mehr internationale Studenten als niederländische. 70 Studiengänge bestehen fast zu drei Vierteln aus internationalen  Studenten. Für die Internationalisierung der Universitäten ist die Universität Maastricht ein Paradebeispiel: 53 Prozent der Studenten kommen aus dem Ausland, somit verzeichnet die Universität Maastricht in den Niederlanden die meisten internationalen Studenten. Diese Internationalisierung wurde vom Staat lange Zeit angestrebt – der Traum des „international classroom“ wurde verfolgt und es wurde viel Geld in die Internationalisierung der Universitäten investiert.

Die Internationalisierung bringt jedoch auch Probleme mit sich. Immer mehr Studiengänge werden englischsprachig angeboten, auch wenn einige Dozenten dieser Umstellung nur mit Mühe und Not nachkommen können. Viele Kritiker sehen in dieser Umstellung allerdings vor allem ein Ertragsmodell, das von den Universitäten ausgenutzt wird. Die Universitäten wollen so viele Studenten wie möglich dazu bewegen, sich bei ihnen einzuschreiben, um staatliche Gelder für die Studenten zu erhalten. Niederländische Universitäten erhalten Geld für alle eingeschriebenen und ausgebildeten Studenten. Ausländische Studenten werden von den Universitäten aktiv geworben, da die Fakultäten mit mehr ausländischen Studenten einen gleichbleibenden oder größeren Anteil des Bildungsbudgets erhalten.

Da der Staatshaushalt für Universitäten jedoch seit Jahren nicht mehr zunimmt, die Studierendenzahlen aber steigen, gibt es pro Student immer weniger Geld. Deshalb kam die Vereinigung von Universitäten („Vereniging van Universiteiten“, kurz VSNU) zu dem Schluss, dass es besser sei, die Studierendenanzahl zu beschränken. Gestern präsentierte die VSNU die Lösungsvorschläge für die Probleme, die die Internationalisierung mit sich bringt. Die Bildungsministerin Ingrid van Engelshoven veröffentlicht im Herbst dieses Jahres eine Studie über das aktuelle Finanzierungssystem der Universitäten. Darüber hinaus legt sie der Zweiten Kammer im Juni einen Bericht über die Internationalisierung an Universitäten vor.

Die niederländische Tageszeitung De Volkskrant stellt vier Lösungsansätze der niederländischen Universitäten vor. Der erste Vorschlag behandelt den „Numerus Fixus“ für englischsprachige Schwerpunkte innerhalb von Studiengängen. Der „Numerus Fixus“ zeigt an, dass es eine Studienplatzbegrenzung für den betreffenden Studiengang, bzw. bei diesem Vorschlag für den entsprechenden Schwerpunkt gibt. Bisher gilt der Studentenstopp bei Studiengängen, die sowohl auf Englisch als auch auf Niederländisch gegeben werden, für den vollständigen Studiengang.

Der zweite Vorschlag betrifft vor allem nicht-europäische Studenten. Zurzeit müssen Studenten, die nicht aus Europa stammen, den sogenannten „instellingstarief“ bezahlen. Dieser Betrag ist unterschiedlich hoch – abhängig vom Studiengang und von der Universität. Im Schnitt bezahlen die Studenten ungefähr 10.000 Euro pro Jahr. Die VSNU und die Vereinigung der Hochschulen („Vereniging Hogescholen“, kurz VH) möchten den universitären Einrichtungen die Möglichkeit geben, diesen Betrag zu erhöhen. Zusätzlich soll es eine Höchstgrenze für Studenten geben, die nicht aus dem Europäischen Wirtschaftsraum kommen.

Der dritte Vorschlag betrifft die niederländischen Dozenten. Auf der einen Seite wird oftmals über den Erhalt der niederländischen Sprache im Zusammenhang mit englischsprachigen Studiengängen an niederländischen Universitäten diskutiert, auf der anderen Seite werden die englischen Sprachfähigkeiten der Dozenten kritisiert. Die Lösung für das letztgenannte Problem soll die verpflichtende Einführung des Sprachniveaus C1 sein. C1 ist, gemäß dem Europäischen Referenzrahmen, das zweithöchste Niveau bei einer Fremdsprache. Gleichzeitig soll erneut über die Bedeutung der niederländischen Sprache diskutiert werden, denn viele Studenten, die in den Niederlanden studieren, arbeiten später auch dort, und sollten deshalb die Landessprache beherrschen.

Der vierte Vorschlag behandelt das Ungleichgewicht zwischen ausländischen Studenten, die in den Niederlanden studieren, und niederländischen Studenten, die im Ausland studieren. Während die Niederlande bei ausländischen Studenten äußerst beliebt sind, studieren Niederländer sehr selten im Ausland. Oftmals verbringen sie ein Auslandssemester in einem anderen Land, doch ein ganzes Studium absolvieren sie nur selten in anderen Ländern. Das führt dazu, dass der niederländische Staat mehr in europäische Studenten investiert, als umgekehrt. Die VSNU strebt deshalb an, mehr niederländische Studenten für ein Studium im Ausland begeistern zu können. Die Studenten sollen besser über das Studium und die möglichen Stipendien informiert werden.

(Quelle: Niederlandenet)

Leeuwarden!

12. September 2013

Ich bin wirklich beeindruckt. Das friesische Leeuwarden [ˈleːu̯ˌʋɑrdə(n)] hat sich gegen starke Konkurrenz durchgesetzt und ist Europas Kultuhauptstadt 2018. Die Siegerstadt mit knapp 100.000 Einwohnern im strukturschwachen Friesland gelegen überzeugte die international besetzte Jury mit ihrem Motto „Gemeinschaftssinn“ und einem alternativen Konzept. NiederlandeNet schreibt:

Leeuwarden
Die nordniederländische Stadt Leeuwarden wird neben der maltesischen Hauptstadt Valetta im Jahr 2018 den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ tragen. Dies wurde Ende vergangener Woche von der niederländischen Kulturministerin Jet Bussemaker (PvdA) in Amsterdam bekanntgegeben. Die Niederlande und Malte durften für das Jahr 2018 turnusgemäß eine Stadt als Kulturhauptstadt bestimmen.

Ministerin Bussemaker verkündete die zuvor durch eine international besetzte Auswahljury getroffene Entscheidung am vergangenen Freitag der Öffentlichkeit. In den Tagen zuvor hatten sich die 13 unabhängigen Kulturexperten – sechs davon aus den Niederlanden und sieben aus EU-Institutionen – alle drei niederländischen Kandidatenstädte angeschaut. Neben dem Sieger Leeuwarden hatten sich auch die Städte Eindhoven und Maastricht – letztere gemeinsam mit der umliegenden Euregio Maas-Rhein mit zwölf Partnerstädten aus Deutschland und Belgien – für das Rennen um die Kulturhauptstadt 2018 beworben.

Der Juryvorsitzende Manfred Gaulhofer sprach nach Bekanntgabe des Gewinners von einer einstimmigen, aber schwierigen Entscheidung: „Alle drei Städte waren sehr überzeugend.“ Den Ausschlag für Leeuwarden habe der innovative Ansatz gegeben, mit dem die Stadt ihre Pläne in der Bewerbung präsentierte. Das komplette Gutachten der Jury wird voraussichtlich Ende September präsentiert werden. Der Titel der „Kulturhauptstadt Europa“ soll den Zweck erfüllen, „Reichtum und Vielfalt der europäischen Kulturen zu zeigen“ und Städten die Möglichkeit einräumen, sich selbst einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Die offizielle Ernennung der friesländischen Stadt Leeuwarden durch den EU-Ministerrat wird im Mai kommenden Jahres stattfinden.

Die Freude über die Ernennung war in und um Leeuwarden überschwänglich. Wie die Presseagentur Novum meldete, reagierten die offiziellen Vertreter der Stadt in den lokalen Medien sehr ausgelassen auf die Nachricht. Sie betonten dabei, dass ihre Stadt eine kulturelle Hauptstadt für alle sein wird: „Man wird einander reicher machen. Wir werden es für die Niederlande, nicht nur für Friesland“, so ein Stadtvertreter. Die für Kultur zuständige EU-Kommissarin Androulla Vassiliou sagte in ihrer Laudatio: „Ich gratuliere Leeuwarden zu diesem Erfolg. [und] bin überzeugt, dass Leeuwarden ein spannendes Veranstaltungsprogramm mit einer starken europäischen Komponente aufstellt, das Besucher aus der ganzen Welt anlocken wird. Außerdem wird der Titel Leeuwarden und der umliegenden Region auch langfristig spürbare kulturelle, wirtschaftliche und soziale Vorteile bringen, wie dies bereits bei den bisherigen Kulturhauptstädten Europas der Fall war.“

Entscheidend für die Auswahl zur Europäischen Kulturhauptstadt sind eine Reihe von Kriterien, die das Europäische Parlament und der Rat festgelegt haben: „Hierzu gehört, dass die Bewerberstädte ein Kulturprogramm mit einer starken europäischen Dimension aufstellen und die in der Stadt, in der umliegenden Region und im ganzen Land lebenden Bürgerinnen und Bürger einbeziehen sollen. Außerdem muss das Programm nachwirken und langfristig zur kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung der Stadt beitragen.“ Die europäische Dimension muss dabei in der Auswahl von Themen sowie der Art und Weise, wie die Veranstaltungen organisiert werden, widerspiegeln. Kulturschaffende aus verschiedenen EU-Ländern sollen dazu zusammenarbeiten.

Für viele Beobachter war die Wahl von Leeuwarden ( Stadtwappen lks) eine Überraschung. die Hauptstadt der Provinz Friesland ging von allen drei Bewerberstädten mit dem geringsten Budget (56 Mio. Euro) ins Rennen. Eindhoven (140 Mio.) und Maastricht (80 Mio.) waren finanziell viel stärker aufgestellt. Eindhoven versuchte, sich als Stadt der Zukunft aufzustellen, Maastricht stellte Leeuwarden.Wappenvor allem seine Verbundenheit mit Europa heraus. Leeuwarden wählte einen anderen Ansatz und stellte heraus, dass es aktuell mit einer hohen Arbeitslosigkeit und einer großen Zahl von Einwohnern mit niedriger Bildung zu kämpfen hat. Die Stadt bezeichnete sich selbst so auch als Underdog. In der Bewerbung schrieb man, dass die Stadt mit ihrem Bewerbungsmotto „Minskiep“ – friesisch für „Gemeinschaftssinn“ – den Schwerpunkt auf Kultur im weitesten Sinne legen will. Die Themen der Veranstaltungen lauten Wasser, Land und Horizont.

Leeuwarden wird 2018 nach Amsterdam (1987) und Rotterdam (2001) die dritte niederländische Stadt sein, welche den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ tragen darf. In diesem Jahr sind das slowakische Košice und das französische Marseille Kulturhauptstadt, im kommenden Jahr werden es Umeå in Schweden und die lettische Hauptstadt Riga sein. Für Deutschland waren zuletzt Essen und das Ruhrgebiet im Jahr 2010 zur Kulturhauptstadt nominiert.

(Quelle/entnommen bei: NiederlandNet Foto:Hindrik Sijens/cc-by-nc-sa)

Wietpas 2

6. Oktober 2012

Nach den Parlamentswahlen in der Niederlanden ist die Zukunft des Wietpasses ungewiss, über den ich hier schon berichtet habe. Vom 1. Januar an soll der Wietpas  Handel und Konsum mit Weichdrogen bei unseren niederländischen Nachbarn kanalisieren: Die Coffeeshops werden zu privaten Clubs und dürfen nur an ihre maximal 2000 MitgliedernCannabis abgeben, die dazu ihren Clubausweis („wietpas“)vorlegen müssen. Ausländer können nicht Club-Mitglied werden.

Weil es nach den niederländischen Wahlen aber eine Koalition zwischen rechtsliberaler VVD unter Premierminister Mark Rutte und der sozialdemokratischen PvdA mit Diederik Samsom an der Spitze geben wird, müssen sich beide Parteien über die künftige Drogenpolitik verständigen. Die VVD hat den „Graspass“ durchgesetzt, will aber mit sich reden lassen, die PvdA sich im Wahlkampf dagegen  ausgesprochen; sie möchte statt dessen das Coffeeshopsystem legalisieren und nicht mehr nur tolerieren.

Zusammen mit weiteren Amtskollegen hat jetzt auch Peter den Oudtsen, Bürgermeister von Enschede  (Foto re), die niederländische Regierung aufgefordert, die Einführung des sog. Wietpass noch einmal zu überprüfen.  „Enschede braucht das nicht!“ sagte das Stadtoberhaupt, schon immer  ein ausgewiesener Gegner der neuen Regelung.

Eine Reihe niederländischer Städte übrigens, die zunächst die Einführung des Wietpass wollten, rudert inzwischen zurück, so Peter den Oudsten: In den Provinzen Zeeland, Noord-Brabant und Limburg wird das Wietpass-Modell nämlich schon seit Mai getestet und da zeigt sich, dass zwar die ausländischen, oft deutschen Besucher nicht mehr die Coffeeshops besuchen. Doch gleichzeitig ist ein lebhafter illegaler Straßenhandel entstanden. Die Folge: Neben dem weichen Cannabis wird dort alles verkauft, was der Schwarzmarkt hergibt. Und die Niederländer registrieren sich nicht als Clubmitglieder. Diese Entwicklung haben Kritiker stets vorher gesagt und inzwischen sieht auch Bürgermeister Onno Hoes (Maastricht), einer der Väter der „Wietpass“-Regelung,  diese Nachteile. und plädiert für eine Light-Version des umstrittenen Passes: Personalausweis und Meldebescheinigung sollen reichen; die Straßendealer sind ihm ein Dorn im Auge.

Peter den Oudtsen befürchtet im Tukkerland dieselbe kriminelle Straßenhandel-Entwicklung wie in Maastricht und Umgebung. Er sieht sich bestätigt, dass ein Wietpass mehr schadet als nützt. Enschede habe, so den Oudsten,  gegenwärtig kaum Probleme mit ausländischen Besuchern, und sei Beispiel für eine gute Coffeeshop-Regelung.

In Gesprächen mit den Betreibern der etwa zehn Coffeeshops der 160.000-Eiwohnerstadt (Foto oben) hat der Bürgermeister in den letzten Monaten zu klären versucht, ob sie für die Einführung der Wietpas bereit sind. Denn die Coffeeshops müssen die Regelung in  alleiniger Verantwortung umsetzen. Stadt, Polizei und Justiz überwachen sie anschließend.  Peter den Oudsten sieht dabei nur wenig Spielraum, obwohl er selbst den Pass ablehnt. Wenn der Wietpass tatsächlich komme, sollte er allerdings nach seiner Meinung schrittweise eingeführt werden, damit sich alle daran gewöhnen können.

Der Stadtrat Enschede will im Oktober Stellung nehmen, so dass Peter den Oudsten dann weiß, ob er in dieser Frage auch im Namen des Rates spricht und handeln kann.

(Foto: Coffeeshop in Enschede (NL) © aliquando flickr; Peter den Oudsten CC Arie)

Wietpas

21. Dezember 2010

Dass es in niederländischen Coffeeshops weniger Kaffee als allerlei Zubereitungen der indischen Hanfsorte Cannabis sativa gibt, ist eine Binsenweisheit.  Dass deutsche Kunden dort  straffrei Cannabis erwerben könnten, ist ein ebenso hartnäckiges wie falsches Gerücht (guckst du hier…). Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie also auch hier am besten Ihren Anwalt; denn ungeachtet der grundsätzlichen Strafbarkeit werden nicht selten Coffeeshop-Besucher auf informell-verschwiegenen Kanälen von niederländischen Wachtmeistern ihren deutschen Kollegen gemeldet, die dann an der Grenze energisch zur Kleinstmengen-Durchsuchung schreiten und bei Autofahrern freundlich zum (stets freiwilligen) Mahsantest bitten.

Nun wird im -ob all der Hanftouristen genervten- südniederländischen Maastricht (Provinz Brabant) diskutiert, ob Cannabis nur noch an Niederländer abgegeben wird – auf Bezugskarte sozusagen. Codename: Wietpas – also übertragen „Gras-Ausweis“. Der um eine Stellungnahme bemühte Europäische Gerichtshof hat nichts dagegen – aber sogar  Maastricht selbst will das nicht wirklich, ebenso wie  Peter den Oudsten in unserer Nachbarstadt Enschede. Der Bürgermeister der ostniederländischen Großstadt, melden die „Grafschafter Nachrichten“ , sieht das Dilemma, will aber kein Coffeeshop-Verbot für Ausländer, sprich für deutsche Hanffreunde.

Den Oudsten analysiert  pragmatisch: Wenn man den Kleinmengenkauf in den Coffeeshops nur noch Niederländern erlaube, werde sich der ganze Handel „mit den Ausländern“ auf die Straße verlagern. Außerdem gebe es sowieso keine Probleme mit den ausländischen Rauschgiftkonsumenten in Enschede, jedenfalls nicht wie in Maastricht. Also gilt: „Enschede wil geen wietpas“ – Enschede will keinen „Gras-Ausweis“.

Peter den Oudsten macht sich zunehmend ganz andere Sorgen: Das Problem sei die Stärke der so genannten Softdrugs. Das meiste Marihuana sei nämlich inzwischen durch seinen hohen THC(-Wirkstoff-)Gehalt so stark, dass das Prädikat „soft“ falsch ist, schreibt er in seinem WebBlog.  Daher will der Bürgermeister  die Gras-Anlieferungen der Coffeeshops staatlich kontrollieren lassen. „Wir sollten den Wietbezug  für die Coffeeshops legalisieren. Aber das ist nicht drin, obwohl wir ein großes Dilemma haben.“

(Foto: Enschede (NL) Coffeeshop © aliquando flickr)